Der Graf von Unheilig

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Tobias
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Der Graf von Unheilig

Beitrag von Tobias » 19. Februar 2011 18:22

Der Graf von Unheilig war letztens am 16. Februar bei Markus Lanz in der Sendung und redet auch über sein Stottern. Link zur Sendung in der Mediathek: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitra ... bruar-2011
2x geht es um den Graf und sein Stottern: recht kurz ab Minute 32 und dann ausführlich ab Minute 47, richtig los geht es ab 51:15. Er beschreibt sein Stottern als Sprachproblem, bei dem er ab und zu mal hängen bleibt, als "so eine Art Stottern oder so". Als Kind war er dann wohl auch bei Psychologen und Logopäden mit Therapien wie "autogenes Training und all so'n Käse".

Zwei Dinge sind mir an der Sendung aufgefallen:
(1) Ich hab den Graf vorher noch nie so deutlich als Stotterer wahrgenommen (andere TV-Ausschnitte hier und hier). Er hat in dieser Sendung viel mehr Blocks und kleinere Hänger mit Wiederholungen als sonst und das Austauschen von schwierigen Wörtern und das Einschieben von Zwischenwörtern fällt mir diesmal viel mehr auf.
(2) Er kann (oder will?) sein Stottern nicht klar als solches benennen, hat aber ansonsten kaum ein Problem damit.

Können wir den Graf nicht als Botschafter für die BVSS gewinnen? :mrgreen: So als Vorbild, dass man es trotzdem zu was bringen kann, dass man vor sogar in der Öffentlichkeit stehen kann, im Fernsehen auftreten kann.

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von Jaspis » 19. Februar 2011 18:50

Hallo Tobias, gute Idee!
Ich habe aber mal irgendwo gelesen, dass er grundsätzlich keine Fanpost beantwortet (also, nicht dass ich schreiben wollte, ich habe es nur gelesen 8) ). Wird also schwierig sein ranzukommen. Aber probier es doch mal! §dup

Hier noch der Link zu einem Zeitungsinterview, in dem er zu seinem Sprechen/Stottern folgendes sagt:

Wie waren Sie als Kind?
Ich war ein stilles Kind, habe nie viel geredet. Deswegen habe ich gern Kunst und Sport gemacht. Da musste ich nicht reden. Ich bin mit sieben Jahren irgendwann aus der Schule gekommen und habe kaum noch ein Wort gesagt. Meine Eltern brachten mich zu Ärzten und Psychologen. Aber für die war ich auch ein Rätsel: Stottern, Sprachproblem, oder lag es am Zwerchfell? Keiner wusste Rat. Der Witz war: In den Sommerferien habe ich geplappert wie ein Wasserfall, und in der Schule kam kein Wort mehr heraus. Vielleicht wurde ich gehänselt, oder es war ein schlimmes Erlebnis, keine Ahnung.

Was taten Ihre Eltern?
Meine Eltern haben alles unterstützt, bei dem ich nicht viel reden musste. Dazu gehörte eben auch Musik. Ich bekam Unterricht auf unserer Heimorgel mit zwei Klaviaturen, Fußpedal und Rhythmus-Maschine, auf der ich schon früh eigene Lieder komponierte. Heute merke ich, dass ich beim Reden viel nachzuholen habe.

Wie meinen Sie das?
Ich will immer drei Sachen gleichzeitig sagen und bleibe dann hängen. Ich habe Leute kennengelernt, die extrem stottern. Das ist eine andere Baustelle. Für mich ist es heute ein innerer Sieg, auf der Bühne zu stehen und zu Tausenden Leuten zu sprechen. Mein Schuldirektor riet mir damals: Junge, mach später einen Beruf, wo du nicht viel telefonieren musst. Das fand ich ganz schlimm. Deswegen ist mein heutiger Erfolg auch ein kleiner Triumph über die Zeit damals.


Und hier noch ein Link zu einem hr3-Interview

An anderen Stellen hatten wir auch schon ab und zu was über Unheilig/den Grafen, einfach mal mit der Suchfunktion danach suchen.
Gruß!

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von Quax » 19. Februar 2011 21:45

... der Graf ist ein wirklich sehr sympathischer Typ, finde ich. Er wirkt sehr intelligent, tiefgründig und weltoffen. Künstlerisch kann ich wenig zu ihm sagen, da ich kaum etwas von ihm kenne.
Bei aller Sympathie, die ich für ihn hege, aber ich denke - vielleicht abweichend von der herrschenden Meinung hier im Forum - nicht, dass er ein besonders guter Botschafter für uns bzw. die BVSS sein könnte. Mir kommt es so vor, als hätte er mit dem Stottern nichts (mehr) zu tun und ich denke auch, dass es für ihn nie ein derartiges Thema war, wie für viele Leute hier im Forum. Klar, ich kann ihm nicht in seinen Kopf schauen und man muss denke ich akzeptieren, dass es auch ein "inneres Stottern" gibt (damit meine ich nicht die Gefühlsebene, für die so oft das Bild des Eisbergs herangezogen wird, sondern vielmehr das reine Selbstbild als Stotternder). Ich kenne Leute, die keiner objektiv mehr als Stotternde bezeichnen, noch sie als solche "erkennen" würde und die sich dennoch als Stotternde bezeichnen und z.T. extreme Sprechängste haben :? . Selbst wenn sie mal stottern, stottern sie in der Regel so leicht, dass es beim Zuhörer als völlig normale Unflüssigkeit durchgeht. D.h. objektiv sind diese Leute eigentlich keine stotternden Menschen, subjektiv hingegen sehr wohl :wink: Ich denke, der Graf ist genau so ein Fall.

Wie auch immer, mir fällt es ganz schwer, diese Leute zu verstehen und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich es nicht kenne. Ich stottere zwar nicht sonderlich schwer, aber doch auffällig. Leute, die meine Symptomatik hören, würden sagen: "Das ist Stottern." Natürlich kenne ich auch das "innere Stottern" inklusive Eisberg, aber diese Diskrepanz sinnlich wahrnehmbare Symptomatik / Selbstbild als Stotternder kenne ich von mir nicht.

Das wollte ich zum Thema Graf mal beitragen

Viele Grüße

BERND :D

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von paul.dest » 19. Februar 2011 23:28

Hallo Bernd, hallo alle anderen,

Ich habe mir gerade eben den "Markus Lanz" angeschaut. Von Anfang an bis zum Ende.

...

Ich finde interessant, was es alles für "Definitionen" fürs Stottern gibt. Es gibt zwei Punkte, Bernd, in der sich meine Meinung von Deiner unterscheidet:

1. ...

2. Mit Angst, insbesondere Sprechangst hat das Ganze nichts zu tun. Der Graf hat - so wie ich das sehe - keine (Sprech)Angst. Auch Malte Spitz hat ...

-----------------

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von FrankHu » 20. Februar 2011 00:55

Hallo Zusammen!

Hab mir gerade auch die ganze Sendung "Markus Lanz" angekuckt (vielen Dank für den Link!) und ich muss sagen, dass ich dem "Grafen" irgendwann nicht mehr zuhören konnte. Ich fand es fürchterlich, wie er andauernd Wörter ausgetauscht hat ( "die es gesch......sch.......sch....----------auf die Reihe gebracht haben) und Füllwörter ( "halt, sagen wir so, dem scheint so, also usw. etc. pp.) eingesetzt hat. Noch dazu in einer Sprechgeschwindigkeit, der man kaum folgen konnte.

Er nennt es "so was ähnliches wie Stottern", unter dem er in seiner Kindheit litt. Tut er das nicht immer noch, und vielleicht sogar mehr denn je? Nur mit dem kleinen Unterschied, das jetzt die Leute mehr zuhören als früher?

Mir ist dieser Typ jedenfalls sehr unsymphatisch. Was mich an ihm stört ist, das er bei dieser offensichtlichen Symptomatik die er noch hat, nicht offener über sein Problem spricht und das ganze nur als " gelegentliches, leichtes Hängenbelieben tituliert. Mal ganz abgesehen davon, dass er damit ja wahrscheinlich überhaupt nichts am Hut haben will.
Sehr interessant dabei ist glaub ich auch die Tatsache, dass Normalsprecher ihn auch überhaupt nicht als Stotterer einstufen würden. Für mich es aber kaum offensichtlichere Beispiele eines Stotteres gibt als den "Graf".

Gute Nacht,

Grüße aus Nürnberg!
Frank
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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von T_homas » 20. Februar 2011 01:42

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von Maja S. » 20. Februar 2011 09:55

Auf Youtube gibt es ein sehr schönes Interview mit dem Grafen (sitzt draussen mit einem Journalisten im Sommer), das hat mir sehr gefallen. Dort vermeidet er kaum, benutzt keine Füllwörter und stottert häufig und sehr locker. Die Unflüssigkeiten sind auchb eindeutig als stottern erkennbar. Dieses Interview hätte schon Vorbildfunktion.

Ansonsten ist es bei ihm wahrscheinlich wie bei jedem von uns, schwankend und von der Tagesform abhängig. Ich muss Frank allerdings recht geben, das häufige Vermeiden finde ich auch nervig auf Dauer.

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von Jaspis » 20. Februar 2011 12:20

Maja S. hat geschrieben:Auf Youtube gibt es ein sehr schönes Interview mit dem Grafen (sitzt draussen mit einem Journalisten im Sommer), das hat mir sehr gefallen.
Mir auch! :)


Klar vermeidet der Graf sehr viel und sucht nach Ersatzwörtern, aber ihm das vorwerfen? Nein, das kann ich nicht. Eher wünsche ich ihm, dass er seinen Akku nicht komplett runterfährt, denn dass es ihn anstrengt zu sprechen, merkt man auch deutlich.
Aber man kann nicht an allen Baustellen gleichzeitig dran sein. Wenn er geahnt hätte, dass er durch seinen Musikerfolg nun jede Woche in zig Kameras sprechen muß, hätte er es womöglich sein gelassen mit der Musik? Das wäre schade gewesen!

Und die Medien scheinen gut zurecht zukommen mit ihm und das Thema wird auch offen angesprochen - also alles in allem doch sehr OK, finde ich.
Gruß!

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von Quax » 20. Februar 2011 15:38

Hallo Paul,
Ich finde interessant, was es alles für "Definitionen" fürs Stottern gibt. Es gibt zwei Punkte, Bernd, in der sich meine Meinung von Deiner unterscheidet:

1. In meiner Wahrnehmung ist es ganz deutlich sichtbar und hörbar, dass der Graf stottert bzw. ein Stotterer ist. Auch wenn er sich selbst nicht als Stotterer sehen mag. Und wahrscheinlich würden die meisten Leute, die sich niemals mit dem Thema "Stottern" auseinander gesetzt haben, ihn tatsächlich nicht als Stotterer bezeichnen; würden seine Sprechunflüssigkeiten gut meinend als völlig normale Unflüssigkeiten "abtun". Siehe die Untertitel-Einblendungen: "...hatte einen leichten Sprachfehler". Doch genau dieser kleine, aber wesentliche Unterschied zwischen den normalen Unflüssigkeiten und dem Stottern ist es, für den ich immer wieder die Normalsprecher zu sensibilisieren versuche, zum Beispiel hier: Edmund Stoiber vs. Malte Spitz
Natürlich stottert der Graf, das ist ja gar keine Frage. Er hat z.T. Fehlspannungen (wenn auch relativ unauffällige, aber für mich sichtbare) und stellt Sätze in Reaktion auf ein erwartetes Symptom um. Lockere Wiederholungen von Silben kommen dann noch hinzu.
Ich frage mich aber gerade ein bisschen, warum du Normalsprecher ausgerechnet darauf sensibilisieren willst ? Das Beispiel Edmund Stoiber vs. Malte Spitz finde ich etwas unpassend, da sich bei Malte z.T. sehr deutliche Symptomatik zeigt und zwar mit allem, was dazu gehört (Mangel an Koartikulation etc.). Stoiber hingegen spricht manchmal einfach schneller als er denkt und / oder will zu viele Dinge auf einmal sagen. Gerade diese zwei Personen (Spitz und Stoiber) unterscheiden sich für mich (und wahrscheinlich auch in der öffentlichen Wahrnehmung ihres Sprechens) radikal.
Der Graf mag fast normal sprechend erscheinen, ist dennoch regelmäßig damit beschäftigt, Synonyme zu benutzen und umzuformulieren. Dass er also beim Sprechen Mehrarbeit leisten muss - auch wenn sie dem ungeübten Auge nicht auffallen mag - ist ein Nachteil: das ist Stottern; eine der vielen Möglichkeiten, wie sich Stottern bemerkbar machen kann. Ein Nachteil, den man bei normalen Unflüssigkeiten nicht hat, weil man bei normalen Unflüssigkeiten nicht nach Synonymen sucht, weil man nicht nach Alternativ-Formulierungen sucht. Ich finde es wichtig, Menschen dafür zu sensibilisieren, dass manche Menschen auch dann benachteiligt sind, wenn es nicht gleich ins Auge fällt! Ich finde diesen Fall sogar besonders aufklärenswert, weil dieser Fall sich nicht von selbst aufklärt!
Da hast du sicherlich Recht - einerseits kann Vermeiden sehr viel geistige Kapazität kosten, andererseits aber auch das Stottern an sich. Wer einmal in einer mündlichen Prüfung fachliche Fragen beantworten sollte und sich dabei mit Blockaden rumschlagen musste, wird wissen, wovon ich spreche :wink:
2. Mit Angst, insbesondere Sprechangst hat das Ganze nichts zu tun. Der Graf hat - so wie ich das sehe - keine (Sprech)Angst. Auch Malte Spitz hat - wie ich das sehe - keine (Sprech)Angst. Und viele weitere Stotterer haben keine (Sprech)Angst. Ich selbst kann mich nicht erinnern, jemals Sprechangst gehabt zu haben. Und dennoch seit spätestens dem 7. Lebensjahr Stotterer. Das ist der zweite Punkt, den ich immer wieder versuche, den Normalsprechern klar zu machen: das Stottern als eine eigenständige Erscheinung kennenzulernen und zu verstehen, nicht als Folge von Angst.
Ich glaube, wir müssen trennen in die relativ globale Sprechangst, wie sie auch viele Flüssigsprecher gelegentlich haben und die Stotterangst. Die kurze Ansprache vor großem Publikum, Prüfungssituationen, "Sondersituationen" (z.B. Beileidsbekundungen usw.) ... man kann da oftmals wahrnehmen, dass sich auch Normalsprecher vor und während des Sprechens nicht wohl in ihrer Haut fühlen (logisch).
Stotterangst ist dagegen etwas ganz anderes. Der Normalsprecher hat vielleicht auch Angst, sich zu versprechen, etwas Dummes zu sagen oder sich in irgendeiner Form zu blamieren. Er muss jedoch keine Angst haben, "gar nicht mehr weiterzukommen", dieses Gefühl ist ihm i.d.R. vollkommen fremd. Und genau hier setzt auch wieder der Graf an. Indem er Worte vermeidet, versucht er, antizipiertes Stottern zu umgehen, es ist ein klassisches Vermeideverhalten.
Zugegeben etwas vereinfachte Gleichung von mir: wenn schon Stotterangst, dann erst Recht Sprechangst ?

Denkt mal darüber nach und sagt, was ihr darüber denkt.

In diesem Sinne noch ein schönes WE

BERND :D

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von Tobias » 20. Februar 2011 16:02

Na, ich würde mal sagen, Der Graf hat seine Art gefunden, mit seinem Stottern umzugehen. Das ist sicher in vielerlei Hinsicht nicht gerade lehrbuchgerecht. Er hat sich mit seinem Stottern offenbar nicht sonderlich beschäftigt, sonst würde er nicht von "so 'ner Art Stottern" sprechen, sondern würde es klar als Stottern benennen. Er redet um den heißen Brei herum. Und dann zeigt er eben klassisches Vermeidungsverhalten durch Synonymworte und Satzumstellungen.

Einerseits denke ich, wenn er damit klar kommt, dann ist das ok. Anderseits würde er den Stotterern im Allgemeinen einen guten Dienst erweisen, wenn er sein Stottern klar als solches benennen würde. Mit seiner Art der Synonymbildung erweist er anderen Stotterern als Vorbild einen Bärendienst, denn diese Wortsuche und Satzumstellung geht eine Weile gut, aber macht das Sprechen, die Kommunikation am Ende nicht besser. Einerseits verheddert man sich irgendwann in seinen eigenen Umstellungen und damit klingt das Gesagte dann wirr (ich spreche da aus eigener Erfahrung :roll: ) und andererseits wird man auch bald an den Synonymen blocken.

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von paul.dest » 21. Februar 2011 00:01

Hallo Bernd,

Unsere Meinungen liegen viel näher bei einander, als ich ursprünglich angenommen hatte.

Warum ich Normalsprecher darauf sensibilisieren will? - Gute Frage. So direkt habe ich nie darüber nachgedacht. Ich möchte zum Verständnis beitragen? Ich möchte Mißverständnisse vorbeugen? Oder persönlicher ausgedrückt: ich selber als Stotterer möchte nicht mißverstanden werden, ich möchte verstanden werden. Ich möchte richtig eingeschätzt werden. ...

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von ---***--- » 22. Februar 2011 10:26

Die Sendung hatte ich kurz angesehen, als der Graf zum erstenmal über seinen "Dämon" gesprochen hat, bei 00:32, von seinen Erfahrungen mit Stottern als Kind, vom Schulleiter, der ihm eine Zukunft in Schweigen angeraten hat, von den Nöten der Eltern, von der Förderung seiner Talente, die so bedeutsam war für seine Karriere. Das fand und finde ich höchst spannend und ich denke, so wie er sich öffentlich äußert, kann es vielen Stotternden Mut machen, sich nicht von Stottern einschränken zu lassen. Der Graf vermeidet Situationen nicht.

Wie Frank und Maja wollte ich ihm dann aber nicht länger zuhören.
Als offiziellen "Botschafter" fände ich den Grafen im Moment nicht geeignet, weil er sich mit Stottern wenig auseinandergesetzt zu haben scheint. Was ich ihm nicht vorwerfe, doch was soll er dann über Stottern insgesamt erzählen können? Er kann für sich sprechen, was er tut, und womit er der einzige Stotternde ist, der sich im Fernsehen zu Stottern äußert. Wenn auch euphemistisch.

@paul.dest
Stotterangst ist auch die Angst, als "Stotterer" erkannt zu werden.
Weil Stottern hochstigmatisiert ist, wie Du selber eingangs schreibst, Du möchtest nicht als Dummerchen angesehen werden.
Vermeidung bedeutet, im Sinne VRs, nicht Stottern vermeiden/mildern, leicht sprechen zu wollen, sondern zu vermeiden, sich dem Stottern zu stellen, sich auch der Tatsache zu stellen, dass man stottert, zu versuchen, als Nicht-Stotterer zu erscheinen. (ich weiß, Du wirst da viele Haare zum Spalten finden, aber ich will es mit diesen wenigen Zeilen bewenden lassen)

Wenn die "Synonymtechnik" wirklich funktionieren würde, wäre nichts dagegen einzuwenden. Funktionieren hieße, man kann sagen, was man sagen will, sich selber zeigen. Ich bezweifle sehr, dass Synonyme das eigentliche Wort vollständig ersetzen, in all seinen Bedeutungsebenen. Die Wortwahl sagt vieles über den Sprecher aus, bestimmt die Sprachebene usw. usf. Wort-/Lautvermeidung ist nicht weniger behindernd, für die Kommunikation, als Stottern. Der Kommunikationspartner fragt sich die ganze Zeit, was mit dem los ist. Ich finde es extrem anstrengend und frustrierend, Synonymtechnikern zuzuhören. Als Hörer denke ich die Sätze innerlich mit und weiß kurz vorher, was der-/diejenige sagen will, werde aber immer wieder frustriert, weil das nicht kommt, was eigentlich kommen müsste.

Der einzige "Gewinn" ist, das Label "Stotterer" nicht tragen zu müssen. Niemand "muss" Synonyme finden müssen. Wenn es so anstrengend und behindernd ist, nicht zu stottern, gäbe es die Möglichkeit, all diese Anstrengungen loszulassen, und zu sehen, was passiert...

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Der Graf von Unheilig - 2012

Beitrag von Jaspis » 21. Mai 2012 21:44

Hallo,
hier 2 Mitschnitte von einer NDR Sendung am 19.05.2012, im 1.Teil spricht der Graf zu verschiedenen Themen und im 2. speziell zu seinem Stottern -- sehr beeindruckend, wie offen er damit umgeht:
Der Graf bei Tietjen und Hirschhausen (Highlights Teil 1) 19.5.2012
Der Graf bei Tietjen und Hirschhausen (Highlights Teil 2) 19.5.2012
Danke an den Youtube-User, der das so gut zusammengestellt hat!

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Der Graf vs. Lord Voldemort aus Harry Potter

Beitrag von Jens23 » 22. Mai 2012 01:49

Hallo zusammen,

mich erinnert dieses "Herumeiern" des Grafen, dieses Leugnen des Offensichtlichen (o ja, er weiß dass er an Stottern leidet) an den Umgang der Zauberer bei Harry Potter mit dem Bösewicht Lord Voldemort.
Es stellt einen Tabu-Bruch da, ihn beim Namen zu nennen. Stattdessen wird er nur "Er, dessen Name nicht genannt werden darf" genannt. Wodurch die Angst vor ihm ins Unermessliche steigt.
Meiner Meinung nach trägt der bekannteste deutsche Stotternde wenig bis nichts zur Verbesserung des Images von Stottern bei.
Bis sich die allgemeine Wahrnehmung des Stotterns zum Positiven ändert, wird wohl noch etliche, zu viele Jahre dauern.

Grüße und gute Nacht,

Jens

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Re: Der Graf von Unheilig

Beitrag von Jaspis » 22. Mai 2012 13:38

Hallo Jens23,
in diesen Interviews benennt sowohl der Graf Stottern beim Namen als auch die Gastgeber und anderen Teilnehmer. Ich erkenne auch kein Leugnen seines eigenen Stotterns, denn er vermeidet viel weniger als in früheren Interviews, sondern arbeitet sich durch viele Hänger durch. Er sitzt in einer großen Runde in einem Saal ... eine Sprechsituation, die sicher vielen schon nur beim Gedanken daran den Angstschweiß auf die Stirn treibt ... Ich weiß nicht, was Du noch erwartest? Er ist ein normaler Mensch, er wurde in die Sendung als Musiker eingeladen, also seines Berufes wegen (nicht als Deutschlands berühmtester Stotterer!) ==> Er zeigt, dass man sich mit Stottern nicht verstecken muß! Egal mit welchem Schweregrad und egal mit welchem Therapieerfolg! Das wollen wir doch, oder?
Wie positiv schätzt Du Deine eigene Wahrnehmung von Stottern ein, wenn Du an andere Stotterer so hohe Erwartungen stellst. Wer soll die denn erfüllen können? Und warum sollen die erfüllt werden?

Noch ein Gedanke kommt mir - Wenn man das Sprechen/Stottern des Grafen als negativ empfindet, kann das an 2 Dingen liegen:
- Der Graf ist einem generell unsympathisch, dann kann er sprechen wie er will.
- Stottern wirkt nun mal so, auch auf unsere Zuhörer/Zuschauer. Damit müssen wir uns abfinden, das ist ein Schritt auf unserem Weg.
Tobias hat geschrieben:Können wir den Graf nicht als Botschafter für die BVSS gewinnen? :mrgreen: So als Vorbild, dass man es trotzdem zu was bringen kann, dass man vor sogar in der Öffentlichkeit stehen kann, im Fernsehen auftreten kann.
Da hat sich inzwischen einiges getan, die BVSS konnte ihn als Botschafter gewinnen!
Prominente Unterstützung: Der Graf setzt ein Zeichen

Gruß, Jaspis

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