Mit Stottern leben

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Sascha1975
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Mit Stottern leben

Beitrag von Sascha1975 » 22. März 2016 15:21

Seit meiner Kindheit quält es mich. Immer und überall. Von morgens bis abends.
Es gibt keinen Stecker, den man ziehen kann. Keine Sicherung, die man herausnehmen kann.
Es ist allgegenwärtig. Mein Stottern.
Ja ich habe alles hinter mir. Das Verstecken, vermeiden, ausweichen, ersetzen, die Therapien, die so schön erfolgreich waren....kurzfristig.
Doch dann kam die Begegnung mit jemandem, der mein Denken und meine Einstellung zum Stottern völlig verändert hat.
Es war ein Bekannter, Oberschenkelamputiert, genau wie ich konnte er es nicht verstecken, vermeiden, sich kein Bein nachwachsen lassen.
Er muß damit leben...und macht das Beste daraus.

Genau das hat mich ebenfalls dazu bewegt zu sagen: Ich mache das Beste aus meinem Stottern. Ich gehe selbstbewußt in die Welt hinaus und stottere mich durch das Leben. Ohne Angst und Druck. Wer mich nicht mit stottern akzeptieren kann, der läßt es halt eben.
Ohne Last, Druck und Angst beherrscht Stottern nicht mehr mein Leben. Es ist ein Teil von mir, aber es ist in den Hintergrund gerückt.
Ich habe mehr Freunde jetzt als vorher, wo ich mich kaum rausgetraut habe.

Und mit diesem Bewußtsein habe ich nochmal, aber ohne große Erwartung an mich selbst, eine Therapie gemacht.
Ich stottere zwar immer noch, nur nicht mehr ganz so schlimm.
Das wichtigste bleibt allerdings. Ich lebe mit meinem Stottern und akzeptiere es als ein Teil von mir, den ich nicht mehr verstecken will oder brauche.
Vielleicht ist der Ansatz, das das Stottern unbedingt weg muß, wenn es sein muß mit der Brechstange, falsch und die Lösung liegt eher darin, das sich Nicht-stotternde Menschen ändern, und mit Stotternden anders umgehen zu können.

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PetraS
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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von PetraS » 23. März 2016 15:33

Hallo Sascha,
zunächst einmal willkommen hier im Forum.
Ich glaube, was du gemacht hast, ist das Vernünftigste, was du tun konntest. Vielen hier im Forum geht es so, dass sie irgendwann an dem Punkt angekommen sind, an dem du jetzt stehst.

Und oft bedarf es eines Schlüsselereignisses wie dem mit dem oberschenkelamputierten Bekannten, in meinem Falle mit einem anderen Stotternden, der mit seinem Stottern anders umging als ich: offen und selbstbewusst UND war trotzdem überall beliebt.

Darf ich fragen, welche Therapie du gemacht hast, und inwieweit du nun noch weiter bist als zuvor?
Gruß
Petra

Sascha1975
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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von Sascha1975 » 28. März 2016 11:19

Hallo liebe Petra.

Als Kind war mein Stottern so ausgeprägt das ich bei fast jedem Wort hängenblieb, Blocks hatte und zum Teil Worte absolut nicht raus bekam.
Heute, auch mittels der klassischen logopädischen Therapien, bleibe ich nur noch hier und da hängen, gerade bei Worten mit bestimmten Anfangsbuchstaben. Natürlich habe ich auch einiges gelesen und gesehen über die Methoden, die gerade im Internet so schön angepriesen werden.
Del Ferro, Kasseler, Bonner usw. doch niemand spricht über die Rückfallquote. Und die ist da sehr hoch.

Was mir hilft vor allem hilft, ist weiche Anstimmen eines Konsonanten am Anfang eines Wortes und Atemtechniken, sowie bewußten Pausen zwischen Wörtern, wenn ich weiß, das jetzt ein Wort kommt, wo ich Probleme habe.
Das Annehmen und vielleicht auch trotzige Leben MIT Stottern ist für mich ja keine Schwäche oder Resignation. Es ist lediglich die Selbsterkenntnis, das ich MIT Stottern leben KANN. Denn ich habe gemerkt, das der Druck und die Angst, sprechen zu müssen, sich irgendwie auch mit auf das Stottern auswirkt und es sogar noch verstärkt. Wenn ich dagegen ruhig und gelassen einem Gespräch entgegen gehe, ohne das mich das Stottern beherrscht, das ich mir Gedanken machen muß, welche Worte ich durch andere ersetze, oder ich mich anders ausdrücke, um Worte zu vermeiden, dann habe ich den subjektiven Eindruck das ich nicht so stark stottere.

Das ist der Punkt, wo ich mir denke, das Stottern durchaus auch eine psychische Komponente beinhaltet, auch wenn einige hier im Forum das anders sehen, was ich so gelesen hab. Daher ist heute mein Motto : Stottern ist keine Behinderung sondern NUR eine besondere Form der Kommunikation. :D

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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von PetraS » 28. März 2016 15:55

Hallo Sascha,
ich kann allen deinen Ausführungen folgen und den meisten zustimmen.
Sascha1975 hat geschrieben: Das ist der Punkt, wo ich mir denke, das Stottern durchaus auch eine psychische Komponente beinhaltet, auch wenn einige hier im Forum das anders sehen, was ich so gelesen hab.:D
Ich glaube nicht, dass irgendwer hier im Forum diese deine Erkenntnis bezweifelt. Und auch die Lehrbücher der Logopädie etc. beschreiben es, dass unbehandeltes Stottern in den meisten Fällen zu irgendwie gearteten psychischen Problemen führt; bei dem einen sind es nur negative Gefühle, bei dem anderen Situationsängste oder sogar Sozialphobien.

Dabei steht manchmal sogar die Heftigkeit des Stotterns in keiner für Außenstehende nachvollziehbaren Korrelation zur Heftigkeit der psychischen Probleme. Will sagen, es gibt Leute, die kaum merklich stottern und enorm darunter leiden, die sich völlig zurückziehen und eine furchtbare Angst davor haben, Menschen anzusprechen und dann gibt es Leute, die bei jeder Bemerkung deutlich hörbar stottern und scheinbar überhaupt keine Situationsängste oder Schamgefühle haben.

In all diesen Fällen sind jedoch die psychischen Probleme immer nur die Folgen des Stotterns. Du kannst die psychischen Probleme bearbeiten, kannst sie sogar im günstigsten Fall auf Null setzen. Was dennoch bleibt, ist das jedem stotternden Individuum ureigene Stottern. Und die Ursache des Stotterns ist eben nicht psychischer Natur.
Sascha1975 hat geschrieben: Daher ist heute mein Motto : Stottern ist keine Behinderung sondern NUR eine besondere Form der Kommunikation. :D
Wenn du es dir zum Motto nimmst, dann finde ich das gut. Ich selbst bin der Meinung, dass nicht stotternde Mitmenschen das Stottern als genau das akzeptieren müssen, als was du es bezeichnest: "eine besondere Form der Kommunikation", meinetwegen als "eine andere Art zu sprechen".
Aber subjektiv betrachtet gibt es jede Variante, von einer argen Sprechbehinderung bis hin zu einem rein kosmetischen Problem. Das wiederum ist abhängig vom jeweiligen Stotterer, seiner Symptomatik und wie er damit umgeht.
Gruß und schönen Rest-Ostermontag
Petra

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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von Sascha1975 » 29. März 2016 11:35

Hallo Petra.

Im Zusammenhang mit dem selbstbewußten Umgang mit Stottern kann ich eine Frau empfehlen, die ebenfalls diesen Umdenkprozess gemacht und darüber ein Buch geschrieben hat. Leider gibt es ihr Buch nur in englischer Sprache. Es ist Kathryn Preston und ihr Buch heißt out with it.

Ich möchte an dieser Stelle nicht vermitteln, das wir von all den Therapiemöglichkeiten ablassen sollten, die es gibt.
Ich möchte nur denen Mut machen, die sich genau in diesem Kreislauf der Angst zu sprechen befinden, einfach auszubrechen und zu sagen:
Ich stotter...ja und?
Therapien sind gut und können helfen. Nur sollten wir, aufgrund des gesellschaftlichen Zwanges, uns nicht selbst so dermaßen unter Druck setzten, das wir von diesen Therapien uns flüssiges Sprechen erhoffen, erwünschen, erwarten. Denn das geht meistens in die Hose.
Ich habe z.B. irgendwo einmal gelesen, das die ach so tolle und schnelle Del Ferro Methode eine Rückfallquote von 70-80% hat.
Weil die Teilnehmer zuviel von dieser Therapie und auch von sich selbst erwarten. Das wiederum baut Druck auf, den wir doch eigentlich nicht wollen und brauchen.

Gruß Sascha

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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von PetraS » 30. März 2016 10:12

Hallo Sascha,
Sascha1975 hat geschrieben: Ich möchte nur denen Mut machen, die sich genau in diesem Kreislauf der Angst zu sprechen befinden, einfach auszubrechen und zu sagen:
Ich stotter...ja und?
Ich finde es gut, dass du selbst diesen Weg für dich entdeckt hast. Mir geht es ähnlich. Und es hängt sicher vom Typ Mensch ab, ob man so etwas alleine schafft oder nicht.
Ich war jemand, der immer nach vorne geblickt hat nach dem Motto: "Das will ich auch!" Sei es bei Themen wie auf der Bühne stehen, im Radio oder Fernsehen auftreten oder bei weniger bedeutenden Dingen, die mir Angst machten. Wenn mir nur jemand gesagt hätte: "Du wirst da nicht stottern", wäre ich die erste gewesen, die sich darum gedrängt hätte.
Auf die Idee zu sagen: "Und wenn du da stotterst, geht die Welt nicht unter!" wäre ich nie gekommen.
Aber letztendlich war das für mich die Lösung. Mir die Freiheit zu geben: "Ich darf stottern!" hat bewirkt, dass ich nur noch selten bei öffentlichen Anlässen stottere. Und wenn, dann halte ich es aus, dann kommentiere ich es vielleicht, aber ich lebe damit - und zwar gut!

Aber viele Menschen schaffen diesen Schritt nicht, und das ist nicht allein von ihrer Persönlichkeit, sondern vielleicht von der Schwere der Symptomatik oder ganz anderen Faktoren abhängig. Und für diese Menschen sind gute Stottertherapien ein Segen.
Sascha1975 hat geschrieben:Therapien sind gut und können helfen. Nur sollten wir, aufgrund des gesellschaftlichen Zwanges, uns nicht selbst so dermaßen unter Druck setzten, das wir von diesen Therapien uns flüssiges Sprechen erhoffen, erwünschen, erwarten. Denn das geht meistens in die Hose.
Ich kann dir an dieser Stelle nur raten, das Buch "Kein Berg ohne Täler" zu lesen, das über die Rückfälle und deren Ursachen nach Stottertherapien aus der Sicht von Betroffenen und Therapeuten berichtet. Siehe... http://forum.bvss.de/viewtopic.php?f=1&t=4388
Ich habe - ohne eine Therapie gemacht zu haben - allein durch meine Aktivität in Foren und die Literatur, die ich gelesen habe, immer gewusst, dass Stottertherapien keine Endlösung sind. Der einfache Satz, den mir einmal ein Phoniater mit 20 gesagt hat: "Stottern ist nicht heilbar" hat mich auf den Boden der Tatsachen gestellt und mir eine unglaubliche Beruhigung gegeben, dass die Unregelmäßigkeiten in meinem Sprechen, die stets da waren und oft von meiner Umwelt gar nicht mehr wahrgenommen wurden, keine Hirngespinste sind. Ich habe sie abzuschätzen und hinzunehmen gelernt.
Sascha1975 hat geschrieben:Ich habe z.B. irgendwo einmal gelesen, das die ach so tolle und schnelle Del Ferro Methode eine Rückfallquote von 70-80% hat.
Weil die Teilnehmer zuviel von dieser Therapie und auch von sich selbst erwarten. Das wiederum baut Druck auf, den wir doch eigentlich nicht wollen und brauchen.
Es ist traurig, wenn verzweifelte Menschen sich Heilung von Instituten wie Del Ferro oder Greifenhofer erhoffen. Leider spielen diese Institute mit den Gefühlen der Menschen und werben sogar mit Slogans wie "Stottern ist heilbar". Die BV hat sich auf die Fahnen geschrieben, durch Aufklärung derartigen unseriösen und beinahe schon kriminellen Machenschaften den Boden zu entziehen.

Fakt ist aber, dass es einen gut aufgestellten und wissenschaftlich fundierten Therapiemarkt gibt, der nicht wie Del Ferro mit den Gefühlen der Leute spielt. Der an genau der Stelle ansetzt, die du selbst genannt hast: Das Stottern als Gegebenheit (ohne Wertung) zu akzeptieren und damit umgehen zu lernen. Dazu gehört in erster Linie, dass man befürchteten Situationen und auftretendem Stottern gegenüber gleichgültig bleiben kann. Denn nur so ist die Bearbeitung und der Umgang mit Symptomen auch in schwierigen Situationen möglich.

Freue mich über deine Antwort und würde mich ebenso freuen, wenn noch mehr Leute hier im Forum uns einmal ihre Sicht der Dinge schildern würden. Denn ich glaube nicht, dass wir hier alle parallel geschaltet sind.
Gruß
Petra

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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von Sascha1975 » 30. März 2016 16:29

Hallo Petra

Erst mal vielen Dank für den Buchtip. Rückfälle haben wir denke ich mal des öfteren. Es hängt vielleicht auch von der Tagesform ab, oder was wir vor uns haben an Gesprächen, die anliegen, Nervosität, wegen irgendwas aufgeregt sein, oder wie bei mir auch persönliche Schicksalsschläge, die einen wieder näher bringen an das alte Stottern, was wir mühsam versucht haben, wegzutherapieren.
Darum finde ich auch die SHG´s so immens wichtig (leider gibt es in meiner Nähe keine) :(
weil sie denke ich auch zum Teil jemanden nach einem Rückfall auffangen können. Man ist ja unter seinesgleichen.

Wobei mich das auf der anderen Seite etwas stört, denn wenn man unter seinesgleichen ist und bleibt, empfinde ich das schon als Ausgrenzung.
Unsere sogenannte gesellschaftliche Mitte, die ungeschriebene Gesetze als Instanz oder Moralapostel in die Welt setzt, grenzt mittlerweile ja so viele aus und steckt sie in sogenannte Randgruppen, das ich mich frage, ob es überhaupt noch die gesellschaftliche Mitte gibt.
Zumal sie sich mit immer weniger Toleranz präsentiert. ...Was ich nicht kenne, was ich nicht verstehe, brauch ich nichts drüber wissen, kennen und daher auch kein Verständnis oder Toleranz zeigen...

Alleine der Umstand, das es viele gibt, die Stottern nicht als Sprachfehler oder Problem verstehen sondern als Behinderung, und uns damit in eine Schublade stecken in die wir gar nicht reinpassen, ist für mich ärgerlich. Denn es ein wesentlicher Unterschied ob ich geistig oder körperlich behindert bin oder ob ich "NUR" stottere.

Gruß Sascha

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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von PetraS » 31. März 2016 09:42

Hallo Sascha,
Sascha1975 hat geschrieben: Darum finde ich auch die SHG´s so immens wichtig (leider gibt es in meiner Nähe keine) :(
weil sie denke ich auch zum Teil jemanden nach einem Rückfall auffangen können. Man ist ja unter seinesgleichen.
Wir planen gerade eine virtuelle SHG via Skype einzurichten, ausgehend von der Kölner SHG, aber offen für alle. Noch ist das Projekt zwar nicht spruchreif, aber wenn es so weit ist, werde ich entsprechende Links und vor allem Datum und Uhrzeit hier im Forum präsentieren, sodass jeder den Zugang erhält, an solch einem Gruppengespräch teilzunehmen.
Sascha1975 hat geschrieben: Wobei mich das auf der anderen Seite etwas stört, denn wenn man unter seinesgleichen ist und bleibt, empfinde ich das schon als Ausgrenzung.
Hast du mal eine SHG oder sogar einen Buko (Bundeskongress der Stotterer-Selbsthilfe) besucht? Ich weiß es nicht, aber ich fühle mich bei solchen Veranstaltungen überhaupt nicht ausgegrenzt, im Gegenteil, man fühlt sich erstmalig als Stotterer privilegiert. Mein Stottern ist es, das mich "berechtigt", an so wunderbaren Veranstaltungen teilzunehmen. Und ob am Frühstückstisch, beim gemütlichen Zusammensein am Abend oder bei privaten Gesprächen zwischendurch - man unterhält sich mit vielen mehr oder weniger stotternden Menschen und stellt fest, dass es viele Gemeinsamkeiten und ganz außergewöhnliche Lebensläufe, darunter viele Erfolgsgeschichten gibt.
Sascha1975 hat geschrieben: Unsere sogenannte gesellschaftliche Mitte, die ungeschriebene Gesetze als Instanz oder Moralapostel in die Welt setzt, grenzt mittlerweile ja so viele aus und steckt sie in sogenannte Randgruppen, das ich mich frage, ob es überhaupt noch die gesellschaftliche Mitte gibt.
Dann lebst du in einem anderen Deutschland als ich. Im Rheinland gibt es eine gesellschaftliche Mitte und viel Toleranz. Was ich aber festgestellt habe, es gilt der alte Grundsatz: Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es wieder heraus.
Gehe ich offen und selbstbewusst mit dem Stottern um, lache ich vielleicht selbst mal drüber und präsentiere mich ansonsten kompetent und selbstsicher, dann gibt es allenfalls interessierte Rückfragen. Und die beantworte ich dann ebenso kompetent.
Ich könnte mir aber vorstellen, dass wenn ich selbst unsicher um mich spähen würde, wenn ich mal ins Stottern gerate, ich ebenso verunsicherte Blicke ernten würde.
Sascha1975 hat geschrieben: Was ich nicht kenne, was ich nicht verstehe, brauch ich nichts drüber wissen, kennen und daher auch kein Verständnis oder Toleranz zeigen...
Hast du schon mal deine Mitmenschen über dein Stottern aufgeklärt? Hast du mit ihnen darüber gesprochen, was Stottern eigentlich ist? Oder bist du stets davon ausgegangen, das müssten ja alle wissen, schließlich kennen sie ja das Wort Stottern.
Ich rate dir: Mach es einfach, such dir natürlich die Leute aus, bei denen du meinst, es könnte sie interessieren. Deinen Arbeitskollegen, deine Sportfreunde u.a. Und du wirst sehen, die Leute sind nicht nur interessiert, sie stellen auch noch interessierte Rückfragen. Und dann hast DU die Gelegenheit, einmal zu erklären, wie du dich fühlst. Natürlich geht das nur, wenn du aus der Opferrolle herausschlüpfst und offensiv auf sie zugehst.
Sascha1975 hat geschrieben: Alleine der Umstand, das es viele gibt, die Stottern nicht als Sprachfehler oder Problem verstehen sondern als Behinderung, und uns damit in eine Schublade stecken in die wir gar nicht reinpassen, ist für mich ärgerlich. Denn es ein wesentlicher Unterschied ob ich geistig oder körperlich behindert bin oder ob ich "NUR" stottere.
Ich kenne viele Stotternde, die nicht in die Schublade "behindert" gesteckt werden möchten. Und es hängt sicher von der Symptomatik und vom persönlichen Gefühl ab, ob man sich als Behinderter fühlt oder nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass viele Stotternde, die vor dreißig, vierzig Jahren zur Schule gegangen sind, sich rückblickend die Rechte des Nachteilsausgleiches gewünscht hätten, die heute stotternden Kindern in der Schule genau wie anderen Kindern mit Beeinträchtigungen zugestanden werden.

Immerhin sind wir mit dem Begriff "Behinderung" näher an der Realität als mit Begriffen wie "Angewohnheit", was sich Stotternde in der Türkei ständig anhören müssen. Selbst sogenannte Experten erklären ihnen, sie hätten eine "Angewohnheit", die irgendwann konditioniert wurde, und die man sich durch Gegenkonditionierungen wieder abgewöhnen könnte. Und weil dieses Bild auch in der Öffentlichkeit propagiert wird, haben sie ohne Lobby (und die haben sie nicht) keine Chance, an diesem Zustand etwas zu ändern. Dann lieber eine anerkannte Behinderung und entsprechende Nachteilsausgleiche.
Gruß
Petra

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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von hannah3001 » 7. April 2016 18:26

Hallo, :)
ich bin 14 Jahre alt und komme nicht zurecht mit Stottern. Ich wünschte ich würde auch so locker mit meinem Stottern umgehen, wie ihr es könnt. Die Angst vor dem Stottern beginnt schon im Unterricht bei lauten Lesen. Ich melde mich nie dafür z.B. in Englisch obwohl ich keine schlechte Ausprache habe. Am schlimmsten ist es in Französisch. Ich bekomme dann immer wieder die Anfangsbuchstaben nicht raus und bleibe immer wieder hängen.Ich weiß nicht wieso aber in Fremdsprachen fällt es mir schwerer als in Deutsch. Darunter leidet natürlich auch meine mündliche Note. Dazu kommt, dass ich niemand persönlich kenne der auch stottert, mit dem ich mich austauschen könnte. Dann hat mir meine Logopädin vom dem Forum hier erzählt. Ich hoffe ich kann hier mit ein paar anderen plaudern und mich ein bisschen austauschen, wie ihr mit euerem Stottern umgeht. :)
Liebe Grüße Hannah

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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von PetraS » 7. April 2016 19:39

Liebe Hannah,
willkommen erst mal hier im Forum. Ich kann dich sehr gut verstehen, dass du im Alter von 14 Jahren dich sehr allein fühlst.
Das Alter zwischen 13 und 16 war für mich auch die schlimmste Zeit, und obwohl ich mich eigentlich hätte austauschen können, weil ich nicht die einzige stotternde Schülerin bei uns in der Klasse bzw. auch Parallelklasse war, hätte ich mich niemals getraut, mit den anderen über das Problem Stottern zu sprechen. Eigentlich ein Fehler aus heutiger Sicht. Aber ich glaube, in dem Alter fällt es sehr schwer.

In Französisch hatte ich auch große Probleme, obwohl meine schriftliche Note sehr gut war. Nur konnte ich immer ums Verrecken das Wort IL nicht sagen, und damit fing leider jeder zweite Satz an.

Für junge Stotternde hat die BVSS noch mehr bereit als dieses Forum. Hier gibt es zwar eine Jugendecke, es gibt jedoch auch die Flow-Gruppen, das sind Gruppen von stotternden Jugendlichen, die zum Beispiel auch gemeinsame Hangouts, also sowas wie Skype-Runden durchführen und da miteinander sprechen. Du kannst ja mal bei [url]http://www.flow-sprechgruppe.de%20[/url] nachsehen.

In der Schule steht dir übrigens als Stotternde ein Nachteilsausgleich zu, genauso wie das z.B. bei Schülern mit Lese- und Rechtschreibschwäche ist, bei denen die Rechtschreibung nicht bewertet werden darf. Bei dir würde das bedeuten, dass die Lehrer dir, sofern du bzw. deine Eltern den Nachteilsausgleich beantragen, Ersatzaufgaben geben müssen, d.h. dass du zum Beispiel ein Referat nicht vor der Klasse halten musst, sondern es vielleicht nur schriftlich abzuliefern brauchst oder es aufzeichnen und deinem Lehrer die Sprachdatei zur Verfügung stellen darfst. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt, aber das ist dein Recht, und deine Logopädin müsste dich darüber auch aufklären können.

Freue mich, wenn du noch mehr von dir erzählst und ich denke, dir werden hier viele ihre Erfahrungen schildern können, auch wenn zur Zeit leider nicht so viele mitschreiben.
Liebe Grüße
Petra

turnschuh
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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von turnschuh » 10. April 2016 15:49

Hallo Hannah,

locker mit meinem Stottern konnte ich mit 14 auch nicht umgehen. Mir ging es ganz ähnlich wie du es beschreibst, ich habe im Unterricht nicht mitgemacht, obwohl ich eigentlich etwas zu sagen hatte. Aber ich habe mich einfach nicht getraut zu reden.

Wenn du mal die anderen Menschen um dich herum durchgehst, wird dir aber vielleicht auch das eine oder andere "besondere" an Ihnen auffallen. Bei dir ist es das stottern - bei mir übrigens auch :-)

Ich war eigentlich immer in einem Fussballverein und hatte dadurch Freunde, die mich so kannten wie ich halt war.
Im Nachhinein habe ich von den früheren Freunden gehört, dass sie mein Stottern eigentlich gar nicht so als was besonderes wahrgenommen hatten.

Und wie alles, hat mein Stottern auch was positives gebracht. Mit der Zeit hat sich ein ganz gesundes Selbstbewusstsein entwickelt, und das hilft mir dann auch wenn mal was schwieriges ansteht, was nicht mit Stottern zu tun hat.

Hast du nur in der Schule Angst zu sprechen oder auch wenn du Freunde ansprechen willst?

viele Grüße

Svenja
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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von Svenja » 27. Juli 2016 15:54

Hallo Sascha,

ich wollte Dir nur kurz sagen, dass ich Deine Einstellung total gut finde. Lass Dich nicht unterkriegen! Als nicht Betroffene kann ich den Satz von Dir nur unterstreichen, wobei ich auch gleich eine Frage dazu habe. ;-) "Vielleicht ist der Ansatz, das das Stottern unbedingt weg muß, wenn es sein muß mit der Brechstange, falsch und die Lösung liegt eher darin, das sich Nicht-stotternde Menschen ändern, und mit Stotternden anders umgehen zu können"

Inwiefern sollen sie sich ändern? Welchen anderen Umgang wünschst Du Dir?

Viele Grüße
Svenja

Quarti
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Re: Mit Stottern leben

Beitrag von Quarti » 6. August 2016 21:46

Hallo, Sascha! Du brauchst jemanden, der dich begeistern wird! Versuchen Sie, eine Person mit der gleichen Krankheit. Und begib dich gemeinsam mit Ihnen übungen zur Atmung. Du brauchst die Freude und glückliche Momente.
"Wir kommen aus dem Nichts,
wir werden zu Nichts,
also was haben wir zu verlieren?
Nichts!"
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