Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern weg

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Jens23
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Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern weg

Beitrag von Jens23 » 12. April 2012 19:28

Hallo zusammen,

vor einigen Monaten habe ich etwas Eigenartiges und zugleich Wunderbares erlebt.
Nach einer kleinen OP an der Nase war ich aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen worden und hatte vom Arzt ein Medikament verschrieben bekommen: "Celestamine 0,5". Der Wirkstoff ist Betamethason, eine Tablette enthielt 0,5 Milligramm. Meinen laienhaften Recherchen zufolge ist Bethamethason eine starke synthethische, dem Cortison nachempfundene Substanz. Es wirkt abschwellend und entzündungshemmend.
Ich habe über vier Tage erst vier, dann drei, dann zwei und dann eine Tablette zu mir genommen. Am ersten Tag (nach der Einnahme von vier Tabeltten, also insgesamt 2 mg Bethametason) passierte folgendes:
Ich dachte, mein Kopf platzt. Vermutlich hatte ich einen extrem hohen Blut- oder Hirndruck (habe ich nicht gemessen). Ich legte mich hin, schlief ein wenig und hatte ganz unangenehme Alpträume.
Danach setzte ich mich ans Klavier. Beim Spielen spannte sich auf einmal irgendetwas in beiden Ohren an. Mein Hören veränderte sich völlig. Ich nahm die Töne nicht mehr "dröhnend" wahr, sondern "glasklar" und angenehm. Als seien unangenehme Frequenzen vom Ohr herausgefiltert worden.
Auch konnte ich plötzlich so schnell Spielen wie noch nie! Ich hatte das Gefühl, dass die Muskelaktivität (das Herunterdrücken der Taste) und das Gehörte völlig synchron laufen.
Parallel dazu entspannten sich die am Spielen beteiligten Muskeln automatisch.
Nachdem ich gut gelaunt aufgehört hatte zu spielen, entschloss ich mich, aus Spaß ein paar Rap-Lieder aufzusagen. Dies war früher Teil meines Flüssig-Reden-Trainings.
Folgendes passierte: Beim Reden spannte sich wieder irgendwas in meinen Ohren an, ohne, dass ich etwas bewusst täte.
Ich hatte zwar nicht das Gefühl, dass unangenehme Frequenzen aus meiner Stimme vom Ohr herausgefiltert worden wären, aber die selben Effekte wie beim Klavierspielen tauchten auf:
1. erlebte ich die Muskelaktivität beim Reden und das Gehörte als synchron. Es "passte" einfach.
2. Ich konnte die Rap-Texte in aberwitziger Geschwindigkeit aufsagen.
3. Ich spürte, wie ich viel weniger Kraftaufwand zum Reden brauchte und wie ich VÖLLIGE Kontrolle über das Reden hatte.
ich hatte den Gedanken, dass selbst wenn ich mich nun verspreche würde, das völlig egal sei. Denn mit diesem Maß an Kontrolle würden
a) so gut wie keine Versprecher auftreten (wie nach meiner persönlichen Beobachtung bei nicht vom Stottern Betroffenen der Fall) und
b) würde ich sie im Nu Korrigieren können.
Nach den Rap-Texten nahm ich mir die Zeitung zum Lesen vor. Auch hier konnte ich in unheimlich schneller (und vor allem: kontrollierter Weise) lesen. Das selbe war bei von mir spontan ausgedachter Sprache (ich glaube, dass fällt nicht unter die Definition von Selbstgesprächen:P).
Ich zog für mich folgendes Fazit: Ich hatte gerade erlebt, wie sich ein Normal-Redender Mensch fühlt, wenn er redet. Es geht ihm ohne Mühe (weder metaler noch körperlicher Natur) und "wie von selbst" über die Lippen. Ich konnte meinen Gedanken entsprechend reden. Es waren die schönsten Momente meines Lebens. Ich fühlte mich, als wären auf einen Schlag alle meine Träume wahr geworden. Und das waren sie ja auch. Wenn auch nur vorübergehend…
Leider fand ich das mit dem Reden erst nachts heraus, so dass ich nicht mehr mit Leuten redete. Leider war der Effekt am nächsten Tag auch vorbei.
Ich nahm am nächsten Tag drei Tabletten ein. Doch scheinbar brauchte ich vier Tabletten, um flüssiges Reden zu generieren.
Meine Gedanken/Fragen zum Vorfall:
- Was für eine Erfahrung. Ich weiß nun, wie sich ein Normal-Redender fühlt. Eine Erfahrung, die vermutlich nur wenigen Stotternde mit mir teilen und die meine Sehnsucht nach diesem Zustand bis ins Unermessliche treibt…
- Dass es überhaupt möglich ist, als Stotternder diesen Zustand zu erreichen. Gibt es Hoffnung (wenn auch noch in weiter Ferne)?
- Beim Stottern höre ich meine Stimme anscheinend später, als ich meine Muskelaktivität spüre. Durch Medikament: Höre Stimme unmittelbar mit der Muskelbewegung. Deshalb das Gefühl, dass es passt, dass die beiden Kontrollsysteme synchron laufen.
- Welcher Effekt des Medikaments führte dazu? Die Abschwellung? Die Entzündungshemmung? Die Nebenwirkungen (also der hohe Blut/- Hirndruck)?
Wurde dadurch, wie ich es meine, anatomisch etwas verändert, so dass ich meine Stimme im richtigen Moment und nicht verspätet wahrnehme? Oder ist die Ursache im Hirn zu suchen und nicht in veränderten anatomischen Gegebenheiten? Was hat es mit der Anspannung im Ohr zu tun? (Die ich davor noch nie gespürt hatte)?

Über eure Gedanken/eigenen Erfahrungen in dieser Hinsicht (vllt auch mit Betamethason) würde ich mich freuen. Kennt ihr vllt. Mittel, die eine ähnliche Wirkung haben und die man bedenkenlos über einen längeren Zeitraum nehmen kann?

P.S. Ich schwöre, dass ich mir das nicht ausgedacht habe. Es war kein schöner Traum, es war definitiv die Realität. Ach und ich möchte hier natürlich niemanden zum Medikamentenmissbrauch aufrufen.

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Re: Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern we

Beitrag von stotterkopp » 12. April 2012 19:56

hallo,

sollte das eine geschäfts-idee sein - !!!

mfg der stotterkopp
Zuletzt geändert von stotterkopp am 14. April 2012 09:33, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern we

Beitrag von stotternzuerich » 12. April 2012 21:03

Hallo Jens,

Interessante Geschichte.
Jens23 hat geschrieben: Auch konnte ich plötzlich so schnell Spielen wie noch nie! Ich hatte das Gefühl, dass die Muskelaktivität (das Herunterdrücken der Taste) und das Gehörte völlig synchron laufen.
Parallel dazu entspannten sich die am Spielen beteiligten Muskeln automatisch.
Nachdem ich gut gelaunt aufgehört hatte zu spielen, entschloss ich mich, aus Spaß ein paar Rap-Lieder aufzusagen. Dies war früher Teil meines Flüssig-Reden-Trainings.
Folgendes passierte: Beim Reden spannte sich wieder irgendwas in meinen Ohren an, ohne, dass ich etwas bewusst täte.
Ich hatte zwar nicht das Gefühl, dass unangenehme Frequenzen aus meiner Stimme vom Ohr herausgefiltert worden wären, aber die selben Effekte wie beim Klavierspielen tauchten auf:
1. erlebte ich die Muskelaktivität beim Reden und das Gehörte als synchron. Es "passte" einfach.
2. Ich konnte die Rap-Texte in aberwitziger Geschwindigkeit aufsagen.
3. Ich spürte, wie ich viel weniger Kraftaufwand zum Reden brauchte und wie ich VÖLLIGE Kontrolle über das Reden hatte.
(...)
Diese Erlebnisse würde ich den bekannten, leicht euphorisierenden Nebenwirkungen von Dexamethason zuschreiben. Der Wirkstoff steht -- u.a. deshalb -- auf der Dopingliste.
Es waren die schönsten Momente meines Lebens. Ich fühlte mich, als wären auf einen Schlag alle meine Träume wahr geworden. Und das waren sie ja auch.
Naja, bei dir vielleicht mehr als nur leicht euphorisierend. ;-)
- Was für eine Erfahrung. Ich weiß nun, wie sich ein Normal-Redender fühlt. Eine Erfahrung, die vermutlich nur wenigen Stotternde mit mir teilen und die meine Sehnsucht nach diesem Zustand bis ins Unermessliche treibt…
Ich nehme an, es gibt viele Stotternde, die wissen, wie es ist, zeitweise flüssig zu sprechen. Ich gehöre auch dazu.
- Dass es überhaupt möglich ist, als Stotternder diesen Zustand zu erreichen. Gibt es Hoffnung (wenn auch noch in weiter Ferne)?
Ja.
- Beim Stottern höre ich meine Stimme anscheinend später, als ich meine Muskelaktivität spüre. Durch Medikament: Höre Stimme unmittelbar mit der Muskelbewegung. Deshalb das Gefühl, dass es passt, dass die beiden Kontrollsysteme synchron laufen.
Eine gewagte Interpretation. Sprechen ohne auditive Rückmeldung sollte doch -- gemäss einigen Forschungsergebnissen -- bei Stotternden besonders gut funktionieren (Siehe den Schallplattentrick in "The King's Speech"). Wenn du deine Stimme verspätet hörst, sollte das demnach von Vorteil für deinen Redefluss sein.
Kennt ihr vllt. Mittel, die eine ähnliche Wirkung haben
Ja.
und die man bedenkenlos über einen längeren Zeitraum nehmen kann?
Nein.

Viele Grüsse,
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erfolge schlechtreden - menschlich

Beitrag von stotterkopp » 13. April 2012 06:58

hallo jens,

vielen dank - für den hinweis,

grüße vom stotterkopp
Zuletzt geändert von stotterkopp am 14. April 2012 09:19, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Durch Einnahme von Betamethason Stottern weg

Beitrag von Torsten » 13. April 2012 12:37

Hallo Jens.
das ist hochinteressant, was Du da erlebt hast. Es zeigt nämlich, dass die "Sprechautomatik" bei Stotterern nicht in sich defekt ist. Sie kann durchaus funktionieren, wenn die äußeren Bedingungen stimmen - und eine diese äußeren Bedingungen ist eine gut funktionierende
Rückkopplung über das äußere Hören. Du schreibst:
Jens23 hat geschrieben:Mein Hören veränderte sich völlig. Ich nahm die Töne nicht mehr "dröhnend" wahr, sondern "glasklar" und angenehm. Als seien unangenehme Frequenzen vom Ohr herausgefiltert worden.[...] 1. erlebte ich die Muskelaktivität beim Reden und das Gehörte als synchron. Es "passte" einfach.
Ist es denn so, dass Du normalerweise deine Stimme und den Klavierton als dröhnend und unangenehm empfindest? Und dass Du deine Sprechbewegungen und deine gehörte Sprache nicht synchron wahrnimmst? Du schreibst:
Jens23 hat geschrieben:Beim Stottern höre ich meine Stimme anscheinend später, als ich meine Muskelaktivität spüre.
Bist Du sicher, dass das tatsächlich so ist?

Mir geht es so, dass sich meine Sprechsicherheit sofort verbessert, wenn ich meine Aufmerksamkeit dabei verstärkt auf das Hören meiner Stimme und Sprache richte. Am leichtesten geht das, wenn ich etwas Auswendiggelerntes spreche, z.B. ein Gedicht - dabei bin ich absolut flüssig. Am schwierigsten ist es beim spontanen Sprechen über ein Thema, bei dem ich mich während des Sprechens stark auf den Inhalt und den Aufbau meiner Sätze konzentrieren muss. Dann vergesse ich, auf meine Stimme zu hören, und das Stottern beginnt.

Wenn man sich mehr auf das Hören seiner Stimme als auf die Sprechplanung konzentriert, riskiert man natürlich, dass man sich verspricht oder verhaspelt - aber man stottert nicht. Sich verhaspeln und stottern sind vielleicht äußerlich etwas Ähnliches, aber hinsichtlich der Ursachen (meiner Meinung nach) etwas Entgegengesetztes:
  • Man verhaspelt sich, weil man seine Sätze schlecht plant, d.h, weil man seine Aufmerksamkeit zu wenig nach vorn, in die Zukunft richtet.
  • Man stottert, weil man sich nicht ausreichend bewusst hört, d.h. weil man seine Aufmerksamkeit zu wenig in die Vergangenheit, auf das gerade Gesagte richtet.
Ein sehr gutes Beispiel für jemanden, der sich oft verhaspelt, aber nie stottert, ist Edmund Stoiber (siehe das Video von Paul Dest). Stoiber ist ein ausgezeichneter Redner, er "schwimmt" auf seiner Stimme - und wenn er gut vorbereitet ist, spricht er ohne Versprecher (wie in seiner diesjährigen Rede zum politischen Aschermittwoch).
Gruß

Torsten
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Re: Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern we

Beitrag von Jens23 » 13. April 2012 19:50

Hallo Torsten,

Torsten[/quote]Ist es denn so, dass Du normalerweise deine Stimme und den Klavierton als dröhnend und unangenehm empfindest? Und dass Du deine Sprechbewegungen und deine gehörte Sprache nicht synchron wahrnimmst? Du schreibst:

Jens23 hat geschrieben:Beim Stottern höre ich meine Stimme anscheinend später, als ich meine Muskelaktivität spüre.

Also, die Klaviertöne empfinde ich definitiv als dröhnend und unangenehm. Dass ich die Sprechbewegungen und die Sprechlaute nicht synchron wahrnehme, kann ich nicht zu 100% sagen. Die Wahrnehmung geht auf jeden Fall nicht eine Sekunde auseinander. Ich vermute, dass es sich um weitaus weniger Verzögerung handelt.
Wenn ich meine Hand an meinen Kehlkopf halte und einen Ton mache, habe ich das Gefühl, dass ich die Vibration mit der Hand füher fühle, als ich den Ton höre.
Dies würde auf ein verspätetes Hören der eigenen Stimme hindeuten. Kann aber auch sein, dass ich mich irre.
Es müsste einfach ein Gerät geben, mit dem man misst, wann die Stimme eines Stotternden ertönt und wann er sie wahrnimmt...^^

Hallo Torsten,

Torsten[/quote]Ist es denn so, dass Du normalerweise deine Stimme und den Klavierton als dröhnend und unangenehm empfindest? Und dass Du deine Sprechbewegungen und deine gehörte Sprache nicht synchron wahrnimmst? Du schreibst:

Jens23 hat geschrieben:Beim Stottern höre ich meine Stimme anscheinend später, als ich meine Muskelaktivität spüre.

Also, die Klaviertöne empfinde ich definitiv als dröhnend und unangenehm. Dass ich die Sprechbewegungen und die Sprechlaute nicht synchron wahrnehme, kann ich nicht zu 100% sagen. Die Wahrnehmung geht auf jeden Fall nicht eine Sekunde auseinander. Ich vermute, dass es sich um weitaus weniger Verzögerung handelt.
Wenn ich meine Hand an meinen Kehlkopf halte und einen Ton mache, habe ich das Gefühl, dass ich die Vibration mit der Hand füher fühle, als ich den Ton höre.
Dies würde auf ein verspätetes Hören der eigenen Stimme hindeuten. Kann aber auch sein, dass ich mich irre.
Es müsste einfach ein Gerät geben, mit dem man misst, wann die Stimme eines Stotternden ertönt und wann er sie wahrnimmt...Kann jemand Fachkundiges bitte mal so einen Test erfinden?:P Bestimmt kein Ding der Unmöglichkeit!

Bei mir ist es auch so, dass ich am meisten stottere, wenn ich formulieren muss. Bei Auswendiggelerntem ist es in der Tat einfacher.
Und du hast Recht mit Edmund Stoiber. In den Momenten, in denen er sich verhaspelt, weiß er einfach nicht was er sagen soll und nicht Wie er es sagen soll.
Gruß

Jens

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Re: Durch Einnahme von Betamethason Stottern weg

Beitrag von Torsten » 14. April 2012 11:57

Hallo Jens,
Jens23 hat geschrieben:Also, die Klaviertöne empfinde ich definitiv als dröhnend und unangenehm.
Warum spielst Du dann Klavier? :shock:
Jens23 hat geschrieben:Dass ich die Sprechbewegungen und die Sprechlaute nicht synchron wahrnehme, kann ich nicht zu 100% sagen. Die Wahrnehmung geht auf jeden Fall nicht eine Sekunde auseinander. Ich vermute, dass es sich um weitaus weniger Verzögerung handelt.

Wenn ich meine Hand an meinen Kehlkopf halte und einen Ton mache, habe ich das Gefühl, dass ich die Vibration mit der Hand füher fühle, als ich den Ton höre.
Dies würde auf ein verspätetes Hören der eigenen Stimme hindeuten.
Dass die Wahrnehmung der eigenen Sprache ein paar Millisekunden später erfolgt als die Produktion, ist logisch - das Gehirn braucht eine gewisse Zeit für die Verarbeitung. Eine Rückkopplungsverzögerung unter 50ms wird aber noch nicht als Verzögerung wahrgenommen. Und interessanterweise führt eine Verzögerung von mehr als 50ms - also ein DAF oberhalb der Wahrnehmungsgrenze - bei vielen Stotterern zu flüssigerem Sprechen.

Mir selbst geht es so, dass ich meine Sprechbewegungen und das Hören meiner Sprache als ungefähr synchron empfinde, mit einer sehr leichten Verzögerung. Man kann es gut testen, in dem man Verschlusslaute spricht (''babababa...'', ''dadadada...'') und die taktile Wahrnehmung von Lippen bzw. Zunge und Gaumen mit dem Hören vergleicht.

In unserer Selbsthilfegruppe in Magdeburg haben wir einfache Tests mit Rückkopplungsverstärkungen durchgeführt: Die Person spricht in ein Mikrofon und hört ihre Stimme über Kopfhörer - unverzögert, nur etwas lauter und direkter. Die Sprechflüssigkeit wurde dadurch teilweise verbessert und keinesfalls verschlechtert. Ein Teilnehmer fand, dass seine Stimme sich weniger unangenehm anhörte, als er erwartet hatte, und ein anderer hatte subjektiv das Empfinden, sich ''schneller'', also mit weniger Verzögerung zu hören. Das stimmt mit dem überein, was Du berichtet hast - und ganz ohne Medikamente!

Ich vermute, dass die Effekte in unseren Tests einfach darauf zurückzuführen sind, dass die Aufmerksamkeit stärker auf das Hören der eigenen Sprache gerichtet war. Dass das Niveau der Verarbeitung auditorischer Reize im Gehirn von der Aufmerksamkeit auf diese Reize abhängt, ist seit langem bekannt - siehe meinen Beitrag im Thread ''Stottern und auditorisches Feedback'', S. 4.
Gruß

Torsten
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Re: Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern we

Beitrag von T_homas » 15. April 2012 21:27

Ich war mal vor vlt. 14J. beim Orthopäden,da ich damals längere Zeit Rückenschmerzen hatte.
Ich hatte mir damals so ein leichtes Hohlkreuz angewöhnt,deswegen tat das mit der Zeit auf die Bandscheiben drücken.
Mittlerweile lauf ich aber wieder normal. :mrgreen:

Der Orthopäde kam damals zu dem Schluss,dass meine Beine unterschiedlich lang wären,weswegen meine Wirbelsäule nicht ganz gerade wäre und ich eine Einlage für den Schuh bräuchte,um das ausgleichen zu können.
Das war natürlich Quatsch.

Um das genau messen zu können,sollte ich über ca. 14 Tage ein muskelentspannendes Medikament nehmen..
Ich bin da natürlich nicht mehr hin,hab mir aber das Medikament trotzdem geholt.
Keine Ahnung wie das damals im Detail genau war,aber es wirkte sich positiv auf mein Sprechen aus.

Irgendwie war der Fluss besser,deswegen hab ich das Medikament auch genommen bis die Schachtel leer war.
„Das Leben ist wie ein Fluss! Mal schnell, mal langsam, mal klar, mal dreckig, mal niedrig, mal hoch, immer in Bewegung und jeden Moment anders!“ Quelle: -asiatische Weisheit-

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Re: Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern we

Beitrag von paul.dest » 18. April 2012 00:30

Hallo Jens,

Das ist ein äußerst interessanter Erfahrungsbericht.

Wegen Pollenallergie benutze ich ein verschreibungspflichtiges Nasenspray mit dem Wirkstoff Mometasonfuroat. Das ist aus der gleichen Stoffklasse: Glucocorticoide. Sogar aus der gleichen Wirkungsklasse: "Klasse 3 - stark wirksam". Das Nasenspray ist mit 50 Mikrogramm per Sprühstoß dosiert. Bei vier Sprühstößen pro Tag nehme ich damit 0,2 Milligramm Mometasonfuroat zu mir. Manchmal über Monate hinweg. Mir sind bisher keine Effekte auf das Stottern aufgefallen. Allerdings ist die Dosis im Vergleich zu der von Dir beschriebenen 10 Mal kleiner.

...

-----------------

Der vollständige Inhalt dieses Beitrages ist ab jetzt nur noch unter http://www.stottern-verstehen.de verfügbar.
Zuletzt geändert von paul.dest am 3. Dezember 2016 12:46, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern we

Beitrag von Jens23 » 18. April 2012 21:04

Hallo Paul,

ich habe deinen Artikel gelesen und dir auch geantwortet.
Du hast geschrieben, mein rhythmisch-motorisches Zentrum könnte überaktiviert gewesen sein. Wemm das so wäre, dann müsste man ja "nur" seinen Rhythmus über eine längere Zeit trainieren und das Stottern wäre weg/verbessert. Was haltet ihr von diesem Plan?

Hallo Torsten,

Ich empfinde die Töne zwar als etwas dröhnend und unangenehm, aber ich kann das um der Musik Willen aushalten;).
Also ich bezweifle nicht, dass das Wahrnehmen des Gesagten leicht nach der Muskelbewegung stattfindet. Aber ich habe folgende Frage:
Nimmt ein Normalredender seine Bewegungen und das Gehörte als absolut synchron war? Obwohl das Gehörte erst um Bruchteile von Sekunden später im Hirn ankommt? (was man ja sicher zuverlässig messen kann)?
Diese Frage ist für mich persönlich von besonderer Relevanz, weil ich ja diesen "anderen" Zustand unter Einnahme des Medikamentes erlebt habe. Unter diesem dürfte ich das Gehörte in Bezug auf die vorangegangene Muskelbewegung auch erst einige Milisekunden später wahrgenommen haben (alles andere ist ja anatomisch unmöglich) und trotzdem habe ich es als synchron erlebt.
Ich persönlich glaube, dass man eine bestimmte Verzögerung der auditiven Wahrnemung gar nicht wahrnehmen kann, obwohl sie messbar ist. Die Schwelle, oberhalb derer man eine Verzögerung wahrnimmt, wären dann die 50 ms, von denen du sprichst.

Du schreibst, du nimmst deine Sprache mit einer sehr leichten Verzögerung wahr. Dann dürfte die Wahrnehmung deiner Stimme ja überhalb der 50 ms liegen.

Folgende Frage drängt sich mir auch noch auf: Und zwar, ob man als Stotternder alle Höreindrücke mit einer größeren Verzögerung wahrnimmt als Normalredende oder ob sich diese nur auf die eigene Sprache beschränkt.
Wenn es so wäre, dann wäre das eine Erklärung dafür, warum Stotternde einer Konversation folgen können wie andere auch, denn diese Verzögerung wäre ja kein Problem, aber Probleme beim Sprechen haben, weil keine Synchronität mit den Bewegungen vorliegt.

Dass ich unter DAF eine bessere Kontrolle habe, kann ich bestätigen.
Dazu noch ein Gedanke:
Angenommen, Stotternde nehmen nicht nur ihre eigene Stimme später wahr, sondern auch jegliche andere Höreindrücke, auf die sie sich konzentrieren (also auch die über Kopfhörer wiedergegebene Stimme), dann wäre es doch so:
Dann würde man a)seine eigene Stimme verzögert wahrnehmen, so wie immer (wenn auch nur über die Knochenleitung, weil durch den Kopfhörer die Luftleitung ganz oder teilweise abgedichtet ist)
und b) würde man die über Kopfhörer wiedergegebene Stimme in Bezug auf die eigene Stimme noch später wahrnehmen, weil die Stimme erst über das Mikrofon in den Kopfhörer gelangen muss, was eine leichte Verzögerung zur Folge hat.
Beide Höreindrücke zusammen wären dann quasi wie ein leichtes Echo der eigenen Stimme, wie beim DAF.

Dass man über Kopfhörer die eigene Stimme lauter und direkter wahrnimmt, spielt andererseits bestimmt auch eine Rolle.

Viele Grüße,

Jens

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Re: Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern we

Beitrag von Torsten » 19. April 2012 10:29

Hallo Jens,
Jens23 hat geschrieben:Nimmt ein Normalredender seine Bewegungen und das Gehörte als absolut synchron war?(...) Ich persönlich glaube, dass man eine bestimmte Verzögerung der auditiven Wahrnehmung gar nicht wahrnehmen kann, obwohl sie messbar ist. Die Schwelle, oberhalb derer man eine Verzögerung wahrnimmt, wären dann die 50 ms, von denen du sprichst. Du schreibst, du nimmst deine Sprache mit einer sehr leichten Verzögerung wahr. Dann dürfte die Wahrnehmung deiner Stimme ja überhalb der 50 ms liegen.
Wie ein Normalsprecher seine eigene Stimme wahrnimmt, weiß ich nicht - ich bin ja auch keiner. Aber ich selbst nehme meine Stimme, wie gesagt, fast synchron wahr.
Jens23 hat geschrieben:Folgende Frage drängt sich mir auch noch auf: Und zwar, ob man als Stotternder alle Höreindrücke mit einer größeren Verzögerung wahrnimmt als Normalredende oder ob sich diese nur auf die eigene Sprache beschränkt.
Ich glaube nicht, dass Stotterer ein Problem mit verzögertem Hören haben - zumal eine tatsächliche, künstlich erzeugte Verzögerung stotterreduzierend wirkt. Es scheint eher so zu sein, dass Stotterer zu wenig Aufmerksamkeit auf das Hören ihrer eigenen Sprache verwenden. Von der Aufmerksamkeit hängt aber das Niveau der Verarbeitung der auditorischen Feedbacks im Gehirn ab. Da dieses Feedback eine wichtige Rolle bei der Steuerung des Sprechens spielt, kommt es bei einer zu schlechten Verarbeitung zu Problemen.
Viele Grüße,

Torsten
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Betamethason: verzögerte Wahrnehmung der (eigenen) Stimme

Beitrag von paul.dest » 20. April 2012 19:34

Hallo Jens, hallo Torsten,

Zum Thema "verzögerte Wahrnehmung der (eigenen) Stimme"
Jens23 hat geschrieben:Wenn ich meine Hand an meinen Kehlkopf halte und einen Ton mache, habe ich das Gefühl, dass ich die Vibration mit der Hand füher fühle, als ich den Ton höre.
Dies würde auf ein verspätetes Hören der eigenen Stimme hindeuten. Kann aber auch sein, dass ich mich irre.
Jens, diese Schlussfolgerung ist aus zwei Gründen höchst problematisch:

1. ...

2. ...

Um es endlich kurz zu machen:
Nein, "die verzögerte Wahrnehmung" beschränkt sich nicht auf die eigene Sprache!
Aber es macht auch keinen Sinn von verzögerter Wahrnehmung zu sprechen.

Deine Erfahrungen und Erlebnisse, Jens, werden dadurch dennoch nicht in Abrede gestellt. Ich schreibe in einem weiteren Post dazu.

...

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Zuletzt geändert von paul.dest am 3. Dezember 2016 12:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Betamethason: DAF

Beitrag von paul.dest » 20. April 2012 23:12

Hallo Jens, hallo Torsten,

Zum Thema "Verzögerungsdauer und DAF"

...

Torsten, Du vermischt hier zwei verschiedene Dinge. Es ist sicherlich logisch, dass die Wahrnehmung von Reizen - welcher Art auch immer: akustischen, visuellen, haptischen, ... - zeitlich auf das physikalische Eintreten dieser Reize folgt - "das Gehirn braucht eine gewisse Zeit für die Verarbeitung". Doch diese durch die Verarbeitung verursachte Verzögerung ist nicht die Rückkopplungsverzögerung, von der Du anschließend sprichst. Insbesondere wird bei DAF nicht die Wahrnehmung des Reizes verzögert - also nicht die Verarbeitung im Gehirn - , sondern das Auftreten des Reizes.

Ob die Verzögerung des Reizauftretens wahrgenommen wird und ab welcher Verzögerungsdauer, hängt davon ab, Wahrnehmung von was gemeint ist:

1. ...

2. ...

...
Torsten hat geschrieben:Und interessanterweise führt eine Verzögerung von mehr als 50ms - also ein DAF oberhalb der Wahrnehmungsgrenze - bei vielen Stotterern zu flüssigerem Sprechen.
Das ist nicht korrekt. DAF kann bei Stotterern sowohl flüssigeres als auch unflüssigeres Sprechen hervorrufen - das kommt ganz auf die Verzögerungsdauer an, und zwar Sprecher-individuell. Die Verzögerungsdauer, bei der das Sprechen flüssiger wird, muss meist "gesucht" werden. Zufällig gewählte Verzögerungsdauern führen oft zum unflüssigeren Sprechen.

...

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Zuletzt geändert von paul.dest am 3. Dezember 2016 12:52, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern we

Beitrag von paul.dest » 21. April 2012 20:28

Hallo Jens,

Ich finde Deine Beschreibung sehr präzise. Das macht Deinen Bericht in meinen Augen sehr wertvoll. Ich versuche mal, aus ihm ein paar Schlussfolgerungen zu ziehen.

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Re: Durch Einnahme von Betamethason (Medikament) Stottern we

Beitrag von paul.dest » 30. April 2012 11:55

Jens23 hat geschrieben:Leider fand ich das mit dem Reden erst nachts heraus, so dass ich nicht mehr mit Leuten redete. Leider war der Effekt am nächsten Tag auch vorbei.
Hallo Jens,

Die meisten Stotterer stottern nicht, wenn sie allein sind. Was lässt Dich vermuten, dass das von Dir beschriebene Erlebnis Dein Stottern (vorübergehend) beseitigt hat? Stotterst Du auch, wenn Du für Dich selbst redest?

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