Stottern und Mehrsprachigkeit

Erfahrungen, Alltagserlebnisse, Beruf, Freundschaft, Vorstellungen der Forumsteilnehmer...
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PetraS
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Stottern und Mehrsprachigkeit

Beitrag von PetraS » 9. Januar 2014 11:02

Schon länger trage ich mich mit dem Gedanken, zu dem obigen Thema einen Thread (Hinweis an Paul: ich weiß auch jetzt, wie man das ausspricht, weil ich eine Aufnahme von dir nochmals gehört habe… :D ) aufzumachen. Allerdings ist das Thema so facettenreich, dass ich nicht wusste, wie und wo ich es anfangen soll. Nun jedoch hat mir die Realität eine gute Gelegenheit zugespielt, mit der ich dieses Thema einleiten kann.
Vorweggenommen: ich gehe davon aus, dass wir uns einig sind, dass wenn man stottert, man es durchgängig in allen uns bekannten Sprachen tut. Dafür brauche ich keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, auch wenn es die zu Hauf gibt, das habe ich bei meinen allerersten Versuchen, Fremdsprachen in freier Wildbahn zu sprechen, sofort mit dem Holzhammer zu spüren bekommen.
Zweitens: bei meiner Definition von Mehrsprachigkeit meine ich JEDE Form von Mehrsprachigkeit, also nicht nur die mehrsprachige Lebensrealität oder eine bilinguale Erziehung, sondern ebenso das nachträglich durch Auslandsaufenthalte aufgepeppte Schulenglisch oder den Erwerb irgendwelcher anderen Sprachen, die man dann in sein Leben integriert hat.

Nun zu meiner interessanten Beobachtung: Ich unterhielt mich letztens mit meiner Tochter und ihrer Freundin und wollte das Wort "professionell" benutzen, als ich kurz davor ein ganz starkes Gefühl hatte, dass das aber jetzt in die Hose gehen würde. Ich weiß auch nicht mehr genau, was ich gemacht habe, wenn ich mich recht erinnere, habe ich es irgendwie durch Einschub von Füllwörtern aufgeschoben und dann irgendwie gesagt, ich hatte jedoch anschließend das Gefühl: huch, das hatte ich bei dem Wort ja noch nie. Es ergab sich im Zusammenhang mit demselben Thema, dass ich das Wort schon einen oder wenige Tage später zu anderen Personen noch mal sagen musste und: wieder dieselbe Empfindung, wieder irgendwelche automatisierten Maßnahmen.
Ich hatte es fast schon wieder vergessen, als ich mich einige Tage später auf dem Weg zu einem Gerichtstermin mit meinem Kollegen in Türkisch unterhielt. Diesmal ging es um Berufsrichter (eben Professionelle) und Schöffen. Ich sagte das Wort professionell (profesyonel) auf Türkisch und - nichts, alles wunderbar. Und das - muss ich dazu sagen - obwohl ich seit dem Zusammentreffen mit meinem Kollegen am Morgen schon mehrfach gestottert hatte.
Nun war ich hellhörig geworden und dachte mir, das muss ich noch mal ausprobieren. Ich habe dann am nächsten Tag bei meiner deutschen Freundin das Thema mit meiner Tochter noch einmal erörtert und - wieder dieses starke Gefühl, wieder konnte ich das Wort nicht richtig sagen.
Nun stellt sich mir die Frage, was - außer der etwas anderen Aussprache - an dem Wort im Deutschen anders ist als im Türkischen. Es ist in beiden Sprachen ein Fremdwort, das jedoch dieselbe Lautkonstellation aufweist (abgesehen von der Tatsache, dass im Türkischen das /r/ als Zungen-r gebildet wird und ich im Deutschen das Zäpfchen-r benutze).

Schon länger mache ich mir Gedanken darüber, was ist anders am Stottern in der einen wie in der anderen Sprache. Denn es ist nicht identisch, das weiß ich.
Deutsch ist meine Muttersprache, und wenn ich eine eigene Einschätzung meiner Kompetenz vornehmen sollte, würde ich sagen: ich beherrsche es zu 98%.
2% Abweichung halte ich für realistisch, vielleicht sind es auch 3 oder 4, das sehe ich immer dann, wenn ich einem medizinischen Gutachten folgen und es dann übersetzen soll, wenn ich einen Notarvertrag vorliegen habe oder wenn Paul sich mit djub über Statistiken unterhält :shock: und ich nur Bahnhof verstehe.
Türkisch habe ich als Fremd- nicht als Zweitsprache im Alter von 15 Jahren erworben, ich spreche es seit 35 Jahren und würde mir nach eigener Einschätzung eine Kompetenz von 92-95% zugestehen. Die fehlenden Prozente betreffen Themen, mit denen ich selten zu tun habe, islamische Exegese, bestimmte technische Begriffe etc.

Berufsbedingt habe ich täglich mit beiden Sprachen zu tun und halte mich sprachlich für up-to-date. Dennoch gibt es Unterschiede in beiden Sprachen bezogen auf Stotterhäufigkeit und -auslöser.
- Generell kann ich konstatieren, dass es im Deutschen viel mehr Wörter gibt, bei denen ich spontan sagen könnte, sie bereiten mir aufgrund der Lautkonstellation Schwierigkeiten und unterbrechen meinen Redefluss mitten im Satz, weil ich irgendwelche Maßnahmen ergreifen muss.
- Ich habe mal das Türkische auf solche Wörter abgeklopft und komme auf nur wenige Wörter, die mir allein von der Lautkonstellation her Probleme bereiten würden, und die wenigen, auf die ich komme, sind im Türkischen Lehnwörter aus anderen Sprachen. Nur eine grammatikalische Form ist mir von Anfang an als stotteranfällig aufgefallen (gitmememiz gerekir), und ich bin letztens Zeuge geworden, wie sich selbst mein muttersprachlicher nicht stotternder Kollege fürchterlich darin verheddert hat.
- Dennoch habe ich im Deutschen viel seltener das Gefühl, dass sich mir kleine, diffuse Sprechhindernisse in den Weg stellen, die da sind, aber nicht hörbar werden (das habe ich häufiger am Telefon oder wenn ich Smalltalk mit Unbekannten führe)
- Diese Hindernisse spüre ich im Türkischen viel häufiger auch während der Kommunikation mit Bekannten oder Kollegen, allerdings kaum beim Dolmetschen
- Im Deutschen sind es bestimmte Anlaute, bei denen ich meine Konzentration erhöhen muss, um nicht ins Stottern zu kommen (was auch situationsbedingt stark variiert)
- Im Türkischen (und das ist mir bei allen anderen Sprachen, die ich im Leben gelernt habe, ebenso aufgefallen), sind die anfälligsten Anlaute die nicht muttersprachlichen Laute (also z.B. Zungen-r als Anlaut oder im Englischen und Kurdischen bilabiales /w/); ansonsten sind es dieselben Anlaute wie im Deutschen, allerdings durch die andere Häufigkeit in der Alltagssprache auch in einer anderen Häufigkeit (z.B. gibt es im Türkischen wenige Wörter mit /n/ als Anlaut außer Fragewörter, während es im Deutschen Häufungen einsilbiger Wörter auf /n/ wie "nur noch nicht" gibt, die bei mir leicht aus dem Ruder geraten

- Im Deutschen ist es mir - ehrlich gesagt - egal, wie ich rede, weil eigentlich niemand an meiner sprachlichen Kompetenz zweifelt und jeder wissen müsste, dass wenn ich Kuddelmuddel produziere, das NICHT mit meiner mangelnden sprachlichen Kompetenz zu tun hat, sondern allenfalls mit Stottern
- Im Türkischen ist es mir eigentlich nicht so egal, wie ich rede, weil ich immer wieder beweisen muss, dass ich sprachlich kompetent bin und ich eigentlich kein Kuddelmuddel produzieren möchte, weil die meisten es dann auf meine mangelnde sprachliche Kompetenz schieben würden und nicht auf Stottern

Dass ich hier Türkisch als Sprache angeführt habe, ist nur exemplarisch, auch wenn ich mir wünschte, dass sich auch Leute mit türkischem "Migrationshintergrund" :wink: in diese Debatte einklinken würden.
Ich würde mich aber auch freuen, wenn Leute mit irgendwie anders gearteter Mehrsprachigkeit mal Äußerungen zu ihren Empfindungen und Einschätzungen vornehmen würden. Es ist noch lange nicht alles gesagt, aber so etwas könnte sich ja aus einer Diskussion entwickeln!
Also geht mal in euch und äußert euch! §dup

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Re: Stottern und Mehrsprachigkeit

Beitrag von paul.dest » 21. Januar 2014 23:18

Hallo Petra,
PetraS hat geschrieben:Nun stellt sich mir die Frage, was - außer der etwas anderen Aussprache - an dem Wort im Deutschen anders ist als im Türkischen. Es ist in beiden Sprachen ein Fremdwort, das jedoch dieselbe Lautkonstellation aufweist (abgesehen von der Tatsache, dass im Türkischen das /r/ als Zungen-r gebildet wird und ich im Deutschen das Zäpfchen-r benutze).
Nachdem Du in der Frage den Unterschied in der Aussprache ausgeschlossen hast, ist mir nicht klar, auf welche Art von Unterschieden Deine Frage abzielt.

Ich denke, dass in vielen Fällen nicht das Wort allein und isoliert für das Eintreten eines Stottereignisses ausschlaggebend ist. Ich mutmaße mal, dass auch die konkrete prosodische Ausführung - welche Intonation und Rhythmus, wie in die Intonation und den Rhythmus der umgebenden Wörter eingebettet, welches Tempo - in vielen Fällen eine Rolle spielt. Vielleicht ist es sogar das wortunabhängige Prosodie-Muster, welches stotterkritische Stellen "anbietet". Wenn dann ein stotteranfälliger Lautübergang sich an der stotterkritischen Stelle wiederfindet, tritt das Stottern auf. Das nur als anschauliche Mutmaßung.

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Re: Stottern und Mehrsprachigkeit

Beitrag von PetraS » 22. Januar 2014 21:00

Hallo Paul,

ich bin froh, dass hier endlich jemand was sagt, weil ich mir schon bescheuert vorkam, überhaupt so eine Frage gestellt zu haben.
Nein, aber dieses Thema beobachte ich seit frühester Jugend, immer wenn ich im mehrsprachigen Bereich mit stotternden Leuten zu tun habe, und bei den meisten sind mir, die ich die Leute in beiden Sprachen erlebt habt, Unterschiede aufgefallen - nur konnte ich sie damals nicht fragen, weil man halt nicht drüber geredet hat.

Was meine konkrete Frage angeht:
paul.dest hat geschrieben:Ich denke, dass in vielen Fällen nicht das Wort allein und isoliert für das Eintreten eines Stottereignisses ausschlaggebend ist. Ich mutmaße mal, dass auch die konkrete prosodische Ausführung - welche Intonation und Rhythmus, wie in die Intonation und den Rhythmus der umgebenden Wörter eingebettet, welches Tempo - in vielen Fällen eine Rolle spielt. Vielleicht ist es sogar das wortunabhängige Prosodie-Muster, welches stotterkritische Stellen "anbietet". Wenn dann ein stotteranfälliger Lautübergang sich an der stotterkritischen Stelle wiederfindet, tritt das Stottern auf. Das nur als anschauliche Mutmaßung.
Ich glaube, mit dieser These liegst du nahe der Überlegung, die ich mir auch gemacht hatte. Es als artikulatorisches Grundsetting einer Sprache zu bezeichnen, war mir schon durch den Kopf gegangen. Es gibt eine andere artikulatorische Grundeinstellung und andere prosodische Merkmale, wenn man türkisch redet.
Das schützt mich aber nicht davor, dass ich mich öfter mal in /j/-Anlauten aufhänge, was mir im Deutschen so nie passiert. Da habe ich auch schon mal Probleme mit dem /j/-Anlaut, ich gerate aber in aller Regel nicht in Repetitionen. Aber ich denke auch, das türkische /j/ ist anders als das Deutsche, es hat viel weniger Reibung, also eher in der Ausführung ein Halbvokal.
Im Türkischen hat mich noch nie ein intervokalisches /l/ aus dem Rhythmus geworfen (anlautende gibt es kaum), was mir im Deutschen häufig passiert…
Aber das werden jetzt zu viele phonetische Details, die ich noch viel weiter ausführen könnte, was aber zu komplex würde.
paul.dest hat geschrieben:Noch eine größere Rolle spielt wahrscheinlich, wie stark man das Sprechen hörüberwacht. Ich habe an mir schon manchmal die Erfahrung gemacht und mache sie in den letzten Tagen wieder, dass ich manche Sprechpassagen, die ich (in echten Dialogsituationen) stotterfrei ausgesprochen habe, unmittelbar danach nicht stotterfrei wiederholen kann. Die Absicht des Wiederholens - so meine Vermutung - führt zu stärker auditiv-überwachten Sprechsteuerung.
Das kann ich nachvollziehen. Manchmal stolpere ich im Redefluss über ein Wort, das ich völlig locker dahinrede und im Moment des (flüssigen) Aussprechens aber aussprachetechnisch schwierig finde, zum Beispiel "politisch", um mich dann beim nächsten Mal, wenn es mir wieder über den Weg läuft, so zu überwachen, dass ich mich schon am "p" verkrampfe und dann eine völlig verzerrte Aussprache dabei rauskommt.
PetraS hat geschrieben:Nur eine grammatikalische Form ist mir von Anfang an als stotteranfällig aufgefallen (gitmememiz gerekir), und ich bin letztens Zeuge geworden, wie sich selbst mein muttersprachlicher nicht stotternder Kollege fürchterlich darin verheddert hat.
paul.dest hat geschrieben:Stotter- oder verhedderanfällig?
Für jedermann vielleicht verhedderanfällig, was ich nicht beurteilen kann. Anscheinend ja, sonst hätte er sich ja nicht verheddert.
Bei mir wiederum ist es so, dass ich bei solch einer Aufreihung von gleichen Anlauten an aufeinanderfolgenden Silben das Gefühl habe, ich kann das nicht vernünftig aneinanderreihen. Und das ist veränderbar, das heißt situationsabhängig, ob ich es hinkriege oder nicht.
Ist das dann nur verheddern? Ich bin jedenfalls nicht locker dabei und kann dann diese Silben auch nicht locker sagen. Ist wie ein vorausschauendes Stottergefühl und das von dem ersten Tag an, als ich diese Form kennengelernt hatte. (Ich muss dazu sagen, dass auch nur die erste Silbe betont ist und alle mit /m/ anlautenden Silben gleichmäßig unbetont sind.)

Ich glaube jedenfalls, dass die unterschiedliche Häufigkeit von Stotterereignissen in unterschiedlichen Sprachen im allgemeinen damit zu tun hat, wie "sicher" man in einer Sprache ist (das habe ich auch so in der Literatur wiedergefunden). Es kommt bei der Sprache, in der man weniger routiniert ist, ja dazu, dass man weniger Ausweichmöglichkeiten hat, nicht so schnell umdisponieren kann u.ä., und darum schleichen sich wiederum mehr Stotterereignisse ein.

Aber es spielt ja auch eine Rolle, welchen Eindruck man machen will. Was jeder kennt: will ich mich besonders gut präsentieren, stottere ich mehr - wie meistens, wenn man einen guten Eindruck machen will, aufgeregt ist, irgendwo neu ist o.ä.

Wieso habe ich letztens in einem Handyladen mit dem türkischen Verkäufer während eines nicht mal dreiminütigen Gesprächs gleich 4-5 Mal gestottert? Frage ich mich jetzt, aber vielleicht beschäftige ich mich einfach viel zu viel damit und sollte einfach an was anderes denken :roll:

Viele Grüße,
Petra

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Re: Stottern und Mehrsprachigkeit

Beitrag von PetraS » 24. Januar 2014 20:23

Hallo Paul,
paul.dest hat geschrieben: Ich habe nie einen Unterschied in meinem Stottern zwischen Deutsch, Russisch, Englisch oder Französisch festgestellt. Zumindest keinen, den ich auf die eine oder andere Sprache zurückführen würde.
Wenn ich mir das noch mal reiflich überlege: du hast natürlich Recht.
Ich glaube, ich habe mal wieder Äpfel mit Birnen verglichen. Natürlich mag in diesem Einzelfall die Prosodie oder der Rhythmus entscheidend dafür sein, dass mir der Begriff im Türkischen leichter fiel als im Deutschen, obwohl er scheinbar so gleich ist. Nenn es meinetwegen auch die artikulatorische Grundeinstellung.

Alles andere sind MEINE persönlichen Eitelkeiten, mein gottverdammter Perfektionismus und nichts Anderes :(
Damit hat sich das wohl erledigt.

Schönen Abend
Petra

paul.dest
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Re: Stottern und Mehrsprachigkeit

Beitrag von paul.dest » 1. Februar 2014 22:53

Hallo Petra,

Zu "gitmememiz gerekir":
PetraS hat geschrieben:Bei mir wiederum ist es so, dass ich bei solch einer Aufreihung von gleichen Anlauten an aufeinanderfolgenden Silben das Gefühl habe, ich kann das nicht vernünftig aneinanderreihen. Und das ist veränderbar, das heißt situationsabhängig, ob ich es hinkriege oder nicht.
Ist das dann nur verheddern?
Solange Du dabei kein Sprechhindernis verspürst, sondern lediglich die augeblickliche Unfähigkeit, die Silben in korrekter Anzahl und Abfolge aufeinanderzureihen, würde ich das als Verheddern und nicht als Stottern einstufen. Ich habe sowas öfter bei dem Wort "Halluzinationen". In einem Gespräch konnte ich neulich bei einem meiner (nicht stotternden) Gesprächspartner den wiederkehrenden Verhedderer beim Wort "Mitsubishi" beobachten: er machte daraus wiederholt "Mitsubisi", versuchte sich zu korrigieren, wobei jedoch beim ersten Korrekturanlauf häufig "Mitschubischi" herauskam - das ganze Spiel drei Mal innerhalb von 10 Minunten. Hier auch ein (Dir bereits bekanntes) Beispiel eines Verhedderers beim Wort "rassistischen" in der Tagesschau: Verheddern in der Tagesschau (3:05)
PetraS hat geschrieben:Ich bin jedenfalls nicht locker dabei und kann dann diese Silben auch nicht locker sagen.
Vielleicht ist der von Dir beschriebene Fall aber doch Stottern. Kommt darauf an, was Du hier mit "nicht locker" meinst. Spürst Du beim Sprechen von "gitmememiz gerekir" irgendwelche muskuläre Anstrengung? Hast Du das Gefühl, dass Du eine Art Hindernis mit Kraft überwinden musst?

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Re: Stottern und Mehrsprachigkeit

Beitrag von PetraS » 2. Februar 2014 16:34

Hallo Paul,
sehr interessante Überlegungen und spannende Analysen...
Nun also noch mal zurück zu dem bescheuerten "gitmememiz gerekir"
paul.dest hat geschrieben: Zu "gitmememiz gerekir":
PetraS hat geschrieben:Bei mir wiederum ist es so, dass ich bei solch einer Aufreihung von gleichen Anlauten an aufeinanderfolgenden Silben das Gefühl habe, ich kann das nicht vernünftig aneinanderreihen. Und das ist veränderbar, das heißt situationsabhängig, ob ich es hinkriege oder nicht.
Ist das dann nur verheddern?
Solange Du dabei kein Sprechhindernis verspürst, sondern lediglich die augeblickliche Unfähigkeit, die Silben in korrekter Anzahl und Abfolge aufeinanderzureihen, würde ich das als Verheddern und nicht als Stottern einstufen.
Ich werde mir nächste Woche all meine Kolleginnen und Kollegen greifen und sie das Wort (eingebettet in einen Satz) fünfmal nacheinander sagen lassen und gucken, was dabei herauskommt. :)
PetraS hat geschrieben:Ich bin jedenfalls nicht locker dabei und kann dann diese Silben auch nicht locker sagen.
paul.dest hat geschrieben:Vielleicht ist der von Dir beschriebene Fall aber doch Stottern. Kommt darauf an, was Du hier mit "nicht locker" meinst. Spürst Du beim Sprechen von "gitmememiz gerekir" irgendwelche muskuläre Anstrengung? Hast Du das Gefühl, dass Du eine Art Hindernis mit Kraft überwinden musst?
Es ist nicht einfach, das zu beschreiben. In jedem Falle empfinde ich es als sprechmotorisches Problem.
Gefühlsmäßig ist es dasselbe, wie wenn ich "Schwebebalken" oder "Schwebebahn" oder meinetwegen auch "Bundesamt für Verfassungsschutz" sagen will oder muss. (Gibt es irgendwelche Durchschnittsdeutschen, die mit den Wörtern Probleme haben :shock: bzw. ihnen auszuweichen versuchen, weil sie meinen, sie seien unaussprechbar???)
Ich habe vorher ein ungutes Gefühl, das mich zu erhöhter Aufmerksamkeit bewegt. Ich versuche, die Silben bewusst und motorisch korrekt zu bilden und habe das Gefühl, aus dem Rhythmus zu geraten.
Entweder ich kann die Laute, die an gleichen/ähnlichen Artikulationsstellen gebildet werden (hier Labile/Labiodentale), nicht korrekt bilden, d.h. es entsteht ein ungewolltes Nuscheln, das ich dann als Ärgernis empfinde, weil Sprechplanung und -ausführung nicht übereinstimmen. Oder an den Stellen, wo - im Deutschen bei "Schwebebalken" wie im Türkischen bei "gitmememiz" - die Labiale sich zum darauffolgenden Konsonanten öffnen müssten, dieser Vorgang nicht mehr möglich ist, weil irgendwelche beteiligten Sprechmuskeln nicht gehorchen und einfach verschlossen bleiben.
Oder es kann passieren, dass die momentane Überforderung, die Silben korrekt aneinanderzureihen, mich (das geschieht außerhalb meiner willentlichen Steuerung) anhalten/innehalten und meistens neu einatmen lassen und ich bilde die Silbenfolge deutlich aber gegenüber dem übrigen Redefluss ungewöhnlich verzerrt. Ebenfalls Ärgernis.
Ich weiß, dass viele Menschen so ein Wort wie Schwebebalken undeutlich und - nennen wir es - genuschelt aussprechen. Aber könnten sie es nicht auch richtig aussprechen, wenn sie wollten? Eben das ist der Knackpunkt, für mich ist es jedes Mal wieder eine Überraschung, wie ich es ausspreche!
paul.dest hat geschrieben: Ich habe nie einen Unterschied in meinem Stottern zwischen Deutsch, Russisch, Englisch oder Französisch festgestellt. Zumindest keinen, den ich auf die eine oder andere Sprache zurückführen würde.
(...)
Was war bei diesem Gespräch also anders?
(...)
Hatte dieses markante Ereignis also etwas damit zu tun, dass ich Englisch sprach? Ja, ganz sicher. Aber im Russischen wäre es mir wahrscheinlich genau so ergangen. Das Englische war also nicht ausschlaggebend. Ausschlaggebend war, dass ich den Stottereignissen nicht mehr entgegensteuerte, weil mein Steuerungsvermögen voll und ganz mit dem Steuern anderer Aspekte meiner Kommunikation beschäftigt war.
Spannende Erkenntnis. Und ich gehe davon aus, wenn es ein Ungleichgewicht im Beherrschen oder Halb-Beherrschen der Sprachen gegeben hätte, sodass noch mehr Konzentration auf Syntax und z.B. Wortfindung hätte gelegt werden müssen, sich auch noch ein Unterschied in der Stotterhäufigkeit zwischen Englisch und einer anderen, weniger beherrschten Sprache (z.B. Französisch) ergeben hätte... (Rein hypothetisch)

Ich habe mich jedenfalls immer (insgeheim, denn offen hatte ich ja beschlossen, ich ärgere mich nie wieder darüber :? ) während des Fremdsprachenerwerbs in den Phasen geärgert, in denen man zwischen Sprechhindernissen und Wortfindungsschwierigkeiten hin- und hergerissen war. Also in einer Phase, in der man sehr wohl die Sprache im Rahmen der Kommunikation bereits ziemlich gut anwendet, in der aber entweder ein Sprechhindernis oder die Wortsuche die Flüssigkeit beeinträchtigen. Und aufgefallen ist mir dabei halt immer, dass ich in der Fremdsprache überwiegend die Wörter mit nicht-muttersprachlichem Anlaut nicht sagen konnte. Und das, obwohl ich die Laute isoliert und auch die Wörter an sich flüssig beherrsche und mir auch sonst die ungewöhnlichen Lautkonstellationen nicht viel ausmachten...

Alles andere hat tatsächlich mit dem bereits genannten Eindruck zu tun, den man erwecken will. In dem Handyladen (den ich beruflich als Stellvertreterin für meinen Mann, dessen Kunden die waren, betreten hatte) eilte mir der Ruf voraus, dass ich eine Deutsche bin, die fließend Türkisch beherrscht. Also: du musst dem Ruf gerecht werden :?: Ich bin hier aber nicht die Dolmetscherin, sondern nur "Yavuz' Frau". Und so schnell konnte ich gar nicht gucken, da hing ich an irgendeinem Anlaut. Nicht lange, aber ich hing. Und das auch in den nächsten Sätzen, wahrscheinlich in allen, die wir gesprochen hatten.
Das passiert mir in der Häufigkeit beim Dolmetschen nicht. Und auch nicht im Gespräch mit meinen Kollegen. Und auf Deutsch schon gar nicht!

Viele Grüße,
Petra

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Sprachen und Sprechen bzw. Stottern

Beitrag von PetraS » 28. Oktober 2014 19:11

Hallo,
irgendwie treibt es mich um, euch von meinen jüngsten Erfahrungen mit mehreren Sprachen und meinem Stottern zu erzählen.
Drei Erfahrungen sind es, die ich kurz hintereinander gemacht habe, und bei denen ich sehr unterschiedliche Beobachtungen machen konnte.
1.) Besuch aus Amerika
2.) Private Urlaubsreise in die Türkei
3.) Berufliche Begleitung einer türkischen Delegation
In allen drei Fällen habe ich mich in Fremdsprachen unterhalten müssen; etwas, was ich grundsätzlich sehr gerne tue, weil ich die Begegnung mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen liebe. Ich komme jedoch nicht umhin festzustellen, dass die Stotterhäufigkeit und -heftigkeit je nach Sprache und Rahmenbedingungen sehr stark schwanken kann.

Zum Besuch aus Amerika:
Grundsätzlich gilt, dass mein Englisch nicht besonders gut ist. Mir fehlen Wortschatz und Routine; ich hatte es nach der 10 abgewählt und erst im Studium durch englischsprachige Literatur wieder aufgepeppt, aber die Begriffe, die ich dadurch dazugelernt habe, gehören weitestgehend zu meinem passiven Wortschatz. Das heißt generell ich verstehe sehr viel mehr als ich Wortschatz abrufbereit habe. Andererseits habe ich keine Angst zu sprechen, seit mir mal jemand gesagt hat, dass es egal sei, wie man Englisch rede, Hauptsache man tue es.
Insofern geht es mir da mit Englisch anders als mit den übrigen Sprachen, die ich so beherrsche. Also einfach drauf losreden.

Und genau das habe ich gemacht, als ich Besuch von meiner Großtante und -cousinen aus Amerika bekam. Völlig angstfrei losreden - nur eben auf Englisch. Kein Anspruch auf Perfektion, keinerlei Verrenkungen: und ich spürte einen sprunghaften Anstieg der Stotterhäufigkeit UND -heftigkeit um das gefühlt Fünffache.
Es war mir unendlich wichtig, bei dieser ersten Begegnung mit meinen Verwandten aus Amerika in 4 Tagen möglichst viel über den Werdegang unserer Familie hüben wie drüben auszutauschen und zu kommunizieren, aber es lief nichts stotterfrei ab. Und das, obwohl ich mich nach den ersten auffälligen Symptomen sofort geoutet und gesagt habe, dass ich stottere. Das machte mir die ganze Sache auch leichter, die Gäste hatten ausreichend Geduld mit mir und die Kommunikation litt auch nicht wirklich darunter. Nur ich erkannte mich nicht wieder. Ich beobachtete den Rest der Familie, die sich alle sehr viel Mühe gaben zu kommunizieren, die Schwierigkeiten mit der Wortfindung hatten und sich manchmal auch - sorry das so sagen zu müssen - ein wenig anstellten.
Ich machte mir weder einen Kopf um Wortfindung, noch um Satzbau, wir verständigten uns eigentlich auch sehr gut und ich verstand viel mehr, als ich geglaubt hatte. Nur mein Stottern war ungewöhnlich stark. Langanhaltende Repetitionen, in die ich teilweise mehrfach geriet - d.h. nach Abbruch erneut - und auffällig häufig auf den dem Deutschen fremden Anlauten, insbesondere auf dem /r/, dem /w/ und dem /th/.
Was ich dazu feststellen konnte, war, dass die Stotterhäufigkeit mit dem Wechsel ins Deutsche nicht sofort geringer wurde. Das heißt nachdem ich fast zwei Tage nur in Englisch kommuniziert hatte und dann wieder gemischt gesprochen habe, stellte ich fest, dass ich auch im Deutschen weiterhin mehr als gewöhnlich stotterte.

Nicht viel anders die private Urlaubsreise in die Türkei
Ich mag eitel sein, wenn es um meine Türkischkenntnisse geht. Das will ich überhaupt nicht leugnen. Dafür haben mich die Leute, insbesondere die Türken bei uns in Deutschland in meiner Jugend zu sehr mit Lob gehudelt und verhätschelt.
Ich habe es schon als Jugendliche geliebt, den stillen Zuhörer zu spielen, wenn Türken sich miteinander fies unterhalten, um dann irgendeinen lockeren Spruch abzulassen, der ihnen deutlich macht: ich habe alles verstanden. Nur mein Stottern kam mir oft dazwischen. :oops:

Jetzt war ich mit Freunden und meinem Mann in der Türkei im Urlaub. Ich habe keinerlei Schwierigkeiten, Türkisch zu sprechen. Ich habe keine Aussprache-, keine Wortfindungs- und keine Grammatikprobleme. Aber ich stottere in diesen sehr privaten Situationen viel mehr als normal.
Die Türken rechnen einfach nicht damit, dass eine so europäisch aussehende Touristin sie in Normaltürkisch anspricht. Nicht in einem Anfänger-Türkisch mit grottigem Akzent, sondern ganz normal.
Aber: als ich die ersten Getränke bestellen wollte: "zwei Glas Rotwein" habe ich erst an "Rot" dann an "Wein" gehangen.
Oft wird das nach den ersten Begegnungen, wenn das Hotelpersonal mich kennt, wenn sie wissen, dass sie ganz normal mit mir reden können, besser. Das heißt die Stotterhäufigkeit geht zurück, sie erreicht ein passables Niveau, mit dem ich gut zurechtkomme.
Und dann frage ich mich: warum nicht gleich so? Warum muss ich mich diese zwei-drei Tage mit erhöhtem Stottern herumschlagen?
Wieso kann ich nicht gleich in diese Phase übergehen, dann habe ich es leichter. Aber es passiert mir jedes Mal wieder.
Und auch so Dinge, dass ich dann, wenn ich glaube, jetzt wird es lockerer, doch noch wieder in so eine Endlosschleife gerate, die mich - je nach dem, wie überraschend sie mich trifft - auch mal emotional herunterziehen kann.
Das sind Situationen, in denen mir meine Gesprächspartner oft wohlwollend aushelfen und die Wörter vorgeben. Und ich glaube auch, dass die Türken per se einen anderen Umgang mit Stotternden haben als wir. Sie sind direkter und schmerzfreier. Nur weiß ich nicht, wie sich das auf den Stotternden auswirkt. Wenn ich mir nicht so ein dickes Fell zugelegt hätte...

Weiter geht's mit Fall Nummer 3, der Delegation aus der Türkei
Da muss ich funktionieren und das glänzende Sprachgenie spielen. Ich bin ja ganz froh, dass die Kommunikation zwischen mir und meinen Auftraggebern zunächst immer per Mail läuft. Aber wenn dann das erste Telefonat angesagt ist, läuten bei mir alle Alarmglocken. Nur kein Stottern zeigen. Ich bin stets auf der Hut, mein Stotterniveau niedrig zu halten und auf herannahende Sprechhindernisse schon im Vorfeld zu reagieren. Das klappt allerdings nicht immer.
Insgesamt kann ich feststellen, dass mir diese Art Begegnungen unheimlich viel Spaß machen, dass sie aber unfassbar anstrengend sind, weil ich stets Slalom laufe zwischen Sprechhindernissen und anderen Barrieren.
Ich bin in derartigen Situationen sehr großzügig, was das Vorgeben von Wörtern angeht. Denn woher sollen die armen Delegationsteilnehmer wissen, welches Wort ich nur nicht aussprechen kann, weil ich gerade stottere und welches Wort ich nicht weiß, weil es Fachjargon ist, den ich gerade mal nicht kenne.
Ich bestehe nicht auf Perfektion meinerseits, ich habe zu viel Berufserfahrung, so dass ich mich relaxed zurücklehnen und sagen kann: ich pack das, egal mit welchem Fachthema. Ich bin kein Arzt, ich bin kein Chemiker, also woher soll ich die Bestandteile kennen, in die man Blutkonserven aufteilt? Und dann noch auf Türkisch? Wenn die mir kein Material im Vorfeld zur Verfügung stellen!
Insgesamt stelle ich fest, dass ich mein Stottern nicht endlos unauffällig halten kann. Und dass es manchmal nervt. Und dann wird es auch zunehmend hörbar - obwohl ich der Meinung bin, dass es das auch schon vorher war, aber ich WEISS halt, die Leute achten nicht darauf, denn wer rechnet schon mit einer stotternden Dolmetscherin :?:
Aber ich stelle schon fest, dass ich in solch offiziellen Situationen ganz anders reagiere als im Privaten. Nämlich dass ich Repetitionen, sobald ich sie bemerke, abbreche und Panik schiebe, wenn ich merke, dass ein anlautendes /m/ oder /n/ sich nicht lösen will.
Und trotzdem geht es. Irgendwie.
Und am meisten wundert es mich dann, wenn die am Ende begeistert sind und meine Visitenkarten haben wollen - für die nächste Delegation. Diesmal vielleicht Gewerkschaftsvertreter oder Eisenbahner. Den Fachgebieten sind keine Grenzen gesetzt.
Manchmal frage ich mich, warum ich diesen Beruf gewählt habe. Trotz Stottern. Das war damals irgendwann, als ich dachte, ich könnte alles.
Und mein Stottern würde mich nie wieder belästigen.
Vielleicht schreibt ihr ja mal, wie es euch geht, wenn ihr Fremdsprachen sprecht.
Ich komme mir sonst vor wie ein Exot. :shock:
Gruß Petra

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Re: Stottern und Mehrsprachigkeit

Beitrag von Roland Pauli » 30. Oktober 2014 12:19

Liebe Petra,

vielen Dank für deine offenen Ausführungen. Ich kann praktisch alles gut nachvollziehen.
Gerade das schwankende Sprechniveau in den verschiedenen Lebensbereichen.
Mein Schulenglisch habe ich durch meine Leitsätze gut verbessern können.

LG

Roland
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Re: Stottern und Mehrsprachigkeit

Beitrag von Denker » 14. November 2014 17:54

Ich spreche leider überhaupt keine Fremdsprachen und kann dazu wenig sagen. Finde aber diese Aussage interessant:
(abgesehen von der Tatsache, dass im Türkischen das /r/ als Zungen-r gebildet wird und ich im Deutschen das Zäpfchen-r benutze)
Das mag vielleicht ein ausschlaggebender Punkt sein. Natürlich spielt da auch noch immr die jeweilige Situation und Umfeld, in denen man sich gerade befindet, mit.

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PetraS
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Re: Stottern und Mehrsprachigkeit

Beitrag von PetraS » 2. Dezember 2016 10:03

Hallo Leute,
ich hatte gestern ein langes Videogespräch mit einem türkischen Stotterer, der seit kurzem in Deutschland lebt, und bei dieser Gelegenheit fiel mir dieser Thread wieder ein.
Ich hatte in der Zwischenzeit viele Begegnungen mit Stotternden verschiedener Länder. Wir haben in der SHG Englisch-Abende oder ein Treffen mit McGuire-Leuten auf Englisch gehabt, aber nie ist mir der Unterschied zwischen zwei Sprachen bei ein- und derselben Person in der Stotterschwere und -häufigkeit so krass aufgefallen wie bei dem jungen Mann, mit dem ich gestern gesprochen habe.

Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich bei mir eine Unausgeglichenheit zwischen verschiedenen Sprachen erkennen kann. Ich bin diesen Unterschieden auch auf den Grund gegangen, und mir ist bei Gesprächen mit englisch-sprechenden Stotternden aufgefallen, dass sie genau an denselben phonetischen Konstellationen Probleme haben wie ich, nämlich auch am /w/, (englischen) /r/ oder beim TH, und das obwohl es ihre Muttersprache ist. Somit scheint mein erster Gedanke, dass es sich um für mich fremde Laute handelt und sie für mich nur ungewohnt sind, hinfällig zu sein. Womöglich kommen mehrere Aspekte zusammen, weswegen ich diesen Anstieg in der Stotterhäufigkeit und -schwere habe.

Was mir gestern jedoch begegnet ist, ist sozusagen ein Null auf 100.
Ich sprach mit dem jungen Mann, der hier seinen Master in Anglistik macht, Türkisch. Hierbei ist mir kaum Symptomatik aufgefallen, außer einigen Füllwörtern, aber der Rest war absolut flüssig. Seine Eltern wüssten nicht einmal etwas von seinem Problem, weil er bei ihnen überhaupt keine Symptome zeige.

Seine Verkehrssprache hier in Deutschland sei im Seminar mit all den deutschen Kommilitonen Englisch, mit den wenigen türkischen Kommilitonen spreche er Türkisch. Den Deutschlehrgang habe er noch nicht abgeschlossen. Da er in der Türkei Englisch nie gesprochen habe, sei er selbst von diesem Sprechproblem überrascht gewesen, sodass er sich um eine Therapie* bemüht habe.

Und dann nahm er einen Text auf Englisch und las ihn mir vor. Und aus dem völlig flüssig sprechenden Menschen wurde jemand mit schweren Blocks, Mitbewegungen, Gesichtsverzerrungen u.a. So einen krassen Unterschied hatte ich nicht erwartet. Die heftigen Hänger waren auch nicht nur bei Lautkonstellationen, die in seiner Muttersprache selten oder nicht vorhanden sind, wie etwa dem ST in stuttering, sondern auch bei völlig gewohnten Lauten wie einem anlautenden S. Außerdem war er fit in Englisch, so fit, dass er sogar die Therapie auf Englisch machte.

Es war mir ein Rätsel, wie solch ein deutlicher Unterschied zustande kommt. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht?

Gruß
Petra

*) Am Rande bemerkt: Als er von seiner Therapie sprach, sagte er, es sei für ihn ein Riesenschock gewesen, als man ihm bei der Therapie sagte, man könne sein Stottern nicht heilen, sondern ihm nur beibringen, wie er damit umgehen könne. Bei allem, was er zuvor in der Türkei an Therapieangeboten gesehen habe, hätte man ihm das genaue Gegenteil gesagt: Stottern sei innerhalb von etwa 2 Wochen vollkommen heilbar, wenn man nur die Anweisungen befolge, die der jeweilige Therapeut von ihm verlange. Er habe dem damals schon nicht recht glauben wollen, weil er bei einer Therapie sämtliche Anweisungen 200% befolgt habe, aber die dortigen Therapeuten seien in ihrer Überzeugung sehr rigoros. Insofern sei es zwar ein Schock für ihn gewesen, vielmehr eine Ernüchterung, sie sei aber auch versöhnlich gewesen.

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