Desensibilisierung ist messbar!

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PetraS
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Desensibilisierung ist messbar!

Beitrag von PetraS » 27. Juni 2016 10:04

Liebe Leute,
es gab Zeiten, da ich schon zusammengezuckt bin, wenn ich in Gegenwart meiner Eltern nur einmal "n-nicht" gesagt habe.
Wenn in meiner Gegenwart das Wort "stottern" fiel, kriegte ich Herzklopfen, schaltete die Ohren auf Durchzug und hoffte, es beträfe nicht mich, wenn allerdings das Wort "du stotterst" fiel, war ich emotional auf 180 und fuhr alle verfügbaren Geschütze auf, um mich zu wehren.
Wenn ich vor der Schulklasse ein Wort nicht herausbekam, überkam mich eine eiskalte Dusche von Gefühlen und ich wollte im Boden versinken...

All das ist lange passé. Allerdings schämte ich mich noch Jahrelang dafür, dass ich so reagiert hatte, und reden über Stottern fiel mir in bestimmten Personenkreisen immer noch extrem schwer. (Je enger mit mir verbunden, umso schwerer). Ich schämte mich, weil ich mich allein verantwortlich für meine frühere Einstellung sah. Erst mit Ende 30 kam die Einsicht, dass nicht ich meine Misere verursacht hatte, sondern die Haltung und Einstellung meiner Eltern, die das Stottern mit einem unantastbaren Tabu belegt hatten.

Und als ich dann nicht mehr als Stotternde wahrgenommen wurde, schien es auch kein Problem mehr zu geben. Also wem sollte ich etwas von Stottern erzählen? Das bisschen Stottern, das ich noch spürte, kriegte ich ohne viele Probleme unsichtbar gemacht. Aber im Grunde genommen war Stottern immer noch ein Reizwort, das mich ja angeblich nicht mehr betraf. Das einzige, was ich geändert hatte, war, dass ich keine Angst mehr hatte, als Stotterin aufzufallen, weil ich es im Notfall hätte erklären können. Und das allein hatte den Rückgang der Symptomatik verursacht. Nicht aber grundsätzlich etwas an den Gefühlen geändert.

Ich hatte mich immer als Einzelfall, als Ausnahme betrachtet. Eigentlich habe ich erst in den letzten 2-3 Jahren realisiert, dass es ein Kollektivphänomen unter Stotternden ist, dass sie nicht nur gegenüber dem gestotterten Sprechen, sondern auch gegenüber den damit verbundenen Begriffen ein gestörtes Verhältnis haben. Und erst als ich den Desensibilisierungstest von Hartmut Zückner gemacht habe, bin ich mir so richtig bewusst geworden, welchen Umfang die Desensibilisierung wirklich hat.

Dieser Test ist nun online verfügbar, und dank meiner Arbeit an mir in den letzten 2 Jahren bin ich auf einem für mich sehr zufriedenstellenden Niveau angekommen (zwischen sehr gut und gut). Ich weiß genau, wo es noch hapert und kann also weiter an mir arbeiten. Und es tut gut, es tut unendlich gut, all die alten Dinge aufzuarbeiten und irgendwann festzustellen, dass man weder zusammenzuckt, noch stundenlang über eine gestotterte Situation nachdenkt, sondern hinterher denkt: "habe ich heute eigentlich gestottert?" Und einem ganz dunkel in Erinnerung kommt, ach ja, ich habe mich doch irgendwann in irgend einem Wort aufgehängt. Genau so, wie man sich an irgend einen Inhalt in einem Gespräch erinnert. Nicht mehr und nicht weniger.
http://www.desensibilisierungsfragebogen-stottern.de

Gruß
Petra

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Torsten
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Re: Desensibilisierung ist messbar!

Beitrag von Torsten » 27. Juni 2016 22:59

Hallo Petra,

danke für den Link zu dem Fragebogen. Ich bin auf 13 Punkte gekommen, wovon 4 Punkte allein daher rühren, dass ich Pseudostottern total ablehne (für mich persönlich, nicht für andere, denen es hilft).

Meine Erfahrungen mit dem Stottern in der Kindheit sind ganz andere als deine. Durch die Sprachheilschule bin ich mit vielen anderen stotternden Kindern zusammen gekommen, und zuhause gab es wegen des Stotterns nie Probleme. Ich habe also wohl ein recht gutes Desensibilisierungs-Training bekommen – obwohl Van Riper in den 60er und 70er Jahren in der DDR weitgehend unbekannt gewesen sein dürfte.

Um so erstaunlicher ist es, dass du einen Sprechberuf gewählt hast. Das habe ich nicht gemacht – eigentlich nicht aus Furcht vor dem Stottern, sondern einfach aus der nüchternen Überlegung heraus, dass man beruflich etwas machen sollte, was man gut kann, und nicht etwas, das man aus körperlichen / gesundheitlichen Gründen nicht gut kann. Ich bin eben keine Kämpfernatur :D

LG, Torsten
www.stottertheorie.de

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