Oktay's Geschichte

Erfahrungen, Alltagserlebnisse, Beruf, Freundschaft, Vorstellungen der Forumsteilnehmer...
Antworten
Benutzeravatar
PetraS
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 1090
Registriert: 9. November 2013 19:45
Ort: Wesseling (Nähe Köln)
BVSS-Mitglied: ja

Oktay's Geschichte

Beitrag von PetraS » 6. August 2016 19:16

Hallo Leute,
ich möchte mit euch (mit Zustimmung der Person) eine Geschichte teilen, die gestern in unserem türkischen Stotterer-Forum gepostet wurde. Sie steht stellvertretend für das, was Stotterer in der Türkei täglich erleben. Da jedoch am Ende auch eine Fragestellung bezüglich Deutschland ist, wollte ich euch mit einbeziehen; vielleicht können wir ja gemeinsam einige Ideen entwickeln.
okidoki84 hat geschrieben:Ich möchte euch auch mal ganz kurz, ohne euch zu nerven, über mein Stottern informieren...
Ich heiße Oktay, bin 32 Jahre alt und bin Doktorand an der Uni im Fach Betriebswirtschaft, gleichzeitig stehe ich kurz vor meinem Master(*Anmerkung der Übersetzerin, die Systeme sind nicht ganz kompatibel)-Abschluss (In der Türkei können Master-Studenten an einigen Unis Seminare für Doktoranden belegen, das hängt von den internen Bestimmungen der Uni ab)... Ja, ich kann nun schon seit 2 einhalb Jahren aufgrund meines Stotterns meine Master-Arbeit nicht abschließen, ich kann euch hier meinen Kampf mit Worten nicht schildern, es ist so, wie man so schön sagt, man muss es erlebt haben...

Ich bin etliche Male abgelehnt worden, etliche Male stand ich vor der Prüfungskommission, diese Blocks, diese Buchstaben, die nicht herauswollten und dann die Errötung, wenn die Laute nicht rauskamen, dieses Hängenbleiben, es ist nicht übertrieben, ich kann es nicht schildern aber ich glaube, dass ihr das gerade nachempfinden könnt... Und dann hatte ich auch noch so ein Pech, dass ich extrem strenge Juroren hatten... Ich habe dann eine Zeitlang ausgesetzt, wisst ihr? "Mensch Oktay, Junge, du kannst das nicht, es reicht, du hast genug studiert", habe ich mir gesagt und habe wie blöd nach einer Arbeit gesucht, wie ein Hund bin ich von Tür zu Tür gezogen, aber nur weil ich einen Sprachfehler habe, haben sie mich nicht eingestellt...

Eines Tages habe ich mich in den Hof einer Moschee gesetzt und geweint, habe mich gefragt, "wieso ich? Habe ich denn auf dieser Welt kein Recht zu leben?" Ich verfluchte die Welt, ich war weit weg von meiner Familie. Ich bin vom Schwarzmeer, meine Familie lebt auch dort, aber ich bin in Istanbul... Ich hatte mein Leben dem Studieren, meiner Ausbildung gewidmet, aber ich musste jetzt arbeiten. (Ein Wort gibt das andere, wenn ich von einem Thema zum anderen spring, möchte ich mich schon jetzt entschuldigen, aber wenn ihr was nicht versteht, fragt bitte) Ich habe meine letzte Abschlussprüfung im Juni gehabt, ich bin nicht durchgekommen, aber auch Gott sei Dank nicht durchgefallen, ich muss Korrekturen vornehmen und werde jetzt Ende dieses Monats meine Arbeit abgeben. Ich weiß, dass es niemanden an der Uni gibt, der so lange für seine Arbeit gebraucht hat, in meiner Zeit haben alle einzeln ihre Abschlussarbeit abgegeben und den Abschluss geschafft...

Während meiner ganzen Studienzeit stand ich immer an zweiter Stelle. Du kennst dich in einem Thema aus, kannst aber im Unterricht kein Referat darüber halten, ich habe mich immer davor geflüchtet, die haben sich manchmal ziemlich darüber lustig gemacht, manchmal hat man mir gar nicht erst zugehört, das waren schwierige Tage...

Und heute? Ich habe jetzt überhaupt nicht aufgegeben, ich habe im Gebiet "human ressources" meine Masterarbeit abgelegt. Wie ihr wisst, ist dies sehr intensiv mit dem Aspekt Kommunikation verbunden, Sprechen stand immer im Vordergrund, ich habe x Bewerbungen geschrieben, aber was für ein Pech, ich bin nun schon so alt und habe noch nie eine Arbeit bekommen. Wenn jemand anders an meiner Stelle gewesen wäre, dann hätte der vielleicht noch viel schlimmeres gemacht, aber ich habe mich der Bildung gewidmet, ich habe mir gesagt: "Komme was wolle, Oktay, du wirst Akademiker!" Es gibt Lehrer, die nicht zwei Wörter zusammen kriegen, dachte ich mir, was fehlt dir also?

Ich habe an vielen Instituten in Istanbul Stottertherapien gemacht, habe aber überhaupt nicht davon profitiert, ehrlich gesagt. Zu einem Sprachtherapeuten konnte ich nur 2 Mal gehen, denn ihr wisst ja, dass in diesem Land Sprachtherapien utopische Preise haben... Ich konnte sie nicht beenden, weil ich nicht genug Geld hatte. Ich habe nicht aufgegeben, habe tagelang geforscht...

Ein weiteres schlimmes Erlebnis, was ich hatte, war, dass sie mich trotz guter Noten, nur weil ich Stotterer bin, nicht in den akademischen Kader aufgenommen hatten. Die haben einen Typen, der viel weniger Punkte als ich hatte, aufgenommen, ich kann euch überhaupt nicht beschreiben, wie enttäuscht ich da war...

In meiner Familie stottern meine Mutter und mein älterer Bruder auch, aber die machen sich da nicht so viel draus wie ich. Ich muss aufgrund der Bildung, die ich genossen habe, zu großen Menschenmengen sprechen, darum war Sprechen für mich auch wichtig. Ich stottere, so lange ich denken kann, meiner Mutter zufolge soll ich mit 3 Jahren angefangen haben... Die Institute, wo ich war, haben alles mögliche gesagt, z.B. "sprich eine Zeitlang nicht mit deiner Mutter, ihr Sprechen beeinflusst dich." Glaubt mir, ich habe das getan, habe eine Zeitlang nicht mit ihr gesprochen, obwohl ich als Kind sehr an meiner Mutter hing... Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie es ihr und mir damals erging... Genutzt hat das trotzdem nichts.

Ich hatte die Schnauze voll von den Therapieeinrichtungen, genutzt hatte es überhaupt nichts, denn als ich zuletzt mit einer Stelle geredet habe, hat der Mann mir schlimmeres angetan, als mich zu schlagen. Dabei hatte dieser Mann in dem Gebiet nicht mal eine akademische Ausbildung... Ich habe denen immer mein gesamtes studentisches Taschengeld gegeben... Schließlich war ich nur ein Arbeiter, ein Werktätiger, ein Student, der nicht arbeitete... Nun bin ich 32 Jahre alt und immer noch Stotterer. Und ich muss immer noch unermüdlich arbeiten, werde aber nirgends eingestellt, und je älter ich werde, umso schwieriger wird es auf dem Arbeitsfeld auch. Ab einem bestimmten Alter stellen die dich nicht mehr ein, wenn du keine Erfahrung hast... Das ist so bitter... Derzeit sind Referate bei der Promotion sehr wichtig, aber mich hat kein Prof gezwungen, "Oktay, du musst unbedingt ein Referat halten"... Daher habe ich auch kein Referat gehalten, stattdessen habe ich Zusammenfassungen von Artikeln geschrieben, es gibt also auch solche Profs, glaubt mir...

Aber ich möchte diese ewigen Ausflüchte nicht, ich bin dermaßen durcheinander im Kopf, in dem Sinne möchte ich vor allem Frau Petra unendlich dafür danken, dass sie solch eine Seite eingerichtet hat. Jetzt werden sicher einige von euch fragen: "Oktay, was hast du jetzt vor?" Mein eigentliches Ziel ist es, in Deutschland meine Promotion zu beenden, aber ich befürchte, dass die mein Stottern als Ausrede nehmen könnten. Würde ich dort genau so viel Leid ertragen müssen? Dort braucht man als Doktorand keine Seminare zu besuchen, aber ich müsste zunächst einen Doktorvater oder eine Doktormutter finden... Aber zuerst müsste ich natürlich meine Masterarbeit vor der Jury behaupten, kurzfristig Geld sparen und dann in Deutschland meinen Doktor machen... Das ist derzeit mein einziges Ziel... Wenn ihr Fragen habt, möchte ich, dass ihr wisst, dass ich jederzeit bereit bin zu helfen. Ich danke euch, dass ihr mir zugehört und euch für mich Zeit genommen habt.
Grüße
Oktay
Dies ist seine Geschichte. Die Anregungen und Fragen sind auch an euch gerichtet, und ich habe ihm versprochen, alle Antworten und Ideen an ihn weiterzuleiten.
Gruß
Petra

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste