die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

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die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon ---***--- » 15.07.2009, 00:23

Hi,

diese Seite http://www.ti-ger.org ist der Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern gewidmet. Sehr inspirierend.

ti-ger2.gif
ti-ger2.gif (25.42 KiB) 629-mal betrachtet


Die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern ist eine Idee, die eine Gruppe englisch-sprachiger Mit-Stotterer im Internet entwickelt hat.

    Nehmen wir an, wir haben einen wilden Tiger, der für unser Stottern steht. Dein Tiger und Dein Stottern sind ein und dasselbe. Wir können versuchen, diesen Tiger in einen Wandschrank zu sperren, aber er ist zu stark für die Tür, und so sprengt er da durch. Der Tiger kann flüchten, wann immer er will. Und wenn er aus seinem Wandschrank herausspringt, wird er sich auf Dich stürzen, Dich zerreißen und Dir unbarmherzig in den Hintern treten.

    Es wird nicht klappen, wenn Du versuchst, mit diesem wilden Tiger fertig zu werden, indem Du ihm Deinen RĂĽcken zudrehst. Er wird weiter machen und Dich in den Hintern treten. Du redest Dir ein Es gibt keinen Tiger - AU! Es gibt keinen Tiger - AU! Stottern zu leugnen funktioniert nicht. Dein Stottern zu verheimlichen scheint auch nicht zu funktionieren.

    Also drehst Du Dich um, um dem Tiger ins Auge zu sehen. Es ist ein furchterregender Prozess, aber Du bietest ihm die Stirn. Und Du könntest zuerst niedergedrückt werden, aber Du lässt diesen Tiger nicht Deine Entscheidungen treffen. Langsam beginnt Dein Tiger, seine Macht über Dich zu verlieren, und Du beginnst, mehr Frieden und Kontrolle über Dein Leben zu erfahren. Du kannst sogar zum absichtlichen Stottern kommen, das ist eine Umkehrung der Macht. Das Stottern machte Dich gewöhnlich ängstlich vor dem Sprechen und fühlte sich wie ein Versagen in der Kommunikation an. Aber so wie Dein Tiger schwächer wird, kommst Du zu diesem Punkt, mehr Kontrolle über Dich und Dein Sprechen zu haben.

    Du hast den Tiger nun an einer Leine, und Du gehst in der Stadt spazieren; Deine Angst vor dem Stottern und vor sozialer Bestrafung ist jetzt minimal. Du könntest sogar zu den Leuten hingehen und willentlich stottern! He! Du willst meinen Tiger sehen? Und Du erreichst den Punkt, wo Du wirklich stolz darauf bist.

    Und Du fängst an, mit ihm zu anzugeben. Und Du lässt den Tiger von der Leine und hätschelst ihn wie ein Schoßtier.

    Wenn Du dem Tier ins Gesicht siehst, kann das Tier klein beigeben. Wenn Du Stottern ins Gesicht siehst, ist es so viel leichter zu handhaben als wenn Du versuchst, ihm den RĂĽcken zu zeigen
    .

Das ist ein Teil der Homepage. Ich habe versprochen, auch die anderen Texte zu übersetzen. Das kann gerne jemand anderes auch machen, bei mir könnte es dauern. Falls Ihr Vorschläge habt, wie die Übersetzung flüssiger klingen könnte: gerne, her damit!

Die Schreibweise Ti-Ger soll ein Stotterereignis darstellen. Neben den Zeichnungen des niedlichen Ti-Gers gibt es auch schon ein Ti-Ger-Smiley: (:o] oder :O] (find ich schöner...). Es soll demnächst Ti-Ger-Buttons geben... Einen Ti-Ger als Stofftier kann man mit an den Arbeitsplatz nehmen...

Die Ti-Ger.org-Seite ist von Daniele Rossi gestaltet, der auf Stuttering is cool schreibt, podcastet, Stotter-Comics zeichnet. Coole Seite, cooler Inhalt. Soweit er wüsste, gäbe es keine Heilung von Stottern, also warum sollte man dann nicht ein wenig Spaß damit haben, schreibt er.

Das ist eine Mitmach-Seite. Ihr könnt Audio-Kommentare schicken, die Möglichkeiten, Anruf, mp3-Datei per Email, Voicemail, sind hier erklärt. Daniele freut sich über Stimmen, zu allem, zu seiner Seite, über Stottern, zu Ti-Ger, auch gesungen, anonym, sogar auf Deutsch ;). Ich habe versprochen, was zu Ti-Ger zu sagen, muss nur noch ein Mikro besorgen... (wahrscheinlich werde ich dann hier fragen müssen, wie man sich überhaupt aufnimmt...)

Auf flickr können eigene Zeichnungen, Fotos von Eurem Ti-Ger eingestellt werden, hier: http://www.flickr.com/photos/danielerossi/3717916260/ Jede/r hat seinen/ihren eigenen Ti-Ger, sagt Daniele.

Mir gefällt's. Sehr :O]
Zuletzt geändert von ---***--- am 15.07.2009, 17:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon Tarantandy » 15.07.2009, 11:48

Hi Mechthild,

cooles, treffendes Gleichnis! Lohnt sich, sich damit weiter zu beschäftigen.

Und danke fĂĽr die Links!

Liebe GrĂĽĂźe

Andi.
http://www.incognitorecords.de
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon Qwent » 17.07.2009, 22:30

Hallo Mechthild,

Die Ti-Ger-Analogie ist eine schöne Metapher deren Gedanken, m. E., in die richtige Richtung gehen, wobei für mich der Ti-Ger nicht das Stottern symbolisiert, sondern die Angst vor dem Stottern.

Erstaunlich, wie sich manche Bilder gleichen – ich habe seit vielen Jahren das Bild von einem Löwen im Kopf der die Angst symbolisiert. Macheiner versucht ihn in einen Käfig einzusperren, verkleidet ihn auch noch kunstvoll, bindet vielleicht noch ein Schleifchen darum, damit ihn ja keiner zu sehen bekommt. Das eigene Leben wir um dem Käfig mühevoll herumgebaut. Nur ab und zu wird es dem Löwen zu bunt und er brüllt mächtig aus seinem Käfig heraus das die Wände wackeln. Der Stotternde verkriecht sich in sein Loch und wartet bis der Anfall vorbei ist und tut danach als wäre nichts gewesen – und lebt weiter mit seiner Angst. - Nach der Angst ist vor der Angst – ein Teufelskreislauf der aus sich selber heraus existiert.

Warum das Alles? Der Ti-Ger/Löwe kann dich nicht fressen, da er ein Teil von dir ist. Lass ihn also ruhig aus dem Käfig, bau dein Leben nicht mehr darum auf. Steh zu deiner Angst statt sie zu verstecken und sie wird kleiner werden. Akzeptiere dein Stottern, steh zu dir selber – so wie du bist. Und die Angst vor dem Stottern wird dir immer weniger Angst machen.

Das Gefühl der Scham symbolisiert für mich ein „behindertes“ andersartiges Kind für das sich die Eltern schämen und versuchen es zu verstecken, es möglichst wenig aus dem Haus lassen, wenn Besuch kommt es auf seinen Zimmer wegschließen, usw.

Warum das Alles? Eltern die zu ihrem „behinderten“ andersartigen Kind stehen wirken oft viel glücklicher und zufriedener, ja viele behaupten sogar sie hätten viel durch das „ Behindertsein“ ihres Kindes gelernt. – Mir geht es mit meinem Stottern ähnlich. §dup

Mechthild schrieb:
Die Schreibweise Ti-Ger soll ein Stotterereignis darstellen.


Mit der Bezeichnung „Stotterereignis“ kann ich nicht warm werden :no: , für mich ist es schlichtweg Stottern. Ein Ereignis führt i. d. R. zu Erfahrungen und damit zu einem veränderten Verhalten. Stotternde kommen mir oft so vor als würden sie auf immer der gleichen Bahn, auf immer der gleichen Art gegen die gleiche Gummiwand rennen ohne daraus einen Funken Erkenntnis mitzunehmen.

Wenn jedes Stottern als Stotterereignis bezeichnet wird, werden viele Stotternde ein sehr ereignisreiches Leben haben ohne daraus jemals etwas positives gelernt zu haben. :G

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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon ---***--- » 20.07.2009, 23:33

Hi Andi und Qwent,

freut mich sehr, dass Ihr was mit der Ti-Ger-Analogie anfangen könnt!
Qwent hat geschrieben:Mit der Bezeichnung „Stotterereignis“ kann ich nicht warm werden , für mich ist es schlichtweg Stottern. Ein Ereignis führt i. d. R. zu Erfahrungen und damit zu einem veränderten Verhalten. Stotternde kommen mir oft so vor als würden sie auf immer der gleichen Bahn, auf immer der gleichen Art gegen die gleiche Gummiwand rennen ohne daraus einen Funken Erkenntnis mitzunehmen.

Wenn jedes Stottern als Stotterereignis bezeichnet wird, werden viele Stotternde ein sehr ereignisreiches Leben haben ohne daraus jemals etwas positives gelernt zu haben.
"Stotterereignis" ist ein Ausdruck, den ich selber in dem Zusammenhang verwendet habe. Im Original heißt es "Ti-Ger wurde als Namen gewählt. Die Schreibweise impliziert ein Stottern (einen Block eigentlich)."

Qwent, ich glaube, Du verwendest "Ereignis" im Sinne von "Event" oder "einschneidendes Ereignis". Das Wortspiel mit dem ereignisreichen Leben ist lustig.
Hier ist einfach ein Geschehen gemeint, man könnte es auch Stotter-Moment nennen (wobei ein Stottern manchmal ja länger als einen Moment dauern kann...). Ich hatte nicht einfach "Stottern" schreiben wollen, weil ich denke, dass wir oft von ganz unterschiedlichen Dingen sprechen/schreiben, wenn wir von "Stottern" schreiben. Ich finde, es hilft, sich klar zu machen, was man genau meint. Einen Block? Lang und stumm, ein kurzer Aussetzer? Eine Silbenwiederholung, locker, kurz, unwillkürliche Wiederholungen über einige Zeit? Das ist der Ti-Ger. Das ist das, was Angst machen kann, wofür man sich schämen kann.

Es ist spannend, dass Du die Angst vor "Anderssein", die Scham, anders zu sein, als behindertes Kind siehst, dass nicht herausgelassen wird.
Ich finde es auch ziemlich exzentrisch, anders, einen Tiger zu halten. Ich finde die Analogie sehr passend, je länger ich mich damit beschäftige. Ein Tiger kann auch anderen Leuten Angst machen, es kann ihnen komisch vorkommen, es ist nichts, was "normal" ist. Schön ist, ein stolzes und schönes Tier für die Analogie zu wählen, ein Tier, das außergewöhnlich und fremd ist, und tatsächlich Angst machen kann, auch anderen. Ich dachte dann tatsächlich, okay, ich habe einen Tiger, einen richtig großen, der mit mir in Frieden lebt. Aber was war das oft anstrengend gewesen... Und oft wäre ich gerne einfach so wie alle anderen gewesen. Mir gefällt jetzt, mir meinen Tiger als weisen schon ein wenig müden Tiger vorzustellen ;-).

Dein Bild vom Löwen ist dem Tiger-Bild sehr ähnlich. Ich sehe im Löwen auch nicht die Angst, etwas, vor dem man Angst haben kann, auf das man mit Angst reagieren kann, aber nicht muss.
Stellst Du Dir auch anderes als Tier vor? (persönliche Frage...)

"Analogie von der Akzeptanz" bedeutet auch, ĂĽberhaupt anzuerkennen, dass man stottert, einen Ti-Ger hat. Nicht wie alle anderen ist... (oder wie man glaubt, dass alle anderen sind).
Eigentlich lässt sich die Ti-Ger-Analogie auf vieles anwenden.

Es gibt die Akzeptanz- und Commitmenttherapie, hier ist die Ti-Ger-Analogie etwas komplizierter dargestellt ;-):

    Bei den Problemen, die den Patienten belasten, wird zwischen "sauberem" und "schmutzigem Leid" unterschieden. Schmutziges Leid entsteht durch den Versuch, mit Hilfe verschiedener Strategien (Rückzug, Flucht, Betäubung, Argumentieren, übertriebenes Sicherheitsverhalten, spannungsreduzierende Rituale etc.) unangenehme innere Erlebnisse zu vermeiden ("experiential avoidance"). Die angewandten Strategien haben nicht nur den Nachteil, dass sie nicht oder nur zeitlich begrenzt funktionieren, sondern auch mit erheblichen negativen Konsequenzen für die Lebensführung des Patienten verbunden sind. Die Therapie besteht hauptsächlich darin, den Patienten darin zu unterstützen, seine dysfunktionalen Kontrollversuche abzubauen, indem er seine Bereitschaft erhöht, auch unangenehme Empfindungen zu erleben - "als das, was sie sind, nicht als das, was sie zu sein vorgeben"... Einen großen Raum nimmt in einer Therapie nach dem ACT-Modell die Klärung von Werten und Lebenszielen ein, aus denen dann konkrete Handlungsabsichten (commitments) abgeleitet werden. Wie auch bei anderen Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie wird an dysfunktionalen Gedanken gearbeitet. Allerdings wird nicht versucht, den Inhalt der Gedanken zu verändern (etwa "negative" durch "positive" oder "irrationale" durch "rationale" Gedanken zu ersetzen). Solche Versuche führen, wie auch aus der Relational Frame Theory abzuleiten ist, oftmals nur zu einer Stärkung der zugrundeliegenden "Bezugsrahmen" - mit dem Effekt, dass die entsprechenden Gedanken an Intensität und Frequenz noch zunehmen. Vielmehr wird versucht, die Funktion der kognitiven Reaktionen zu modifizieren, indem der Patient Techniken erlernt, die ihn in die Lage versetzen, seine eigenen Gedanken gleichmütig ("achtsam") zu betrachten, ohne mit ihnen zu "verschmelzen", d. h., ohne sie zu glauben oder zwangsläufig sein Verhalten an ihnen auszurichten.

Der spielerische Ti-Ger ist mir lieber.
Freue mich, Eure Gedanken dazu zu lesen,
Mechthild
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon Qwent » 24.07.2009, 20:46

Hallo Mechthild

Mechthild schrieb:
Qwent, ich glaube, Du verwendest "Ereignis" im Sinne von "Event" oder "einschneidendes Ereignis". Das Wortspiel mit dem ereignisreichen Leben ist lustig.
Hier ist einfach ein Geschehen gemeint, man könnte es auch Stotter-Moment nennen (wobei ein Stottern manchmal ja länger als einen Moment dauern kann...).


Ein Ereignis ist für mich immer was Besonderes, etwas was über das Normale deutlich herausragt, was einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt und zu Veränderung(en) führt. Dies trifft für mich, nicht auf mein Stottern zu. Für mich ist Stottern etwas Gewöhnliches, Alltägliches und normales – es ist mein Alltag und daher kein Ereignis in dem Sinne.

Stottern, egal wie es sich äußert, als Ereignis zu bezeichnen kommt für mich einer Aufwertung des Stotterns gleich, was für mich keinen Sinn macht. :no:

Mechthild schrieb:
Es ist spannend, dass Du die Angst vor "Anderssein", die Scham, anders zu sein, als behindertes Kind siehst, dass nicht herausgelassen wird.


Achtung! Mich nicht falsch verstehen. Einmal differenziere ich zwischen Stottern, Angst vor dem Stottern, Scham, Minderwertigkeitskomplexe, etc.. Das behinderte Kind ist für mich das eigene Stottern. Die Eltern, die sich schämen, das eigene Ich. Dies bezieht sich nur auf das eigene Schamgefühl, nicht auf die Angst oder sonst was. Der Ti-Ger (für mich der Löwe) ist für mich die Angst vor dem Stottern, nicht das Stottern mit all seinen Begleiterscheinungen (u. a. auch Angst).

Unter Stottern kann man zweierlei verstehen. Einmal, auf Sheehan’s Eisbergmodell zurückgreifend, den ganzen Eisberg – unterhalb und oberhalb des Meeresspiegels und zweitens das reine Stottern, der Teil oberhalb des Meeresspiegels. Ich meine i. d. R. zweitens.

Mechthild schrieb:
Dein Bild vom Löwen ist dem Tiger-Bild sehr ähnlich. Ich sehe im Löwen auch nicht die Angst, etwas, vor dem man Angst haben kann, auf das man mit Angst reagieren kann, aber nicht muss.


Ich kann mit dem Tiger nicht richtig warm werden, der/die Löwe/-n sind mir lieber. Warum?

Der Löwe, ist im Gegensatz zum Tiger, ein Rudeltier und damit deutlich sozial vernetzter. Ich stelle mir z. B. eine Herde von Antilopen als mein Ich (incl. meines Stotterns) vor und das Löwenrudel als meine Angst vor dem Stottern. Das Löwenrudel ist i. d. R. immer sichtbar/spürbar in der Nähe der Antilopenherde. Sind die Löwen satt passiert weiter nichts, sie sind nur immer in spürbarer Nähe. Bekommen sie aber Hunger beginnen sie ihre Jagt auf die Herde. Sie suchen das schwächste Glied der Herde, das am leichtesten zu erlegen ist – unser Stottern. Es beginnt eine große Hatz, die Angst steigert sich immer mehr, die Herde versucht zu fliehen und weiß doch das die Löwen ihr Opfer bekommen werden.

Ein Tiger jagt ganz anders. Er schleicht sich möglichst nahe an um dann in Sekundenbruchteilen zuzuschlagen. Das Opfer hat gar keine Zeit Angst aufzubauen, darum finde ich den Ti-Ger, für mich, etwas ungeeignet.

Mechthild schrieb:
Stellst Du Dir auch anderes als Tier vor? (persönliche Frage...)


Eine sehr persönliche Frage. :wink: Angst vor dem Stottern gleich Löwe, Scham gleich Eltern mit behindertem Kind, Stottern gleich .....? – Also mit einem Tier komme ich nicht weiter, dafür ist die Symbolik der Tiere zu eingegrenzt. Am besten gefällt mir bisher die ethnologische Figur des Tricksters. Der Trickster ist eine sehr ambivalente Figur, er ist ein Schwindler, macht andere gerne lächerlich, ist verschlagen, ist intelligent und tölpelhaft zugleich. - Viele Dinge gelingen, aber ebenso viele misslingen ihm; er organisiert und vollendet die Welt, aber mit so vielen Irrtümern und Ungeschicklichkeiten, das schließlich nichts vollkommen zustande kommt. (Mircea Eliade).

Aber das ist meine ganz persönliche Variante, mit der wohl viele nichts anfangen können. Der Trickster wir in manchen nordamerikanischen Indianerstämmen auch mit dem Coyoten gleichgesetzt, womit wir wieder bei den Tieren sind, mir aber nicht so zusagt. Alternativ kann ich eingeschränkt noch die Figuren des Dämon oder des Kobolds anbieten.

Mechthild schrieb:
"Analogie von der Akzeptanz" bedeutet auch, ĂĽberhaupt anzuerkennen, dass man stottert, einen Ti-Ger hat. Nicht wie alle anderen ist... (oder wie man glaubt, dass alle anderen sind).
Eigentlich lässt sich die Ti-Ger-Analogie auf vieles anwenden.


Ja, die wirkliche Akzeptanz (des eigenen Stotterns) ist etwas ganz Endscheidenes um mit seinem Stottern klar zu kommen, von daher ist die Ti-Ger-Analogie, fĂĽr den der sie so annehmen kann, ein Weg in die richtige Richtung- vielleicht mit Aha-Ereignis. :wink:

GruĂź
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon Eberhard » 26.07.2009, 20:39

Hallo Mechthild und Qwent,

Dieses Thema zeigt, wie unvollkommen Sprache ist, um etwas auszudrücken, was nicht einfach mathematisch-technisch zu erklären ist. So wird hier die Metapher Tiger benutzt, um damit die Vorstellung, die sich mit einem Tiger verbindet, einzubeziehen, ohne sie noch einmal beschreiben zu müssen. Statt den Tiger hätte man auch den Löwen oder den Teufel oder das Schicksal bemühen können, je nach dem, was der jeweils eigenen Vorstellungswelt am nächsten ist.

Es geht dabei immer um das, was du in deinem Leben gelernt hast, in dir aufgenommen hast, dir angeeignet hast, und was dich nun beherrschen will. Dabei ist Stottern nur ein Sonderfall eines allgemein menschlichen Problems. Den einen lässt der Tiger stottern, einen depressiv werden, einen schizophren werden, einen anderen kalt und rücksichtslos werden, den einen macht er ehrgeizig und den anderen lässt er einen Tölpel sein, und wiederum einen anderen lässt er seine Schwester ermorden, weil sie nach Meinung des Tigers die Familienehre beschmutzt hat.

Da ist doch Stottern noch nicht mal das Schlimmste, oder?

Wenn man nun seinen Kopf angefüllt hat mit unglücklichen Vorstellungen, Gedankenmustern, Fehlhaltungen, Glaubenssätzen und Bildern, an denen sich das eigene Verhalten ausrichtet, wie kann man das ändern?

Da ist die Möglichkeit der Psychotherapie, die ein Stück weit helfen kann, wenn man den richtigen Therapeuten erwischt. Da gibt es Medikamente, welche die Macht des Tigers während ihrer Einnahme einschränken können. Da gibt es Stottertherapien, die auch ein Stück weit helfen können. Leider gewinnt der Tiger danach seine Macht oft schneller wieder zurück, als man es erhofft hat.

Es muss also etwas nachhaltiges gefunden werden, etwas, um dem Tiger entgegen treten zu können, um das in Therapien gelernte oder auch richtige eigene Erkenntnisse in sich dauerhaft stabilisieren und weiterentwickeln zu können.

Du musst endlich, wie ich schon mal beschrieben habe, den Kontakt zu deinen Gefühlen wieder herstellen. Du hast ihn schon mal gehabt, zumindest in der ersten Zeit nach deiner Geburt. Danach muss er dir wie auch vielen anderen Menschen ganz oder teilweise wieder abhanden gekommen oder auch ausgetrieben worden sein. Das Stottern fördert das ja. Die Art und Weise, wie gewöhnlich von eigener oder von Therapeuten-Seite an das Stottern herangegangen wird, ist technisch denkorientiert. Damit kriegt man das Problem Stottern wie auch andere menschliche Probleme nicht wirklich zu fassen. Dem Satz von Descartes „Ich denke, also bin ich“ steht heute der Satz von Antonio Damasio „Ich fühle, also bin ich“ entgegen. Und auch immer mehr Wissenschaftler schließen sich dem Satz von Damasio an.

Die Frage ist jetzt: Was bedeutet das fĂĽr mich?

Es gibt verschiedene Wege, den Kontakt zu seinen GefĂĽhlen wieder herzustellen. Ich experimentiere damit seit geraumer Zeit herum. Der einfachste und wirkungsvollste ist nach meiner Erfahrung der, dass es dir gelingt, fĂĽr die normalen Augenblicke im Leben in dir ein GefĂĽhl der Begeisterung zu entfachen. Klingt komisch, ist es aber nicht. Die besten Augenblicke im Leben sind die, in denen es dir gelingt, dich aus eigenem Entschluss fĂĽr etwas zu begeistern, auch wenn die Situation noch so bedeutungslos zu sein scheint. Es heiĂźt nichts anderes als sich auf das Leben einlassen, das Leben lieben, so wie es ist, seine inneren Blockaden sprengen. Wenn du mal genau hinschaust, wirst du erkennen, dass die Blockaden beim Sprechen auch in deinen anderen Lebensbereichen auftreten. Beim Sprechen fallen sie nur am meisten auf. Dein Sprechen ist auch ein Ausdruck deiner inneren Verfassung.

Manchmal überfällt einen ein Gefühl der Begeisterung plötzlich. Dann ist man aber meistens nicht darauf vorbereitet und kann nicht richtig damit umgehen, weil es einem eigentlich fremd ist. Und oft schlägt sie dann in eine Erwartungshaltung um, die alles, was daraus hätte werden können, wieder zerstört.

Positive Lebensgefühle sind einfacher aufrecht zu erhalten, wenn du zugleich eine Wahrnehmung für deinen Körper aufbaust. Wenn du dir möglichst oft bewusst wirst, was du in deinem Körper empfindest, wie er sich bewegt (dazu musst du dich allerdings auch bewegen), wie du atmest.

Begeisterung ist im übrigen auch unbedingt erforderlich, um strukturelle Änderungen im Gehirn zu ermöglichen. Gerede ohne Begeisterung ist letztlich nur Geschwätz, das nicht mal dem wirklich etwas nützt, der es von sich gibt.

Mit Körperwahrnehmung und aktiver Begeisterung zum normalen Leben gelingt auch, was die ACT- Beschreibung zum Schluss sagt: „ ... indem der Patient Techniken erlernt, die ihn in die Lage versetzen, seine eigenen Gedanken gleichmütig ("achtsam") zu betrachten, ohne mit ihnen zu "verschmelzen", d. h., ohne sie zu glauben oder zwangsläufig sein Verhalten an ihnen auszurichten.“

Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Man ist ja oft stolz auf die Gedanken, die einem so in den Kopf schießen. Aber man muss sie keinesfalls immer gleich hinausposaunen. Sie erst mal so zu betrachten, als wären es fremde Gedanken, tut ihnen manchmal gut. Hat auch was mit Bescheidenheit zu tun.

Also: Aktive Begeisterung für das normale Leben, nicht nur dann, wenn der Tiger einen mit Begeisterung überfällt. Die Wahrnehmung seiner Gefühle und seines Körpers ermöglicht, auch die Gedanken, die der Tiger einem ins Bewusstsein schießt, erst mal nur wahrzunehmen und zu bearbeiten.

Den Tiger kannst du damit, dass du dich aktiv für die normalen Dinge des Lebens begeisterst und deine Gedanken und deinen Körper gleichermaßen wahrnimmst, in einen zahmen Hund verwandeln, der sich freut, von dir gepflegt zu werden.

Und dann muss man auch nicht mehr diese Schreckensbilder vom Leben malen, die man hier so oft zu lesen kriegt.

Eberhard
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon ---***--- » 27.07.2009, 00:24

nAbend!
das sind nun aber lange Texte, ich werde die Tage noch mal zurück kommen. Erst einmal ein paar Fragen zum Verständnis...
Eberhard hat geschrieben:Es geht dabei immer um das, was du in deinem Leben gelernt hast, in dir aufgenommen hast, dir angeeignet hast, und was dich nun beherrschen will. Dabei ist Stottern nur ein Sonderfall eines allgemein menschlichen Problems. Den einen lässt der Tiger stottern, einen depressiv werden, einen schizophren werden, einen anderen kalt und rücksichtslos werden, den einen macht er ehrgeizig und den anderen lässt er einen Tölpel sein, und wiederum einen anderen lässt er seine Schwester ermorden, weil sie nach Meinung des Tigers die Familienehre beschmutzt hat.

Da ist doch Stottern noch nicht mal das Schlimmste, oder?
Verstehe ich das richtig, Eberhard, Du sagst, es gibt keinen Tiger (kein Stottern)? Stottern steht fĂĽr etwas anderes?

Falls es so ist, um im Ti-Ger-Bild zu bleiben, wäre das dann die Suche nach den Gründen, weshalb manche einen Ti-Ger haben, Gründe, die in der Person des Ti-Ger-Besitzers, in der Geschichte der Person liegen?

Qwent und Eberhard, Ihr beschreibt beide das Ich, das mit dem Ti-Ger umgeht. Bei Dir, Qwent, ist es das Bild der Antilopenherde (ja, und der Löwe), bei Eberhard die Stärkung der Person/Persönlichkeit/aller Ich-Anteile. Verstehe ich das richtig? Ich denke, im Mittelpunkt der Ti-Ger-Analogie, so wie sich die Jungs, die das geschrieben und gezeichnet haben, gedacht haben, steht dieses Ich, das eben mit einem Ti-Ger umzugehen hat, und sonst eben lebt, liebt, arbeitet, wie alle anderen Menschen auch.

Ich habe diese Woche meine (nicht-stotternden) Mitmenschen oft unter dem Ti-Ger-Blickwinkel gesehen. Manche haben einen, vielleicht ist es nur eine kleine Katze, sie verhalten sich aber so, als wäre es ein Ti-Ger. Zum Beispiel war es einer Freundin sehr unangenehm, weniger gut mit einem PC-Programm umgehen zu können als ihre Kollegen. Sie hat sich nicht getraut, ihre Lücken zuzugeben, sich dann ganz allgemein in Frage gestellt usw. usf. Mir gefällt an der Ti-ger-Analogie der Punkt, an dem man sich den Ti-Ger wirklich ansieht. Ich habe nun auch gemerkt, dass eine meiner Haltungen gewesen war, mich für zu schwach für einen so großen Ti-Ger zu halten... Mir gefällt sehr, wie dieses Bild zum Spielen einlädt, neue Sichtweisen zulässt. Ich habe ein wenig mit dem Bild gespielt und einen kleinen Ti-Ger gestrickt (ja, warum Stricken? weil's Spaß macht, war sehr kontemplativ), hier meine Fotos :smile.

Mir gefällt auch, dass der Ti-Ger ein starkes Tier ist, auch, dass er ja Teil von mir ist. Irgendwie möchte ich keinen zahmen Hund ;), ich bin stolz, einen Ti-Ger zu haben, der mir aus der Hand frisst... so ganz klar ist dieses Bild aber noch nicht.

Qwent, ich bin von Deinen Bildern ganz fasziniert! Ich hatte ĂĽber Stottern frĂĽher gar keine, dabei denke ich doch eher visuell... Mir ist jetzt, wo Du es geschrieben hast, die Idee des "Daimonion" wieder eingefallen, die mich immer wieder begleitet hat, eine Art Schutzgeist, Lebensaufgabe, an der man wachsen oder scheitern kann.

Schlaft gut, Mechthild :O]
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon Quax » 27.07.2009, 20:50

Hallo zusammen,

wenn ich mich an dieser Stelle einmal kurz einklinken darf. Ich wollte v.a. zum letzten Posting von Eberhard einige Gedanken anmerken:

Seine Gefühle wahrzunehmen ohne sie zu bewerten ohne sich mit ihnen zu identifizieren mag eine gute Sache sein. Ich selber habe einschlägige Erfahrungen mit der Vipassana-Meditation, die dir ja wahrscheinlich etwas sagen wird. Nun, ich habe mich - nach einigen Zweifeln - doch darauf eingelassen und kann ein ingesamt positives Resumee ziehen.

Es stimmt, man wird wirklich ein StĂĽck weit gelassener, glĂĽcklicher und stressresistenter und bekommt eine bessere Auffassungsgabe. Die Sache, die ich aber nie so wirklich verstanden habe, ist inwiefern es mir helfen soll, mein Stottern besser in den Griff zu bekommen, wenn ich meine GefĂĽhle genau beobachte.
Im Moment des Stotterns oder auch davor oder auch spontan in einem Moment der Ruhe würde ich höchstwahrscheinlich Angst (vor dem Sprechen, vor Situationen), gepaart mit Versagensängsten (allgemeiner und spezifischer Art) und höchstwahrscheinlich auch Wut (auf mich selbst und andere), Frustration und Schuld fühlen. So weit so gut. Ich weiß jetzt, dass diese Gefühle da sind, kann aber nicht nachvollziehen, was genau mir das jetzt auf dem Weg zu einem flüssige(re)n Sprechen bringen soll. Ich muss ja über kurz oder lang versuchen, diese ich nenne sie jetzt mal "negativen" Gefühle in Bezug auf das Sprechen durch positive zu ersetzen, ansonsten drehe ich mich ja immer im Kreis; ich kann das zwar gut beobachten, letztlich drehe ich mich aber immer weiter.
Der für mich nächste logische Schritt müsste doch genau der sein, seine Einstellung zum Stottern, zur Kommunikation, zum Leben, ja auch zu Gott zu überdenken und sich dann von dieser Basis aus weiterzuentwickeln. Mit einem bloßen Wahrnehmen meiner Gedanken scheint mir diese Möglichkeit fast unmöglich.

So, ich muss leider weiter. Viele GrĂĽĂźe an Alle

BERND :D
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon Qwent » 27.07.2009, 21:01

Hallo Mechthild, hallo Eberhard,

Eberhard schrieb:
Es geht dabei immer um das, was du in deinem Leben gelernt hast, in dir aufgenommen hast, dir angeeignet hast, und was dich nun beherrschen will. Dabei ist Stottern nur ein Sonderfall eines allgemein menschlichen Problems. Den einen lässt der Tiger stottern, einen depressiv werden, einen schizophren werden, einen anderen kalt und rücksichtslos werden, den einen macht er ehrgeizig und den anderen lässt er einen Tölpel sein, und wiederum einen anderen lässt er seine Schwester ermorden, weil sie nach Meinung des Tigers die Familienehre beschmutzt hat.

Da ist doch Stottern noch nicht mal das Schlimmste, oder?


Alter Qwent’scher Leitspruch: „Stottern ist nicht schlimm, wie mancheiner jedoch mit seinem Stottern umgeht das ist jedoch wirklich schlimm.“ §dup Das du, Eberhard, Stottern noch als etwas „Schlimmes“ ansiehst, wenn auch nicht als das Schlimmste, sagt mir das du noch eine Menge (emotionale) Arbeit vor dir hast.

Das man die Tiger-Analogie auch auf andere allg. menschliche Probleme/Auffälligkeiten übertragen kann, ist sicherlich richtig. Stottern genießt da keine Sonderstellung, auch wenn dies mache Stotternde anders sehen möchten.

Eberhard schrieb:
Du musst endlich, wie ich schon mal beschrieben habe, den Kontakt zu deinen Gefühlen wieder herstellen...... Die Art und Weise, wie gewöhnlich von eigener oder von Therapeuten-Seite an das Stottern herangegangen wird, ist technisch denkorientiert. Damit kriegt man das Problem Stottern wie auch andere menschliche Probleme nicht wirklich zu fassen.


Was die Orientierung der Therapeutenseite betrifft, denke ich, sind wir einer Meinung. Mit den Gefühlen sehe ich es etwas anders. Stottern ist primär etwas sehr emotionales. Wenn du dir Sheehan’s Eisbergmodell anschaust, wirst du erkennen, das der weitaus größere Teil der unter der Wasseroberfläche liegt sich primär mit Gefühlen beschäftigt. Stottern zwingt einen eigentlich zur emotionalen Auseinandersetzung mit sich selbst, wenn man sich dem den stellt! Leider wird dann nur von vielen die negativen Seiten gesehen und die völlig überzeichnet.

Wichtig ist, m. E., vor allen Dingen eine innere emotionale Akzeptanz des Stotterns zu gewinnen und das ist nach meinen Erfahrungen ein sehr langwieriger Prozess. :?

Mechthild schrieb:
Mir gefällt auch, dass der Ti-Ger ein starkes Tier ist, auch, dass er ja Teil von mir ist. Irgendwie möchte ich keinen zahmen Hund ;), ich bin stolz, einen Ti-Ger zu haben, der mir aus der Hand frisst... so ganz klar ist dieses Bild aber noch nicht.


Wollen wir nicht unser Stottern im Griff haben? Es kontrollieren können? Es sicher an die Leine nehmen können? Es beherrschen können? Soll es nicht einfach still sein, wenn wir es gerade nicht gebrauchen können? – Haben die gängigen Stotterertherapien und Sprechtechniken nicht diesen Anspruch? :shock:

Liebe Mechthild, dies sind alles Attribute die auf einen (zahmen) Hund zutreffen, nicht jedoch auf eine Tiger oder Löwen, nicht einmal auf einen Stubentiger! Wenn wir aber das Gefühl haben bzw. der Meinung sind das unser Stottern eine (Groß)Katze ist, warum gehen wir dann in eine Hundeschule mit unserem Stottern? :shock: :?

Ich glaub auch nicht das dir dein Ti-Ger aus der Hand frisst oder du mit ihm Spazieren gehst, ehe geht er mit dir Spazieren – solange du nicht auch der Ti-Ger bist. :wink:

Wenn ich den Ti-Ger nicht nur als meine Angst vor dem Stottern begreife, sondern als Stottern mit all seinen Begleiterscheinungen, dann ist für mich eine mögliche Lösung des Konfliktes die Annahme des Ti-Ger’s als eine Teilpersönlichkeit von mir. Der Ti-Ger ist ich, ich bin der Ti-Ger.

GruĂź
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Wie reagieren die Normalos das Stottern?

Beitragvon Ernst-Martin » 28.07.2009, 02:38

Qwent hat geschrieben:
Eberhard schrieb:
Es geht dabei immer um das, was du in deinem Leben gelernt hast, in dir aufgenommen hast, dir angeeignet hast, und was dich nun beherrschen will. Dabei ist Stottern nur ein Sonderfall eines allgemein menschlichen Problems. Den einen lässt der Tiger stottern, einen depressiv werden, einen schizophren werden, einen anderen kalt und rücksichtslos werden, den einen macht er ehrgeizig und den anderen lässt er einen Tölpel sein, und wiederum einen anderen lässt er seine Schwester ermorden, weil sie nach Meinung des Tigers die Familienehre beschmutzt hat.
Da ist doch Stottern noch nicht mal das Schlimmste, oder?

Alter Qwent’scher Leitspruch: „Stottern ist nicht schlimm, wie mancheiner jedoch mit seinem Stottern umgeht das ist jedoch wirklich schlimm.“ §dup Das du, Eberhard, Stottern noch als etwas „Schlimmes“ ansiehst, wenn auch nicht als das Schlimmste, sagt mir das du noch eine Menge (emotionale) Arbeit vor dir hast.


An welche emotionale Arbeit bei Eberhard hast Du denn gedacht?
Was Du Dir angeeignet hast (und Dich erfreut) ist die eine Seite; wie der Gesprächspartner denkt ... eine andere ...
und brauchen wir nicht auch die Meinung des anderen - das Lob/die Zustimmung eines (geliebten) Menschen?
§prost
(Die Kindererzieherinnen bzw. die Sozialarbeiter haben nun ihre Arbeit anerkannt bekommen und zuversichtlich in die Zukunft sehen)
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon Eberhard » 29.07.2009, 18:35

Mechthild: Wenn es um einen Tiger oder einen Löwen oder sonst was dergleichen in uns geht, dann kann damit nur unser Unterbewusstsein gemeint sein, welches sich auf irgend eine Weise selbstständig macht, wenn sich das Bewusstsein zu wenig um es kümmert. Insofern Stottern auch aus dem Unterbewusstsein gesteuert wird, hat der Tiger, wenn man diese Analogie benutzen will, schon etwas mit dem Stottern zu tun.

Ob sich das Unterbewusstsein wie ein Tiger verhält, hängt davon ab, welche Beziehung du zu ihm hast. Was das Stottern betrifft: Vielleicht lässt der Tiger dich stottern, wenn du etwas sagen willst, was ihm nicht passt. Vielleicht meint er auch, Stottern sei jetzt angebracht, damit andere nicht merken, dass du eigentlich gar nichts Wichtiges zu sagen hast. Vielleicht aber lässt er dich auch nur stottern, weil er dein Bewusstsein wachrütteln will, um von ihm mehr Unterstützung zu bekommen. Wer das Stottern als Signal in einer Situation richtig verstehen kann, dem wäre schon viel geholfen.

Du magst stolz sein, einen Tiger zu haben, aber wenn du mit im nicht richtig umgehst, frisst er dir nicht aus der Hand, sondern dich.

Deine Schutzgeister, Mechthild, sind deine Gefühle, die im Unterbewusstsein produziert werden. Ob deine Gefühle sich zu dir wie Schutzgeister oder wie eine Horde kleiner Teufel verhalten, hängt davon ab, wie du dich mit deinem Bewusstsein zu ihnen verhältst. Damit sind wir bei einer anderen Analogie, die aber eigentlich das gleiche meint wie das Bild vom Tiger. Später mehr davon.

Bernd: Gut, dass du deine Erfahrungen mit der Vipassana-Meditation (der Atem-Meditation oder Achtsamkeitsmeditation) hier beschreibst.Vielleicht bringt das andere dazu, es auch zu probieren. Die Meditation ist nur ein Anfang. Sie hilft dir, zu deinen Gefühlen, Gedanken, Vorstellungen und Träumen eine solche Distanz zu gewinnen, dass du sie überhaupt erst mal wahrnehmen und bearbeiten kannst, ohne dass sie dich beherrschen. Meditation ist eine Bewusstseinsschulung. Du stärkst dein Bewusstsein als Partner deines Unterbewusstseins.

Nun war mir die reine Form der buddhistischen Atemmeditation immer etwas zu wenig. Ich will ja kein buddhistischer Mönch werden. Jon Kabat-Zinn beschreibt diese Meditation für Menschen des westlichen Kulturkreises in seinem Taschenbuch "Gesund durch Meditation - Das große Buch der Selbstheilung" und in seinem großen Buch "Zur Besinnung kommen". Kabat-Zinn erweitert hier die Atemmeditation um einen Körper-Scan. Dabei wird dann der Körper in allen Teilen nach Empfindungen durchforscht. Ich selbst kombiniere die Atemmeditation mit ewas, was ich vor Jahrzehnten bei einem Psychotherapeuten gelernt habe: Ich meditiere also während der ganzen Meditationszeit auf den Atem und sinke mit jedem Atemzug auch in die Wahrnehmung meiner Körperempfindungen ein, so wie sie sich gerade einstellen. Der Atem bleibt dabei die führende Wahrnehmung. Wichtig ist, dass man seine Körperempfindungen als angenehm und wohltuend wahrnehmen kann. Wenn man diese eher als unangenehm empfindet, oder wenn sie einen beunruhigen oder nervös machen, oder gar keine rechte Beziehung dazu findet, dann ist das der erste Punkt, wo man seine innere Haltung verändert und sich kurzerhand entschließt, seine Körperempfindungen künftig als angenehm und wohltuend wahrzunehmen. Es geht so einfach.

Diese Meditation täglich eine halbe Stunde - ich stehe dafür gerne eine halbe Stunde früher auf - das führt zu einer mentalen Stärkung und einem Gewinn an Sympathie für sich selbst (die Stotternde so oft verloren haben). Geübte Meditierende können bei jeder Gelegenheit und besonders in Stress-Situationen ihre Aufmerksamkeit kurz auf ein paar Atemzüge lenken und die Situation so wieder bewusst steuern. Wie das dann in Bezug auf das Stottern weitergeht, davon später. Zunächst ist die mentale Stärkung und der Sympathiegewinn für sich selbst eine unverzichtbare Grundlage.

Qwent: Nein Stottern sehe ich nicht als schlimm an. Genau genommen ist es nicht gut, überhaupt etwas als schlimm anzusehen. Etwas als schlimm anzusehen, bedeutet ja nur, sich selbst aufzuhalten und zu blockieren bei dem was zu tun ist. Etwas als schlimm anzusehen, ist eine verfehlte Reaktion, sie führt zu nichts und kann am Ende auch noch traumatische Folgen haben. Insofern - ich habe mich unglücklich ausgedrückt, aber nun ist das ja aufgrund deines Einwands geklärt.

Richtig, Stottern zwingt einen zur emotionalen Auseinandersetzung mit sich selbst. Nur, zu dieser Auseinandersetzung fehlen den meisten die Mittel. Das ist jetzt hier das nächste, was zu besprechen ist. Die Diskussion um die Akzeptanz des Stotterns finde ich immer etwas unglücklich. Stottern ist einfach da. Punkt. Ich muss es nicht extra noch akzeptieren oder nicht akzeptieren. Wenn ein Gewitter kommt, beschäftige ich mich ja auch nicht damit, ob ich es akzeptiere oder nicht. Es ist da und ich muss darauf reagieren. Punkt.

Im Weiteren deines Textes finde ich es lustig, wie sehr die Tiger-Analogie bei dir und auch den anderen, die zu diesem Thema schreiben, die Fantasie anregt. Wir sollten noch eine Weile bei diesem Thema bleiben.

Ernst-Martin, ĂĽber die emotionale Arbeit schreibe dann in KĂĽrze weiter.

Einstweilen wundere ich mich, dass ihr auf die Sache mit der Begeisterung gar nicht eingegangen seid. Aber ich kriege euch schon noch dazu.

Viel GrĂĽĂźe, Eberhard

NS: Der IE 8.0 hat eine heftige Macke. Windows-Multiline-Felder wie dieses hier lassen sich nicht mehr bearbeiten, wenn der Text länger als die Fenstergröße wird.
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon ---***--- » 29.07.2009, 22:34

Hi Eberhard,
Eberhard hat geschrieben:Wenn es um einen Tiger oder einen Löwen oder sonst was dergleichen in uns geht, dann kann damit nur unser Unterbewusstsein gemeint sein, welches sich auf irgend eine Weise selbstständig macht, wenn sich das Bewusstsein zu wenig um es kümmert. Insofern Stottern auch aus dem Unterbewusstsein gesteuert wird, hat der Tiger, wenn man diese Analogie benutzen will, schon etwas mit dem Stottern zu tun.
Ja wenn (falls), dann ;).
Um im Tiger-Bild zu bleiben: Du kommst mir vor wie jemand, der einen Tiger im Schrank hat und alle seine Kraft darauf verwendet zu murmeln: Wenn ich nur bewusst genug bin, dann wird der Tiger verschwinden, dann wird er verschwinden. Ich muss bewusst sein, bewusst, bewusst, bewusst.
Oder Dein Tiger ist meist verschwunden und Du sagst Dir jetzt: ich habe ihn vertrieben, weil ich so bewusst, bewusst, bewusst war...

Stottern ist erst mal Stottern. Es stottern Kluge und Dumme, Reflektierte und Unreflektierte, Arme und Reiche, Schöne und Hässliche, Einfache und Komplizierte. Ich weiß nicht, ob Du jemals von Deiner Sichtweise der Selbst- und Fremdzerfleischung wegkommen wirst. Ich will Dich auch nicht dahin bringen. In mir lösen Deine Worte ein Gefühl des Bedauerns aus. Anfangs war ich irritiert, wenn Du mich direkt mit "du" angesprochen hast, weil ich mich so gar nicht wiedererkenne, nicht wahrgenomen fühle. Jetzt ersetze ich das "du" durch ein allgemeines "man" und das durch "ich". Ich denke, Du sprichst von Dir, auch wenn Du "du" schreibst. Du verwendest auch das kleingeschriebene unpersönliche "du"...

Eberhard hat geschrieben:Ob sich das Unterbewusstsein wie ein Tiger verhält, hängt davon ab, welche Beziehung du zu ihm hast. Was das Stottern betrifft: Vielleicht lässt der Tiger dich stottern, wenn du etwas sagen willst, was ihm nicht passt. Vielleicht meint er auch, Stottern sei jetzt angebracht, damit andere nicht merken, dass du eigentlich gar nichts Wichtiges zu sagen hast. Vielleicht aber lässt er dich auch nur stottern, weil er dein Bewusstsein wachrütteln will, um von ihm mehr Unterstützung zu bekommen. Wer das Stottern als Signal in einer Situation richtig verstehen kann, dem wäre schon viel geholfen.
Nein, Stottern ist Stottern. Das ist mit der Ti-Ger-Analogie gemeint, sich den Ti-Ger ansehen, das Stottern ansehen. Was passiert denn genau? Wie stottere ich? Ist es so stark, so häufig... merken, welche Reaktionen, Gefühle, Handlungen Stottern oder schon die Erwartung von Stottern bei mir, bei Dir hervorruft. Lernen, zu unterscheiden, ob man handelt, nicht handelt, weil man vom Ti-Ger eingeschüchtert ist.

Ich möchte nicht wieder die gleichen Grundsatzdiskussionen führen, ich mag dieses Tiger-Bild, ich will es nicht zerreden.
Eberhard, hast Du jemals absichtlich gestottert? Magst Du ein kleines Experiment wagen? Stottere in einigen Situationen absichtlich und registriere, was in Dir vorgeht. Welche Gefühle kommen? Welches Körperempfinden? Welche Gedanken? Ich wäre sehr gespannt auf Deine Erfahrungen, auch zu erfahren, wenn Du so ein Experiment unter keinen Umständen machen möchtest.

Ich würde auch sehr gerne weiter beim Ti-Ger-Bild bleiben, wünsche mir, dass wir das Gespräch leicht halten können. Und ich bitte, nicht ganz vom Thema abzuschweifen. Das Forum hat für unendlich viele andere Threads Platz.

Eberhard hat geschrieben:Einstweilen wundere ich mich, dass ihr auf die Sache mit der Begeisterung gar nicht eingegangen seid. Aber ich kriege euch schon noch dazu.
Muss ich in meiner Begeisterung fĂĽr Tiger ĂĽberlesen haben ;).

Mach doch mal nen Thread auf, was Dich begeistert. Oder ich mach einen auf. Jetzt ist aber George Clooney-Time.

@Qwent
ĂĽber die Hundeschule ein ander Mal, bin entzĂĽckt :sigh

Ciao, Mechthild

PS: hätte das YouTube-Video gleich miteinstellen sollen, das den Schöpfer der Analogie, Stotterkollege Greg, im Kampf mit dem Tiger zeigt, der ihn zur Analogie inspirierte, hier: http://www.youtube.com/watch?v=3X4KL4h21b8
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon Eberhard » 30.07.2009, 14:02

Hallo Mechthild,

ich werde Dir darauf nicht detailliert antworten. So weit, wie wir auseinander sind, ergibt das keinen Sinn. Ich bin damit hier raus.

Mit dem Wunsch, dass Dir mal was passiert, was Dich aufwachen lässt,

alles Gute, Eberhard
Eberhard
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon ---***--- » 30.07.2009, 15:19

Hallo Eberhard,

noch wacher werden?
:wink:

Ist das kleine Experiment so furchteinflößend? Schade. Es scheint Dich richtig zu ärgern...

Ich finde es erstaunlich, was das, was ich hier schreibe, bei Dir auszulösen scheint, welche Bilder (von mir, bei Dir, auf mich) es projiziert... Diese Bilder haben mehr mit Dir zu tun als mit mir.

Alles Gute auf Deinem Weg!
Mechthild
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Re: die Ti-Ger-Analogie der Akzeptanz von Stottern

Beitragvon Quax » 30.07.2009, 20:32

Hallo Mechthild,

ich werde Dir darauf nicht detailliert antworten. So weit, wie wir auseinander sind, ergibt das keinen Sinn. Ich bin damit hier raus.

Mit dem Wunsch, dass Dir mal was passiert, was Dich aufwachen lässt,

alles Gute, Eberhard


Hallo Eberhard,

noch wacher werden?


Ist das kleine Experiment so furchteinflößend? Schade. Es scheint Dich richtig zu ärgern...

Ich finde es erstaunlich, was das, was ich hier schreibe, bei Dir auszulösen scheint, welche Bilder (von mir, bei Dir, auf mich) es projiziert... Diese Bilder haben mehr mit Dir zu tun als mit mir.

Alles Gute auf Deinem Weg!
Mechthild


Wow, Respekt Mechthild :lol: - das scheint wirklich einer aus der Kategorie "Voll auf die 12" gewesen zu sein. Bewusstsein, ist aber gar nicht so schlecht, Mechthild, v.a. auch bei deinem kleinen Experiment :roll: :wink:

Auch wenn es ein bisschen offtopic ist: @ Eberhard: ich würde mich freuen, wenn du noch etwas detallierter zu meinen Aussagen zur Vipassana antworten könntest. Konkret: ich habe nie so wirklich verstanden, was mir das in Bezug auf das Stottern bringen soll oder vielleicht bin ich auch einfach nur zu ungeduldig / zu fixiert auf Resultate.

In diesem Sinne wünsche ich allseits einen schönen Abend.

Viele GrĂĽĂźe an Alle

BERND :D :grinundwe: §dup :knuddel:
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