Antizipation

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PetraS
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Antizipation

Beitrag von PetraS » 23. November 2013 11:30

Dass es Antizipation gibt, weiß ich aus der Literatur…
So ein Blödsinn! Dass man es Antizipation nennt, wenn man ein herannahendes Stotterereignis schon voraussieht, weiß ich aus der Literatur. Ich hätte es nur anders bezeichnet. Ich hätte Vorausahnen gesagt, oder noch besser: vorher wissen!
Früher habe ich mich immer gewundert, wenn ich vorher wusste, dass ich ein bestimmtes Wort nicht werde aussprechen können. Ich dachte schlichtweg, ich wäre bekloppt. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass ich das Wort trotzdem nicht aussprechen kann, obwohl ich darauf vorbereitet bin, es nicht aussprechen zu können und Maßnahmen ergreifen könnte. Fakt ist, dass ich dennoch meistens sehenden Auges ins offene Messer gerannt bin. Und dann kam die kalte Dusche… Dabei war mir - wenn ich heute zurückblicke - die Situation selbst weniger peinlich als mögliche Bemerkungen meiner Gesprächspartner, dass oder ob ich stottere…
Die Zeiten sind lange vorbei. Spätestens seit ich für mich die Bereitschaft entdeckt habe, mich jederzeit outen zu können, spüre ich diesen enormen Druck, sprachlich nicht versagen zu dürfen, nicht mehr und die Stotterereignisse gehen in ihrer Häufigkeit gegen Null. Außerdem beruhigt es mich zu wissen, dass es normal ist, wenn man Stotterereignisse antizipiert, und das gibt mir die Gewissheit, dass ich doch nicht bekloppt bin.
Aber es gibt unterschiedliche Dimensionen von Antizipation. Da weiß man z.B. im Voraus, dass das Wort "Stuttgart" nicht funktionieren wird. Man lässt es laufen und heraus kommt "Stutt… Stuttgart" und es regt sich nichts in einem, da man genau weiß, dass der Gesprächspartner dies irgendwie einordnen wird nur nicht in die Kategorie Stottern. Denn solche Unflüssigkeiten hat jeder Normalsprecher - das weiß ich zumindest jetzt.
Ähnlich ging es mir früher mit der "Sowjetunion". Gerade in Zeiten, wo ich mich für einen Normalsprecher gehalten habe, weil andere mich so wahrgenommen haben, hat mich dieses Wort manchmal auf die Palme getrieben, denn es funktionierte einfach nicht. Bis mein damaliger Chef mal von SU sprach und ich das Kürzel dankend annahm. Wenn mich dann jemand fragte, "was ist denn SU", konnte man (ganz der Klugscheißer) eigentümlich betont sagen: "Sowjetunion" - komischerweise hat das funktioniert. Oder aber man antizipierte, dass so ein Wort wie Sowjetunion nicht klappte, es kam sprachliches Kuddelmuddel heraus, der Gesprächspartner verstand nichts und fragte nach: "Wie bitte?" und man hatte erneut die Chance, es schön akzentuiert und betont zu sagen; dabei kamen die Anderen ebenso meistens nicht auf die Idee, dass das jetzt stottern war.
Ich habe jedoch im Laufe meines 50 Jahre währenden Lebens gemerkt, dass es einen Unterschied zwischen der Eigen- und der Fremdwahrnehmung gibt. Und ich kann und werde mir nichts vormachen; sosehr ich manchmal selbst daran geglaubt habe, Nicht-Stotterer zu sein, es gab immer wieder Momente, in denen ich wusste, "es ist da!" und darum will ich mich einfach nicht verleugnen.
Ich mache es mir sogar zur Philosophie, dass es nicht nur jeder Zeit passieren kann, sondern auch passieren "darf", weil ich heute voll dahinter stehe, denn ich bin mir dessen bewusst, dass ich ganz andere sprachliche Ausnahmequalitäten habe, die - so meine ich - es mir verzeihen ließen, wenn ich ab und zu mal stottere und mich von meiner wahren Seite zeige.
Es gibt allerdings Zeiten, da denke ich nur daran, wenn es mich gerade mal erwischt und andere, da muss ich dauernd daran denken. Dass ich gerade mal wieder mehr daran denke, hängt nicht zuletzt zum Teil mit folgender Begebenheit zusammen:
Vorweg genommen: ich engagiere mich in meiner Freizeit im Turnverein als Trainerin. Ich begleitete eine meiner Turnerinnen, die in einen anderen Verein wechseln wollte, weil bei uns kaum noch Mädel in ihrem Alter waren und ich ihr nichts Neues mehr beibringen konnte, zu ihrem neuen Trainer, um hoch offiziell grünes Licht für den Vereinswechsel zu geben. Nun kommt dazu, dass ich sehr gut nachvollziehen konnte, warum sie diesen Verein bevorzugte, da ich den Trainer unfassbar nett, kompetent und kumpelhaft fand - außerdem war er sehr erfolgreich.
Wir machten das Offizielle klar, er erklärte mir, dass meine Turnerin super gut in die Mannschaft passt und bei seinen Mädels gleich sehr beliebt war etc. Dann wollte ich eine Frage stellen und dabei hatte ich eine starke, eine wirklich starke Antizipation, dass das schief geht.
Die Frage, die ich stellen wollte, lautete:
"Seid ihr jetzt öfter in der Landesturnschule?" Und ich WUSSTE, dass ich Landesturnschule nicht werde sagen können. Diese Antizipation war so stark wie seit Jahren nicht mehr. Es war fast, als hätte ich vorab in eine Zitrone gebissen (nur das Saure fehlte) und ich wusste nicht warum, aber ich wusste dass das Wort unaussprechlich sein wird.
Mir gingen Alternativen durch den Kopf. 3 mögliche hatte ich:
1) Ich verzichtete auf die Frage - nicht gut, denn mich interessierte die Antwort.
2) Ich frag: Seid ihr jetzt öfter in Bergisch (Gladbach) - völlig ungefährlich
3) Ich frag: Seid ihr jetzt öfter im Olympiastützpunkt - relativ ungefährlich
Aber zumindest waren Alternative 2 und 3 absolut synonym und hätten dieselbe richtige Antwort zur Folge gehabt wie mein eigentliches Anliegen.
Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, dass ich mir zu stolz war, mich auf Alternativen einzulassen. Ich folgte mal wieder meinem ehernen Grundsatz "nicht vermeiden" und begab mich in das Abenteuer.
Ich stellte meine Frage und kam - glaube ich - bis zum "L" . Dann war Ende und ich habe es einfach laufen lassen. Ich weiß, dass ich noch mal Luft geholt und mich in einer schier Endlosschleife wiedergefunden habe.
Ich glaube, was mich emotional so mitgenommen hat, war die Tatsache, dass ich nicht weiß, wie ich da wieder rausgekommen bin.
Denn meine Gesprächspartner gaben einfach nur die Antwort, weil sie wussten, was ich meinte, und als ich die Augen wieder offen hatte (das passiert immer in solchen Situationen, da sehe ich nichts mehr) gingen sie einfach zur Tagesordnung über und setzten die Unterhaltung fort.
Ich musste so tun, als wäre nichts geschehen und fragte mich, was die jetzt wohl über mich denken. Exakt dieselben Muster wie früher. Dieses emotionale Chaos.
Ich habe die Situation anschließend für mich analysiert, also wieso es mir hier und jetzt passiert war, und bin zu folgendem Schluss gekommen:
- Ich befand mich per se auf fremdem Terrain (es war seine Turnhalle)
- Ich empfand so etwas wie Bewunderung für diesen Menschen, d.h. ich fühlte mich unbedeutend und klein, obwohl ich versuchte den Anschein zu erwecken, ich fachsimpele mit ihm.
- Mir war bewusst, dass er im Verband ein langjähriger verdienter Kollege war und ich erst vor ca. 9 Jahren (aus einer anderen Region kommend) dazugestoßen war (obwohl wir im selben Alter sind)
Wie aber wäre ich emotional weniger angeschlagen aus der Nummer herausgekommen?
Ich glaube es hätte mich nicht glücklicher gemacht, wenn ich eine der Alternativen gewählt hätte. Aber wenn ich die Situation hätte kommentieren können mit Worten wie "ach ja, sowas passiert mir manchmal auch noch…" oder ich einfach nur geflucht hätte, dann hätte man klare Verhältnisse geschaffen. So kam ich mir einfach nur vor wie ein begossener Pudel.
Was ist, bin ich nun bekloppt oder bin ich nun bekloppt? :sex

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Re: Antizipation

Beitrag von paul.dest » 23. November 2013 12:34

Hallo Petra,
PetraS hat geschrieben:Was ist, bin ich nun bekloppt oder bin ich nun bekloppt? :sex
Du bist alles andere als bekloppt.

Bekloppt finde ich dagegen den Begriff "Antizipation". Zumindest in der von Dir beschriebenen Form, wie er in der Literatur gebraucht wird. Denn er schmeißt mehrere, zum Teil voneinander völlig unabhängige Vorgänge beim Stottern in einen Topf. Und trägt dadurch nichts zur Erhellung, sondern eher zur Verdunkelung bei.

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Re: Antizipation

Beitrag von PetraS » 23. November 2013 13:26

Zu welchen Teilen ich Feedback wünsche, weiß ich selber nicht. Aber dass ich Feedback wünsche, ist klar.
Einfach nur, weil es sich um eine Welt handelt, die niemand versteht außer IHR.
Ich habe diese Begebenheit, die so überhaupt nicht in meinen Alltag einer "dem Anschein nach" flüssig Sprechenden gehört, mal einigen meiner engen Freunde erzählt, die diese Facette von mir nicht kennen. Eben weil es mich emotional doch irgendwie berührt, weil in solchen Momenten die Situation über einem zusammenbricht und man sich nur schwer sammeln kann. Sie verstehen es nicht! Sie geben unqualifizierte Ratschläge, die ich nicht will.
Mir ist es zum Beispiel neulich in einem Telefonat mit einem Kollegen passiert, dass ich an einem "j" hängen geblieben bin. Und auch als ich erneut ansetzte, hing ich wieder. Dann habe ich mich selbst unterbrochen und sinngemäß gesagt "oh sorry, da musste ich mal stottern" (war nämlich eine Unterredung nicht auf Deutsch) und gut war's. Das hat mich weniger umgehauen als die Sache mit der "Landesturnschule".
Übrigens ist es für mich nach wie vor eine Herausforderung, "Landesturnschule" zu sagen. Es klappt mittlerweile, obwohl ich dabei die ersten Male nach dem Vorfall immer kurz hängen geblieben bin. Ich habe mich irgendwann mal so darauf konzentriert, dass ich da nach langem Aufschieben mit einigen Füllwörtern und einem Tunnelblick durch bin. Seitdem geht's. Aber ist doch irgendwie unnormal. Ich meine - passiert sowas einem Nicht-Stotterer?
Übrigens den Beitrag, den du angesprochen hast, habe ich gelesen - wenn auch nicht alle Antworten, weil es echt extrem viele waren. Aber super interessant!

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Re: Antizipation

Beitrag von Jaspis » 25. November 2013 13:47

PetraS hat geschrieben:Übrigens ist es für mich nach wie vor eine Herausforderung, "Landesturnschule" zu sagen.
Hallo Petra,
nein, Du bist nicht bekloppt! Oder wir sind es alle - und dann ist es ja nicht mehr schlimm. ;-)

Mir zeigt Dein Beispiel, dass Stottern auch immer ein körperliches Problem ist und bleibt, weil es einfach Wörter gibt, die man nicht oder nur sehr mühsam aussprechen kann. Es kann eine Besserung bei diesen speziellen Wörtern geben (bei mir ist es z.B. meine Berufsbezeichung), aber selbst wenn ich diese Wörter heute meistens flüssig aussprechen kann, merke ich selbst, dass es einer akrobatischen Übung in meinem Mund gleichkommt.

Also, "Landesturnschule" ist ein Wort, das genau in diese Kategorie bei mir reinfällt, schon beim Lesen merke ich, dass ich damit auch Schwierigkeiten habe.

Zum anderen zeigt mir Dein Beispiel, dass Stottern auch immer stark beeinflußbar ist und beeinflußbar bleiben wird von der ganz konkreten Gesprächssituation, von unserem emotionalen Befinden in ihr. Das hast Du sehr genau und gut beschrieben, ich konnte es förmlich mitfühlen, wie es Dir erging. Und ich kann Dir sagen, in so einer Situaion hätte es mich auch schwer "erwischen" können.

Als ich von Deinen Überlegungen zu einem Alternativwort las, war mir sofort klar, dass ich in so einer Situation zu einer Alternative gegriffen hätte. Nicht weil ich generell vermeide und nicht zu meinem Stottern stehen kann. Das habe ich in den letzten Jahren ganz gut gelernt und kann mein Stottern zeigen und darüber sprechen. Auch mit dem von Dir beschriebenen positiven Verflüssigungseffekt (der aber m.E. nicht ausreicht). Aber es gibt Situationen, in denen es mir wichtiger ist, mich emotional zu schützen als in dieser konkreten Situation an meinem Stottern zu arbeiten. Ich arbeite diese Situationen dann trotzdem für mich auf, ich kneife nicht vor dem inneren Eingeständnis, dass da Stottern war, das eigentlich bearbeitet gehört hätte. Aber ich habe für mich entschieden, dass es mir nicht immer gelingt und ich es auch nicht brauche, in jeder Situation alles zu regeln.

Aus meiner Sicht solltest Du dieses Erlebnis nun auf sich beruhen lassen, Du hast es ausgiebig analysiert und Dich nicht geschont. Wenn Du fragst "Wie aber wäre ich emotional weniger angeschlagen aus der Nummer herausgekommen?", würde ich Dir empfehlen zu überlegen "Wie käme ich im Moment/morgen/in nächster Zeit aus einer ähnlichen Nummer emotional weniger angeschlagen heraus?" Du kannst Dich nur um Dich selbst kümmern, was ist für Dich wichtiger in so einer Situation? Emotional weniger aus dem Gleichgewicht geraten oder 100% nicht vermeiden?

Gruß, Japsis!

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Re: Antizipation

Beitrag von paul.dest » 25. November 2013 20:41

Hallo Petra,

Hier etwas Feedback. Hoffentlich zu Aspekten, die Dich auch interessieren.
PetraS hat geschrieben:Dass man es Antizipation nennt, wenn man ein herannahendes Stotterereignis schon voraussieht, weiß ich aus der Literatur. Ich hätte es nur anders bezeichnet. Ich hätte Vorausahnen gesagt, oder noch besser: vorher wissen!
Ich hole mal etwas aus, von etwas weiter weg.

...

Was hat das Ganze mit dem Sprechen bzw. mit dem Stottern zu tun?
Das Sprechen ist ein Vorgang, den wir erlernen, bevor wir sprechen können. Logisch! Aber wir lernen das Sprechen nicht durch Erklärungen und Einsicht, sondern intuitiv - eine Kombination aus Nachahmung und erblicher Vorbestimmung. Kinder brauchen keine Erklärungen über Vorgänge im Sprechapparat: sie würden sie noch nicht verstehen. Daher brauchen wir als Erklärende auch keine Wörter für diese vielfältigen Körperempfindungen in unserem Atem-, Phonations- und Artikulationsapparat: zum Zeitpunkt des Spracherwerbs wären solche Wörter für unsere "Sprechschüler" nutzlos. Nach dem Spracherwerb sind solche Wörter für uns aber erst recht nutzlos: wir können schon sprechen, alles funktioniert wunderbar von allein. Warum sollten wir also ein Vokabular für unsere diesbezüglichen Empfindungen entwickeln?

Nur aber, weil es für eine ganz spezifische Empfindung oder ein Bündel von Empfindungen keine Wörter gibt, heißt es noch lange nicht, dass diese Empfindungen nicht existieren. Und in unserem Sprechapparat entstehen jede Menge von Empfindungen: schon allein der Atemapparat besteht - grob betrachtet - aus 2 Einatem- und 3 Ausatemmuskeln. Fünf Muskeln, deren aktuellen Spannungszustand wir also jederzeit empfinden! Empfindungen, die uns in der Regel nicht zu interessieren brauchen, weil das Atmen automatisch gesteuert wird. Viel subtiler wird es im Kehlkopf und darüber!

Und nun zum hörbaren Sprechen:
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Re: Antizipation

Beitrag von Torsten » 26. November 2013 14:16

Hallo Petra,

dein Bericht ist sehr anschaulich geschrieben – Du bist wirklich ein Sprachtalent. :) Und ich kenne dieses Vorausahnen/Vorauswissen von Stotterereignissen sehr gut aus eigener Erfahrung. Den Begriff „Antizipation“ ist im Deutschen ein Fachbegriff, im Englischen scheint „anticipation“ aber Teil der Umgangssprache zu sein mit Bedeutungen von „Vorahnung“ bis (geistige) „Vorwegnahme“. Ich finde das Wort im Zusammenhang mit Stottern durchaus passend. Ich denke, dass Stotter-Antizipationen sich vor allem aus Erfahrungen speisen: Meistens erwartet man Stottern bei Wörtern mit bestimmten Anfangslauten, bei denen früher häufig Stottern aufgetreten ist, außerdem bei besonders langen Wörtern, bei Wörtern, die irgendwie emotional erregend sind (z.B. die Pointe eines Witzes, aber auch Namen von Personen oder Dingen, die dem Sprecher emotional etwas bedeuten) so wie bei Wörtern, die für die Aussage entscheidend sind. „Landesturnschule“ ist ein langes Wort, es war das wichtigste Wort im Satz, und es könnte außerdem sein, dass es in dir als Trainerin irgendein Gefühl auslöst – also ein typischer Kandidat für eine Stotter-Antizipation.

Es ist schon seit den dreißiger Jahren bekannt, dass Stotter-Antizipationen und das Auftreten von Stotterereignissen eng verknüpft sind: Beim Lesen von Texten traten über 90 % aller Stotterereignisse nach Antizipationen auf, und umgekehrt trat in über 90 % der Fälle, in denen Stottern erwartet wurde, auch Stottern auf.

Was kann man dagegen tun? Möglichst wenig antizipieren, d.h. möglichst spontan sprechen, nicht vorausdenken, sondern die Gedanken beim Sprechen entwickeln, auch auf die Gefahr hin, sich mal zu verhaspeln. Edmund Stoiber kann uns ein leuchtendes Vorbild sein: Der Mann redet auch vor dem Mikrofon einfach drauflos, auf die Gefahr, sich hoffnungslos zu verheddern – aber er stottert kein bisschen. Vor dem Verhaspeln schützt man sich, in dem man an geeigneten Stellen im Satz, und natürlich zwischen Sätzen, Pausen lässt. So gibt man dem Gehirn Zeit für die (unbewussten!) Planungsprozesse beim spontanen Sprechen. Spontanes Sprechen erfordert natürlich Mut in Situationen, in denen man sich unterlegen fühlt und sich nicht blamieren will – beim Reden mit Vorgesetzten, mit Leuten, die man bewundert. oder vor größeren Gruppen. Gerade als Stotterer neigen wir dann dazu, unsere Sätze bewusst zu planen – die beste Voraussetzung für Stotter-Antizipationen.

Wenn die Antizipation aber einmal da ist – wenn plötzlich der Gedanke aufblitzt, das Wort „Landesturnschule“ werde ich nicht herausbekommen – was dann? Hab keine Angst und richte die Aufmerksamkeit auf das Wort davor: „Seid ihr jetzt öfter in DER Landesturnschule?“ Sprich das „der“ deutlich bis zum Ende (ohne es übertrieben zu betonen) und höre auf dieses Wort – bleibe mit der Aufmerksamkeit auf „der“, bist du gehört hast, dass es zuendegesprochen ist – und erst dann sprich das nächste Wort. Versuche aber nicht, das „der“ als eine Art Anlauf zu benutzen – auch das hätte nur zur Folge, dass die Aufmerksamkeit schon bei „Landes …“ ist, während du noch beim Sprechen von „der“ bist.

Man kann so etwas auch im lauten Selbstgespräch üben. Dir fallen bestimmt Wörter ein, von denen du annimmst, dass da in einem Gespräch eine Stotter-Antizipation auftreten würde. Bilde Sätze mit solchen Wörtern und achte dabei auf das Wort davor – oder, wenn der Satz mit dem gefürchteten Wort beginnt, atme vor dem Sprechen kurz ein und achte auf das Ende des Einatemvorgangs. Entscheidend ist, dass während des Sprechens die Aufmerksamkeit nicht vorauseilt. Wenn du wirklich überlegen musst, wie du weiterreden willst, dann mach eine Denkpause, atme vor dem Weiterreden kurz ein, spüre das Ende des Einatemvorgangs und sprich erst dann weiter! Und lausche, während du sprichst, deiner Stimme und deinen Worten - das ist der beste Schutz vor Antizipationen.
Gruß

Torsten
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Re: Antizipation

Beitrag von PetraS » 26. November 2013 19:05

Liebe Leute, vor allem Paul und Torsten,
ich danke euch herzlich für die tollen Feedbacks. Und ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass ich dass Problem oder auch nicht Problem habe, von den meisten meiner Mitmenschen als Normalsprecher wahrgenommen zu werden, obwohl ich eine ziemlich klassische Stottergeschichte mit allem Schnickschnack, habe, die mir sehr, sehr bewusst ist. Wenn ich genau drauf gucke, habe ich jeden Tag low-level-Stotterereignisse, die den meisten nicht auffallen, nur mir.
Aber: sie stören mich nicht wirklich, weil sie mir nur bestätigen, dass ich immer noch ich bin und ich eigentlich mit mir sehr zufrieden bin. Denn ich habe irgendwann mit 16 Jahren beschlossen, dass ich mich nicht mehr darüber ärgern will und mich schon gar nicht dadurch von meinem Konzept abbringen lasse.
Und so habe ich alles ausprobiert, wozu ich mich früher nie getraut hatte. Ich hatte in der Schule nicht an der Theater-AG teilgenommen, weil ich Angst hatte, auf der Bühne zu stottern… In einem Gerichtssaal den Mund aufzumachen war für mich undenkbar, weil ich schon im Französischunterricht nicht IL sagen konnte, und jeder zweite-dritte Satz fing damit an…
Aber ich hatte unendlich viel Spaß am Sprachenlernen, und so habe ich exotische Sprachen gelernt (übrigens autodidaktisch, warum ist mir erst später klar geworden :D ). Und ich weiß noch sehr bewusst, dass ich auch beim Erlernen fremder Laute immer die stille Hoffnung in mir trug, es handele sich um neue Artikulationsstellen, die unvorbelastet sind.
Heute bin ich eine der wenigen Deutschen, die richtig gut (auf muttersprachlichem Niveau) Türkisch kann und fast ebenso gut Kurdisch. (Übrigens die 3 Broschüren der BVSS - AOK übers Stottern habe ich ins Türkische übersetzt) Das sind meine sprachlichen Ausnahmequalitäten, die bei den meisten solche Bewunderung hervorrufen, dass ich geradezu damit kokettiere, dass meine eigentliche Herkunft das Stottern ist. Und dazu stehe ich! (Wenn ich jetzt hier erklären würde, wie es zu dem Sinneswandel um 180 Grad kam, würde das den Rahmen sprengen)
Wenn ich zum Beispiel bei Konferenzen dolmetsche, befinde ich mich in einer Position, die über allen anderen steht. Also für mich weitestgehend ungefährlich. Außerdem produziert man keine Sprache, sondern man reproduziert sie. Mir ist es in meiner ganzen Laufbahn erst einmal passiert, dass ich richtig verzweifelt hängen geblieben bin (Kleinigkeiten zähle ich nicht) übrigens eine Situation bei Gericht, die ich nicht antizipiert hatte, wobei ich mir erst im Wort (einer Endlosschleife aus sch…) überlegt habe, ob es Alternativen gibt. Ich fand keine.
Wie gesagt, ich habe so ziemlich alles ausprobiert. Ich habe an einer Fernseh-Talkshow auf Kurdisch teilgenommen - und habe dabei einmal gestottert, sodass mich sogar mein Mann darauf angesprochen hat. Ich habe ein 30-minütiges Fernsehinterview auf Kurdisch gegeben und bin nicht einmal hängen geblieben.
Bei allen Experimenten, die ich gemacht habe, habe ich jedoch stets festgestellt, es ist nie ganz weg, auch wenn es manchmal lange Zeit im Verborgenen bleibt. Aber gerade weil ich so entschlossen bin, wundert es mich dann wie in dem Fall mit dieser Landesturnschule, wie einen doch die emotionale Dimension einholen kann, wie alte Muster hervorbrechen, die man längst abgehakt geglaubt hatte.
In dem Sinne euch einen schönen Abend und Danke §dup

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Re: Antizipation

Beitrag von paul.dest » 26. November 2013 20:29

Torsten hat geschrieben:Edmund Stoiber kann uns ein leuchtendes Vorbild sein...
Da würde ich mich aber schwer vor hüten! ;-)
Ich bin ja eh der Meinung, dass der Mann an einer Art von Sprachplanungsstörung leidet, quasi "Gedankenpoltern".

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Re: Antizipation

Beitrag von PetraS » 26. November 2013 21:29

Schau mal in:
www.konferenzdolmetscher-tuerkisch.de (com geht auch)

Ich mache es angeblich, in Wirklichkeit aber drücke ich mich stets davor. Bin ein paarmal auf den Bauch gefallen, nicht weil ich irgendwo hängen geblieben wäre, sondern weil ich thematisch nicht mitkam. Meine beiden Kollegen sind super und trauen sich alles.
Ich gehe gerne mit Delegationen mit und manage auch den gesamten Gesprächsablauf (z.B. für die Konrad-Adenauer-Stiftung - übrigens auch so'n Wort, wo ich lieber Friedrich-Ebert-Stifung sagen würde, weil das K immer eine Viertelsekunde später kommt als ich es plane…)
Dann dolmetsche ich simultan vom Deutschen ins Türkische und zurück konsekutiv, weil die beiden Sprachen so wenig kompatibel sind.
Ich glaube, dass Stottern eine gute Schule fürs Übersetzen ist, weil man sich enorm früh mit den semantischen Nuancen von Begrifflichkeiten auseinandersetzen muss - wie beim Übersetzen. Ich habe zum Beispiel als Kind nie gesagt "ich spreche" sondern "ich rede", weil ich mich nicht für würdig befunden habe, das was ich produziere als "sprechen" zu bezeichnen. Ich habe die beiden Wörter nicht als synonym empfunden.
Auf der ständigen Suche nach Synonymen erspürt man erst die feinen Unterschiede zwischen Begriffen, die einem Normalsprecher oft abgehen.
Wie wenig sensibel die sind, sehe ich immer wieder, wenn ich die Klausuren durchsehe, die all die Möchte-Gern-Übersetzer ablegen, um das Zertifikat "staatlich geprüfter Übersetzer" zu erhalten. Die Durchfallquote liegt bei geschätzten 80%.
So on… :tanz:

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Re: Antizipation

Beitrag von paul.dest » 26. November 2013 21:49

PetraS hat geschrieben:Ich mache es angeblich, in Wirklichkeit aber drücke ich mich stets davor. Bin ein paarmal auf den Bauch gefallen, nicht weil ich irgendwo hängen geblieben wäre, sondern weil ich thematisch nicht mitkam...
Hm. Ich schließe daraus, dass Du zumindest ein paar Stunden Erfahrung im Simultandolmetschen hast, richtig?
Irgendwas, was Dir dabei aufgefallen wäre? Hinsichtlich Deines Stotterns?
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Re: Antizipation

Beitrag von PetraS » 26. November 2013 21:58

Ich habe nur zweimal in der Anlage gedolmetscht, anschließend nur noch mit Mikro oder frei sprechend. Ich lasse mich völlig fallen in solchen Situationen, mir ist alles egal, nur der Inhalt zählt.
Ich hab schon mal ein paar Repetitionen, die stören aber niemanden
Ich weiß worauf du hinauswillst, nämlich Kopfhörer und Mikro…
Dafür habe ich zu wenig Erfahrung. :wink:

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Re: Antizipation

Beitrag von paul.dest » 26. November 2013 22:08

...
PetraS hat geschrieben:Ich weiß worauf du hinauswillst, nämlich Kopfhörer und Mikro…
Falsch getippt. Schau hier Simultanübersetzung: gleicher Effekt? und hier Re: Simultanübersetzung: gleicher Effekt?

Keine weiteren Fragen. Ihre Zeugin! ;-)

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Re: Antizipation

Beitrag von PetraS » 27. November 2013 21:12

Muss mir das in Ruhe ansehen, um in Ruhe zu antworten.
Es brennt mir unter den Fingernägeln, aber ich bin im Stress… :roll:

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Re: Antizipation

Beitrag von PetraS » 28. November 2013 20:55

Also Euer Ehren… :D
jetzt versuche ich das mal mit dem Zitieren, weiß aber nicht, ob's gelingt...
paul.dest hat geschrieben:Wo wir gerade bei Fachbegriffen sind. Auch dafür gibt es einen: "subvocal block" - damit wird ein Sprechereignis bezeichnet, bei dem die Äußerung zwar hörbar flüssig erfolgt, aber physiologisch abnormal - der Aktivierungs- und Bewegungsablauf der Atem-, Larynx- und Artikulatorenmuskulatur ist von dem eines Normalsprechers abweichend. Jetzt hast Du auch für Dein "Nicht-Problem" einen Namen!
Okay also… Kann das sein, dass mit dieser Fachsimpelei der Part gemeint ist, den ich einmal für mich wie folgt beschrieben habe:
"Oft aber auch sprach ich schnell, wenn die erste Silbe im Satz trotz Sprechintention später losbrach als in der konkreten sprachlichen Zeitplanung vorgesehen. Die nachfolgenden Silben und Wörter wurden dann mit herauskatapultiert, und es kam regelrecht zu „Auffahrunfällen“ der einzelnen Laute…"

Wow, wenn es so ist, dann habe ich also doch keine Gespenster gesehen…
Kann man so etwas messen? Würde mich echt interessieren!

Und was Repetitionen angeht...
paul.dest hat geschrieben:Mensch, Petra, jetzt vergiss doch mal das "Stören" oder "Gestört sein": leichtes Stottern hat in meinem Leben noch nie jemanden gestört!
In deinem Leben vielleicht, aber das hängt sicher davon ab, wie man konditioniert wurde.
Da für mich bis zum Ende meiner Pubertät Repetitionen der Inbegriff des Stottern und somit der Inbegriff allen Übels war, gab es für mich nichts Niederschmetterndes als das Wiederholen irgendeines Lautes. Schon wenn mir mal ein "w-wenn" herausrutschte, trieb es mir die Schamesröte ins Gesicht. Ich habe lieber abgebrochen und äh äh gesagt, wenn sich so etwas ankündigte. Dann neu Ansetzen und nur mit einem Anlaut weiter, wenn es ging...
Zu stottern war ebenso tabu wie das Wort stottern, das ich mir nicht einmal traute zu denken, geschweige denn auszusprechen. Und das, obwohl ich tausend Fragen dazu hatte. Aber die zu stellen hätten für mich das Eingestehen einer Schwäche bedeutet, und das konnte ich vor meinen Eltern nicht und folglich auch vor niemand anders.

Als ich einmal mit dem Nicht-Sagen-Können des Wortes IL den ganzen Französischunterricht gesprengt habe, fühlte ich mich im Anschluss gezwungen, eine Rechtfertigung der Lehrerin gegenüber auszusprechen. Ich habe es nicht fertig gebracht zu sagen, dass das an meinem Stottern liegt, obwohl ich darüber nachgedacht habe. Als ich bei ihr war, habe ich nur herumgedruckst. Soviel zum Thema Tabuisierung…

Übrigens war meine Grundsymptomatik in der Terminologie der 60/70'er Jahre auch "tonisch gemischt" (Zitat mein 'Sprachheillehrer' als ich 6 war), was immer damit gemeint war. Ich meine "tonisch" ist mir natürlich klar, aber was meinte der mit "gemischt"? Also doch wieder Repetitionen? Oder gehörten die Begriffe eng zusammen? Kennt sich jemand damit aus?
Wie schon mal an anderer Stelle erwähnt, wenn es nach meiner Mutter ging, habe ich nie gestottert, nur "die Wörter nicht richtig rausgekriegt", und für meinen Vater hatte ich "Ladehemmungen beim Sprechen". Woher hatte ich wohl diese unsägliche Angst vor dem Wort Stottern?

Es lebe Van Riper, weil er das Stottern "legalisiert" hat!
PetraS hat geschrieben:Wenn ich zum Beispiel bei Konferenzen dolmetsche...
Nun zurück zum Simultandolmetschen. Wie gesagt, ich dolmetsche meistens ohne Anlage simultan ins Türkische, also dem Anschein nach genau wie in dem beschriebenen Beispiel nur umgekehrt. Ich habe immer festgestellt, dass es enorm flüssig funktioniert, habe es aber immer damit verbunden, dass ich das Gefühl habe (wie zuvor bereits erwähnt), ich REproduziere nur die Sprache, ich produziere sie nicht. Also keine wirklich eigene Denkleistung im Sinne einer Formulierung, allerdings auch keine Ausweichmöglichkeit, denn ein Anderer hat die Satzstruktur bereits vorgegeben.
Dazu kommt, dass ich manchmal - nicht immer - im Türkischen flüssiger bin als im Deutschen, habe das aber auch immer auf meine Position geschoben, nämlich mit ein wenig Arroganz über den Dingen zu stehen. (Nach dem Motto, ich bin hier die, die alles kann, alles weiß…)
Was anderes ist schon, wenn ich als Touristin an der Rezeption eines Hotels nach den Taxis frage, da bin ich das letzte Mal im Urlaub megamäßig hängen geblieben…
Auch bei meiner letzten Delegation aus der Türkei, die ich eine Woche lang begleitet habe, habe ich am Ende im Smalltalk öfter mal gestottert, aber nicht einmal während der gesamten Vorträge...

Ich stelle fest, dass diese Diskussion für mich enorm erhellend ist. Und es macht mich unendlich viel reicher, diese Erkenntnisse mit euch zu teilen.
Nur zu, bin gespannt auf ANTWORTEN!
Sonst kommen wir jetzt zum Kreuzverhör...

Liebe Grüße
Petra

transit
nicht mehr wegzudenken
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Re: Antizipation

Beitrag von transit » 29. November 2013 12:43

Hallo Petra,

zu deinem ersten Beitrag dieses Threads :


1.
Muster-Erkennung kann mE zu solchen von dir beschriebenen - für dich sonst aktuell unverhältnismäßig starken - Sprech-Blockaden führen.
Muster-Erkennung - Thalamus - so schnell, dass es uns nicht bewusst ist - und so umfassend bzgl unserer (Kindheits-) Entwicklung, dass uns die Verknüpfungen zu Erlebtem von Situationen als gleich erkannten Musters nicht bewusst sind - da erlebte Situation und dazugehörige Emotion nicht ausreichend zusammen verarbeitet, integriert wurden, falls dies "zu einem Zeitpkt x notwendig war".
Die Emotion (zBsp. Angst) - oder der dazugehörige Abwehr-Mechanismus - muss - zBsp. in dem von dir beschriebenen Fall - nichts mit dem Wort oder dem Buchstaben zu tun haben, es könnte auch "Etwas" ("Muster") der Person, des Themas, der Umgebung sein - so beschreibst du es ja auch.
Auch daran kann man erfolgreich arbeiten.
Meine eigene Erfahrung.


2.
Wortwörtliches Verstehen von Sprache steht mMn nicht im direkten Zusammenhang mit "Stottern", kann jedoch zu Irritationen in der sprachl.Interaktion führen.

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