Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

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dosi
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Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von dosi » 5. Juni 2016 14:30

Als ich kürzlich bei meinem Logopäden / Therapeuten war, fragte mich dieser wieso ich denn all das, was ich bei ihm gelernt habe und bei ihm in der Praxis so wundervoll mache, nicht immer tue. Z.B. ging es da um Pseudostottern, Nachbesserung, etc.. Ich mußte die Antwort schuldig bleiben und so geht es wohl vielen Betroffenen. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, wieso ich das im Alltag nicht anwende. Dabei habe ich mit Pseudostottern richtig gute Erfolge zu verzeichnen. Ich war z.B. zu einem sehr emotionalen und wichtigen Gespräch bei meinem Einrichtungsleiter und habe das richtig gut gemeistert. Warum scheue ich mich weiterhin Sachen anzuwenden, die mir nachweislich gut tun?

Dosi
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Eberhard
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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von Eberhard » 5. Juni 2016 22:19

Hallo Doris,

Das Problem, das du schilderst, kennt wohl jeder Stotternde, der schon mal an einer Therapie mitgemacht hat. Ich auch.

Die Ursache dafür ist nach meiner Meinung zugleich auch die Ursache des Stotterns überhaupt. Das was ich für mich nach über 10 Jahren Suche in den Bereichen Psychologie, Neurobiologie, Stottern und im Selbstversuch herausgefunden habe, ist das:

Wir haben zwei Arten des Willens, den bewussten vom Verstand gesteuerten Willen und den unbewussten emotionalen Willen. Ich will bewusst etwas sagen, aber meine emotionale Seite spielt nicht mit. Deshalb die Scheu, Dinge zu tun, die mir nach bewusster Einschätzung gut tun, deshalb auch das stotternde Sprechen. Unbewusste, ignorierte Emotionen hindern mich, das flüssig auszusprechen, was ich bewusst sagen will.

Was die Diskrepanz zwischen bewusstem und unbewusstem Willen aufheben kann, ist das Gefühl von Vertrauen. Deshalb stottert einer in der Therapiestunde nicht, wenn er Vertrauen zu seinem Therapeuten hat und stottert auch sonst in Situationen nicht, in den er ein Gefühl von Vertrauen zum anderen Menschen und zu den Umständen der Situation hat. Dieses Vertrauen muss ein emotionales Vertrauen sein, nur bewusst überlegtes Vertrauen hilft da nicht. Das Stottern kann sogar besonders stark sein, wenn absichtliches, bewusstes Vertrauen keine unbewusste Unterstützung findet.

Wenn du mit Pseudostottern und Nachbesserung Erfolge hast, dann weil du der Methode vertraust. Es könnten auch andere Methoden sein. Entscheidend ist, dass du bewusst und emotional Vertrauen dazu empfindest. Die Methode selbst hat eigentlich gar keinen Einfluss auf das Sprechen. Wichtig ist, dass sie dir ein Gefühl von Selbstvertrauen geben kann und das Gefühl, dass du deine Fähigkeit zur bewussten Selbststeuerung wiedergefunden hast, ohne dass deine emotionale Seite dir Steine in den Weg wirft. (Es gibt auch Menschen, die mit dem Pseudostottern überhaupt nicht zurechtkommen).

Die Frage stellt sich nun, was ist zu tun, um dauerhaft nicht mehr zu stottern. Du hast hier schon mal die Meinung geäußert, dass du dich damit abgefunden hast, dass das nicht geht. Ich bin da anderer Meinung. Da kommt die Macht der Gedanken ins Spiel. Die Mehrheit hier im Forum treibt ja ständig so eine Art von Selbstsabotage, indem sie durch die Gedanken, die sie zum Stottern verfolgt, ihr Stottern und womöglich auch das der Leser festigt. Manches erweckt in mir schon den Eindruck gemeinschaftlicher Selbstsabotage.

Was zu tun ist, könnte ein neues Thema sein. Es kommt vor allem darauf an, mit seinen Emotionen wieder bewusst umzugehen, das ist etwas, was u.a. auch durch die vielen Stottererlebnisse untergraben ist. Es kostet schon einige Mühe, das wieder zu lernen.

Viele Grüße, Eberhard
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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von dosi » 5. Juni 2016 22:29

Es gibt Tage, da kann ich ganz prima mit meinem Stottern leben und andere, wo ich das nicht will. Das Problem ist nur, dass ich ja "Werkzeuge zur Reparatur" habe und die funktionieren sogar. Wieso bin ich dann so dumm und weiterhin mit dem kaputten Ding unterwegs? Ich müßte doch durch die Erfolge gelernt haben. Das ist so unlogisch.
Ein kleiner Trost am Rande: Mein Therapeut sagt, dass auch andere Betroffene keine Antwort auf die Frage wissen.

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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von Torsten » 6. Juni 2016 10:33

Es gibt Situationen, in denen ich daran denke, meine Hilfsmittel einzusetzen, und es gibt Situationen, in denen ich es einfach vergesse. weil meine Aufmerksamkeit zu sehr mit anderem beschäftigt ist – mit Gedanken oder Gefühlen, mit der Situation...

Bei Pseudostottern und Nachbesserung kommt hinzu, dass das recht auffällige Hilfsmittel sind, die man vielleicht nicht immer gern einsetzt - schließlich möchte man ganz normal und unauffällig sprechen.

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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von PetraS » 7. Juni 2016 15:06

Liebe Dosi,
soweit du ja auch selbst berichtest, hast du eine Therapie nach Van Riper gemacht.
Das Ziel einer erfolgreichen Van-Riper-Therapie ist nach meinem Verständnis - ich lasse mich gerne durch Andreas Starke oder einen anderen Kenner der Materie eines Besseren belehren - salopp gesagt...
  • dass ich lerne, mein Stottern anzunehmen, sodass es mich emotional nicht mehr runterzieht, wenn ich stottere
  • dass ich über Werkzeuge verfüge, um mich aus Situationen, in denen mich das Stottern ausbremst, eigenmächtig zu retten, ohne dabei vor Scham im Boden zu versinken
Wenn du nun quasi emotional auf Null gesetzt wurdest, das heißt so gut desensibilisiert bist, dass dich dein Stottern nicht mehr umhaut, dann liegt es auch in deinem eigenen Ermessen, ob bzw. dass du die erlernten Werkzeuge anwendest.

Du bist ein erwachsener Mensch, und wenn es das Wunschdenken deines Therapeuten ist, dass du nun die Werkzeuge auch ständig anwendest, so muss es nicht unbedingt dein Ziel sein, überall mit Pseudostottern, Nachbesserung etc. zu experimentieren.

Wichtig ist doch, dass du dich in der Weise, wie du es machst - mit oder ohne die Werkzeuge - WOHL fühlst. Handlungsbedarf entsteht doch erst, wenn du dich nicht mehr dabei wohl fühlst. Ich könnte mir denken, dass dort der Hund bei dir (und so vielen anderen Van-Riper'ianern, die ich kenne, und die auch nicht ständig ihre Werkzeuge einsetzen) begraben liegt.

Gruß aus dem noch nicht, aber bald gewittrigen Rheinland
Petra

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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von dosi » 8. Juni 2016 22:47

Hallo Petra, es ist keinesfalls das Wunschdenken meines Therapeuten, dass ich nun ständig meine Werkzeuge benutze. Es ist nur so, dass ich weiß, wenn ich es mache, kommt es so gut wie nicht zu großen Blockaden. Und das war ja auch der Plan, dass ich nicht dauernd im Kontrollverlust hänge. Warum tue ich nicht, was eindeutig gut für mich ist? Das ist doch einfach unklug... Ich will ja nun nicht ununterbrochen mein Sprechen überwachen und bearbeiten. Wenn ich mit meinen Freundinnen zusammen bin, erscheint mir das oftmals einfach nicht nötig. Aber auf Arbeit erscheint es mir nötig, weil ich da kompetent erscheinen möchte. Dann wäre es doch besser, wenn ich locker stottere und nicht im Block gefangen bin. Und dort scheue ich mich oftmals das Pseudostottern anzuwenden.

Dosi
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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von Eberhard » 9. Juni 2016 00:06

Hallo Dosi,

die Verzweiflung, die aus deinen Worten klingt, hat dich genauso im Griff wie das Stottern.
Es schwächt das Stottern ungemein, wenn man alles das beiseite legt, was einen sonst so im Griff hat und immer wieder überwältigt. Also, schieb die Verzweiflung beiseite. Du hast keinen Grund dazu. Sag dir doch einfach statt ‚Ich kann das nicht’: Ich will das nicht. Das ist dann halt so. Der Therapeut macht sich die Sache auch zu einfach. Ich glaube, du redest so mit dir, wie früher andere mit dir geredet haben (das ist doch unklug ...), du gehst so mit dir um, wie früher andere mit dir umgegangen sind? Sag doch jetzt mal zu dir selbst: Ich bin klug! Das bist du nämlich wirklich.

Ich habe Stottern lange für eine Art Zwangsneurose gehalten. Aber das ist es nicht. Es ist ein Symptom für all das, was einen immer wieder zwingt, überwältigt, drückt, treibt und im Griff behält. Räumt man hier mal gründlich auf, kann auch das Symptom nachlassen.

Lass es dir gut gehen, Dosi
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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von trey91 » 9. Juni 2016 05:54

Ein herzliches Hallo an Dosi und alle anderen,

ich bin neu hier und finde, dass Thema, das hier angestoßen wurde, sehr interessant. Ich stottere seit langem sehr stark und mache seit etwa 6 Monaten eine intensive Van-Riper-Therapie. Ich war seit Beginn der Therapie extrem überrascht, wie flüssig ich in Folge von Pseudostottern, Nachbesserung und Pullout sprechen konnte, innerhalb und außerhalb des Therapieraums. Nun funktioniert das leider in vielen anderen Situationen des Alltags nicht so gut. Immer wenn ich das Gefühl habe, der Einsatz der Techniken verlangt von mir mehr Konzentration als mir lieb ist, falle ich in alte Muster zurück. Das kommt in letzter Zeit ziemlich häufig vor und frustriert mich auch manchmal.

Ich persönlich glaube, dass das daran liegen könnte, dass ich den Techniken noch nicht endgültig vertraue. Wie gesagt: Sobald ich das Gefühl habe, dass ich die Techniken nicht "schnell abwickeln" kann, werde ich hektisch und greife auf das "Altbewährte" (Vorsicht: Ironie :wink: ) zurück. Und das obwohl ich weiß, wie gut mir der Einsatz der Techniken tun kann.

Vielleicht ist das etwas, was Du auch kennst, Dosi.

Ich habe mir auch mehrere Male den Kopf darüber zerbrochen, wie das sein kann. Ich denke, dass es in meinem Fall noch etwas Zeit braucht, um meine alten Verhaltensweisen beiseite zu schieben und das "Neue" Stück für Stück in mein Leben zu integrieren. Immerhin stottere ich seit vielen Jahren so stark und habe mir über die Jahre Dinge - so schlecht sie auch sein mögen - angeeignet bzw. angelernt. Da kann ich leider nicht einfach den Reset-Knopf drücken und die Festplatte mit neuen Daten beschreiben. Das dauert halt. Ich versuche mir jedenfalls immer wieder zu sagen, dass es nichts nützt, sich darüber (und mich selbst) aufzuregen und mache weiter. Ich finde, dass es sehr hilft, die Situationen, in denen die Probleme so stark sind, zu analysieren. Was ist in diesen Situationen anders als dort, wo es Dir leichter fällt? Vielleicht liefert Dir das erstaunliche Antworten, die Dir weiterhelfen :D .

Ansonsten kann ich Dir nur raten, ein bisschen nachsichtiger mit Dir selbst zu sein. Du bzw. Dein Verhalten bist/ist nicht unklug. Diese Erfahrungen gehören vielleicht zum gesamten Lern- und Therapieprozess dazu.

Liebe Grüße,
trey91

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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von PetraS » 9. Juni 2016 11:13

Liebe/r Trey91,
(ein wenig off-topic)
herzlich Willkommen hier im Forum.
Wir sind gespannt, mehr von dir zu erfahren.
Gruß
Petra
vom Moderationsteam

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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von dosi » 9. Juni 2016 13:09

Hallo Eberhard, ich bin keinesfalls verzweifelt. Es ist nur so, dass ich es nicht begreifen kann. Ich würde sehr gern die wahren Gründe für mein "Nichtanwenden" verstehen. Dann könnte ich doch dagegen angehen. Ich bin ein sehr strukturierter Mensch. Das heißt: Ich habe eine Idee, mache einen Plan, setze den in die Tat um - FERTIG. Das klappt beim Stottern nicht.
Hallo Trey91, natürlich weiß ich auch, dass solche Veränderungsprozesse Zeit brauchen. Ich habe mir ja schon mühsam immer mehr Areale erkämpft, wo ich gut mit meinen "Werkzeugen" umgehen kann. Jetzt betrete ich gerade wieder neues Gebiet und möchte da nicht nur gut sein, sondern auch gut mit meinem Stottern umgehen können. Ich habe in einer anderen Einrichtung mit arbeiten begonnen und das als Riesenchance für mich und mein Sprechen gesehen. Nun klappt das leider nicht so wie erwartet. Naja, ich bleibe dran.

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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von annika » 11. Juni 2016 20:22

Hallo zusammen,

ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich eine Sprechtechnik nur in solchen Sprechsituationen hilfreich anwenden kann, in denen ich emotional nicht zu stark involviert bin, oder in denen mich die Kraft der Verzweiflung antreibt. Nur dann ist es mir möglich, die erforderliche Konzentration und Disziplin für die Technik aufzubringen.

Sobald aber Gefühle mit ins Spiel kommen, die mich unabhängig vom Sprechen selbst stark irritieren, fällt es mir schwer, mich auf eine Sprechtechnik oder sogar nur auf meine Atmung zu konzentrieren. Ich möchte beispielsweise kompetent wirken (fühle mich aber unterlegen), ich möchte gerne jemandem gefallen (habe aber Zweifel, dass mir das gelingen wird), ich möchte etwas unbedingt haben (bin aber gezwungen als Bittsteller aufzutreten, um es zu errreichen) usw. …

Ich stimme mit trey91 überein, dass es wichtig ist, die Situationen zu reflektieren, die man als „schwieriger“ wahrnimmt. Dass es hilft, herauszufinden, was genau eine Situation für mich schwierig macht, um künftige ähnliche Situationen anders zu gestalten. Das Sprechen ist ja kein Medium, bei dem nur Worte transportiert werden. Bei jedem Wort, jedem Inhalt schwingt ein Gefühl mit. Bei keiner oder bei geringer emotionaler Last fälllt das Sprechen leichter. Im Vergleich zu dem, was wir Stotterer im „echten Gesprächsleben“ bewältigen, ist das therapeutische Setting par excellence die Situation mit der geringsten emotionalen Last überhaupt. Natürlich klappt das da wunderbar mit den Sprechtechniken!

Ich halte es für unrealistisch, anzunehmen, dass es einem Stotterer möglich sein könnte, eine Sprechtechnik tatsächlich in jeder beliebiegen Situation anzuwenden. Ständige Selbstkontrolle. Könnte ein „Normalsprecher“ beispielsweise die Lautstärke und Geschwindigkeit seines Sprechens jederzeit auf demselbsen Niveau halten? Unabhängig von seinen Gefühlen? Ich glaube nicht.

Meiner Meinung nach liegt es in unserer menschlichen Natur, dass wir ein (unbewusstes) Verlangen danach haben, in Situationen, in denen wir emotional engagiert sind, auch authentisch zu kommunizieren. Wir fühlen uns nur dann glaubwürdig, wenn wir mit dem Sprechen auch unsere Gefühle zum Ausdruck bringen. Sprechtechniken gehen über diese Gefühle immer hinweg.

Eine Sprechtechnik, die hilft, ist gut und sinnvoll. Wenn ich merke, meinen Klienten gelingt es nicht, eine Sprechtechnik in jeder Situation anzuwenden, sollte ich mich auch als Therapeut nach dem „Warum“ fragen und die Frage nicht auf diejenigen abwälzen, die zu mir kommen, um Hilfe zu erhalten. Dann fehlt der von mir vermittelten Sprechtechnik vielleicht noch ein wichtiges Extra, das genau diese Lücke schließen würde. Alles andere ist verantwortungslos.

LG,
Annika

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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von Torsten » 11. Juni 2016 21:59

annika hat geschrieben:Sobald aber Gefühle mit ins Spiel kommen, die mich unabhängig vom Sprechen selbst stark irritieren, fällt es mir schwer, mich auf eine Sprechtechnik oder sogar nur auf meine Atmung zu konzentrieren. Ich möchte beispielsweise kompetent wirken (fühle mich aber unterlegen), ich möchte gerne jemandem gefallen (habe aber Zweifel, dass mir das gelingen wird), ich möchte etwas unbedingt haben (bin aber gezwungen als Bittsteller aufzutreten, um es zu errreichen) usw. …
Das ist sehr gut beschrieben. Genau in solchen Situationen - ich nenne sie mal Momente kommunikativer Unsicherheit - ist bei mir die Gefahr ges Stotterns am größten. In genau diesen Situationen braucht mein Sprechen (oder das Netzwerik im Gehirn, welches das Sprechen steuert) Unterstützung. Wenn eine Sprechtechnik einen Nutzen haben soll, muss sie in genau diesen Situationenen funktionieren.

Ich glaube, das geht nur dann, wenn man die Technik (oder die Methode - z.B. auf den Atem achten) automatisiert hat. Und um das zu erreichen, muss man die Methode immer anwenden - also zunächst und vor allem in den Situationen, in denen man sie eigentlich nicht braucht (weil man entweder nicht stottert oder weil es egal ist, ob man stottert). Nur dann kann sich die Methode automatisieren. Und nur, wenn man sie automatisch anwendet, wird man sie auch in Momenten kommunikativer Unsicherheit anwenden.

Gruß, Torsten
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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von Eberhard » 12. Juni 2016 11:43

Es sollte klar sein, dass Methoden, die nur an der Sprechtechnik basteln, Verlegenheitslösungen sind. Immerhin kommt mit der Anwendung einer solchen Methode der Entschluss zum Ausdruck, sein Leben ändern zu wollen. Und die Wirkung dieses Entschlusses ist entscheidend, die Methode ist da nur das Hilfsmittel.

Um Stottern wirklich beiseite legen zu können (diese Formulierung ist bewusst gewählt), ist nicht weniger erforderlich, als sein anerzogenes Denken, Fühlen und Handeln so zu verändern, dass es endlich der eigenen wirklichen Natur entspricht.

Das herauszufinden, ist als Erwachsener natürlich nicht einfach. In der Kindheit und Jugendzeit hat einen nicht zuletzt das Stottern selbst daran gehindert, sich selbst zu finden. Und bei mir jedenfalls haben mich auch meine Bezugspersonen daran gehindert. Ich war wohl auch wegen der u.a. aus dem Stottern resultierenden Hilflosigkeit besonders empfänglich für unreflektierte Beeinflussungen von außen.

Was hilft einem, sich selbst zu finden?

An erster Stelle steht zweifellos die Achtsamkeit, gleich welcher Art. Ohne eine Haltung der Achtsamkeit gegenüber allem geht nichts. Du kannst einfach damit anfangen, alles was die mit deinen 5 Sinnen wahrnimmst, mit gewollter Achtsamkeit wahrzunehmen. Du siehst und hörst ständig etwas, fang also mal damit an, mit bewusster Aufmerksamkeit, das zu sehen und zu hören, was du sowieso gerade siehst und hörst. Du wirst dann oft das Gefühl haben, Dinge, die du schon seit Jahren ständig siehst, zum ersten Mal zu sehen. Betrachte deine Umwelt mal so, als würdest du in einer Gemäldegalerie Stillleben betrachten. Andere Achtsamkeitsübungen, die in großer Zahl beschrieben sind, helfen alle. Achtsamkeit ist der Weg, sich von seinen ungewollt angenommenen Prägungen zu lösen. Der große Vorteil bei Achtsamkeitsübungen: Du tust es ganz für dich alleine, es merkt keiner.

Tue Dinge und erprobe dich in Dingen, die für dich völlig neu sind, in denen du keine Erfahrungen hast und alles neu lernen musst. Der Urlaub eignet sich gut dazu.

Lese anspruchsvolle Bücher und versuche, dich darin zu finden. Ich lese bei der Auswahl eines neues Buchs die Beschreibung auf den Rückseiten und kaufe es, wenn ich mich davon angesprochen fühle.

Führe ein gewolltes Leben und lasse Handlungen sein, mit denen du nur die Zeit totschlägst. Das mit dem gewollten Leben hat allerdings auch seine Tücken. Man ist oft versucht, das was einen nur treibt, für seinen Willen zu halten.

Stottern hat sicher auch traumatisierende Wirkungen. Das Desensibilisierungs-Training ist deshalb sehr sinnvoll. Es verhindert die Fortsetzung der Traumatisierung. Aber man sollte nicht übersehen, dass auch eine Desensibilisierung gegenüber der Nachwirkung früherer Stottersituationen erforderlich ist und überhaupt gegenüber vielen erlebten Situationen.

Ich wünschte, ihr würdet das verstehen.
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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von Heiko Bräuer » 12. Juni 2016 16:47

Hallo Zusammen,

Ich persönlich kann mit guten Gewissen sagen, dass ich meine Vor fast 10 Jahren (bei Herrn Prüß) erlernte Sprechtechnik selten und später nie mehr angewendet habe, weil der Fortschritt, welchen ich durch die Desensibilisierung u.ä. gemacht habe, für mich bzw. mein Sprechen ausreichend war.
Auch habe ich mich später nie mehr wegen meinem Stottern geschähmt oder habe es absichtlich versteckt, sodass es auch einen Grund hatte stärker bzw. so wie früher zu werden.
Mir persönlich ist auch klar, dass es besser sein könnte, nur finde ich keinen Grund, warum ich es besser machen sollte bzw. reicht es mir persönlich so wie es ist.
Als Außenstehender könnte man vielleicht auch meinen, ich bin zu faul, um an meinem Sprechen zu arbeiten. Für mich ist jemand aber erst faul, wenn er etwas nicht macht, was er machen sollte (oder vielleicht auch müsste).
Und keiner (damit meine ich auch die Gesellschaft) erwartet von uns, dass wir an unserem Stottern bzw. Sprechen arbeiten und es dadurch verbessern. Nur wir können es von uns verlangen und meiner Meinung nach wird es dann auch besser funktionieren, wenn man auch selbst mit Körper und Geist dahinter steht.
Oder hab ich da eine "Eingebildete" Meinung?

Gruß Heiko

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Re: Gründe für das NICHTANWENDEN erlernter Therapiemethoden

Beitrag von PetraS » 12. Juni 2016 19:56

Hallo Heiko,
Ich kann dir in deinem Ansatz nur beipflichten. Es ist m.E. tatsächlich das Ziel einer gelungenen Desensibilisierung, wenn man sich mit seinem Stottern so arrangiert wie es ist und sich dabei gut fühlt. (Bekanntermaßen der erste Schritt zu einer enormen Reduzierung von Symptomen)

Eventuelle Sprechtechniken, die man zusätzlich zur Verfügung hat, um Blocks vorzubeugen oder sich aus ihnen zu befreien, sind dann nur Arbeitswerkzeuge, die man je nach Situation anwendet oder auch nicht.

Ein souveräner Stotterer, der unverfroren sein Stottern zeigt, genießt oft viel mehr Anerkennung als jemand, der dauernd aus seinem Stottern irgendwelche Entschuldigungen konstruiert und damit für Missverständnisse z.B. unter Kollegen sorgt.

Und @Eberhard, dass du desensibilisiert bist, glaube ich nicht wirklich, sonst würdest du nicht so einen unfassbaren Wert darauf legen, unbedingt mit dem Stottern "aufzuhören". Du scheinst dich immer noch für etwas zu schämen, das es der Scham nicht wert ist.

Gruß
Petra

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