.... da kannst du machen was du willst .....

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transit
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.... da kannst du machen was du willst .....

Beitrag von transit » 4. November 2015 12:37

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Da rufe ich beruflich bedingt bei Frau X an, welche ich schon länger kenne - ist ihr Mann am Telefon: "Ja?" - Ich, freundlich und mMn vollkommen symptomfrei: "Hallo, hier ist "Y", ist "X" da?"

Er - BRÜLLT!!!!! los: "ICH HASSE DAS! WIE ICH DAS HASSE! DA SAGEN DIE LEUTE NICHTS - UND ERST NACH 30 SEKUNDEN MELDEN DIE SICH! DIE SOLLEN SOFORT SAGEN .....! WIE ICH DAS HASSE!"

Ich - merke, wie es mir schlagartig heiss wird in den Wangen, erkenne jedoch die (eventuellen) Zusammenhänge der Situation bzgl der Reaktion/Emotionslage des Mannes - sage, klar und vollkommen symptomfrei: "Kurz zur Erklärung ... Ich bin Stotterin ... Ich KANN es nicht anders."
Er, runter-reguliert: "... Ok,jaaa ... (zu seiner Frau)"X"! ist für dich."


Es waren KEINE 30 Sekunden Pause, bevor ich sprach. Meiner Wahrnehmung nach gab es überhaupt keine! Pause vor Sprechbeginn meinerseits.
So können Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung also sehr unterschiedlich sein.
Und wenn man dann noch den anderen in einem empfindlichen Augenblick erwischt ..... ist es gut, dies zu wissen.
Tja, aber wie würde ein Kind - oder wir/ich damals als Kind/er - solche Situationen wohl wahrgenommen haben.

Oh Mann, da kannste machen was du willst, irgendwann kommt dann so eine Explosion gegen dich völlig unerwartet ... .
naja, mit dem rede ich noch.
Eigentlich ist er nämlich ein ganz Lieber.

Aber etwas weh tuts schon. Das Gefühl gehört aber nicht ins Jahr 2015.


Ich grüße euch! :-)

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PetraS
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Re: .... da kannst du machen was du willst .....

Beitrag von PetraS » 5. November 2015 20:29

Hallo transit,
transit hat geschrieben: Da rufe ich beruflich bedingt bei Frau X an, welche ich schon länger kenne - ist ihr Mann am Telefon: "Ja?" - Ich, freundlich und mMn vollkommen symptomfrei: "Hallo, hier ist "Y", ist "X" da?"
Er - BRÜLLT!!!!! los: "ICH HASSE DAS! WIE ICH DAS HASSE! DA SAGEN DIE LEUTE NICHTS - UND ERST NACH 30 SEKUNDEN MELDEN DIE SICH! DIE SOLLEN SOFORT SAGEN .....! WIE ICH DAS HASSE!"
Ich finde, wir haben es hier wieder mit einem wunderbaren Beispiel von einem stotterbedingten Missverständnis zu tun - wie es so unendlich viele auf der Welt gibt.
Mit symptomfrei meinst du sicherlich, dass du keine Repetitionen oder hörbaren Blocks gehabt hast, aber die Pause davor (wenn es denn eine war, offenbar gab es ja etwas wie eine Zeitverzögerung) wurde nicht als Stottersymptom gedeutet, sondern als eine Unhöflichkeit. Obwohl auch das selbstverständlich ein Stottersymptom ist. Ein Aussetzer einfach. Und wenn der am Anfang ist, ohne dass die Sprecher einander sehen, dann wird es missgedeutet.
transit hat geschrieben:Ich - merke, wie es mir schlagartig heiss wird in den Wangen, erkenne jedoch die (eventuellen) Zusammenhänge der Situation bzgl der Reaktion/Emotionslage des Mannes - sage, klar und vollkommen symptomfrei: "Kurz zur Erklärung ... Ich bin Stotterin ... Ich KANN es nicht anders."
Er, runter-reguliert: "... Ok,jaaa ... (zu seiner Frau)"X"! ist für dich."
Eine hervorragende Reaktion §dup und sicher auch deiner erwachsenen Reife geschuldet. Wie alt bist du, wenn man fragen darf?
Ich hoffe, der Typ hat sich anschließend auf die Zunge gebissen und wird den nächsten Menschen, der am Telefon mal eine Pause macht, nicht gleich so anbrüllen.
Aber es ist und bleibt eine Tatsache; wenn Stotternde den Nicht-Stotternden nicht erklären, was mit ihnen geschieht, dann verstehen die das nicht - und interpretieren vieles in einen hinein, nur meistens nicht das, was wirklich passiert: nämlich, dass auch eine Pause Stottern sein kann.
transit hat geschrieben:Es waren KEINE 30 Sekunden Pause, bevor ich sprach. Meiner Wahrnehmung nach gab es überhaupt keine! Pause vor Sprechbeginn meinerseits.
Ich frage mich an dieser Stelle, wie es da Leuten geht, die bestimmten Therapiekonzepten folgen, nach denen man erst mal vor Sprechbeginn bewusst pausieren, in sich hineinhorchen und dann zu sprechen beginnen soll? Werden die dann gleich automatisch so angebrüllt, wenn sie mal 3 Sekunden zu spät sind?
transit hat geschrieben: Tja, aber wie würde ein Kind - oder wir/ich damals als Kind/er - solche Situationen wohl wahrgenommen haben.
Wenn ich an mich denke, ich habe in meiner Jugend nur EINE Situation geklärt, in der ich mich stotterbedingt missverstanden gefühlt habe. Ansonsten habe ich immer alles runtergeschluckt, weil mir jede Fehlinterpretation lieber war als zuzugeben, dass ich stottere.
transit hat geschrieben: naja, mit dem rede ich noch.
Eigentlich ist er nämlich ein ganz Lieber.
Das finde ich eine gute Entscheidung. Vor allem, wenn sich beide Geister ein wenig beruhigt haben und man das Thema noch einmal nüchtern aufgreifen kann. Ich könnte mir denken (und hoffe es sogar), dass er sich ganz schön für seine Überreaktion schämt.
Gruß
Petra

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Re: .... da kannst du machen was du willst .....

Beitrag von Roland Pauli » 6. November 2015 01:42

PetraS hat geschrieben: Ich frage mich an dieser Stelle, wie es da Leuten geht, die bestimmten Therapiekonzepten folgen, nach denen man erst mal vor Sprechbeginn bewusst pausieren, in sich hineinhorchen und dann zu sprechen beginnen soll? Werden die dann gleich automatisch so angebrüllt, wenn sie mal 3 Sekunden zu spät sind?

Gruß
Petra
Hallo Petra,

mit diesen 3 Sekunden fühle ich mich direkt angesprochen. :wink: Wie du sicher weißt, ist ein Basis-Leitsatz meiner Ropana-Methode: Ich gönne mir 3 Sekunden Pause.

Wenn du die im Alltag am Telefon beim Melden immer einhalten würdest, könntest du dein blaues Wunder erleben. Ich kann ein Lied davon singen, als ich diese stummen und schier endlosen, unfreiwilligen Pausen noch bis 1997 hatte und öfter ausgelacht oder niedergemacht wurde. Damals war ich deshalb kurz vor dem Verstummen und konnte nicht einmal am Telefonhörer einatmen, weil mein Atmen wie abgeschnürt war.

Diese 3 Sekunden werden nur in der Übungs- oder Seminarsituation eingehalten, um mögliche Anspannungen abflachen zu lassen. Da wirkt es überraschend gut. Durch wiederholtes Praktizieren stellen sich bald Erfolgserlebnisse ein, die dazu führen, dass diese Pause von selber immer kürzer wird, um in einen gelösten Zustand zu kommen, in dem dann auch das Sprechen locker und gelöst ist. Allerdings müssen anfängliche Misserfolge sorgfältig nachbereitet werden.
Mehr dazu unter meiner Homepage.

Die Pause wird bei einem Geübten so kurz wie ein Wimpernschlag und verschwindet letztlich völlig. Es langt am Ende nur die unbewusste und bewusste Gewissheit: "Ich könnte ja eine kleine Pause machen, wenn ich eine erhöhte Anspannung spüren würde, aber ich nehme jetzt einfach das Telefon in die Hand und telefoniere."

Dieser Prozess geht allerdings über mehrerer Monate und ist mental nicht so einfach, wie es manchem vielleicht erscheinen mag.

Herzliche Grüße

Roland

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Warum denken wir nur immer an uns, wenn andere Fehler machen ???

Beitrag von F.J.Neffe » 30. März 2016 21:08

Da sollte sich doch mal jemand bewusst machen, dass andere im Augenblick viel größere Probleme haben können als ich.
Wenn mich jemand anbrüllt, warum sollte ich das immer sofort zu 100 % auf mich beziehen?
Warum sollte ich stets die Ursache und gar einen Fehler bei mir annehmen?
Warum geben wir anderen so ungern die Chance, auch mal einen Fehler mit uns zu machen?
Warum denken wir bei Fehler immer so vollautomatisch zuerst und oft auch noch ausschließlich an uns ?
Warum geben wir uns und unsere Möglichkeiten so schnell verloren?
Warum machen wir unsere guten Kräfte so sehr vom Urteil anderer Leute abhängig, die diese Kräfte doch meist gar nicht kennen?
Warum sind wir uns selbst so wenig treu?
Warum haben wir so wenig Hochachtung vor uns selbst?
Warum glauben wir so wenig an unsere guten Kräfte und ihre gute Entwicklung?
Warum fällt uns nicht auf, wie andere unsere Kräfte ebenso schlecht behandeln wie wir es ihnen vormachen?
Warum hoffen wir darauf, dass andere uns gut behandeln, wenn sie von uns nur immer sehen, wie wir uns selbst nicht gut behandeln?
Haben unsere Kräfte nicht eine bessere Behandlung durch uns verdient?
Herzlich grüßt
Franz Josef Neffe
[i]"Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns sondern die Vorstellungskraft." [/i] Émile Coué

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