Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

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annika
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Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von annika » 27. Juni 2016 14:19

Hallo, liebe Forenmitglieder!

Ich habe das Bedürfnis, einige Gedanken in den Raum zu stellen und freue mich auf Eure Reaktionen.

Vorab möchte ich in aller Kürze (damit ersichtlich wird, worauf ich hinaus will), die Beschaffenheit, bzw. den Schweregrad meiner Stotterer-Symptomatik skizzieren.

Ich begann mit Schulbeginn zu stottern. Das Stottern verstärkte sich trotz (oder wegen?) logopädischer Behandlung stetig, und so war ich während der gesamten Kindheit, Jugend und im jungen Erwachsenenalter ein sehr schwerer Stotterer. Generell vermied ich es am Liebsten zu reden. Wenn es sich nicht vermeiden ließ, war ich kaum zu verstehen.
Inzwischen, viele Jahre später, rede ich fast ausschließlich fließend, ohne Anwendung jeglicher Sprechtechniken. Ich empfinde mich sogar überwiegend als „Normalsprecher“. Ich habe auch generell kein Bedürfnis mehr, mein Stottern im Gespräch zum Thema zu machen.
ABER: Es ist nicht „weg“! Ganz und gar nicht. Es gibt Momente und Situationen in meinem Leben, die ich schlicht und einfach nicht ohne Sprechblockaden bewältige, und darum fühle ich mich immer noch als Stotterer. Denn ich bin es ja offensichtlich (noch).

Das Schlimme ist, dass mich diese restlichen verbleibenden Schwierigkeiten so sehr in Mitleidenschaft ziehen, dass ich mich in schwachen Momenten generell dem ganzen Leben nicht gewachsen fühle (und ich möchte jetzt bitte nichts von Desensibilisierung hören). Beruflich bleibe ich weit unter meinen Möglichkeiten, obwohl ich mich unter teilweise großer emotionaler Last vor keiner Sprechherausforderung gedrückt habe. Ich spüre genau, dass der „Rest“ nicht durch Sprechtechniken oder irgendwie geartetes Training zu bewältigen ist. Wenn ich heute stottere, ist immer der Situationskontext dafür verantwortlich – ich fühle mich unsicher, unwert, unterlegen, ungeliebt usw. Ich glaube nicht an ein körperliches Handicap. Der Rest, der mich hindert, ist emotionaler Natur. Und dieser Rest lässt sich nicht mit Gewalt beseitigen.

Ich war früher ein absoluter Gegner der Theorien, die dem Stottern, eine körperliche Ursache zuschrieben. Wenn ich mir einen Knochen breche, verstehe ich, dass ich den Knochen mehrere Wochen nicht belasten darf, weil er mich nicht hält. Nachdem er zusammengewachsen ist, funktioniert er wieder und stützt mich. DAS ist „körperlich“. Mit dem Sprechen/Stottern scheint mir das nach wie vor nicht zur Gänze vereinbar. Warum sollte mein Sprechapparat um 15:30 Uhr in Gegenwart von Person B nicht in der Lage sein, die Laute, die meinen Namen bilden, auszusprechen, wenn er es um 15:25 Uhr in Gegenwart von Person A noch konnte?!

Ich bin auch nicht einverstanden mit der Darstellung der (totalitären) „Physis-Theorie“-Vertreter, die alle psychischen (ich nenne sie mal) „Irritationen“ zu Folge(!)-Erscheinungen des Stotterns erklären. Also in der Art: „Weil ich nicht fließend sprechen kann, nehmen die Leute meine Aussage nicht ernst, und deshalb bin ich nicht dazu in der Lage ein adäquates Selbstwertgefühl zu entwickeln.“ Anstatt: „Weil ich mich und meine Aussage nicht richtig ernst nehmen kann, habe ich kein adäquates Selbstwertgefühl und bin deshalb auch nicht in der Lage, fließend zu sprechen.“

Ich möchte folgende Idee in den Raum stellen, weil sie mir persönlich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen so naheliegend erscheint, und bin neugierig Eure stützenden oder stürzenden Beiträge dazu zu hören.

1.

Ich gestehe dem „initialen“ Verursacher des Symptoms inzwischen eine körperliche Komponente zu. „Sprechen lernen“ ist kein solitärer Prozess. Wenn ich spreche (n) (lerne), produziere ich Kraft meines Körpers Laute. Ich bin dabei auf meine Wahrnehmungsfähigkeit und auf auditive Rückmeldung angewiesen. Angenommen, die auditive Rückmeldung bleibt (temporär) aus, weil ich z.B. ständig Erkrankungen im Hals-/Nasen-/Ohrenbereich habe und meine Hörfähigkeit eingeschränkt ist? Dann gestünde ich einer eventuellen körperlichen Disposition (z.B. der genetischen Komponente, die Stottern als Anlage enthält) im Zusammenhang mit meiner Befindlichkeit (meiner Erkrankung, die zu eingeschränkter oder verunmöglichter Hörfähigkeit führt), zu, dass (im zusätzlichen Falle starker emotionaler Belastung) erstmals ein Symptom generiert wird, das wir „Stottern“ nennen.

2.

Ich stottere nun also. D.h. ich spreche UND ich stottere. Denn ich stottere ja nicht ständig. Wenn ich flüssig spreche, erlebe ich, dass die Menschen um mich herum, erleichtert, glücklich und zufrieden sind. Wenn ich stottere, erlebe ich, dass sie Angst haben, nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, sich gegebenenfalls abwenden, mir ungefragt Ratschläge geben, und und und … . Wenn ich stottere, hören sie nicht auf den Inhalt meiner Botschaft, weil sie durch mein Symptom abgelenkt werden. Aber wenn ich fließend spreche, hören sie auch nicht richtig zu, weil sie die ganze Zeit befürchten, ich könne stottern. Richtig gehört werde ich also nie.

3.

Durch diese Art der Rückmeldung erlebe ich ständig, dass ich nicht richtig wahrgenommen und gehört werde. Ich werde selbstunsicher.

Meine persönliche Meinung ist, dass nur diejenigen Kinder das Stottern wieder (quasi von selbst) verlieren, die mit ihren Bezugspersonen die Erfahrung machen, gehört zu werden „obwohl“ sie stottern. Die anderen, die nicht (richtig) gehört werden, „weil“ sie stottern, behalten es und generieren eine immer stärkere Symptomatik, „um gehört zu werden“.

Ich behaupte, dass das, was das Stottern ursächlich erzeugt, nicht mit dem identisch ist, was es aufrecht erhält. Eine weitere Sprechtherapie ginge an meinen persönlichen Bedürfnissen vorbei. Ich glaube, dass ich nur deshalb (in belastenden Situationen) weiter stottere, weil es nicht möglich ist, den emotional beeinträchtigenden Anteil Kraft des eigenen Willens unter Kontrolle zu halten. Sprechen fällt mir in den Situationen am schwersten, in denen ich befürchte, nicht gehört und nicht ernst genommen zu werden.

Ist jemand unter Euch, der ähnliche Erfahrungen macht wie ich?

LG,
Annika
Zuletzt geändert von annika am 19. April 2017 16:06, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von PetraS » 27. Juni 2016 17:18

Hallo Annika,
gerne möchte ich mich zu deiner Fragestellung äußern, auch wenn ich deine Erfahrung nicht ganz teile.
annika hat geschrieben: Das Stottern verstärkte sich trotz (oder wegen?) logopädischer Behandlung stetig, und so war ich während der gesamten Kindheit, Jugend und im jungen Erwachsenenalter ein sehr schwerer Stotterer. Generell vermied ich es am Liebsten zu reden. Wenn es sich nicht vermeiden ließ, war ich kaum zu verstehen.
An dieser Stelle schon unterscheiden wir uns, denn ich habe mich nie als schwere Stotterin begriffen, obwohl ich erst kürzlich von einer "Augenzeugin" erfahren habe: "das muss schlimm gewesen sein", also ist die Fremdwahrnehmung vielleicht eine andere als meine Selbstwahrnehmung (?)
annika hat geschrieben:Inzwischen (40 Jahre später) rede ich fast ausschließlich fließend (...) ABER: Es ist nicht „weg“! Ganz und gar nicht. (...) und darum fühle ich mich immer noch als Stotterer. Denn ich bin es ja offensichtlich (noch).
Das kann ich für meinen Teil ebenso bestätigen. Es war auch nie weg, obwohl ich mich lange Zeit als Normalsprecherin betrachtet habe, weil mir bewusst war, dass meine Umwelt meine sprachlichen Besonderheiten nicht unter "Stottern" eingeordnet hat.
annika hat geschrieben: Das Schlimme ist, dass mich diese restlichen verbleibenden Schwierigkeiten so sehr in Mitleidenschaft ziehen, dass ich mich in schwachen Momenten generell dem ganzen Leben nicht gewachsen fühle (und ich möchte jetzt bitte nichts von Desensibilisierung hören).
Diesen Teil verstehe ich nicht. Welche negativen Erfahrungen hast du mit dem Thema Desensibilisierung gemacht, dass du dies so kategorisch von dir weist? Ich wusste - ehrlich gesagt - auch lange Zeit nicht um den wahren Umfang von Desensibilisierung, genauer gesagt weiß ich es erst, seit ich den Desensibilisierungsfragebogen von Zückner beantwortet habe. Er hat mir sehr geholfen. http://www.desensibilisierungsfragebogen-stottern.de
annika hat geschrieben:Wenn ich heute stottere, ist immer der Situationskontext dafür verantwortlich – ich fühle mich unsicher, unwert, unterlegen, ungeliebt usw. (...) Der Rest, der mich hindert, ist emotionaler Natur. Er lässt sich nicht durch körperliches Training beseitigen.
Auch das mit dem unsicher, unwert, unterlegen etc. kann ich ganz genau nachvollziehen. Und dass es einem da emotional den Boden unter den Füßen weghauen kann, auch. Es ist eine emotionale Sache, die man nur emotional bekämpfen kann und muss, sofern es einen stört - und das tut es ja bei dir offensichtlich. Und da wiederum hat es mir geholfen, wie ich mich gegenüber meinem Stottern positioniere. Also meine Haltung meinem Stottern gegenüber.

Ich habe mir überlegt, was das Schlimmste ist, was passieren kann. Also ein worst-case-Szenario. Und das wiederum ist, dass ich sehenden Auges hängen bleibe und mich "blamiere". Und was dann ist. Und bin zu dem Schluss gekommen, dass dann gar nichts ist. Die Leute gucken einmal schräg, ich erkläre denen, dass ich gerade gestottert habe und gehe zur Tagesordnung über.

Es geht nicht darum, sich zu entschuldigen für eine Sache, die keine Schuld ist. Sondern sich zu erklären für eine Sache, die ein Teil von einem ist - die einen nicht abwertet. Und da gilt eine alte Regel: "Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es auch wieder heraus."
Kommuniziere ich so einen Sachverhalt selbstbewusst und offen, ernte ich in aller Regel positive und interessierte Reaktionen.
Das ist aber mit der Voraussetzung verbunden, dass ich mein Stottern selbst nicht schlimm finde. Und zwar nicht, weil mir irgendwer einredet, es wäre nicht schlimm, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass es nichst Schlimmes ist. Dies ist, glaube ich, der Punkt, an dem sich bei vielen der Hund in den Schwanz beißt. Denn diese Überzeugung kannst nur du selbst mit dir ausmachen. In meinem Falle hat mir ein anderer Stotterer als Vorbild gedient.
annika hat geschrieben:Ich war früher ein absoluter Gegner der Theorien, die dem Stottern, eine körperliche Ursache zuschrieben.
Wir hatten diese Debatte schon einmal, Annika. Jedem seine Überzeugung! Für mich war es eine unfassbare Erleichterung, als ich durch wissenschaftliche Befunde bewiesen bekam, dass das Stottern eine körperliche Ursache hat. Nur das macht für mich einen Sinn.
Es ist aber eben nicht wie dein gebrochener Knochen, sondern ich bediene mich gerne eines Beispiels, das ich mit meinem alten Fiat erlebt hatte.
Immer wieder - meistens zur unpassendsten Zeit - ging das Auto einfach aus. An der Ampel, wenn ich anfahren wollte, einmal auf einer Autofähre, kaum dass ich drauf war (und sprang nicht wieder an) manchmal mitten im Stadtverkehr. Immer sprang es irgendwann wieder an, nur nicht so, wie ich es wollte.
Erst hieß es, es ist die Wegfahrsperre. Beim Service tauschten sie die Zündung aus - er sprang ja nicht an! Als er nach einem Kilometer wieder ausging, redeten sie was von Benzinpumpe. Das wären alles Teile, die mit deinen Knochenbrüchen vergleichbar wären.
Letztendlich stellte sich heraus, dass die Motorsteuerung kaputt war. Irgendein Signal ging von diesem Teil aus, das den Wagen ausgehen ließ. Und irgendwann, ganz unvorhersehbar, nach 10 Fehlversuchen oder so sprang er einfach wieder an, als wäre nichts gewesen. Die Motorsteuerung wurde getauscht und das Auto lief wieder wie am Schnürchen.

Die körperliche Ursache des Stotterns ist vergleichbar mit der kaputten Motorsteuerung meines alten Fiat. Und nicht mit dem gebrochenen Bein.
Kommen wir jetzt zu meinen Überlegungen zu deinen Fragen:
annika hat geschrieben: 1.
(...) Ich bin dabei auf meine Wahrnehmungsfähigkeit und auf auditive Rückmeldung angewiesen. (...)
Auditive Rückmeldung hin, auditive Rückmeldung her, was sie bei der Entstehung des Stotterns für eine Rolle spielt, weiß ich nicht. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass der Wegfall der auditiven Rückmeldung (künstliche Vertäubung) zu einer Reduktion der Symptomatik bis (fast) Null führt. Wir haben diesen Versuch erst neulich wieder in der SHG gemacht (ebenso wie im vergangenen Jahr), und selbst der schwerste Stotterer der Gruppe hat unter Wegfall der auditiven Rückmeldung kaum gestottert, die übrigen gar nicht.
annika hat geschrieben: 2.
Ich stottere nun also. D.h. ich spreche UND ich stottere. Denn ich stottere ja nicht ständig. Wenn ich flüssig spreche, erlebe ich, dass die Menschen um mich herum, erleichtert, glücklich und zufrieden sind. Wenn ich stottere, erlebe ich, dass sie Angst haben, nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, sich gegebenenfalls abwenden, mir ungefragt Ratschläge geben, und und und … . (...) Richtig gehört werde ich also nie.
Das ist deine ganz persönliche Kindheitserfahrung, vielleicht auch aktuell nur deine Wahrnehmung, die sich aus deinen Kindheitserfahrungen nährt. Aber das ist nur eine Vermutung meinerseits, da ich auch deine Symptomatik nicht kenne wenn du stotterst. Man schließt ja automatisch von sich auf andere. Und meine Erfahrung als Erwachsene ist, dass die Leute eben nur kurzzeitig irritiert sind und sich leicht durch einen kurzen Einschub aufklären lassen.
Andererseits können kindliche Traumata, verbunden mit dem Nicht-Gehört-Werden, bei jemandem wie dir, der sie so erlebt hat, bis ins Erwachsenenalter hineinreichen und durch die kleinsten Irritationen seitens der Zuschauer immer wieder neu angetriggert werden. Sehr schön beschreibt das Robert Richter in dem Buch "Kein Berg ohne Täler (S.83-84)"
Treten unkontrollierbare stressreiche Erfahrungen wiederholt auf, kommt es zu einer dauerhaften Erhöhung der Empfindlichkeit gegenüber den entsprechenden äußeren Reizen (Bauer, 2009). Es entwickelt sich im Gehirn eine bleibende synaptische Superverstärkung, was zur Folge hat, dass eine immer höhere Sensibilität gegenüber Triggerreizen entsteht und zunehmend bei noch geringfügigeren Reizen Alarm ausgelöst wird. Manchmal sogar bereits dann, wenn in der äußeren Situation anscheinend nichts Gefährliches passiert (Richter, 2014).
annika hat geschrieben: 3.
Durch diese Art der Rückmeldung erlebe ich ständig, dass ich nicht richtig wahrgenommen und gehört werde. Ich werde selbstunsicher.
Genau das meine ich mit meiner obigen Erklärung.
annika hat geschrieben: Meine persönliche Meinung ist, dass nur diejenigen Kinder das Stottern wieder (quasi von selbst) verlieren, die mit ihren Bezugspersonen die Erfahrung machen, gehört zu werden „obwohl“ sie stottern. Die anderen, die nicht (richtig) gehört werden, „weil“ sie stottern, behalten es und generieren eine immer stärkere Symptomatik, „um gehört zu werden“.
Theoretisch klingt das gut, aber leider kenne ich viel zu viele Stotternde, bei denen das Stottern geblieben ist, obwohl man sie trotz des Stotterns immer gehört hat und immer hat ausreden lassen.
annika hat geschrieben:Ich behaupte, dass das, was das Stottern ursächlich erzeugt, nicht mit dem identisch ist, was es aufrecht erhält.
Da mag etwas Wahres dran sein, denn ein einmal begonnenes Stottern ist ein Teufelskreis, der jedoch bei vielen Betroffenen ähnlich verläuft, was mich zum Beispiel total erstaunt hat, als ich erstmals diese Bücher gelesen habe: alles alte Bekannte!
annika hat geschrieben:Eine weitere Sprechtherapie ginge an meinen persönlichen Bedürfnissen vorbei.
Ich denke, es käme darauf an, was für eine Therapie. Ich bin überzeugte Van-Riper-Anhängerin und würde jedem so etwas empfehlen. Wobei meiner Ansicht nach nicht überall Van-Riper drin ist, wo Van Riper drauf steht.
annika hat geschrieben:Ich glaube, dass ich nur deshalb (in belastenden Situationen) weiter stottere, weil es nicht möglich ist, den emotional beeinträchtigenden Anteil Kraft des eigenen Willens unter Kontrolle zu halten. Sprechen fällt mir in den Situationen am schwersten, in denen ich befürchte, nicht gehört und nicht ernst genommen zu werden.
Dies sind deine urpersönlichen Erfahrungen, die du am allerbesten kennst. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass dort Vergangenes und Aktuelles emotional vermischt werden.
annika hat geschrieben:Um in diesen Situationen fließend zu sprechen, brauche ich keine Gleichgültigkeit gegenüber meiner Symptomatik, sondern die Wahrnehmung, dass ich es wert bin, gehört zu werden.
Dies ist mit Sicherheit eine psychologische Aufgabe. Und ich frage mich, ob da überhaupt ein Fünkchen Wahrheit (objektiv gesehen) dran ist. Mich erinnert es - und sei mir nicht böse, das ist nicht negativ gemeint - an eine Magersüchtige, die von allen Seiten stets gesagt bekommt, sie wäre viel zu dünn, doch selbst sieht sie sich als dick.
Ich habe solch eine Situation letztes Jahr beim Buko erlebt. Eine junge Frau (Anfang 20), die vollkommen verängstigt und selbst-unsicher war und im Workshop die Aufgabe hatte, etwas vorzutragen. Sie machte das mit Bravur, und sie hat dabei sogar nicht einmal gestottert. Sie fiel fast aus den Wolken und fing bitterlich an zu weinen, als man ihr die Rückmeldung gab, dass das hervorragend war. Sie hatte eine - durch die Stottererfahrung bedingte - völlig falsche Selbstwahrnehmung.

LG
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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von Torsten » 27. Juni 2016 17:25

Hallo Annika,

das ist ein spannendes Thema. Das Fragen nach psychischen Stotter-Ursachen ist in den letzten Jahrzehnten aus der Mode gekommen, besonders seit man mit neuen Verfahren das Gehirn so gut erforschen kann und dabei auch manches gefunden hat. Aber jeder, der selber stottert, weiß, dass das Psychische eine enorme Rolle spielt.
annika hat geschrieben: 1. Ich gestehe dem „initialen“ Verursacher des Symptoms inzwischen eine körperliche Komponente zu...
Ja, diese körperliche Disposition scheint es zu geben. Stottern (oder die Veranlagung dazu) wird in vielen Fällen „vererbt“, und man hat bei stotternden Kindern und Erwachsenen Defizite in der Aufmerksamkeits-Steuerung und in der zentral-auditiven Verarbeitung gefunden. Allerdings sind das immer statistische Ergebnisse von Gruppenuntersuchungen – es gilt also nicht für alle im selben Maß.

Und 'Defizite in der Aufmerksamkeits-Steuerung' bedeutet nicht Unaufmerksamkeit, sondern eher das Gegenteil, nämlich die Tendenz, auf ein einziges Objekt fokussiert zu sein, eine verminderte Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf mehrere Dinge zugleich zu richten oder schnell umzuschalten. 'Defizite in der zentral-auditiven Verarbeitung' bedeutet nicht Schwerhörigkeit, sondern eher das Gegenteil: Akustische Überempfindlichkeit, eine verminderte Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf relevante Signale zu fokussieren und Störgeräusche auszublenden. Es geht letztlich in beiden Bereichen um etwas ähnliches, nämlich um Schwierigkeiten bei der gleichzeitigen Verarbeitung mehrerer Reize.

Außerdem wurden bei stotternden Kindern und Erwachsenen motorische Defizite gefunden – allerdings eher bei komplexen Aufgaben, bei denen die Aufmerksamkeit auf mehrere Bewegungen gleichzeitig gerichtet werden muss. Das spricht dafür, dass es auch hierbei nicht eigentlich um motorische, sondern um Aufmerksamkeitsdefizite geht. Aufmerksamkeit, Gehör, Motorik – das sind die drei Bereiche von Befunden, die man m.E. nicht irgendwie als Folge des Stotterns erklären kann.

Was das Gehirn betrifft, so sind die strukturellen Unterschiede zwischen Stotterern und Nichtstotterern bei den kleinsten Kindern (dreijährige, kurz nach Ausbruch des Stotterns) am geringsten und werden mit der Zeit eher größer. Das lässt vermuten, dass die meisten dieser Unterschiede (in der grauen und weißen Hirnmasse) Folgen oder Begleiterscheinungen des lang andauernden Stotterns sind. Man muss auch betonen, dass alle diese Abweichungen gering sind und im Bereich der Norm liegen – sie sind also nicht krankhaft.
annika hat geschrieben:2. Wenn ich stottere, hören sie nicht auf den Inhalt meiner Botschaft, weil sie durch mein Symptom abgelenkt werden. Aber wenn ich fließend spreche, hören sie auch nicht richtig zu, weil sie die ganze Zeit befürchten, ich könne stottern. Richtig gehört werde ich also nie.
Das ist gut beschrieben. Obwohl ich selbst Stotterer bin, fällt es mir schwer, mich bei jemandem, der schwer stottert, auf den Inhalt der Rede zu konzentrieren. Sprechen ist eben nicht nur etwas Geistiges, nicht nur die Mitteilung eines Inhaltes, sondern auch etwas Körperliches: Wenn jemand sagt, er sei von X überzeugt, und er werde Y tun, und er stottert dabei stark – glaubt man dann spontan an die Festigkeit seiner Überzeugung und seiner Absicht – wenn man ihn nicht gut kennt und auch nicht viel über Stottern weiß?
annika hat geschrieben:3. Meine persönliche Meinung ist, dass nur diejenigen Kinder das Stottern wieder (quasi von selbst) verlieren, die mit ihren Bezugspersonen die Erfahrung machen, gehört zu werden...
Der richtige oder falsche Umgang der Bezugspersonen mit dem Stottern des Kindes spielt bestimmt eine Rolle bei der Remission. Aber da viel mehr Mädchen als Jungen das Stottern von selbst wieder verlieren – glaubst du, dass Mädchen eine größere Chance haben, trotz des Stotterns „gehört“ zu werden? Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint - es könnte ja wirklich sein, dass auf eine körperliche Schwäche bei Mädchen oft anders reagiert wird als bei Jungs.
annika hat geschrieben:Ich behaupte, dass das, was das Stottern ursächlich erzeugt, nicht mit dem identisch ist, was es aufrecht erhält.
Zumindest dürfte das Stottern selbst, nachdem es ausgebrochen und ein paarmal aufgetreten ist, viel zu seiner Erhaltung beitragen. Die kommunikative Verunsicherung infolge des Stotterns macht das Stottern wahrscheinlicher. Aber auch die Veränderungen im Gehirn, die man beobachtet hat, scheinen zur Chronifizierung beizutragen, indem sie dazu führen, dass in vielen Sprechsituationen – besonders in solchen, in denen man sich unsicher fühlt – spontan die falschen Verschaltungen aktiviert werden.
annika hat geschrieben:Sprechen fällt mir in den Situationen am schwersten, in denen ich befürchte, nicht gehört und nicht ernst genommen zu werden. Um in diesen Situationen fließend zu sprechen, brauche ich ... die Wahrnehmung, dass ich es wert bin, gehört zu werden.
Damit würdest du dich aber von anderen abhängig machen – von deinen Zuhörern ,die dir die Wahrnehmung, gehört zu werden, irgendwie verschaffen müssten. Das kannst du nicht immer erwarten.

Es gibt Situationen, da wollen andere mich nicht hören – weil sie anders denken und sich von mir nicht umstimmen lassen wollen, weil sie andere Interessen haben, oder weil sie mich als Person nicht mögen. Trotzdem muss ich mir notfalls Gehör verschaffen können, ich muss mich mit anderen ernsthaft streiten können, wenn es sein muss – wie macht man das als Stotterer?

Nach meiner Erfahrung ist es dann wichtig, die eigene Kraft, Festigkeit und Sicherheit zu spüren. Einen festen Stand haben oder aufrecht sitzen und die Füße auf dem Boden spüren. Die Luft in den Lugen wahrnehmen (das ist die physische Bereitschaft zum Sprechen). Mit lauter, fester, möglichst sonorer Stimme sprechen und den Klang, die Kraft und/oder die Schönheit der eigenen Stimme wahrnehmen.

Es geht also um die „Schnittstelle“ zwischen dem Physischen und dem Psychischen – denn genau da entsteht auch das Stottern. Ich weiß, es ist schwer, in einer unsicheren Kommunikations-Situation auf diese Dinge zu achten. Es gelingt mir selbst nicht immer, besonders dann nicht, wenn ich unversehens in eine solche Situation gerate. Deshalb ist es gut, die Selbstwahrnehmung beim Sprechen im Alltag in den einfachen Situationen zu üben und sie sich anzugewöhnen – gerade dann, wenn man kein Stottern befürchtet.

Du hast ja geschrieben, dass du jetzt nur noch selten stotterst. Vielleicht hat es damit zu tun, dass du dein Studium bewältigt hast, beruflich erfolgreich bist und dich auf dieser professionellen und intellektuellen Basis in vielen Situationen sicher fühlst und entsprechend auftrittst. Aber in Situationen, in denen diese „Sicherheit,vom Kopf her“ wenig zählt, bist du weiterhin unsicher. Deshalb scheint es mir wichtig, eine grundlegendere, körperliche Sicherheit zu entwickeln – durch die Wahrnehmung der eigenen physischen Präsenz.

LG, Torsten
www.stottertheorie.de

annika
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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von annika » 29. Juni 2016 13:04

Hallo Petra,
hallo Torsten,

ich danke für Eure Antworten und möchte gerne zu einigen Aussagen Stellung nehmen.
Torsten hat geschrieben: Und 'Defizite in der Aufmerksamkeits-Steuerung' bedeutet nicht Unaufmerksamkeit, sondern eher das Gegenteil, nämlich die Tendenz, auf ein einziges Objekt fokussiert zu sein, eine verminderte Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf mehrere Dinge zugleich zu richten oder schnell umzuschalten.
Dieser Hinweis ist interessant für mich. Ich habe diese Schwierigkeit tatsächlich, und erlebe oft, wie achtsam ich damit umgehen muss. Ich kann in gewisser Weise nur nacheinander abarbeiten, zwar durchaus mit schnellem Wechsel, aber eben nacheinander. Es ist mir auch körperlich zuwider, sprechen zu sollen, während meine Konzentration von einer anderen Aufgabe absorbiert ist. Ich habe zum Glück inzwischen gelernt, in solchen Momenten „nein“ zu einem Gespräch zu sagen oder aber meine Arbeit zu unterbrechen.
PetraS hat geschrieben: Welche negativen Erfahrungen hast du mit dem Thema Desensibilisierung gemacht, dass du dies so kategorisch von dir weist?
Ich habe gar keine Erfahrungen mit dem gemacht, was therapeutisch unter Desensibilisierung verstanden wird, also auch keine negativen Erfahrungen. Ich wollte mit meiner Bemerkung lediglich vorwegnehmen, dass für mich Hinweise auf „Selbstabhärtung“ nicht sinnvoll sind, weil ich weiß, dass mich diese nicht zum Ziel bringt. Ich habe mich bereits insoweit aufgerichtet, dass ich anderen Menschen zu über 90% auf Augenhöhe begegnen kann. Was mich knickt, sind die restlichen 10% der Situationen, in denen mir das nicht gelingt. Es sind z. B. oft Gefühle (vermeintlicher) Unterlegenheit, die dazu führen, dass ich meine, mich ducken zu müssen. Das Gefühl der Unterlegenheit, welches dazu führt, dass ich stottere, ist dann das Problem, nicht das Stottern selbst. Nach außen wahrzunehmen ist jedoch hauptsächlich das Stottern, was möglicherweise das Gefühl der Unterlegenheit verstärkt. Ich meine, dass ich diesem Teufelskreis nur entkommen kann, wenn es mir gelingt, mich von meinem Gefühl der Unterlegenheit zu verabschieden. Und, ja, das ist (m)ein persönlicher Prozess.
PetraS hat geschrieben: Es geht nicht darum, sich zu entschuldigen für eine Sache, die keine Schuld ist. Sondern sich zu erklären für eine Sache, die ein Teil von einem ist - die einen nicht abwertet.
Nun ja, für mich stellt sich eher die Frage: Wieso überhaupt etwas erklären? Mein lispelndes Gegenüber muss mir sein Lispeln auch nicht erklären. Ich stimme Dir zu, dass es für den irritierten, verwunderten Zuhörer eine Erleichterung sein kann, wenn er für seine Irritation eine Erklärung bekommt, aber für mich selbst brauche ich das nicht.
Die Schilderung Deines „worst-case-Szenarios“ hingegen gefällt mir sehr gut. Ich werde versuchen, diesen Gedankengang persönlich nachzuvollziehen. Möglicherweise hilft mir eine solche Herangehensweise tatsächlich im Alltag.

Dein Beispiel mit dem Fiat jedoch erschließt sich mir nicht (ohne da weiter in die Tiefe gehen zu wollen). Der Wagen hatte eine kaputte Motorsteuerung. Und diese versagte in den unterschiedlichsten Momenten, ohne dass es möglich gewesen wäre, logische Verknüpfungen zwischen den Aussetzern herzustellen. Du gingst in die Werkstatt, und weil die Mechaniker nicht so recht wussten, wo sie suchen sollten, machten sie einfach irgendwas. Natürlich ohne das gewünschte Ergebnis herbeizuführen, dass der Wagen wieder einwandfrei lief. Erst als sie die eigentliche und alleinige Ursache herausgefunden und den Schaden repariert hatten, lief der Wagen wieder. Und zwar einwandfrei!

In mir erweckt dieses Beispiel eher Assoziationen an meine logopädische Therapie als Kind. Ich offenbarte meine Symptome scheinbar zusammenhanglos, und weil meine Therapeuten keine Ahnung hatten, was sie tun sollten, machten sie einfach irgendwas, natürlich ohne das gewünschte Ergebnis. Es hätte aber womöglich eine exakt zu bestimmende Ursache gegeben, und wäre die zeitnah erkannt und repariert worden, hätte ich auch wieder einwandfrei sprechend unterwegs sein können. Man kann nun mal einen Defekt nicht reparieren, während man noch mit der Suche nach der Schadensquelle beschäftigt ist. Dann ist es leichter, zu pfuschen oder den Defekt als irreparabel zu deklarieren, und trotzdem das Geld einzustreichen. Aber das nur am Rande.
annika hat geschrieben: Um in diesen Situationen fließend zu sprechen, brauche ich keine Gleichgültigkeit gegenüber meiner Symptomatik, sondern die Wahrnehmung, dass ich es wert bin, gehört zu werden.
Torsten hat geschrieben: Damit würdest du dich aber von anderen abhängig machen – von deinen Zuhörern ,die dir die Wahrnehmung, gehört zu werden, irgendwie verschaffen müssten. Das kannst du nicht immer erwarten.
Ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Ich bezog meine Aussage ausschließlich auf meine Selbstwahrnehmung (s.u.).
PetraS hat geschrieben:
annika hat geschrieben: Um in diesen Situationen fließend zu sprechen, brauche ich keine Gleichgültigkeit gegenüber meiner Symptomatik, sondern die Wahrnehmung, dass ich es wert bin, gehört zu werden.
Dies ist mit Sicherheit eine psychologische Aufgabe. Und ich frage mich, ob da überhaupt ein Fünkchen Wahrheit (objektiv gesehen) dran ist. Mich erinnert es - und sei mir nicht böse, das ist nicht negativ gemeint - an eine Magersüchtige, die von allen Seiten stets gesagt bekommt, sie wäre viel zu dünn, doch selbst sieht sie sich als dick.
Ich habe solch eine Situation letztes Jahr beim Buko erlebt. Eine junge Frau (Anfang 20), die vollkommen verängstigt und selbst-unsicher war und im Workshop die Aufgabe hatte, etwas vorzutragen. Sie machte das mit Bravur, und sie hat dabei sogar nicht einmal gestottert. Sie fiel fast aus den Wolken und fing bitterlich an zu weinen, als man ihr die Rückmeldung gab, dass das hervorragend war. Sie hatte eine - durch die Stottererfahrung bedingte - völlig falsche Selbstwahrnehmung.
Gut, dass Du dieses Beispiel wählst. Warum sollte meine Aussage keinen Wahrheitsgehalt haben? Ich spreche von meiner Selbstwahrnehmung, also muss sie zumindest für mich Wahrheitsgehalt haben, sonst hätte ich die Schwierigkeiten ja nicht. Ich meinte das auch so, dass „ich selbst“ es mir wert sein muss, gehört zu werden. Unabhängig von meinen Zuhörern. Wenn in mir selbst das Urteil: „Ich bin es nicht wert, gehört zu werden.“, fest verankert ist, entstehen für mich Schwierigkeiten, mich sprechen zu lassen. Und mit Sicherheit ist diese Wahrnehmung selbstschädigend, aber sie lässt sich nicht dadurch aus der Welt schaffen, indem jemand anderes behauptet, sie hätte keinen Wahrheitsgehalt. Sie lässt sich nur verändern, indem ich es mir wert werde, gehört zu werden.

Der Magersüchtigen aus Deinem Beispiel geht es ähnlich. Mit Blick auf ihren Körper sagst Du zu ihr: „Du bist zu dünn.“ Mit Blick auf ihren emotionalen Mangel, der durch den dürren Körper noch nicht genug repräsentiert wird, sagt die Magersüchtige: „Ich bin zu dick.“ Ich sprecht also von zwei völlig unterschiedlichen Dingen.

In die Geschichte der junge Frau, der Du auf dem BUKO begegnet bist, kann ich mich gut einfühlen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass sie aufgrund des Stotterns eine „falsche“ Selbstwahrnehmung hatte. Weißt Du wie oft sie möglicherweise in ähnlichen Situationen versagt hat? Hast Du Dich erkundigt, welche Erfahrungen sie in ihrem Leben mehrheitlich gemacht hat? Vielleicht ist sie in ähnlichen Situationen, wenn sie vor der Klasse etwas vortragen sollte, verspottet worden. Vielleicht hat sie trotz ihrer vielen, vielen negativen Erfahrungen ihren ganzen Mut zusammen genommen und hat sich auf dem BUKO der Situation gestellt, und zum ersten Mal in ihrem Leben beim Vortragen vor einer Gruppe eine Erfahrung gemacht, die anders war als ihre bisherigen. Wer würde da nicht von seinen Gefühlen überwältigt?! Ihre Selbstwahrnehmung war mitnichten „falsch“. Sie entsprach ihrer (bisherigen) Lebenswirklichkeit.
Torsten hat geschrieben: Es geht also um die „Schnittstelle“ zwischen dem Physischen und dem Psychischen – denn genau da entsteht auch das Stottern.
Das finde ich interessant formuliert. Und ich stimme Dir zu, dass Körperhaltung und Körperwahrnehmung großen Einfluss darauf haben, inwiefern ich mich einer Situation gewachsen fühle. In Momenten, in denen mich die Schädlichkeit meiner Introjekte niederdrückt, komme ich körperlich tatsächlich nicht an.
Torsten hat geschrieben: Du hast ja geschrieben, dass du jetzt nur noch selten stotterst. Vielleicht hat es damit zu tun, dass du dein Studium bewältigt hast, beruflich erfolgreich bist und dich auf dieser professionellen und intellektuellen Basis in vielen Situationen sicher fühlst und entsprechend auftrittst. Aber in Situationen, in denen diese „Sicherheit,vom Kopf her“ wenig zählt, bist du weiterhin unsicher.
Ich bin zwar beruflich unzufrieden, aber, doch ja, ich war beruflich nie etwas anderes als erfolgreich, trotz aller Hemmnisse ... Mir hat sich dieser Zusammenhang erst offenbart, als ich las, was Du schriebst. Erstaunlich :D
Und die Zusammenhänge sind so auch gegeben. Es ist das „Gefühl von (subjektiver) Sicherheit“, von dem die Weiche gestellt wird, wie ich an eine neue Aufgabe herangehe. Ich habe oft gemerkt, dass es Erfolge in anderen Lebensbereichen waren, die wiederum zu Erfolgen beim Sprechen führten. Ich bin im Lauf der Jahre immer mutiger geworden. Die letzte Nuss scheint jedoch recht hart zu sein ;)

Und das war es ja auch, was ich gerne von Euch wissen wollte. Wir stark beeinflussen Eurer Selbstbild und Eure Selbstwahrnehmung die Qualität Eures Sprechens in Situationen unterschiedlichen „Schwierigkeitsgrades“? Stellt Ihr fest, dass Eure Selbstwahrnehmung generell Einfluss auf Eure Sprechfähigkeit nimmt, und seid Ihr eventuell in der Lage, gedanklich darauf Einfluss zu nehmen? Und wenn ja, dann wie?

Danke Euch beiden für die hilfreichen Rückmeldungen!

LG,
Annika

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PetraS
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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von PetraS » 29. Juni 2016 14:50

Hallo Annika,
zunächst einmal möchte ich hier die Missverständnisse aufklären.
Du hattest für eine körperliche Ursache das Beispiel mit dem gebrochenen Bein gebracht. Dies hielt ich für das Thema Stottern für das falsche Beispiel und nannte dagegen mein Beispiel mit dem alten Fiat.
annika hat geschrieben: Dein Beispiel mit dem Fiat jedoch erschließt sich mir nicht (ohne da weiter in die Tiefe gehen zu wollen). Der Wagen hatte eine kaputte Motorsteuerung. (...)
Ich meinte damit nur, dass es eben nicht die Wegfahrsperre, die Zündung oder die Benzinpumpe ist, die das Fahrzeug am Fahren hindern, ähnlich wie es nicht eine falsche Zahnstellung, eine zu kurze Zunge oder eine Fehlfunktion der Stimmlippen ist, die bei uns das Stottern verursachen. Das Problem liegt in der Steuerung, also bei uns in einer Fehlfunktion im Gehirn, die körperlich ist, nicht psychisch, so wie es in der Hardware meines Fiat, der Motorsteuerung lag. Einziger Unterschied: beim Fiat kann ich das Teil gegen teures Geld auswechseln, bei mir nicht. Also wird auch mein Motor immer weiter bei den unpassendsten Gelegenheiten ausgehen, ohne dass ich je dafür die wahre Ursache finden werde. Das einzige, was mich weiterbringt, ist die Frage, wie ich mich gegenüber dieser Tatsache positioniere.

Wenn ich selber eine Höllen-Angst davor habe, dass mein Sprechen mal wieder rumspinnt, dann heißt es auch, dass ich mich von den Wogen des Auf und Ab in den gestotterten und den nicht gestotterten Situationen oder an den stotterarmen und stotterreichen Tagen mitreißen lasse und mich hilflos fühle.
Wenn ich aber mit wachem Verstand sage "so ist es nun mal bei mir, es kann und es darf auch passieren", das heißt wenn ich mich an einem festen Punkt positioniere, der unabhängig von den Wogen des Auf und Ab ist, dann kann mich nichts mitreißen und selbst das Gefühl, gleich werde ich stottern, lässt mich kalt. Aber genau dafür bedarf es einer Desensibilisierung und auch einer Gleichgültigkeit gegenüber eventuell auftretenden Symptomen.

Und da ist es mir - aber das ist mein persönliches Gefühl - hundert mal lieber, mein Gesprächspartner nimmt mich als Stotternde wahr, als dass er womöglich denkt, ich sei verwirrt, selbst-unsicher oder zurückhaltend. Darum werfe ich auch öfter mal, wenn ich unverhofft hängen bleibe, Bemerkungen wie "immer dieses Stottern" ein, weil sich damit nämlich vieles mit einem einzigen kurzen Satz klären lässt und die Leute keine falsche Wahrnehmung von mir haben. Dazu gehört aber auch, dass es mir EGAL sein muss, als Stotternde aufzufallen oder nicht.

Für mich lag an dieser Stelle der Schlüssel zu meinem beruflichen Erfolg. Wäre es mir nicht irgendwann egal gewesen, ob ich stottere oder nicht, hätte ich keinen Sprechberuf wählen können. Die Situationen, die ich in der Schule noch erlebt habe, dass ich für eine gefühlte Ewigkeit ein bestimmtes Wort gar nicht herausbekomme, hätte ich mir in meinem schnelllebigen Beruf nicht leisten können. Alles, was an Stottern oder Sprechschwierigkeiten sonst noch übrig ist, ist allein mein Problem.

Ich könnte mich ärgern, wenn ich im Türkei-Urlaub einem Taxi-Fahrer sagen will, wo ich hin will und mich in jedem zweiten Wort aufhänge (was er natürlich vermutlich als Nicht-Beherrschen der türkischen Sprache interpretieren wird), aber ich tue es nicht. Ich weiß, dass es so ist. Ich weiß aber auch, dass ich auf der Bühne in einem Saal mit 300 Zuhörern eher nicht stottere und als das Sprach-Genie wahrgenommen werde. Es bringt nichts, sich darüber zu ärgern. Es ist eher faszinierend und zeigt, was für eine hinterlistige Störung Stottern ist. Und dann denke ich manchmal: Stottern ist so kompliziert, dass die Natur es nur für besonders intelligente Menschen vorgesehen hat. Und finde mich damit ab. Weil es einfach nichts bringt, sich darüber zu ärgern.
annika hat geschrieben: Nun ja, für mich stellt sich eher die Frage: Wieso überhaupt etwas erklären? Mein lispelndes Gegenüber muss mir sein Lispeln auch nicht erklären. Ich stimme Dir zu, dass es für den irritierten, verwunderten Zuhörer eine Erleichterung sein kann, wenn er für seine Irritation eine Erklärung bekommt, aber für mich selbst brauche ich das nicht.
Mein lispelndes Gegenüber braucht sich auch nicht zu erklären, weil Lispeln keine Mehrfachinterpretationen hervorruft. Stottern schon. Und selbst Leute, die Stottern als solches erkennen, wissen noch lange nicht, was es für dich bedeutet. Weil sie beeinflusst sind von einer öffentlichen Meinung zum Stottern, die immer noch mehr aus Mythen als aus Wahrheiten besteht. Darum lohnt es sich auch, mit engeren Freunden und Bekannten mal ausgiebiger über Stottern zu reden, vor allem auch, wenn diese vielleicht Berufe wie Erzieher, Lehrer oder Kinderarzt haben (Alles Berufe, die naturgemäß öfter mal Stotterer zu sehen bekommen, und die eine Verantwortung für sie haben, die jedoch meistens schier gar nichts über Stottern wissen).
annika hat geschrieben:Die Schilderung Deines „worst-case-Szenarios“ hingegen gefällt mir sehr gut. Ich werde versuchen, diesen Gedankengang persönlich nachzuvollziehen. Möglicherweise hilft mir eine solche Herangehensweise tatsächlich im Alltag.
§dup
annika hat geschrieben: Ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Ich bezog meine Aussage ausschließlich auf meine Selbstwahrnehmung (s.u.).
Klar, wir reden hier nur von Selbstwahrnehmung, und die ist für den Betroffenen immer real. Es geht nur darum, wie man die Selbstwahrnehmung, sofern sie denn destruktiv ist, verändern kann.
annika hat geschrieben: In die Geschichte der junge Frau, der Du auf dem BUKO begegnet bist, kann ich mich gut einfühlen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass sie aufgrund des Stotterns eine „falsche“ Selbstwahrnehmung hatte. (...)
Nein, ich habe mich da vielleicht falsch ausgedrückt. Ihre falsche Selbstwahrnehmung basiert natürlich auf den Dingen, die ich in dem Zitat von Robert Richter genannt habe, und die entspringen ihren früheren Stotter-Erfahrungen des Nicht-Gehört-Werdens, des Spottens etc.

Ich habe mich nach dieser Situation persönlich mit ihr unterhalten, und sie hat es einfach nicht fassen können, dass jemand das, was sie sagt, gut finden könnte. Unabhängig von Form oder Inhalt. Schade, dass sie diese Rede nicht aufgezeichnet hat, damit sie sich selbst noch einmal hätte hören können.

Ist übrigens generell ein guter Tipp, sich selbst aufzunehmen oder sich ein Feedback geben zu lassen. Sowas kann man gut in der SHG machen, da ist auch noch der Vorteil, dass die anderen alle die typischen Ängste eines Stotterers kennen, was man nicht hat, wenn man seiner besten Freundin oder dem Partner sagt "wie fandest du das?"

Soviel für heute.
LG
Petra

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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von Torsten » 30. Juni 2016 10:37

annika hat geschrieben:Ich kann in gewisser Weise nur nacheinander abarbeiten, zwar durchaus mit schnellem Wechsel, aber eben nacheinander. Es ist mir auch körperlich zuwider, sprechen zu sollen, während meine Konzentration von einer anderen Aufgabe absorbiert ist.
Geht mir ganz ähnlich. Ich kann über lange Zeit hochkonzentriert an einer Sache arbeiten, aber sehr schlecht mehreres zugleich machen. Ich kann sehr schlecht reden oder auch nur anderen zuhören, wenn gleichzeitig andere reden oder Musik läuft. Beim Sprechen tendiere ich dann dazu, ziemlich laut zu werden, so dass ich mich selbst gut höre – dann geht es. Aber das ist nicht gerade höflich.
annika hat geschrieben:Es sind z. B. oft Gefühle (vermeintlicher) Unterlegenheit, die dazu führen, dass ich meine, mich ducken zu müssen. Das Gefühl der Unterlegenheit, welches dazu führt, dass ich stottere, ist dann das Problem, nicht das Stottern selbst. Nach außen wahrzunehmen ist jedoch hauptsächlich das Stottern, was möglicherweise das Gefühl der Unterlegenheit verstärkt. Ich meine, dass ich diesem Teufelskreis nur entkommen kann, wenn es mir gelingt, mich von meinem Gefühl der Unterlegenheit zu verabschieden.
Bei mir ist es auch so, dass ich in Situationen, in denen ich mich unterlegen fühle, eher stottere als in Situationen, ich denen ich mich überlegen fühle. Nur gibt es eben manchmal Situationen, in denen ich tatsächlich unterlegen bin – in denen ich der Schwächere bin oder in der schwächeren Position bin – sodass in diesen Situationen das Gefühl der Unterlegenheit durchaus realistisch ist. Was ich dann erreichen möchte ist, trotz des momentanen Unsicherheitsgefühls ruhig zu bleiben und auf das zu achten, was mir beim Sprechen hilft.
annika hat geschrieben:Man kann nun mal einen Defekt nicht reparieren, während man noch mit der Suche nach der Schadensquelle beschäftigt ist.
Schön gesagt. Aber genau das ist die Situation der Stottertherapie.
annika hat geschrieben:Wenn in mir selbst das Urteil: „Ich bin es nicht wert, gehört zu werden.“, fest verankert ist, entstehen für mich Schwierigkeiten, mich sprechen zu lassen.
Das ist ein enorm wichtiger Punkt. Wenn ich mich innerlich frage: Ist das, was ich sagen will, wichtig? Will das hier jemand hören? Interessiert das irgendwen? Wird das nicht missverstanden? – und ähnliche Fragen, dann ist die Wahrscheinlichkeit des Stotterns größer, jedenfalls bei mir. Und bei einem Stotterer kommst schnell die Frage hinzu: Will mir überhaupt jemand zuhören, wenn ich stottere? Dann ist man im Teufelskreis drin.

Deshalb ist es wichtig, in dieser Hinsicht Selbstvertrauen aufzubauen: Was ich zu sagen habe, ist nicht weniger wichtig als das, was andere reden. Ich will gehört werden – ich will wahrgenommen werden – und verhalte mich entsprechend: Ich spreche laut genug, mit guter Betonung und nicht zu schnell (mit Pausen) – ich erwarte von den anderen, dass sie sich die Zeit nehmen, mir zuzuhören. Ich bin es wert, dass man mir zuhört.

Wenn ich das hier so hinschreibe, dann merke ich, wie schwer das für mich selbst oft noch ist. Mein Problem ist, dass ich mich für sehr spezielle Dinge interessiere, für die sich sonst (wahrscheinlich) niemand interessiert. Ich denke daher oft, dass das, worüber ich gern reden würde, für alle anderen vollkommen uninteressant und auch unverständlich ist. Zu den Themen, über die üblicherweise geredet wird – Familie, Urlaub, Autos, Reisen, Fernsehprogramm, Kino, Fußball, Popmusik... – kann ich nichts beitragen, denn sie betreffen mich nicht. Sehr beeindruckend finde ich dieses Video mit David Chalmers: Er spricht vor einem großen Publikum über ein philosophisches Thema, für das sich normalerweise kein Aas interessiert. Auch die Art, wie er spricht, mit guter Betonung, deutlichen Pausen, und mit körperlicher Präsenz (mit Gesten, Raum einnehmend), empfinde ich als vorbildlich.
annika hat geschrieben: Stellt Ihr fest, dass Eure Selbstwahrnehmung generell Einfluss auf Eure Sprechfähigkeit nimmt, und seid Ihr eventuell in der Lage, gedanklich darauf Einfluss zu nehmen? Und wenn ja, dann wie?
Für mein Sprechen ist die Selbstwahrnehmung entscheidend – aber in einem sehr direkten Sinne. Ich komme relativ selten in Situation wie oben beschrieben, in denen ich mich unterlegen und unsicher fühle. Viel häufiger passiert es, dass ich die Selbstwahrnehmung verliere, mich also während des Sprechens nicht körperlich wahrnehme, weil meine gesamte Aufmerksamkeit von meinen Gedanken und Gefühlen in Anspruch genommen wird. Dann macht der Körper gewissermaßen durch das Stottern auf sich aufmerksam, als wollte er sagen: He, ich bin auch noch da! Nimm mich mal wahr!

LG, Torsten
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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von Quarti » 6. August 2016 20:35

ich glaube, dass das Problem in der emotionalen Spannung. Die Aufregung, die Angst fördern Stottern. Mein Stottern war wegen der starken Schreck. Die überwindung der Angst, ich Stottern losgeworden.
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also was haben wir zu verlieren?
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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von Boller » 25. September 2016 01:25

Hallo

Hab mich Jahre damit beschäftigt und habe es jetzt im Griff.

Stotternreduzierende Maßnahmen

Also...wenn ich abends vor dem Bett oder auch tagsüber 3D Shooter spielen würde Oder viel Fernsehen gucken oder ähnliches hätte ich Anspannungen am nächsten Tag im Körper und mein Verstand ist in einer solchen Verfassung, das ich fast durchgehend annehme das Sprechen schwierig ist und Blockaden entstehen schon beim Denken an Wörter oder Sätze. Blockaden entstehen auch vermehrt so ohne das ich aktiv daran denke. Ähnliches unter Stress z.b. durch zuviel Arbeit. Oder Alkohol am Abend zuvor mit schöner Pizza am besten noch spät und mit wenig Schlaf.

Bei genug schlaf und viel Wasser trinken tagsüber...viel Gemüsse und wenig erregende Dingr wie zuviel Computer oder Fernsehen ist reden leichter...testet es mal.

Achtsamkeit zur Indirekten Senkung des Stotterns (also nicht in der Redesituation)

Dazu achtsam sein insgesamt und ein positives Lebensgefühl...Hass...negative Emotionen...Aufregen über andere Menschen oder Denken an das Stottern bewirken Anspannung im Körper und begünstigen bei mir Stottern.

Achtsame Lebenswahrnehmung schon morgens...Grübelschleifen verhindern durch Achtsamkeit schon morgens (was hab ich nicht schon morgens in der Dusche für 1000ende Gedanken gehabt)...einfach mal nicht denken sondern wahrnehmen und zwar die Umgebung durch bewusstes gucken z.b. auf Bäume, Autos oder das warme Wasser Bein duschen und realisieren das das der gegenwärtige Augenblick ist - innere Achtsamkeit durch wahrnehmen von Gefühlen...mit dieser Lebenseinstellung reduziere ich weiter mein stottern auf ein noch kleineres Maß.

Es kommen immer wieder Stottergedanken hoch oft verbunden mit Vorstellungen wie man blockt in Redesituationen im Alltag und dann entstehen noch entsprechende Gefühle (früher ging ich mit den Gedanken und Gefühlen an das Stottern schlafen und stand damit auf). Wenn solche Grübelgedanken kommen dann diese mit der beschrieben Achtsamkeit nicht weiter verfolgen. Denn diese Gedanken (ganze innere Vorstellungen und Welten wo man wie blockt, vermeidet, blamiert, etc.) erhalten das Stottern auch aufrecht.

Direkte Achtsamkeit zum flüssigen Reden in der konkreten Redesituation

Und was mache ich in der konkreten Situation? Wenn ich flüssig rede dann gar nichts. Wenn mir einfällt (da ist er wieder der Gedanke) ich könnte stottern oder eine Blockade spüre oder mir wieder in den Sinn kommt das ich Wörter mit "G" nicht aussprechen kann...was mache ich gegen diese restlichen kleinen (miesen) Stotternaufrechterhaltenden Faktoren die jetzt gerade an der Brottheke kommen und hinter mir ist eine lange Schlange??? Die wieder negative Erfahrungen erzeugen und bestätigen das ich doch stottere??! WAS NUN??!!!

Der Körper erregt in der Regel...fährt hoch...Gedanken kommen in den Sinn...kann keine Wörter sagen mit "B" oder ich blockiere sowieso oder ein Gefühl der Blockade und der Gedanke der Gewissheit der Blockade machen sich breit. Tja was nun? Ganz einfach. Körper runterfahren, Gefühle der Angst bzw. der Gewissheit des Stotterns loslassen und die Gedanken aus dem Kopf bekommen. Ich mache das indem ich durch schon die vorher geübte Achtsamkeit bemerke wie mein Körper hochfährt und nehme das bewusst wahr und bremse ihn so. Gefühle der Angst oder der Vermeidung nehme ich wahr und löse sie so durch die Wahrnehmung auf. Das schwierigste nun. .die Gedanken an das Stottern sind so stark das ich nun doch wieder blockieren würde...Gedanke an das sssss. "B" ...scheinbar unüberwindbar....STOP...hier liegt der Fehler...solange ich weiter Gedanken haben komme ich da nicht raus...dafür ist stottern viel zu stark...aber schaltet genau jetzt um...nimmt über die Augen die Umgebung wahr und realisiert dabei durchgehend....jetzt jetzt jetzt Augenblick für Augenblick - also nicht nur denken "jetzt jetzt jetzt" sondern realisieren das man genau jetzt im Augenblick ist...Selbstbeobachtung...offenes gewahrsein ...realisiert über eure Wahrnehmung den konkreten Augenblick und haltet sanft hierbei eure Aufmerksamkeit (Torsten hört hier bewusst seiner eigenen Stimme oder spürt die Füße) ...die Gedanken über das Stottern versuchen wieder durchzubrechen...Aufmerksamkeit zurück zur Wahrnehmung des Augenblicks....und dann dabei einfach reden...schwups ich kann ja ganz normal reden...!!!

Viele liebe Grüße
Gürcan

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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von PetraS » 25. September 2016 12:21

Hallo Gürcan,
zunächst einmal herzlich Willkommen hier im Forum.
Vielen Dank für die Tipps, die du uns gegeben hast. Ich bin mir sicher, dass sehr viel Wahres daran ist, denn ähnliche Beobachtungen haben schon viele Leute vor dir gemacht und auch hier zur Sprache gebracht. Auch ich kann mich in vielem wiederfinden, wenn du zum Beispiel sagst:
Boller hat geschrieben: Der Körper erregt in der Regel...fährt hoch...Gedanken kommen in den Sinn...kann keine Wörter sagen mit "B" oder ich blockiere sowieso oder ein Gefühl der Blockade und der Gedanke der Gewissheit der Blockade machen sich breit. Tja was nun? Ganz einfach. Körper runterfahren, Gefühle der Angst bzw. der Gewissheit des Stotterns loslassen und die Gedanken aus dem Kopf bekommen. Ich mache das indem ich durch schon die vorher geübte Achtsamkeit bemerke wie mein Körper hochfährt und nehme das bewusst wahr und bremse ihn so. Gefühle der Angst oder der Vermeidung nehme ich wahr und löse sie so durch die Wahrnehmung auf. (...)
Was ich sehe, ist, dass du sicher eine sehr gute Körperwahrnehmung entwickelt hast, die sich in deinem Falle positiv auf das Sprechen auswirkt. Ich habe jedoch den Eindruck, dass für dich Stottern an sich immer noch ein Schreckgespenst ist, das du gar nicht erst heraufbeschwören möchtest, weil du nicht weißt, wie du damit umgehen sollst, wenn es dir begegnet. Kurzum, du hast Angst, diesem Gespenst zu begegnen.

Genau das ist der Punkt, an dem ich angesetzt habe. Das Stottern zu entmachten. Dem Gespenst gegenüberzutreten und zu sagen: Zeig dich mir, ich will dich mal genau ansehen, ob du wirklich so furchterregend bist. Und dafür muss ich mich dem Stottern stellen, ihm mit einer positiven Erwartungshaltung begegnen, quasi nach dem Motto: "Nun komm, ich will dich erleben und gucken, wie ich mit dir klar komme."

Allein diese Einstellung, mit Neugier und einer positiven Erwartungshaltung auf herannahendes Stottern zu reagieren, hat bei mir dazu geführt, dass die völligen Blocks (die, aus denen ich mit eigener Kraft nicht herauskam) wegblieben. Ich spüre Stottern, ich fühle es herannahen, ich kann es oftmals abwenden, indem ich wie du mich herunterfahre, entspanne, einfach durchatme. Aber ich habe niemals Angst davor. Weil ich es einfach nicht schlimm finde, auch vor Leuten das Stottern ab und zu zu zeigen. Und das ist noch viel angenehmer, als wenn ich nur mit allen Mitteln Vorbeugung treffe, um das Stottern gar nicht erst an ich heranzulassen.

Gruß
Petra

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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von Boller » 25. September 2016 18:41

Hallo Petra,
vielen Dank für deine Antwort. Hast du wirklich gut erkannt. Ich empfinde Stotttern als eine Art Schwäche und möchte dieses Gespenst nicht mehr. Den Mut mich so dem zu stellen wie du hatte und habe ich nicht..und habe dafür alles getan es anders zu schaffen. Vielleicht fehlt mir an dieser Stelle einfach etwas Selbstvertrauen.
Liebe Grüße
Gürcan

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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von Boller » 25. September 2016 21:44

Hallo Annika,

Den einen Punkt den du erwähnt hast ist aus meiner Sicht der wesentlichste überhaupt.

Warum stottere ich bei einem Gespräch mit A nicht und mit B schon. Oder wieso kann ich zuhause normal sprechen und am Telefon stottere ich...!!! Ein Freund sagte mal: "Es gibt Tonnen von Literatur über Stottern aber kein Buch was mir hierfür eine nachvollziehbare Begründung gibt."

Aber man kann genau diesen Fakt über das Stottern für sich nutzen. Einfach umgekehrt. Was denke und fühle ich wenn ich genau in diesen Situationen flüssig rede. Und wie kann ich diese Körper- und Geisteshaltung reproduzieren...und zwar alltagstaglich.

Eine Bekannte hat mal zu mir gesagt: "Wenn du einfach redest...aus der Entspannungshaltung heraus ohne Anstalten darüber nachzudenken...dann spricht du ganz normal."

Liebe Grüße
Gürcan

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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von PetraS » 26. September 2016 10:10

Hallo Gürcan,
deine vorsorgenden Maßnahmen in aller Ehre...
Boller hat geschrieben:Ich empfinde Stotttern als eine Art Schwäche und möchte dieses Gespenst nicht mehr. Den Mut mich so dem zu stellen wie du hatte und habe ich nicht..und habe dafür alles getan es anders zu schaffen. Vielleicht fehlt mir an dieser Stelle einfach etwas Selbstvertrauen.
Wenn du es auch noch schaffst, dir klar zu machen, dass Stottern keine Schwäche ist, sondern - sagen wir mal - das i-Tüpfelchen, das dich einzigartig macht, dann brauchst du dich nirgendwo mehr dafür zu schämen. Schämen schon einmal für eine Sache, für die man nichts kann, ist paradox und hat ausschließlich mit den Erfahrungen in unserer Kindheit und unserer frühen Jugend zu tun.

Wenn du auch aufkommendem Stottern gelassen begegnen kannst, es dann auch zeigst und sagst: "kann passieren, weil ich manchmal stottere", dann dürfte es auch die übrigen Maßnahmen viel effektiver machen.

Mich erinnert dein Vorgehen an einen Vampirfilm. Überall hängst du Knoblauch aus, an jeder Wand baumelt ein Kreuz, ein weiteres bei dir um den Hals und du fühlst dich ziemlich sicher, dass der Vampir dich so nicht kriegen kann. Aber auch nur ziemlich. Und dann wirfst du das Kreuz kurz ab, weil du - sagen wir mal - unter die Dusche gehst - und zack! wirst du erwischt.

Nur wenn du dem Vampir ins Auge blicken und sagen kannst: "Komm, Freundchen, vor dir habe ich doch keine Angst" und ihm den Pflock direkt ins Herz treibst, dann bist du wirklich gewappnet.

Ich frage mich manchmal: wo ist das Problem, dem Gegenüber einfach zu sagen: "ich stottere schon mal, also wundere dich nicht". Das ist ein einfacher Satz, der einem im Leben eine tonnenschwere Last abnimmt. Und meistens stottert man danach sehr sehr viel weniger bis gar nicht. Zumindest funktionieren dann alle Maßnahmen, die man zur Verfügung hat, ganz sicher, weil man emotional geerdet ist.

Eine Analyse, warum ich bei A flüssig und bei B unflüssig rede, halte ich für den falschen Ansatz, viel sinnvoller ist es, in jeder Situation, der flüssigen wie der unflüssigen, emotional ausgeglichen zu bleiben und sich nicht vom Stottern aus der Fassung bringen zu lassen. Das geht mit ein bisschen Forschergeist und Selbstironie. Ich habe festgestellt, dass bei mir die Trigger ganz simple Dinge sind. Zum Beispiel hatten wir vergangenes Jahr eine Gruppe aus der Türkei da, die ich gedolmetscht habe. Ich habe lange ohne Blickkontakt zur Gruppe simultan ins Mikro gedolmetscht, da war von Stottern keine Spur. Dann habe ich mich umgedreht und in ein paar Augen gesehen und blieb am nächsten Wort unvermittelt hängen.

Später habe ich ein Vierer-Gespräch gedolmetscht mit ständig wechselndem Blickkontakt in zwei braune und zwei blaue Augenpaare. Da habe ich gestottert wie noch nie. Ich weiß, dass die Trigger nichts mit "der ist mir überlegen/unterlegen" zu tun haben, sondern offenbar rein mechanische Reize sind: menschliches Augenpaar - Stottern. Dasselbe gilt für Gespräche mit Freunden in echt und am Telefon: Gespräch in Anwesenheit - geringes Stottern. Gespräch am Telefon mit derselben Person - viel mehr Stottern.

Das sind Beobachtungen, die analysiere ich nicht nach emotionalen Aspekten, sondern nach äußeren Umständen. Dabei bleibt eines wichtig: ich verhalte mich in allen Situationen emotional gleich. Keine Aufregung, keine Nervosität, keine Angst.
Vielleicht schaffst du ja, dir ein bisschen davon abzuschauen, weil es wirklich sehr viel hilft.
Gruß
Petra

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Re: Aufrechterhaltung des Stotterns – Physis vs. Psyche

Beitrag von Torsten » 26. September 2016 10:36

Hallo Gürcan,

herzlich willkommen im Forum auch von mir. Dem, was du schreibst, kann ich nur zustimmen.

Viele Grüße

Torsten
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