Stottern den negativen Touch nehmen...

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PetraS
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Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von PetraS » 12. Juli 2016 15:50

Hallo Leute,
wenn ich euch in der Sommerpause erwischt habe, dann möchte ich euch mal etwas zum Drüber-Nachdenken auf den Weg in den Urlaub geben.
Etwas, über das ich schon lange nachdenke, und das mir ein entscheidender Schlüssel im Umgang mit dem Stottern zu sein scheint.

Es gab Zeiten, da war ich wie von der Tarantel gestochen, wenn ich nur das Wort Stottern hörte. Alle Alarmglocken erschallten in meinem Kopf, und ich stellte mich auf die gleich folgende Flucht ein. Aber es ging noch weiter; der Begriff Logopäde machte mir Bauchschmerzen, eine Sprach(en)schule löste Panik aus, bis ich mir bewusst machte, dass dort Sprachen, nicht das Sprechen unterrichtet wurden.

Wie kommt es aber zu solchen Gefühlsausbrüchen? Alles hat seinen Ursprung in dem negativen Touch, den der Begriff Stottern von Anfang an in meiner Wahrnehmung hatte. Stottern - das war schlecht, und Stottern - das war ich. Ich machte etwas Schlechtes. Etwas, das gesellschaftlich geächtet wurde, etwas, für das ich gerügt wurde, ohne etwas dafür zu können. Etwas, das Scham und Schuldgefühle auslöste, weil ich mich bei jedem Mal, wo ich mich als Stotternde zu erkennen gab, bloß gestellt, entlarvt fühlte.

Ich kann mich an all diese Dinge noch sehr gut erinnern. Ich habe nur ein Problem: je länger ich mich mit der Materie befasse, je öfter ich mit anderen Stotternden zusammenkomme, je offener ich auch mein Stottern vor allen möglichen Leuten zeige... ich kann am Stottern nichts Negatives mehr finden.
Für mich ist Stottern einfach nur Stottern. Wenn jemand in meiner Gegenwarte stottert, dann warte ich halt, bis er ausgeredet hat. Und wenn ich selber stottere, dann passiert gefühlsmäßig rein gar nichts. Ich stottere einfach zu Ende. Die Gefühlsregungen, die ich noch vor wenigen Jahren hatte, bleiben aus. Ein wunderbarer Zustand!

Ich vertrete überzeugt die Auffassung, dass niemand das Recht hat, Stottern als negativ zu bewerten.
Stottern kann für den Zuhörer anstrengend sein, es kann für den Stotternden ebenfalls anstrengend und ärgerlich sein, aber doch niemals schlecht.
Niemand hat das Recht, Stottern mit einer Bewertung zu belegen.

Und dennoch stelle ich fest, dass es auch in der Selbsthilfeszene noch viele Leute gibt, die darum herumdrucksen, ob sie bei einer Bewerbung z.B. ihr Stottern ansprechen sollen, weil sie eine Ablehnung befürchten. Die sich zieren, ihr Stottern vor Kollegen offen anzusprechen, weil sie sich schämen. Die sich dem unfassbaren Druck aussetzen, die Rolle des Normalsprechers zu spielen, obwohl sie sich stets selbst verleugnen. Wozu?

Darf mich jemand überhaupt dafür verurteilen, dass ich stottere? Darf mich jemand abwerten, weil ich stottere?
Ich habe durch die Bank weg positive Erfahrungen mit einem offenen Umgang gemacht. Offen und souverän das Stottern anzusprechen, es erhobenen Hauptes zu kommunizieren und dann zur Tagesordnung überzugehen. Und interessierte Nachfragen sachlich zu beantworten.

Ich glaube manchmal, dass Stottern bei vielen immer noch einen negativen Touch hat. Aber ich halte es für wichtig, dass ein Stotternder für sich zu dem Schluss kommt, dass Stottern nicht mit gut oder schlecht zu bewerten ist. Es kann lästig sein, es kann ärgerlich sein, es ist aber nicht schlecht. Und auch nicht gut. Es ist einfach nur da.

Wie steht ihr dazu?
Schöne Ferien
Petra

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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von F.J.Neffe » 15. Juli 2016 13:32

Wäre es für Stotternde nicht günstiger, sie würden dem Sprechen den "negativen Touch nehmen"?

FJN
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PetraS
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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von PetraS » 15. Juli 2016 15:34

Sehr geehrter Herr Neffe,
da sieht man mal wieder, wie sehr sich die Welt Stotternder von der Welt der Nicht-Stotternden unterscheidet.
Nein, Sprechen hat keinen negativen Touch, Sprechen ist das Ideal, Stottern der klägliche Versuch, diesem Ideal nachzueifern.

Ich kann zwar nur für mich sprechen (obwohl ich weiß, dass es vielen sehr ähnlich geht), aber ich war als Kind zu dem Schluss gekommen, dass alle anderen sprechen, ich allerdings weit davon entfernt bin, meine verbalen Äußerungen mit Sprechen bezeichnen zu dürfen. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, wenn mir mal "ich spreche" herausrutschte. Denn diesen hohen Anforderungen genügte ich nicht.

Ich durfte nicht sagen "ich spreche", aber "ich stottere" durfte ich erst recht nicht sagen, weil das Tabu war, ich traute mich nicht einmal "ich stottere" zu denken, weil ich mich dann schon schämte.

So, und all diese beengenden Dinge einfach abzulegen und sich wohl fühlen zu können, auch wenn jemand neben einem stottert, auch wenn man selber stottert und auch wenn jemand einem ins Gesicht sagt: "du stotterst ja!" das ist ein geiles Gefühl.

Es spielt keine Rolle, ob man stottert oder nicht, es spielt nur eine Rolle, wie man sich dabei fühlt.
Und wenn man stottern UND sich wohl fühlen kann, wenn man Stotternde ertragen UND sich dabei wohl fühlen kann, und wenn man das Wort Stottern hören UND sich dabei wohl fühlen kann, dann hat man das Problem gelöst. Egal, ob man ab und zu weiter stottert oder nicht.

Gruß
Petra

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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von F.J.Neffe » 15. Juli 2016 16:08

Wenn ich Ihr Lehrer gewesen wäre, hätte ich Ihr Stottern als Ausgangssprache mit Hochachtung akzeptiert. Wenn jemand Sie dafür nicht geachtet hätte, hätte ich mich demonstrativ an Ihre Seite und an die Seite Ihrer Talente - auch Ihrer Sprechtalente - gestellt.
Ich wäre dafür eingetreten, dass nicht Sie sondern wir uns zu schämen haben, wenn wir sie zum sich Schämen bringen.
Ich sehe das auch so: Die entscheidende Rolle spielt, wie man sich fühlt.
Deshalb ist es die erste päd. Aufgabe, für gute Gefühle zu sorgen.
Pädagogik ist, wenn man dafür sorgt, dass sich der Mensch dem Leben gewachsen fühlt.
Denn nur durch Wachsen wird man dem Leben gewachsen - und wird gelassen und locker.

Ich würde jederzeit für jemand eintreten, der stottert, aber niemals für das Stottern.
Zur Neugründung der SSHG Ulm war ich eingeladen. Der Leiter der Veranstaltung litt an sehr starken Sprechblockaden.
Nach einer Stunde Zuhören, das mir wehtat, bat ich ihn um 5 Minuten für ein IKS-Experiment - sie wurden gewährt.
Ich machte etwas, was gar nichts mit Stottern zu tun hat. Ich zeigte ihm seine 3 cm Beinlängendifferenz und brachte ihn zum Staunen und Lachen.
Er sagte: "Bitte, liebes Gehirn, mach meine Beine sofort gleich lang!" und sie waren gleich lang.
Er bat sein Gehirn, die Beinlängendifferenz wiederherzustellen, und sofort war sie wieder da.
Er suggerierte sich die Beine wieder gleichlang und dass sie so bleiben - und genau das geschah.
Dass er so MÄCHTIG war, war ihm nicht bewusst.
Auf einmal waren wir im schönsten flüssigen Gespräch, er konnte sich gar nicht blockieren - es ging wie geschmiert.
Seine emotionale rechte Gehirnhälfte hatte die Führung übernommen und die braucht die Probleme nicht.
Er brauchte etwa zwei bis drei Minuten, bis er sich wieder in seine krampfhaft kontrollierende linke Gehirnhälfte rübergearbeitet hatte, dann klappte es mit den gewohnten Blockaden wieder.
Wenn er sich seine MACHT genauer anschauen würde, stünde sie ihm jederzeit zur Verfügung.
Aber lieben mehr das GEWOHNTE und beachten ungewohntes Erlebtes nur sehr selten genau.
Ich habe keinerlei Respekt vor seinen Blockaden; ich liebe seine Talente und bin hoch an ihnen interessiert- deshalb kommen sie bei mir auch raus.
Er bräuchte mir das nur nachzumachen, doch er schämt sich immer noch für die Talente, die ich so faszinierend finde.
Er steht nicht zu seinen Talenten und darum lassen auch sie ihn im Stich.
Wenn ich seine Blockaden höre und erlebe, tut es mir weh.
Ich fühle, wie es seinen Talenten dabei ergeht, und es drängt mich, etwas für diese zu tun. Ich denke ihnen sofort alles zu, was sie stärkt und aufrichtet, ihrer Entwicklung dient usw. Es ist doch klar, dass sich mir dafür diese Talente zeigen. Wann haben sie sonst schon mal die Gelöegenheit, rauszukommen???
Es ist niemals egal, ob man weiterstottert oder nicht. Deshalb stelle ich mich grundsätzlich an die Seite der geschwächten Kräfte & Talente.
Mit herzlichen Grüßen
Franz Josef Neffe
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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von PetraS » 15. Juli 2016 16:18

Hallo Herr Neffe,
ich bitte Sie höflichst darum, hier Stotternden keine falschen Hoffnungen einzureden. Selbstsuggestion ist schön und gut, nützt uns in unserem Falle jedoch herzlich wenig.
Danke.
Petra

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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von F.J.Neffe » 15. Juli 2016 17:16

Dann bitte ich ebenso höflichst, meine Texte genau zu lesen.
Ich habe hier Tatsachen berichtet, und überhaupt nichts einzureden versucht.
Was Selbstsuggestion nützt oder nicht, erforsche ich konkret und praktisch seit 40 Jahren.
Wenn Sie damit auch konkrete Erfahrungen haben, dann berichten Sie sie.
Wenn Sie keine haben, dann stellen Sie keine Behauptungen auf sondern sammeln Sie erst mal konkrete praktische Erfahrung!
Ich wünsche Ihnen guten Erfolg.
Franz Josef Neffe
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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von Torsten » 16. Juli 2016 18:27

Hallo Petra,

Stottern ist eine Sprechstörung – ich nehme an, darauf können wir uns einigen. Hinken ist eine Gehstörung. Dem Hinkenden ergeht es ähnlich wie dem Stotternden: Er kommt langsamer voran, es kostet ihn mehr Mühe, und es sieht nicht schön aus.

Nun ersetze ich in einigen Zitaten aus deinen obigen Beiträgen 'Stottern' durch 'Hinken' – nur mal so, um zu sehen, wie sich das anfühlt:
Darf mich jemand überhaupt dafür verurteilen, dass ich hinke? Darf mich jemand abwerten, weil ich hinke?
Selbstverständlich nicht. Aber die meisten Leute werden das Hinken trotzdem unschön finden. Sie können einfach nicht anders.
Ich glaube manchmal, dass Hinken bei vielen immer noch einen negativen Touch hat. Aber ich halte es für wichtig, dass ein Hinkender für sich zu dem Schluss kommt, dass Hinken nicht mit gut oder schlecht zu bewerten ist. Es kann lästig sein, es kann ärgerlich sein, es ist aber nicht schlecht. Und auch nicht gut. Es ist einfach nur da.
Du wirst aber zustimmen, dass es besser ist, normal, d.h. ohne Störung gehen zu können. Insofern – also relativ zum Ungestörten, Gesunden, sind Hinken schlechter. Wer die Wahl hat zwischen dem gesunden und dem gestörten Bewegungsablauf, wird wohl den gesunden wählen.
Es spielt keine Rolle, ob man hinkt oder nicht, es spielt nur eine Rolle, wie man sich dabei fühlt.
Also ich würde mich nicht gut fühlen, wenn ich hinken müsste, und ich fühle mich auch nicht gut, wenn ich erheblich stottere. Das heißt nicht, dass ich mir moralische Vorwürfe mache, mich innerlich als Person abwerte – das nicht. Aber es ist besser (leichter, schöner), ohne Störungen zu gehen oder zu sprechen.

Man kann sich vielleicht einreden, dass man sich beim Hinken oder beim Stottern wohlfühlt – womit wir bei der Autosuggestion und bei FJN wären. Ich denke, dass er die Autosuggestion lieber dazu einsetzt, das Stottern zu vermindern (so wie es auch von Roland Pauli und in der Naturmethode praktiziert wird) und nicht dazu, sich mit dem Stottern wohl zu fühlen.

Mit alldem will ich nichts gegen Desensibilisierung sagen. Wenn man auf das eigene Stottern mit Angst und Stress oder mit Sprechvermeidung reagiert, dann ist es wichtig, diese übertriebenen Reaktionen abzubauen. Auf diesem weg bist du sehr gut vorangekommen - du hast diese Reaktionen heute nicht mehr. Aber das heißt doch nicht, dass man sich mit einem erheblichen Stottern wohlfühlen muss, oder dass man sich einreden muss, es sei egal, ob das Sprechen gestört ist oder nicht. Eine Störung bleibt eine Störung.

LG, Torsten
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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von PetraS » 17. Juli 2016 19:01

Hallo Torsten,
ich denke, ich gehe mit den meisten Dingen konform, darum kann ich meine Antwort auf nur wenige Aspekte beschränken.
Torsten hat geschrieben: Wer die Wahl hat zwischen dem gesunden und dem gestörten Bewegungsablauf, wird wohl den gesunden wählen.
Wir haben aber in aller Regel nicht die Wahl. Niemand von uns ist gefragt worden, ob er lieber normal sprechen oder stottern möchte. Wir haben irgendwann ein Stottern entwickelt, für das wir überhaupt nichts können, für das wir uns (und besonders die Menschen älteren Semesters wie du und ich) aber oftmals rechtfertigen mussten oder das Gefühl hatten, wir müssten es verstecken, weil es illegal ist.
Torsten hat geschrieben:
Es spielt keine Rolle, ob man hinkt oder nicht, es spielt nur eine Rolle, wie man sich dabei fühlt.
Also ich würde mich nicht gut fühlen, wenn ich hinken müsste, und ich fühle mich auch nicht gut, wenn ich erheblich stottere.
Ich denke, die Betonung liegt auf erheblich.

Da magst du Recht haben, denn erhebliches Stottern behindert einen, außerdem verlangt es vom Zuhörer viel Geduld, die vielleicht mancher nicht bereit ist aufzubringen, womit die altbekannte Spirale wieder angeheizt wird.

Fakt ist aber, dass (gelegentliches) leichtes und flüssiges Stottern weder behindert, noch den Zuhörer stört, es ist dann eher ein kosmetisches Problem.
Dennoch gibt es genug Stotternde, die sich selbst für leichtes, flüssiges Stottern, das sie in ihrer Kommunikation nicht behindert, erheblich schämen und in Folge dessen bei jedem Stotterereignis so unwohl fühlen, dass sie es vorziehen, gar nicht zu sprechen.
Und das ist ein Teufelskreis, den man durchbrechen kann, weil man sich sonst vieles im Leben versagt, was eigentlich kein Problem wäre.
Torsten hat geschrieben:Man kann sich vielleicht einreden, dass man sich beim Hinken oder beim Stottern wohlfühlt – womit wir bei der Autosuggestion (...) wären.
Ehrlich gesagt kommt für mich Autosuggestion im Zusammenhang mit Stottern einfach nicht in Frage. Und dass ich behaupte, ich kann mich heute auch MIT Stottern wohl fühlen, ist keine Autosuggestion, sondern eine Feststellung.
Eine komplette Desensibilisierung sorgt schon einmal dafür, dass man nur noch mit dem Kernstottern zu tun hat.
Vermeidung kann man abschaffen, die Reaktion auf (erheblich seltener gewordene) Sprechhindernisse willentlich steuern.

Es bleibt die Wahl, ob man eine Modifikations- oder Kontrolltechnik anwendet oder sich durch ein Wort durchstottert. Aber egal, was man bevorzugt, man sollte das tun, bei dem man sich am wohlsten fühlt.
Und wenn du dich am wohlsten dann fühlst, wenn du dein Auf-deine-Stimme-Hören praktizierst, weil es dir stotterfreies Sprechen in Situationen ermöglicht, in denen es dir wichtig ist, dann ist es gut, solange du dich dabei auch wohl fühlst.
Torsten hat geschrieben:Aber das heißt doch nicht, dass man sich mit einem erheblichen Stottern wohlfühlen muss, oder dass man sich einreden muss, es sei egal, ob das Sprechen gestört ist oder nicht. (...)
Wir müssen hier zwei Dinge differenzieren: die Innenansicht und die Außenansicht. Ein Außenstehender hat m.E. gar nicht das Recht, irgend eine wertende Wortwahl zu treffen. Er darf Stottern nicht als "schlecht" oder "gut" bewerten, genauso wie er deine Herkunft, Körpermaße oder Religion nicht bewerten darf. Es sind Dinge, die ihm egal sein müssen und die er tolerieren muss, oder er ist ein A...
(Ich spreche hier nicht von Bewerbungen auf einen Fernsehmoderatoren-Beruf oder Nachrichtensprecher, wo bestimmte Sprechvoraussetzungen die Regel sind)
Bei der Innenansicht liegt es in meinem Ermessen, wie ich etwas finde oder nicht. Und - ja! - für mich war der Schlüssel für meine sprachliche (und sprechliche) Karriere der Punkt, an dem mir Stottern egal war.

Schönen Tag noch
Petra

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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von Torsten » 17. Juli 2016 21:23

Hallo Petra,
PetraS hat geschrieben:
Torsten hat geschrieben: Wer die Wahl hat zwischen dem gesunden und dem gestörten Bewegungsablauf, wird wohl den gesunden wählen.
Wir haben aber in aller Regel nicht die Wahl. Niemand von uns ist gefragt worden, ob er lieber normal sprechen oder stottern möchte. Wir haben irgendwann ein Stottern entwickelt, für das wir überhaupt nichts können,..
Ja, das ist so. Die Frage, ob man die Wahl hat, ist die Frage. ob Therapie (auch Selbst-Therapie) erfolgreich sein kann oder nicht. Ich bin in diesem Punkt optimistisch – zumindest, was mich selbst betrifft. Natürlich kann ich nicht für andere sprechen. Aber ich habe da auch immer Roland Paulis leuchtendes Beispiele vor Augen, und noch einige andere, die ich von den Naturmethode- Seminaren kenne...
PetraS hat geschrieben:
Torsten hat geschrieben:
Es spielt keine Rolle, ob man hinkt oder nicht, es spielt nur eine Rolle, wie man sich dabei fühlt.
Also ich würde mich nicht gut fühlen, wenn ich hinken müsste, und ich fühle mich auch nicht gut, wenn ich erheblich stottere.
Ich denke, die Betonung liegt auf erheblich.
Ja, unbedingt. Das bisschen Stottern, mit dem ich jetzt normalerweise zu tun habe, macht mir nichts aus – damit kann ich mich meistens wohl fühlen.
PetraS hat geschrieben:Fakt ist aber, dass (gelegentliches) leichtes und flüssiges Stottern weder behindert, noch den Zuhörer stört, es ist dann eher ein kosmetisches Problem.
Dennoch gibt es genug Stotternde, die sich selbst für leichtes, flüssiges Stottern, das sie in ihrer Kommunikation nicht behindert, erheblich schämen...
Ja, das ist tatsächlich ein Problem. Wir haben gerade einen jungen Mann in der SHG, bei dem das so ist – er möchte perfekt sein. Aber er macht jetzt fleißig In-vivo-Training mit Pseudostottern, und es scheint ihm zu helfen.
PetraS hat geschrieben:Ein Außenstehender hat m.E. gar nicht das Recht, irgend eine wertende Wortwahl zu treffen. Er darf Stottern nicht als "schlecht" oder "gut" bewerten, genauso wie er deine Herkunft, Körpermaße oder Religion nicht bewerten darf...
Das finde ich nicht realistisch, auch wenn es politisch korrekt sein mag. Wenn sich ein erheblich stotternder Mensch bei irgendeiner Firma bewirbt für eine Stelle mit viel Kundenkontakt, dann hat der Personalchef selbstverständlich das Recht, die Sprachfähigkeit des Bewerbers zu bewerten. er wird sogar die äußere Erscheinung bewerten - einschließlich der Körpermaße: abstehende Ohren, zu große Nase... :D

Es geht immer auch um Schönheit. Wenn sich zwei Frauen als Verkäuferin bewerben mit gleicher Qualifikation und Erfahrung, wird vermutlich die Hübschere eingestellt. Und selbstverständlich sagt kein Personalchef: Wir stellen Sie nicht ein, weil Sie nicht hübsch genug sind, oder weil Sie stottern. Niemand ist so gemein.

Wir werden ständig von anderen bewertet, und wir bewerten ständig andere – ganz automatisch und oft unbewusst. Dass solche Bewertungen in der Regel nicht ausgesprochen werden, ist klar – das verbietet die Höflichkeit. Aber sie beeinflussen das Verhalten und die Entscheidungen.

Schönen Sonntagabend noch.

Torsten
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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von PetraS » 19. Juli 2016 16:47

Hallo Torsten,
Torsten, Unterstreichung durch mich hat geschrieben:
PetraS hat geschrieben:Ein Außenstehender hat m.E. gar nicht das Recht, irgend eine wertende Wortwahl zu treffen. Er darf Stottern nicht als "schlecht" oder "gut" bewerten, genauso wie er deine Herkunft, Körpermaße oder Religion nicht bewerten darf...
Das finde ich nicht realistisch, auch wenn es politisch korrekt sein mag. Wenn sich ein erheblich stotternder Mensch bei irgendeiner Firma bewirbt für eine Stelle mit viel Kundenkontakt, dann hat der Personalchef selbstverständlich das Recht, die Sprachfähigkeit des Bewerbers zu bewerten. er wird sogar die äußere Erscheinung bewerten - einschließlich der Körpermaße: abstehende Ohren, zu große Nase... :D
Ich sprach aber nicht von Bewerbungen und dachte, das mit meinem Klammersatz deutlich gemacht zu haben. Es geht um das ganz normal Zwischenmenschliche. Um den Kollegen am Arbeitsplatz, den ich mir nicht ausgesucht habe, um meinen Nachbarn, der in die freie Wohnung neben mich zieht, um den Mitspieler in meinem Fußballverein.

Es kann sein, dass ich zu denen keine Freundschaft aufbaue, weil die Chemie nicht stimmt, weil wir zu unterschiedliche Weltauffassungen haben, aber jemand, der einen wegen des Stotterns ablehnt, der ist einfach nur ein A...
Torsten hat geschrieben: Wir werden ständig von anderen bewertet, und wir bewerten ständig andere – ganz automatisch und oft unbewusst.
Du hast sicher recht. Aber es ist ein Zeichen von Zivilisation und Bildung, wo ich meinen Maßstab ansetze. Südländisches Aussehen darf ebenso wenig Kriterium für eine Negativ-Bewertung sein wie Stottern oder dass man Rollstuhlfahrer ist. Denn das sind Dinge, die man nicht ändern kann.

Und wenn es immer noch Leute gibt, die Stottern mit als negativ bewerteten Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Schüchternheit oder sonst welchen Mythen, die sich hartnäckig um das Thema Stottern ranken, verbinden, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als diese Leute aufzuklären.
Gruß
Petra

Svenja
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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von Svenja » 27. Juli 2016 15:38

Hallo Petra, Torsten und "Rest der Gemeinde",

ich finde, Petra hat hier ein sehr interessantes Thema angesprochen und da möchte ich mich (auch als Nichtstotternde) gerne zu Wort melden, wenn es nicht stört. Dieser (vermeintliche?) negative Touch des Stotterns ist zumindest aus meiner Sicht als Zuhörerin ein ganz zentraler Punkt an der Sache. Und damit meine ich nicht, wie Torsten, eine etwaige Negativität, die sich daraus ergeben könnte, dass stotterndes Sprechen eine "Normabweichung" beinhaltet, also anders ist als störungsfreies Sprechen. Um das Beispiel des Hinkenden aufzugreifen: Klar ist Hinken in puncto effektives Vorankommen und Ästhetik gegenüber einer ungestörten Fortbewegung nachteilig, gleichwohl besteht zumindest bei mir kein "negativer Touch", was das angeht. Ich bin mit einer hinkenden Kollegin durch Rom gelaufen (langsam) und hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, selbst Beklemmungen zu fühlen, mich sehr stark in sie einzufühlen und mitzuleiden oder den Eindruck dass sie sich unwohl fühlt, schämt oder was auch immer. Sie war nicht gut zu Fuß, das wusste ich schon, und deshalb konnte sie nicht schneller voran. Das war alles, und das war zwischen uns klar. Beim Stottern kann das indes anders, vielschichtiger und missverständnisbehafteter sein, so jedenfalls meine Erfahrung.

Ich möchte mal zwei Punkte auseinanderhalten, die aus meiner (Zuhörer-)Sicht den negativen Touch des Stotterns ausmachen (und den, da haben Petra und ich etwas gemeinsam, wollte ich damals und will ich heute - sofern sich eine Situation mit einem Stotternden ergibt - gerne angehen, da für mich rational ebenfalls kein Zweifel daran besteht, dass der negative Touch des Stotterns inhaltlich total unberechtigt ist):

1. die etwaige Beklemmung, die mich erfasst, wenn jemand (erstmals, überraschend, unvorgewarnt oder schlimmer noch, ohne im Nachgang etwas dazu zu sagen) im Gespräch mit mir stark stottert, sozusagen das reine Gefühl, das mich ergreift
2. (eher auf intellektueller Ebene) die Sorge, dass ich mein Gegenüber nicht richtig kennenlernen/einschätzen kann, dass er(sie) meint, sich vor mir verstellen und das Stottern verstecken zu müssen, und angesichts dieser Handhabung die Sorge, dass ich das jetzt auf gar keinen Fall ansprechen darf und mir nicht anmerken lassen darf, dass etwas gerade nicht ganz normal ist.

Daran, dass die Punkte recht ausführlich formuliert sind, sieht man schon, dass ich noch dabei bin, das Ganze für mich zu greifen, deshalb - Paul ist ja zwar nicht mehr da, aber trotzdem - bitte ich darum, die Goldwaage nur sparsam einzusetzen. ;-)

Zu 1.
Ja, das finde ich ganz interessant. Ich glaube, oder weiß bezüglich meiner eigenen Person, dass der Vorgang des Stotterns an sich erstmal irgendwie an einer Urangst von mir rüttelt. Ganz merkwürdig. Es passiert doch eigentlich nichts. Jemand bleibt an einem Wort hängen, hängt sich quasi daran auf, wiederholt einzelne Teilworte oder bekommt ein Wort insgesamt nicht raus. Das zu bewältigen kostet Kraft. Ich weiß nicht, ob ich zu stark mitfiebere oder was es ist, das mich da teilweise mitleiden lässt. Ich glaube, wenn der Stotternde sichtlich darunter leidet, wenn ich merke, dass ihn das nicht nur wegen der Anstrengung, das Wort auszusprechen, sondern vielleicht einer von ihm angenommenen Peinlichkeit (die meines Erachtens eigentlich wirklich nicht besteht/bestehen müsste, sondern allenfalls ein hausgemachtes Problem zwischen dem Stotternden und dem Zuhörer ist, das keiner von beiden haben möchte) fertig macht, dann steigt auch in mir diese Beklemmung hoch. Auch wenn ich einen Satz wie "ruhig bleiben, tief durchatmen" zu Bernd (und den anderen Stotternden, die ich mittlerweile getroffen habe) nie gesagt habe, weil ich wusste dass er verpönt ist, kann ich ihn inhaltlich doch sehr gut verstehen, kann er doch einerseits dazu dienen, eine etwaige Endlosschleife zu unterbrechen, andererseits die Situation inhaltlich anzusprechen (anstatt wie ich, stumm daneben sitzen und abwarten) und ist vielleicht nicht nur an den Stotternden, sondern auch an den Zuhörer gerichtet, quasi als Selbstberuhigung.

Dieser Beklemmung kann man m. E. jedenfalls in meinem Fall nur begegnen, wenn das Stottern entdämonisiert wird, wie Petra schon im Eingangsbeitrag geschrieben hat. Einerseits kann es helfen, wenn man viel mit Stotternden zu tun hat (was aber auch nicht so einfach ist, denn so viele gibt es dann doch nicht und wenn das Stottern so gut versteckt/vermieden wird, nimmt man es als Nichtstotternder auch kaum wahr - ich musste knapp Mitte 20 werden, bis ich überhaupt mal jemanden getroffen/erkannt habe, der stottert). Und total wichtig ist, dass mal kurz etwas dazu gesagt wird, oder dass es - wie ja dann irgendwann bei Bernd und mir - unausgesprochen klar ist.

Ein Unterschied zu der Gehbehinderung ist aus meiner Sicht auch der Überraschungseffekt, mit dem das Stottern den Zuhörer "überfällt". Gespräche können die ganze Zeit normal laufen (ich scanne ja auch nicht die ganze Zeit, ob hier irgendetwas versteckt oder vermieden wird), und plötzlich ist es dann da, da geht dann vielleicht gar nichts mehr. Dazu mal eine kleine Begebenheit von vor ein paar Wochen, die eigentlich besser zu dem 2. Aspekt passt, hier aber auch schon eine kleine Rolle spielt:

Ich war vor ein paar Wochen bei einer Tagung, schicke Veranstaltung, alle im feinen Zwirn da, Fachgespräche, Häppchen. Stand in der Pause in einer Runde mit drei Männern, die sich auch allenfalls flüchtig kannten. Zeit für Small Talk, aber auch fachliche Auseinandersetzung, "Inwiefern haben Sie mit dem Thema zu tun? Wie handhaben Sie das?". Da ich die einzige von vor Ort war, fragte ich in die Runde, ob sich die anderen am Vorabend denn die Stadt angesehen hatten. Es wurde ein bisschen erzählt, und einer von denen meinte "Klar, ich war gestern noch im ...Viertel, einen saufen." Hört sich jetzt blöd an, aber das Wort "saufen" stieß mir in dem Kontext, in dem wir waren, irgendwie etwas auf. Das passte nicht, war zu grob. Besagter Teilnehmer fiel mir im weiteren Verlauf des Gesprächs mehrfach durch etwas derbe Wortbeiträge und teilweise plötzliches lautes Sprechen auf (untechnisch würde ich sagen, er polterte seine Antworten regelrecht - damit meine ich jetzt aber nicht die Sprechstörung Poltern). Ich habe das so wie ich es jetzt tue allerdings nicht analysiert, bei mir entstand eher der Eindruck eines "enfant terrible" - er ist halt so ein Typ, war mein Eindruck, der sich von dem feinen Umfeld nicht beeindrucken lässt und laut, vielleicht auch extra um zu provozieren, immer wieder einen raushaut, während sich die anderen vornehm zurückhalten. Einer aus der Gesprächsrunde runzelte auch mir gegenüber mehrfach die Stirn, während der Kollege sich dann mal wieder etwas unpassend (situationsunangemessen) äußerte. Wir sprachen dann über einen konkreten Sachverhalt und es ging um einen Eigennamen, der mit "Gold..." begann. Und da passierte es: Besagter Kollege wollte sich dazu äußern, und blieb plötzlich - für mich völlig überraschend - an dem Wort "Gold" hängen. Er kam einfach nicht über das "G" hinaus, es gab diesen typischen Verschlusslaut in der Kehle und er brauchte bestimmt sechs, sieben Anläufe, bis er es schaffte und das Wort dann schnell rauspresste. Ich war kurz erschrocken (lehnte mich dann aber innerlich zurück), erstaunt und erleichtert zu gleich. Ach so! Die anderen waren auch etwas verdutzt, glaube ich. Hätte er sofort mit offenen Karten gespielt oder wenigstens danach etwas gesagt, dann wäre dieser kurze Überraschungsmoment ausgeblieben.

Zu2.
Ich glaube, unter normalen Umständen hätte ich die Begegnung mit dem Kollegen recht schnell vergessen und vielleicht vorher gedacht "Ja, das ist halt so ein lauter Karrieretyp gewesen, der gerne aneckt und provoziert." Nun denke ich: Ob er wirklich so auftreten will wie er es tut (kann ja, trotz des Stotterns, so sein)? Oder sind sein lautes Auftreten und diese sprachliche Grobschlechtigkeit dem Wunsch geschuldet, das Stottern in solchen Situationen zu vermeiden? Wollte er vielleicht sagen, dass er "einen trinken" war und konnte das Wort "trinken" aber in dem Moment nicht stotterfrei aussprechen? Verhält es sich ähnlich bei den anderen Äußerungen?
Für mich ist tatsächlich negativ am Stottern, dass der Zuhörer die Leute vielleicht falsch einschätzt, weil sie sich nicht so äußern, wie sie wollen, sondern nur so, wie die Vermeidungstaktik es zulässt. Bernd hat anfangs auch meistens gestottert, wenn er nicht austauschbare Fachbegriffe sagen musste (und manchmal hat er sie einfach mit "Dings" umschrieben). Naja, und wenn ich erstmal mitbekomme, dass jemand vor mir aktiv stottern vermeidet, liegt darin aus meiner Zuhörersicht auch ein negativer Touch des Stotterns, der zu einem Mitgefühl anregt, das an der Stelle so überflüssig ist wie das Vermeiden selbst (okay, ich verkenne nicht, dass bei wertgleichen Synonymen womöglich die Vermeidung auch nur der vereinfachten Kommunikation dient, ich spreche jetzt hier vom sinnentstellenden Vermeiden oder nichts sagen, um Stottern zu vermeiden). Ich meine, wie wäre das denn, wenn ich mitbekommen würde, dass ein Hinkender unter Schmerzen vor mir gerade gehen würde, nur damit ich das Hinken nicht bemerke?! Ich möchte wirklich viel lieber weiter desensibilisiert werden, indem ich angestottert werde, und das möchte ich nicht aufgrund irgend einer political correctness, sondern weil ich wirklich möchte, dass Menschen sich so geben, wie sie sind (sofern sie damit niemandem schaden), und im Fall von Stotternden oder Menschen mit anderen Sprechstörungen, dass sie so reden wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und sich nicht unnötig irgend einen falschen Druck machen. Ich glaube auch - falls nun wieder der Einwand mit dem Bewerbungsgespräch kommt - dass Stottern nur so gesellschaftlich akzeptierter werden kann. Selbsthilfegruppen sind ja schön und gut, aber wenn man immer nur unter sich bleibt und draußen vermeidet, bekommt die Allgemeinheit davon einfach nichts mit und kann auch nicht lernen, angemessen mit dieser anderen Art zu sprechen umzugehen.

Hoppla, ist etwas viel geworden. Aber gut, ich war ja auch lange nicht hier. :-)

Viele Grüße
Svenja

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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von PetraS » 27. Juli 2016 19:25

Hallo Svenja,
danke für diesen wunderbaren Beitrag.
Ich finde es ganz hervorragend, dass eine Nicht-Stotternde, die sich aber durchaus Stottern-Kennerin nennen darf, sich mal wieder zu Wort meldet.
Ich freue mich schon, dir eine ausführliche Antwort zu schreiben, weil du viele Punkte ansprichst, die mir auch oft durch den Kopf gehen.
Ich brauche nur ein bisschen Ruhe und Zeit.
Gruß
Petra

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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von Torsten » 28. Juli 2016 12:59

Hallo Svenja
Svenja hat geschrieben:Und damit meine ich nicht, wie Torsten, eine etwaige Negativität, die sich daraus ergeben könnte, dass stotterndes Sprechen eine "Normabweichung" beinhaltet, also anders ist als störungsfreies Sprechen.
Normabweichung an sich wäre kein Problem. Man kann auch von der Norm (vom Durchschnitt) abweichen, indem man besonders gut spricht – wie ein Profi – oder irgendeine lustige Eigenart hat, die aber keine Störung darstellt (z.B. eine regionale Mundart oder einen ausländischen Akzent). Stottern ist eindeutig eine Störung des Sprechens.
Svenja hat geschrieben:Ich möchte mal zwei Punkte auseinanderhalten (...):
1. die etwaige Beklemmung, die mich erfasst, wenn jemand (erstmals, überraschend, unvorgewarnt oder schlimmer noch, ohne im Nachgang etwas dazu zu sagen) im Gespräch mit mir stark stottert, sozusagen das reine Gefühl, das mich ergreift
2. (eher auf intellektueller Ebene) die Sorge, dass ich mein Gegenüber nicht richtig kennenlernen/einschätzen kann, dass er(sie) meint, sich vor mir verstellen und das Stottern verstecken zu müssen, und angesichts dieser Handhabung die Sorge, dass ich das jetzt auf gar keinen Fall ansprechen darf und mir nicht anmerken lassen darf, dass etwas gerade nicht ganz normal ist.
Solche Sorgen habe ich mir noch nie gemacht. Die Sorge, die ich als Stotterer habe, ist ziemlich genau dieselbe, die jemand hätte, der vor anderen, auch fremden Leuten singen müsste, aber nicht singen kann (weil er die Töne einfach nicht trifft): Es ist die Sorge, dass es sich furchtbar anhört und dass es peinlich ist. Niemand, der nicht singen kann (und sich dessen bewusst ist), wird freiwillig vor anderen Leuten singen, und glücklicherweise wird auch niemand dazu gezwungen.

Zum Sprechen aber ist man gezwungen – obwohl der Stotterer genau dasselbe Problem hat wie der untalentierte Sänger: Er kriegt die Töne nicht ordentlich raus, es klingt nicht schön. Und beim schweren Stottern kommt hinzu, dass es auch nicht schön aussieht.

Wahrscheinlich ist das meine ganz subjektive Einstellung dazu – aber für mich war und ist der ästhetische Aspekt der wichtigste. Wenn jemand in der Öffentlichkeit falsch singt, wird er ausgelacht oder ausgebuht – zu Recht, denn schließlich muss er nicht singen, wenn er es nicht kann. Bei einem Stotternden wird kein gebildeter Mensch lachen, aber kleine Kinder lachen durchaus und reagieren damit ganz natürlich. Wenn jemand in der Öffentlichkeit singt, obwohl er es offenbar nicht gut kann, wirkt das lächerlich und peinlich. Und genau dieselbe Sorge hatte ich früher, wenn ich stark gestottert habe – dass ich lächerlich und peinlich wirke – in Situationen, in denen ich nicht so wirken will (ich bin kein Clown).

Die Sorge, dass man mich wegen des Stotterns für unintelligent halten könnte, hatte ich dagegen nie – von meiner Intelligenz war ich immer überzeugt. Aber wie ich auf andere wirke (insbesondere auf Frauen), das war mich natürlich nicht ganz egal – auf keinen Fall wollte ich lächerlich wirken wie jemand, der „will und nicht kann“. Aber genau das Problem hat Stotternde: Er will ein Wort sagen und kriegt es nicht heraus. Der Gedanke, dass jemand mich wegen des Stotterns inhaltlich oder emotional missverstehen könnte, ist mir nie gekommen – vielleicht machen sich Männer über so etwas weniger Gedanken.

Die Geschichte, die du von der Tagung berichtest, ist interessant.
Svenja hat geschrieben: Ob er wirklich so auftreten will wie er es tut (kann ja, trotz des Stotterns, so sein)? Oder sind sein lautes Auftreten und diese sprachliche Grobschlechtigkeit dem Wunsch geschuldet, das Stottern in solchen Situationen zu vermeiden? Wollte er vielleicht sagen, dass er "einen trinken" war und konnte das Wort "trinken" aber in dem Moment nicht stotterfrei aussprechen? Verhält es sich ähnlich bei den anderen Äußerungen?
Das kann gut sein. Ich kann mich da voll hineinversetzen und würde mich vielleicht (früher) ähnlich verhalten haben. Er hat sich bemüht, in der feinen Atmosphäre besonders „locker“ zu sein (dann stottert man weniger) und deshalb bei den Synonymen spontan die derberen gewählt: Saufen statt Trinken. Einem Mann ist es meistens weniger peinlich, für einen Grobian gehalten zu werden als für einen (Sprech-) Behinderten.

Gruß, Torsten
www.stottertheorie.de

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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von PetraS » 28. Juli 2016 14:44

Hallo Svenja,
nun möchte ich mich auf deinen Text stürzen :D (Während ich bereits begonnen hatte, habe ich Torstens Antwort gesehen, aber nun erstmal nur zu dir)
Svenja hat geschrieben: ich finde, Petra hat hier ein sehr interessantes Thema angesprochen und da möchte ich mich (auch als Nichtstotternde) gerne zu Wort melden, wenn es nicht stört.
Um Gottes Willen, nein, es stört nicht, ganz im Gegenteil, es ist extrem wertvoll, diese Position auch mal dargestellt zu bekommen. Und dann von jemandem, der sich wirklich dezidiert Gedanken darüber macht und die entsprechende Erfahrung hat §dup
Svenja hat geschrieben:Dieser (vermeintliche?) negative Touch des Stotterns ist zumindest aus meiner Sicht als Zuhörerin ein ganz zentraler Punkt an der Sache.
Ich finde es klasse, dass du es auch so siehst. Denn manchmal erleben wir als Stotternde auch den Aha-Effekt, dass wir unser Stottern für extrem unangenehm und negativ bewertet halten, und wenn es dann mal auf den Tisch kommt, also angesprochen wird, der Gegenüber sagt, es mache ihm überhaupt nichts aus, ja, er/sie habe es nicht einmal bemerkt.
Svenja hat geschrieben:Ich möchte mal zwei Punkte auseinanderhalten, die aus meiner (Zuhörer-)Sicht den negativen Touch des Stotterns ausmachen(...)
1. die etwaige Beklemmung, die mich erfasst, wenn jemand (erstmals, überraschend, unvorgewarnt oder schlimmer noch, ohne im Nachgang etwas dazu zu sagen) im Gespräch mit mir stark stottert, sozusagen das reine Gefühl, das mich ergreift
Ich finde es sehr deutlich, wie du die entsprechenden Gefühle, die dich ergreifen, beschreibst. Meines Wissens nach wurde dies auch in verschiedenen Studien in den USA gemessen, indem Stotternde etwas vortragen mussten und die Nicht-Stotternden dabei beobachtet und befragt wurden.
Und ja - ich finde es auch besser, ich kommentiere ein plötzlich auftretendes Stottern vor Leuten, die mich noch nicht kennen, als dass dieses merkwürdige Gefühl im Raum stehen bleibt. Siehe dazu auch http://forum.bvss.de/viewtopic.php?f=1& ... turnschule Ende des Eingangsbeitrages.
Svenja hat geschrieben:2. (eher auf intellektueller Ebene) die Sorge, dass ich mein Gegenüber nicht richtig kennenlernen/einschätzen kann, dass er(sie) meint, sich vor mir verstellen und das Stottern verstecken zu müssen, und angesichts dieser Handhabung die Sorge, dass ich das jetzt auf gar keinen Fall ansprechen darf und mir nicht anmerken lassen darf, dass etwas gerade nicht ganz normal ist.
Das Beispiel, das du hierzu vorwegnimmst (noch unter 1), ist wirklich sehr bezeichnend. Mir kam dabei sofort folgende Erinnerung in den Sinn: Ich sitze im Prüfungsausschuss der Dolmetscher- und Übersetzerprüfung am staatlichen Prüfungsamt in Darmstadt. Wir bekamen vor etwa einem Jahr eine neue Fachleitung, die sich per Mail bei uns vorstellte. Als ich das erste mal mit ihr telefonierte, merkte ich nach wenigen Sätzen, dass sie stotterte. Als ich mir sicher war, konnte ich nicht anders, als sie darauf anzusprechen, indem ich sie fragte, ob ich mal eine etwas persönliche Frage stellen dürfte und dann sagte: "Sie stottern doch auch, nicht?" Sie wirkte sofort extrem verunsichert und wollte wissen, wie ich das gemerkt hätte. Ich sagte, dass man als Stotternder schnell so etwas merkt, außerdem habe sie ja immer wieder Repetitionen gezeigt und auch sonst typische Verhaltensmuster.
Ich habe sie frei von der Leber weg angestottert, damit sie sich nicht allein fühlte, aber mir war klar, dass sie eigentlich großen Wert darauf legte, dass ihr Stottern nicht auffiel.

Als wir mündliche Prüfung hatten, lernte ich sie erstmalig kennen und konnte mich von meinem Eindruck überzeugen, doch schon ein halbes Jahr später, als wieder Prüfung war, war sie nicht mehr da. Auf Nachfragen erfuhr ich, sie hätte die Probezeit nicht überlebt. Seither mache ich mir Gedanken darüber, ob ihr verschwiegenes Stottern nicht dazu beigetragen hat, dass die Kollegen einen völlig falschen Eindruck von ihr bekommen haben, und dass sie vielleicht noch da wäre, wenn sie ihr Stottern nur offen kommuniziert hätte. Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, die Kollegen vom Amt darauf anzusprechen, werde es aber bei Gelegenheit tun, wenn ich mal wieder dort bin. Nicht am Telefon oder zwischen Tür und Angel.
Svenja hat geschrieben: Auch wenn ich einen Satz wie "ruhig bleiben, tief durchatmen" zu Bernd (und den anderen Stotternden, die ich mittlerweile getroffen habe) nie gesagt habe, weil ich wusste dass er verpönt ist, kann ich ihn inhaltlich doch sehr gut verstehen, kann er doch einerseits dazu dienen, eine etwaige Endlosschleife zu unterbrechen, andererseits die Situation inhaltlich anzusprechen (anstatt wie ich, stumm daneben sitzen und abwarten) und ist vielleicht nicht nur an den Stotternden, sondern auch an den Zuhörer gerichtet, quasi als Selbstberuhigung.
Ich kann verstehen, dass man etwas sagen will, aber der Satz "ruhig bleiben, tief durchatmen" ist da wirklich die falsche Formulierung, weil der wiederum an die Urängste jedes Stotternden anschließt, die bereits in der Kindheit geschürt wurden, weil man zunächst ja überhaupt nicht "unruhig" war, und im Regelfalle hatte man auch bereits "durchgeatmet", das Sprechen aber klemmte trotzdem. Und weil es so extrem bevormundend wirkt, weil Andere einem eine so elementare Sache wie Sprechen nicht zutrauen und meinen, es einem erklären zu müssen.

Sehr wohl kann ich mir vorstellen, dass es hilfreich sein kann, NACH einer solchen Episode direkt einen Cut zu machen und zu sagen: "Pass mal auf, wenn du so hängen bleibst wie eben, wie sollte ich mich da am besten verhalten?"

Es ist nämlich mitnichten so, dass jeder Stotternde das Wort unbedingt selbst sprechen möchte (in einem Interview mit Unheilig kommt das sehr schön zum Tragen, indem er dem Reporter anbietet, für ihn das Wort zu ergänzen), es kann aber auch sein, dass der Stotternde sagt: "Warte einfach ab, früher oder später krieg ich das Wort raus". Aber allein über die Sprechschwierigkeiten zu reden, entlastet enorm.

Ungefragt das Wort vorzugeben dagegen halte ich auch für bevormundend. Ich hatte das letztes Jahr einmal erlebt, als ich mit einer Bekannten, die ich noch nicht so lange kannte, Urlaub machte und sie immer in die Schleifen (die nicht endlos waren) eingriff, ehe ich fertig war. Ich sagte ihr unmittelbar nach einer solchen Situation, dass sie mich bitte ausreden lassen solle, und sie antwortete mir, dass das okay ist, sie hätte nur gedacht, es helfe mir. Damit waren wir quitt, ohne dass ich ihr im geringsten böse war.
Svenja hat geschrieben:Dieser Beklemmung kann man m. E. jedenfalls in meinem Fall nur begegnen, wenn das Stottern entdämonisiert wird, wie Petra schon im Eingangsbeitrag geschrieben hat. (...) Und total wichtig ist, dass mal kurz etwas dazu gesagt wird, oder dass es - wie ja dann irgendwann bei Bernd und mir - unausgesprochen klar ist.
Diese Frage brennt mir nun auch schon lange, lange auf der Seele: hast du es denn tatsächlich nie mit Bernd besprochen, nachdem du nun so ausführlich aufgeklärt warst? (Ich habe eure gesamte Debatte mal gelesen, obwohl die vor meiner Forumszeit stattgefunden hat)
Svenja hat geschrieben:Ein Unterschied zu der Gehbehinderung ist aus meiner Sicht auch der Überraschungseffekt, mit dem das Stottern den Zuhörer "überfällt". Gespräche können die ganze Zeit normal laufen (ich scanne ja auch nicht die ganze Zeit, ob hier irgendetwas versteckt oder vermieden wird), und plötzlich ist es dann da, da geht dann vielleicht gar nichts mehr.
Dieser Aspekt ist ein sehr wichtiger. Und Stotternde tragen in den meisten Fällen nicht gerade dazu bei, dies zu ändern. Das sieht man auch an den wiederkehrenden Debatten über "Stottern ansprechen oder nicht..." in diversen Lebenslagen.
Svenja hat geschrieben: Für mich ist tatsächlich negativ am Stottern, dass der Zuhörer die Leute vielleicht falsch einschätzt, weil sie sich nicht so äußern, wie sie wollen, sondern nur so, wie die Vermeidungstaktik es zulässt. Bernd hat anfangs auch meistens gestottert, wenn er nicht austauschbare Fachbegriffe sagen musste (und manchmal hat er sie einfach mit "Dings" umschrieben). Naja, und wenn ich erstmal mitbekomme, dass jemand vor mir aktiv stottern vermeidet, liegt darin aus meiner Zuhörersicht auch ein negativer Touch des Stotterns, der zu einem Mitgefühl anregt, das an der Stelle so überflüssig ist wie das Vermeiden selbst (okay, ich verkenne nicht, dass bei wertgleichen Synonymen womöglich die Vermeidung auch nur der vereinfachten Kommunikation dient, ich spreche jetzt hier vom sinnentstellenden Vermeiden oder nichts sagen, um Stottern zu vermeiden).
Genau um dieses Feld geht mir hier, wie auch in meinem obigen Beispiel bereits erwähnt.
Und auch ich war als Kind und Jugendliche auf dem Trip, lieber als überkandidelt (weil ich glaubte, dass eine gespielte gute Laune mir weniger Sprechschwierigkeiten bescheren würde), bekloppt oder Clown verschrien zu werden, als dass mich jemand mit Stottern identifiziert. Ich konnte nicht ich selbst sein, weil es für mich nichts Schlimmeres, nichts Abwertenderes gab als Stottern.
Svenja hat geschrieben: Ich möchte wirklich viel lieber weiter desensibilisiert werden, indem ich angestottert werde, und das möchte ich nicht aufgrund irgend einer political correctness, sondern weil ich wirklich möchte, dass Menschen sich so geben, wie sie sind (sofern sie damit niemandem schaden), und im Fall von Stotternden oder Menschen mit anderen Sprechstörungen, dass sie so reden wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und sich nicht unnötig irgend einen falschen Druck machen.
Ich finde deine Einstellung wirklich prima. Und dabei mache ich die Erfahrung, dass beide Seiten aktiv daran arbeiten können, Stottern den negativen Touch zu nehmen. Allein die Art, wie ein Stotternder sein Stottern kommuniziert, nämlich als eine Gegebenheit und nicht als Makel, führt in den meisten Fällen dazu, dass auch die Gegenseite es so hinnimmt.

Ich erinnere mich dabei an eine Begegnung mit Menschenrechtlern aus der Türkei vor fast genau einem Jahr. Wir saßen zusammen und sprachen zunächst Kurdisch, dann Türkisch. Ich steckte mal wieder in der verhassten Situation, dass man mich als "die Petra, die Türkisch und Kurdisch kann" angepriesen hatte und kein Platz für mein Stottern blieb. Bis ich im Gespräch das erste Mal hängen blieb... Und dann das zweite Mal. Und ich beim dritten Mal sagte, dass das normal bei mir sei, dass ich zwar Türkisch und Kurdisch kann wie ein Muttersprachler, dass ich aber immer noch Stotterin bin. Und die Reaktion der Leute war: "Das macht dich nur noch sympathischer."
Die Reaktion wäre sicher nicht so ausgefallen, wenn ich peinlich berührt herumgedruckst hätte.

Aber ein Aspekt war da noch, den ich ansprechen wollte, und das ist das soziale Umfeld. Wir haben bislang nur von einem gehobenen sozialen Umfeld gesprochen, der Uni und diesem Schickimicki-Empfang. Ich glaube aber, dass Stotternde in sozial schwachen Verhältnissen noch viel mehr unter dem negativen Touch des Stotterns zu leiden haben, weil eben auch ihr Umfeld nicht offen ist für wissenschaftlich-rationale Erklärungen.

So haben wir einen Teilnehmer in der SHG, der aus sehr einfachen Verhältnissen kommt. Er hat auch anscheinend keine Familie, die sich umfassend mit dem Thema Stottern auseinandergesetzt und ihn in frühen Jahren bereits gestärkt hätte. Er hat in den letzten Jahren eine Therapie gemacht, die ihm sehr geholfen hat, und sagt, er habe tatsächlich bis vor wenigen Jahren gedacht, er sei "zu blöd zum Sprechen". Weil es ja jeder könne und er halt nicht. Schon schlimm, wenn jemand erst 20 Jahre alt werden muss, um zu begreifen, dass er nicht einfach zu blöd ist :(
(Dies auch ein klein wenig als Antwort auf Torstens Beitrag zu Stottern und Intelligenz.)
Also was schlägst du, Svenja, vor, wie können wir neben all der Öffentlichkeitsarbeit dem Stottern noch mehr den negativen Touch nehmen?
Gruß
Petra

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Re: Stottern den negativen Touch nehmen...

Beitrag von PetraS » 29. Juli 2016 12:50

Hallo Torsten,
auch du hast hier wieder sehr interessante Aspekte eingeworfen, die ich nicht unkommentiert stehen lassen möchte.
Torsten hat geschrieben: Niemand, der nicht singen kann (und sich dessen bewusst ist), wird freiwillig vor anderen Leuten singen, und glücklicherweise wird auch niemand dazu gezwungen.
Die Castings-Shows der letzten Jahre belehren uns eines Besseren! :D
Torsten hat geschrieben:Zum Sprechen aber ist man gezwungen – obwohl der Stotterer genau dasselbe Problem hat wie der untalentierte Sänger: Er kriegt die Töne nicht ordentlich raus, es klingt nicht schön. Und beim schweren Stottern kommt hinzu, dass es auch nicht schön aussieht.
Ergänzung: schweres Stottern ist dabei auch für den Betroffenen enorm behindernd, also mehr als nur ein ästhetisches Problem!
Torsten hat geschrieben:Wahrscheinlich ist das meine ganz subjektive Einstellung dazu – aber für mich war und ist der ästhetische Aspekt der wichtigste.
Dieser Punkt ist interessant und es vielleicht sogar wert, mal einen eigenen Thread aufzumachen.
Ich glaube, ich habe früher über den ästhetischen Aspekt niemals nachgedacht. Also wie sich das anhört, was ich sage. Ich habe immer nur vorwärts geblickt und gehofft, dass ich das nächste Wort sagen kann. Und wenn nicht, habe ich endlose Ketten von - äh äh äh - eingefügt oder das Wort getauscht, nur Hauptsache keine Repetitionen zeigen. Gelacht hat darüber nie jemand, es klang ja auch sicher nicht komisch, sondern nur chaotisch.
Und dass ich zu schnell gesprochen habe, hat mein Umfeld mir immer zu verstehen gegeben, eine Bemerkung, die ich fast schon so sehr hasste wie das Wort "Stottern".
Torsten hat geschrieben:Wenn jemand in der Öffentlichkeit singt, obwohl er es offenbar nicht gut kann, wirkt das lächerlich und peinlich. Und genau dieselbe Sorge hatte ich früher, wenn ich stark gestottert habe – dass ich lächerlich und peinlich wirke – in Situationen, in denen ich nicht so wirken will (ich bin kein Clown).
Auch da wäre mir der Clown hundert Mal lieber als der Stotterer gewesen. Wobei, wie ich bereits erwähnt habe, die Erfahrung hinzukam, dass ich in lockeren Situationen besser sprechen konnte, also versuchte ich, nicht lockere Situationen locker zu nehmen und musste mich verstellen. Es war also ein freiwillig herbeigeführter falscher Schein, um einerseits besser sprechen zu können und andererseits lieber mit dem Vorwurf konfrontiert zu werden, mich für die Situation unangemessen zu verhalten (ähnlich dem vorlauten Studenten in der Schickimicki-Runde bei Svenja), als dass man mich als Stotternde entlarvt.
Torsten hat geschrieben: Die Sorge, dass man mich wegen des Stotterns für unintelligent halten könnte, hatte ich dagegen nie – von meiner Intelligenz war ich immer überzeugt.
Das geht mir ähnlich, und als ich mit sechzehn, als ich mich erstmals mit der Sache auseinandersetzte, irgendwo gelesen habe, Stotternde seien sogar meistens überdurchschnittlich intelligent, da nahm ich diese Aussage ganz für mich in Anspruch.
Torsten hat geschrieben:Aber wie ich auf andere wirke (insbesondere auf Frauen), das war mich natürlich nicht ganz egal... (...) Der Gedanke, dass jemand mich wegen des Stotterns inhaltlich oder emotional missverstehen könnte, ist mir nie gekommen – vielleicht machen sich Männer über so etwas weniger Gedanken.
Ich jedenfalls weiß, dass ich oft anders rüberkam, als ich war, und dass vieles hausgemacht war. Es gibt eine Situation, an die ich keine Erinnerung habe, die meine Schwester mir mal erzählt hat. Ich muss da schon sechzehn gewesen sein, also muss es unmittelbar vor meinem Sinneswandel in puncto Stottern gewesen sein. Wir waren im Uhrenmuseum in Furtwagen, und ich wollte den Museumsführer etwas fragen. Als ich dann mitten im Satz nicht weiterkam, sei ich - so meine Schwester - wie bekloppt immer im Kreis gelaufen. Einerseits ein Akt der Peinlichkeit, um mich abzureagieren, andererseits ein Ablenkungsmanöver für die Leute um mich herum. Sollen sie doch denken, ich bin bekloppt, Hauptsache sie nennen mich nicht Stotterin.

Und genau da sind wir wieder am Anfang. Heute frage ich mich, warum ich damals so einen Buhai darum gemacht habe, nicht aufzufallen. Wäre es nicht viel einfacher gewesen, immer offen und selbstbewusst mit dem Stottern umzugehen?
Alles liegt an dem negativen Touch, der dem Stottern beiwohnt. Den ich für mich abgelegt habe, aber der immer noch dem Thema anhaftet.
Gruß
Petra

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