Stottern, nur eine Kopf Sache?

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Liamnoa
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Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Liamnoa » 27. Juli 2016 11:00

Hallo,

ich bin neu im Forum, und ich habe eine Frage.

Und zwar wenn ich alleine bin, stottere ich gar nicht! Ich könnte alleine sogar die Herr der Ringe Trilogie lesen, und ich würde nicht stottern!
Wenn aber jemand in meiner Nähe ist, habe ich Blockaden. Das selbe wenn ich mit Fremden telefoniere.

Liegt das daran, dass ich alleine "lockerer" bin, und keinen "Druck" verspüre? Und wie kann ich dieses Gefühl im Alltag einbauen?

Mein Lehrer meinte mal zu mir, es würde an der Aufregung und Nervosität liegen.

Ich war auch vor einem Jahr bei einem Logopäden, was ehrlich gesagt, reinste Zeitverschwendung war. Ich stottere immer noch.

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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Heiko Bräuer » 27. Juli 2016 19:06

Hallo Liamnoa,

Erst einmal herzlich Willkommen hier im Forum von uns Moderatoren und auch den anderen Usern. Wir sind immer froh wenn sich neue Personen anmelden und sich dann auch trauen etwas zu schreiben.

Zu deiner Frage kann ich dir folgendes aus eigener Erfahrung berichten und sicherlich geht es den meisten anderen Stotterern genau so wie uns :-)

Wenn man mit sich selbst redet, dann Stottern die meisten Stotterer nicht. Warum dies so ist, kannst du z.B. hier im Forum nachlesen. Auch gibt es interessante Beiträge über das Thema Selbstgespräche und Stottern. Gib dies einfach mal oben rechts in die Suche ein und Stöbere was andere so für Erfahrungen niedergeschrieben haben.

Und damit du es vorher schon weißt, es hat nichts mit demn Kopf zu tun. Auch sonst hat Stottern wenig oder keine Psychologischen Ursachen. Man kennt zwar die genauen Ursachen noch nicht zu 100%, aber man weiß des es etwas Körperliches ist.

Lg Heiko

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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von PetraS » 28. Juli 2016 12:55

Hallo Liamnoa,
auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum.
Heiko hat dir ja schon gute Antworten gegeben. Ich möchte nur zum Ausdruck bin, dass ich über die Aussage...
Liamnoa hat geschrieben: Mein Lehrer meinte mal zu mir, es würde an der Aufregung und Nervosität liegen.
...entsetzt bin. Entsetzt darüber, dass es in der heutigen Zeit noch Lehrer gibt, die dir so einen Quatsch erzählen und womöglich selber daran glauben.
Du kannst aber bei der BVSS (Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe) Broschüren, auch Lehrerinfos, anfordern, die du deinen Lehrern zukommen lassen kannst. Es wäre schon sehr wichtig, dass du in der Benotung nicht für etwas benachteiligt wird, für das du nichts kannst. Genauso wie zum Beispiel bei Schülerinnen und Schülern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche die Rechtschreibung außerhalb der Bewertung bleibt, kannst du als Stotternde/r erreichen, dass man die rein mündliche Note durch Ersatzleistungen ersetzt. Dass du also vielleicht nur ein schriftliches Referat machst und es nicht vortragen musst, und dass du dafür keine schlechtere Note kriegen darfst!
So etwas sollte man mit dem Klassenlehrer und den Eltern gemeinsam besprechen, es gibt sogar ein offizielles Verfahren, das sich Nachteilsausgleich nennt.

Für das Stottern gibt es in aller Regel eine genetische Veranlagung, auch haben Untersuchungen gezeigt, dass im Gehirn Stotternder etwas anders funktioniert als bei Normalsprechern.
Aufregung und Nervosität können Stottern zwar verstärken, sie sind aber nicht ursächlich.
Für weitere Fragen sind wir jederzeit offen, aber vieles bekommst du wirklich schon beantwortest, wenn du einfach mal im Forum herumliest.
Gruß
Petra

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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Quarti » 5. August 2016 13:56

Hallo! Ich bin ein neuer Besucher des Forums. Ich stotterte nach einer starken Angst in der kindheit. Mich erschreckt der Hund. Jede Aufregung verursacht das Stottern. Jetzt Stottern nicht. Du brauchst Unterstützung! An sich selbst glauben! Seien Sie von sich überzeugt!

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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von PetraS » 5. August 2016 17:27

Hallo Quarti,
Willkommen hier im Forum. Darf ich raten? Du bist Russe oder kommst zumindest aus der ehemaligen Sowjetunion. Es ist geradezu der Volksglaube in russisch beeinflussten Ländern, dass es immer der anonyme Hund war, der das Stottern bei Kindern verursacht hat. Genauso wie es in der Türkei immer ein Schreck oder wenn solch einer nicht feststellbar ist, der böse Blick ist.

Du kannst aber ganz gewiss sein, dass dies nicht die Ursache für dein Stottern ist. Diese liegt in einer genetischen Veranlagung und meistens mehr als einem auslösenden Ereignis. Dazu kommen aufrecht erhaltende Faktoren, aber so ganz genau sind die Zusammenhänge noch nicht erforscht.

Wenn du allerdings immer noch im Erwachsenenalter stotterst, musst du auch davon ausgehen, dass dich das Stottern dein Leben lang in irgendeiner Form (vielleicht mal mehr, mal weniger) begleiten wird.

Die Einstellung, von sich überzeugt zu sein, halte ich für sinnvoll. Zumindest sollte man sich vom Stottern nicht aus der Bahn werfen lassen - was besonders in jungen Jahren nicht ganz einfach ist.

Gruß
Petra

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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Torsten » 6. August 2016 12:36

Hallo Liamnoa,
Liamnoa hat geschrieben:Und zwar wenn ich alleine bin, stottere ich gar nicht! Ich könnte alleine sogar die Herr der Ringe Trilogie lesen, und ich würde nicht stottern!
Gut – aber Lesen ist auch nicht so eine schwierige Aufgabe, denn du musst dabei keine eigenen Sätze formulieren, musst also nicht überlegen, was du sagen willst.

Wenn ich allein bin und ein lautes Selbstgespräch führe (was häufig der Fall ist), dann kann durchaus Stottern auftreten, besonders, wenn ich beim Sprechen aufgeregt bin – wenn ich mich über etwas ärgere oder von etwas begeistert bin.

Die Vermutung deines Lehrers, dass Stottern mit Aufregung zu tun hat, ist also nicht grundfalsch. Allerdings ist Aufregung nicht die Ursache des Stotterns, denn die meisten Leute stottern nicht, auch wenn sie aufgeregt sind. Obwohl die Ursachen des Stotterns noch nicht ganz klar sind, so weiß man doch heute sicher, dass es kein psychologisches, sondern ein neurologisches Problem ist, und dass oft eine genetisch bedingte Veranlagung zugrunde liegt.
Liamnoa hat geschrieben:Ich könnte alleine sogar die Herr der Ringe Trilogie lesen, und ich würde nicht stottern! Wenn aber jemand in meiner Nähe ist, habe ich Blockaden. Das selbe wenn ich mit Fremden telefoniere. Liegt das daran, dass ich alleine "lockerer" bin, und keinen "Druck" verspüre? Und wie kann ich dieses Gefühl im Alltag einbauen?
Lockerheit ist wahrscheinlich das falsch Wort. Aber wenn du allein bist, bist du mit deiner Aufmerksamkeit bei dir. Du verschwendest keine Aufmerksamkeit darauf an Stottern zu denken oder daran, wie deine Zuhörer das empfinden werden,

Versuche doch mal, wenn du allein bist, frei etwas zu erzählen: eine Geschichte, ein Märchen, ein Erlebnis, möglichst etwas, das dich emotional berührt, also „aufregt“. Sprich nicht zu leise, sondern mit normaler Stimme und höre auf deine Stimme, während du sprichst! Versuche auch sonst, dich während des Sprechens zu spüren – die Atmung, die Füße auf dem Boden, das Gewicht der Schultern. Nimm gleichzeitig den Raum wahr: Richte deine Augen auf einen Punkt im Raum – so wie du im Gespräch jemanden anblicken würdest!

Die Übung besteht also darin, die Aufmerksamkeit auf viele Dinge zu verteilen: (1) Sätze formulieren, (2) auf die Stimme achten (auch auf gute Betonung), (3) den Atem wahrnehmen (in den Bauch atmen), (4) den Körper und (5) den Raum wahrnehmen. Die Folge wird sein, dass du nicht schnell sprechen kannst. Du musst deshalb viele Pausen einbauen, damit du genug Zeit zum Überlegen hast, wie du weiterreden willst. Mache also ruhig überall da, wo eine Pause hin passt, eine Pause: zwischen Sätzen und zwischen Sinnabschnitten innerhalb der Sätze.

Wenn du das geübt hast, dabei ohne Stottern sprechen kannst und dir dieser Zustand der Aufmerksamkeits-Verteilung vertraut geworden ist, dann kannst du versuchen, ihn in den Alltag übertragen – am besten zuerst in Situationen, in denen es nicht darauf ankommt, ob du stotterst oder nicht.

Gruß, Torsten
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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Ralf_D. » 16. November 2016 09:27

Und damit du es vorher schon weißt, es hat nichts mit demn Kopf zu tun. Auch sonst hat Stottern wenig oder keine Psychologischen Ursachen. Man kennt zwar die genauen Ursachen noch nicht zu 100%, aber man weiß des es etwas Körperliches ist.
Sorry, aber dem muss ich widersprechen. Natürlich hat Stottern etwas mit dem Kopf zu tun, bzw. neuronale Ursachen.
An den sogen. "Sprechwerkzeugen" kann es nicht liegen, denn warum sonst stottert jemand bei einem bestimmten Wort und paar Sekunden später spricht er das selbe Wort flüssig aus.?
Andreas Starke hatte das "Stotterereignis" mal als (ganz, ganz stark vereinfacht) zeitweilige "Fehlschaltung von Synapsen während des Sprechens" bezeichnet.

Jeder Stotterer auf der Welt ist in der Lage.... unter bestimmten Voraussetzungen...jedes erdenkliche Wort flüssig aussprechen.
Davon bin ich überzeugt.
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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Torsten » 16. November 2016 09:58

Ralf_D. hat geschrieben:Natürlich hat Stottern etwas mit dem Kopf zu tun, bzw. neuronale Ursachen.
Ja, natürlich. Aber Liamnoa und Petra meinten mit „Kopf“ eine psychische Ursache – also Denken oder Fühlen – und nicht eine neurologische Ursache, d.h. etwas, das Gehirnfunktionen betrifft, die uns unbewusst sind und auf die wir (möglicherweise) keinen Einfluss haben.

Beispielsweise haben auch Parkinson, Epilepsie und Alzheimer mit dem Gehirn und insofern „mit dem Kopf“ zu tun – es sind neurologische Störungen. Aber sie sind (nach allem, was man heute weiß) nicht psychisch verursacht. Und beim chronischen Stottern scheint es ähnlich zu sein – zumindest scheint es eine neurologische Veranlagung dafür zu geben, dass jemand zum Stottern tendiert.
Ralf_D. hat geschrieben:Jeder Stotterer auf der Welt ist in der Lage.... unter bestimmten Voraussetzungen...jedes erdenkliche Wort flüssig aussprechen.
Davon bin ich überzeugt.
Da stimme ich dir zu. Ob ein bestimmtes Stotterereignis auftritt oder nicht, scheint nicht allein von der neurologischen Veranlagung abzuhängen, sondern auch von psychischen Faktoren. Auf diese Faktoren haben wir einen gewissen Einfluss.

Gruß, Torsten
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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Ralf_D. » 16. November 2016 10:07

Hi Torsten, ich bezog mich auf das, was Heiko Bräuer schrieb. ;-)
Torsten hat geschrieben:Aber Liamnoa und Petra meinten mit „Kopf“ eine psychische Ursache – also Denken oder Fühlen – und nicht eine neurologische Ursache, d.h. etwas, das Gehirnfunktionen betrifft, die uns unbewusst sind und auf die wir (möglicherweise) keinen Einfluss haben.
Naja, unsere Gedanken und Gefühle haben ja letzlich auch neurologische Ursachen. Durch z.B. zu wenig Serotonin im Synapsenspalt bekommen wir u.U. Depressionen und diese wirken sich dann auch negativ auf Gedanken, Gefühle, Verhalten...aus.
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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von PetraS » 16. November 2016 12:35

Hallo Ralf_D,
Ralf_D. hat geschrieben:Hi Torsten, ich bezog mich auf das, was Heiko Bräuer schrieb. ;-)
Heiko bezieht sich auch nur auf das, was die Stotterforschung in den letzten Jahren herausgefunden hat, und was vielleicht öfter - zum Verständnis auch für Laien - etwas vereinfacht dargestellt wird. Dass man zum Beispiel sagt, wenn man Behinderungen in körperliche, geistige und psychische einordnen müsste, dann gehörte Stottern zu den Körperlichen...
Ich finde das in folgendem Thread von mir mal beschriebene Beispiel immer noch am besten.
Ralf_D. hat geschrieben:Naja, unsere Gedanken und Gefühle haben ja letzlich auch neurologische Ursachen. Durch z.B. zu wenig Serotonin im Synapsenspalt bekommen wir u.U. Depressionen und diese wirken sich dann auch negativ auf Gedanken, Gefühle, Verhalten...aus.
Ich habe mal gehört, dass der Dopamin-Haushalt bei Stotternden nicht im Gleichgewicht sei, und dass dies ganz ähnlich wie bei Tourette sei. Siehe: hier
Entscheidend ist doch, was dabei herauskommt. Und Erfahrungen zeigen nun mal, dass auch Stotternde, die ihre emotionalen Probleme durch eine völlige Desensibilisierung gegenüber dem Stottern beheben können, immer noch gelegentlich stottern oder vor dem Problem stehen, Wörter nicht so aussprechen zu können, wie sie es gerne wollen.
Gruß
Petra

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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Eberhard » 16. November 2016 23:04

Ihr seid nicht so weit von der Lösung weg.

Es ist so: Unsere Emotionen sind unsere Lebensbasis. Aber sie wollen reguliert werden, nicht bekämpft, sondern reguliert werden. Meine Erfahrung: Wenn es mir gelingt, meine Emotionen kontrolliert zu leben, ist das Stottern weg. Stottern entsteht aus einer gestörten Kohärenz zwischen Kognition und Emotion. Erst wenn beide angstfrei als Einheit funktionieren, ist das Stottern nicht mehr da. Und es ist ein unglaublich gutes Leben, wenn es gelingt.

Das lässt sich üben, in jedem Alter. Womit ich dem auch klar widerspreche, dass Stottern mit zunehmendem Alter nicht mehr heilbar wäre. Es geht, vollständig. Auch wenn es nicht ganz einfach ist, dahin zu kommen.

Das widerspricht noch nicht mal der Vererbungsvermutung, wenn man die Epigenetik mit einbezieht.

Hab' ich das nicht alles schon mal geschrieben?
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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Torsten » 17. November 2016 10:02

Ralf_D. hat geschrieben:Naja, unsere Gedanken und Gefühle haben ja letztlich auch neurologische Ursachen. Durch z.B. zu wenig Serotonin im Synapsenspalt bekommen wir u.U. Depressionen und diese wirken sich dann auch negativ auf Gedanken, Gefühle, Verhalten...aus.
Das stimmt. Die klassische Trennlinie zwischen „körperlich“ und „seelisch“ oder „physisch“ und „psychisch“ kann heute nicht mehr so streng gezogen werden. Auch bei einer klassisch psychischen Störung wie der Schizophrenie findet man Veränderungen in der weißen Hirnmasse (siehe hier). Es hängt auch damit zusammen, dass es im Gehirn keine Trennung zwischen Hardware und Software gibt. Alles, was im Gehirn passiert, auch die Gedanken, kann die Struktur, also die Hardware, verändern, weil die Hardware ziemlich „soft“ ist.

Darin liegt aber auch die Chance, dass man durch Änderung von Einstellungen und Gewohnheiten sein Gehirn positiv beeinflussen kann – selbst Vorgänge, die unbewusst und gegen unseren Willen ablaufen wie jene, die den Stottersymptomen zugrunde liegen.
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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Eberhard » 17. November 2016 23:01

Das ist wohl wahr, Torsten. Am besten fängt man damit an, seine selbst-schädlichen Gedanken zu erkennen und aus seiner Gedankenwelt zu streichen.

Da ist die Sache mit dem Hund. Die Vorstellung, die Angst vor einem Hund hätte das Stottern verursacht, schadet dem, der an sie glaubt. Ich habe selbst immer viel nach den Ursachen gesucht, die mir das Stottern eingebracht hatten und auch für andere Dinge, die in meinem Leben nicht so gut gelaufen sind. Ich weiß heute, dass das Zeitverschwendung ist und nur eine Selbstblockade zur Folge hat. Ich sehe wohl, was ich anders machen muss, als ich es mal lernen musste. Aber ich gebe mich nicht damit zufrieden, daraus eine Schuld abzuleiten, sondern freue mich, dass ich es heute besser kann.

Dieses Thema ist erstaunlich frei von selbst-schädlichen Vorstellungen, in anderen Themen ist das auch schon mal anders. Jede depressive Vorstellung über das eigene Stottern schadet einem selbst. Ebenso alle Versuche, statistische Erhebungen über das Stottern als Wahrheit zu deklarieren. Wenn also es kaum jemand im Erwachsenen-Alter schafft, sein Stottern noch vollständig abzulegen, dann ist das kein Grund, das als Wahrheit hinzustellen und davor zu kapitulieren. Es wird für den einzelnen erst dadurch zur Wahrheit, indem er es als Wahrheit akzeptiert.

Deswegen sollte man sich nicht von vermeintlich schlechten Aussichten beeindrucken lassen, aber auch nicht verzweifeln, wenn die Lösung auf sich warten lässt. Die Lösung kannst du sowieso nirgendwo anders als in dir selbst finden. Lass dich nicht zum Knecht scheinbar übermächtiger Realitäten machen. Die Unterwerfung unter die Realität tut keinem gut. Da ist es besser, Ziele jenseits der Realität zu haben, auch wenn ihre Verfolgung vielleicht ein Leben lang dauert. Es macht Freude, auf solche Ziele hin zu arbeiten.
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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Heiko Bräuer » 23. November 2016 18:00

Ralf_D. hat geschrieben:
Und damit du es vorher schon weißt, es hat nichts mit demn Kopf zu tun. Auch sonst hat Stottern wenig oder keine Psychologischen Ursachen. Man kennt zwar die genauen Ursachen noch nicht zu 100%, aber man weiß des es etwas Körperliches ist.
Sorry, aber dem muss ich widersprechen. Natürlich hat Stottern etwas mit dem Kopf zu tun, bzw. neuronale Ursachen.
An den sogen. "Sprechwerkzeugen" kann es nicht liegen, denn warum sonst stottert jemand bei einem bestimmten Wort und paar Sekunden später spricht er das selbe Wort flüssig aus.?
Andreas Starke hatte das "Stotterereignis" mal als (ganz, ganz stark vereinfacht) zeitweilige "Fehlschaltung von Synapsen während des Sprechens" bezeichnet.

Jeder Stotterer auf der Welt ist in der Lage.... unter bestimmten Voraussetzungen...jedes erdenkliche Wort flüssig aussprechen.
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Hallo Ralf,

ich antworte dir zwar ziemlich spät, aber trotzdem möchte ich kurz auch noch etwas dazu sagen, wie ich es wirklich gemeint hatte.
Mir ging es einzig darum, dass Stottern keine phsysischen Ursachen hat, also nicht von einem traumatischen Erlebnis in der Kindheit kommt (wie manchmal behauptet wird) oder wie Eberhard es z.B. sagt: "die Angst vor einem Hund hätte das Stottern verursacht".
Leider habe ich mich mit "Kopf" im Wortgebrauch ein bisschen zu allgemein ausgedrückt.

Ich hoffe wir verstehen uns da und ich hab deine Kritik auch richtig gedeutet?

Gruß Heiko

Eberhard
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Re: Stottern, nur eine Kopf Sache?

Beitrag von Eberhard » 24. November 2016 21:52

Heiko, wo hast du das gelesen, was ich da geschrieben haben soll (die Angst vor dem Hund hätte das Stottern verursacht)? Warum deutest du das einfach so um, was ich wirklich geschrieben habe (Wer an diese Vorstellung glaubt, der schadet sich selbst)?

Es ist müßig, über die Entstehung des Stotterns zu spekulieren. Es war ja kein neutraler Beobachter dabei. Ich selbst kann schon etwas mehr dazu sagen, weil es bei mit erst mit 7 Jahren angefangen hat. Aber ich will dazu gar nichts sagen, weil es nicht wichtig ist.

Für jemanden, der als Erwachsener noch stottert, stellt sich doch die viel wichtigere Frage: Warum hat das Stottern bei mir nicht in der Kind- und Jugendzeit wieder aufgehört, wie bei 75-80 % derer, die mit Stottern angefangen haben. Warum hat es sich bei mir festgesetzt?

Da habe ich rückblickend eine klare Erkenntnis: Das Stottern selbst hat durch einen falschen Umgang mit dem Stottern eine traumatisierende Wirkung entfaltet. Um es ganz deutlich zu machen: Ich behaupte nicht, ein Trauma hätte das Stottern verursacht. Aber das anhaltende Stottern selbst kann zu einem Trauma führen, wenn falsch mit ihm umgegangen wird.

Ein Trauma entsteht, wenn eine Situation als lebensbedrohlich empfunden und kein Ausweg gefunden wird und das dann auch noch eine überwältigende Angst erzeugt. Habt ihr nie die heftige Angst gehabt, das Stottern könnte euer Leben dauerhaft beeinträchtigen und es könne nie geheilt werden?

Ist das Trauma erst mal da, wird die Heilung des Stotterns schwierig. Es ist allerdings in einfach gelagerten Einzelfällen denkbar, dass das Trauma dadurch verschwindet, dass die Therapie die Erkenntnis verschafft: Ich kann ja stotterfrei sprechen. Das kann dann der Fall sein, wenn das Stottertrauma das einzige Trauma ist. Ich bin aber nicht der einzige hier im Forum, der noch andere traumatische Erfahrungen zu verarbeiten hat. Und das macht die Sache dann erst richtig kompliziert. Vielleicht ist es auch so, dass andere traumatische Erfahrungen erst dazu führen, dass auch das Stottern traumatisierend erfahren wird.

Also: Ich habe mich seit langer Zeit darauf konzentriert, mich aus der Traumatisierung heraus zu winden. Es ist mir weitestgehend geglückt und in dem Maße hat das Stottern von selbst (!) aufgehört. Und das, obwohl ich schon ein recht fortgeschrittenes Alter und viele Jahrzehnte mit Stottern erlebt habe.

Wenn jemand das für sich selbst nachempfinden kann und daran interessiert ist, ich kann gerne beschreiben, wie mir das gelungen ist, das mit dem sich selbst aus Traumen herauswinden.

Traumen sind nicht selten bei Menschen. Die Grenze zwischen nur prägenden und traumatisierenden Lebenserfahrungen ist nicht sehr scharf, den entscheidenden Unterschied macht die Kopplung der Erfahrung mit überwältigender Angst.
Nichts ist wirkmächtiger als das Selbstbild, mit dem einer durch die Welt läuft. Noch dazu, wenn er es für seine wahre Natur hält.

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