Bitte um Rat: lautes Vorlesen

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carlo
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Bitte um Rat: lautes Vorlesen

Beitrag von carlo » 28. August 2016 18:26

Liebe Forums-Mitglieder,

schon lange bin ich "lesendes" Mitglied des BvSS-Forums, nun habe ich mich angemeldet um Euch um Rat zu fragen:

Kurz zu mir: Mein Stottern ist nicht besonders stark ausgeprägt,es äußert sich durch "Blocks" am Wortanfang. Ich war deswegen nie in Behandlung, freies Sprechen (auch vor größerem Publikum) ist für mich kein Problem. Beruflich bedingt halte ich häufiger Präsentationen und habe mich deswegen noch nie durch mein Stottern eingeschränkt gefühlt. Begonnen hat mein Stottern irgendwann im Jugendalter (ich bin jetzt Mitte 30).

Das Problem war allerdings schon immer das laute vorlesen von Texten. Hierbei bin ich schon zu Schulzeiten immer wieder am Wortanfang hängen geblieben und habe zum Teil sehr lange gebraucht einen Text flüssig vorzulesen. Nun werde ich aus beruflichen Gründen dazu gezwungen sein, demnächst einen kurzen Text vor Publikum vorzulesen. Es handelt sich dabei um eine Konferenz mit meinen Vorgesetzten und ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass mir schon jetzt davor graut! :? Der Text ist kurz, beeinhaltet allerdings viele "Stolperfallen". Ich habe den Text nun schon alleine zu Hause mehrmals laut ohne Probleme vorgelesen-ich kann es also!- trotzdem befürchte ich "hängen" zu bleiben.

Deshalb meine Frage: Kennt ihr einfache Techniken/Tipps die helfen, Blocks beim lauten vorlesen besser zu kontrollieren (ganz vermeiden werden sie sich sicherlich nicht lassen...)?

Schon jetzt vielen, vielen Dank für eure Hilfe!!!,
carlo

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Heiko Bräuer
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Re: Bitte um Rat: lautes Vorlesen

Beitrag von Heiko Bräuer » 28. August 2016 21:00

Hallo Carlo,
Willkommen hier im Forum.
Deine Symptomatik ist wahrscheinlich ähnlich ausgeprägt wie meine, deswegen kann ich dir aus eigner Erfahrung den Tipp geben, das es hilft wenn man garnicht daran denkt, man könnte bei bestimmten Situationen Stottern.
Wenn ich in einem beruflichen Telefonat Stichpunkte habe, welche ich wortwörtlich sagen muß, dann versuche ich mich auf den Inhalt zu konzentrieren und meist auch noch mögliche Antworten oder Fragen meines Gesprächspartners gedanklich durchzuspielen. Dabei blende ich mein Stottern völlig aus und verschwende keinen Gedanken daran, dass ich bei bestimmten Wörtern stottern könnte.
Und meist kann ich mich danach auch nicht daran erinnern ob ich gestottert habe.
Wenn ich z.b. Mit meinem Chef rede, der weiß das ich Stottere, dann tue ich das auch immer gern und ohne Hemmungen eventuell zu stottern.

Wissen deine Vorgesetzten das du Stotterer bist? Wenn ja, was wäre dann so schlimm daran zu stottern?

Stottern ist menschlich und keiner macht es absichtlich oder kann etwas dafür das er Stottert. Dies rufe ich mir z.B. Immer ins Gedächtnis und sage es bei Bedarf auch Personen welche "negativ" auf mein Stottern reagieren.
Zum Glück kommt dies immer seltener vor :-)

Grüße Heiko

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Torsten
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Re: Bitte um Rat: lautes Vorlesen

Beitrag von Torsten » 29. August 2016 09:54

Hi Carlo,

du weißt ja vermutlich, an welchen Stellen du Blocks befürchtest. Richte deine Aufmerksamkeit nicht auf diese Stellen, sondern auf das Ende des Wortes davor! Sprich diese Wort- oder Silben-Enden deutlich und höre dabei bewusst auf deine Stimme! Überhaupt ist es gut, wenn du beim Lesen die ganze Zeit bewusst auf deine Stimme hörst – das ist beim Lesen leichter als beim freien Sprechen.

Die Aufmerksamkeit sollte insgesamt weniger auf das Machen und mehr auf die Wahrnehmung gerichtet sein – vor allem auf die eigene Stimme, aber auch sonst auf den eigenen Körper, auf den Raum und auf das Publikum.

Das Hören auf die eigene Stimme beim Sprechen kann man gut für sich allein trainieren, um sich daran zu gewöhnen.

Gruß, Torsten
www.stottertheorie.de

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Re: Bitte um Rat: lautes Vorlesen

Beitrag von PetraS » 29. August 2016 13:27

Hallo Carlo,
mein Tipp: lies den Text (auch übungsweise vorher schon, denn hängenbleiben wirst du beim Alleinlesen eher nicht, aber du kannst die Sprechweise gut üben) langsam und vielleicht etwas übertrieben betont.
Durch Veränderung der Sprechweise (auch mit Höhen und Tiefen, also etwas theatralisch) sinkt die Wahrscheinlichkeit, hängen zu bleiben. Eine etwas übertriebene Betonung kann vom Publikum als gute Rhetorik gewertet werden, sie ist dann vielleicht nur für dich befremdend, vom Publikum wird es durchaus positiv aufgenommen.

Stell dich darauf ein, für den Fall, dass du tatsächlich hängen bleibst, offen auszusprechen, dass das an deinem Stottern liegt. Also etwa in dem Sinne: "Sorry, bin gerade von meinem Stottern ausgebremst worden". Also selbst wenn du "sorry" sagst, ist das nicht in dem Sinne gemeint, du hättest etwas Peinliches gemacht, eher wie wenn du dich für ein Niesen oder Husten entschuldigst, was ja auch kein Drama ist.

Meine Erfahrung ist, dass allein die Bereitschaft, dass ich dies tun würde, wenn... dafür sorgt, dass ich gar nicht erst hängen bleibe.
Gruß
Petra

carlo
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Re: Bitte um Rat: lautes Vorlesen

Beitrag von carlo » 29. August 2016 20:39

Hallo zusammen!

Vielen, vielen Dank für die schnellen und hilfreichen Tipps! Die werde ich gleich mal ausprobieren (und den Text "einstudieren").... :wink:

Für ein generelles "Stotterer-Outing" fehlt mir leider der Mut. Ich bin erst seit kurzem an meiner Arbeitsstelle und habe in meinem Beruf viel mit anderen Menschen zu tun. Soll heißen:ich muss berufsbedingt viel (in freier Rede!) sprechen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige der Anwesenden nicht unbedingt begeistert wären, wenn sie wüssten, dass ich einen- wenn auch kleinen- Sprachfehler habe. Nach dem Motto: "Er kann ja nicht einmal einen Text vorlesen, wie will er denn mit Mitarbeitern/Kunden usw. sprechen?" Das Ansprechen des Stotterns, in Form einer Entschuldigung für einen kleinen Fauxpas, wie PetraS vorschlägt könnte ich jedoch in Erwägung ziehen, da damit der Druck etwas schwinden würde.

Durch meine Recherche bin ich jetzt auch auf das Thema "Bauchatmung" gestoßen, welche Schauspieler/Sänger anwenden. Können damit auch Blocks minimiert werden? Hat jemand Erfahrungen damit?
Grüße, Carlo

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PetraS
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Re: Bitte um Rat: lautes Vorlesen

Beitrag von PetraS » 29. August 2016 21:04

Hallo Carlo!
carlo hat geschrieben: Für ein generelles "Stotterer-Outing" fehlt mir leider der Mut. Ich bin erst seit kurzem an meiner Arbeitsstelle und habe in meinem Beruf viel mit anderen Menschen zu tun. Soll heißen:ich muss berufsbedingt viel (in freier Rede!) sprechen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige der Anwesenden nicht unbedingt begeistert wären, wenn sie wüssten, dass ich einen- wenn auch kleinen- Sprachfehler habe.
Die Erfahrung zeigt, dass meistens das Gegenteil der Fall ist. Wenn du es so präsentierst, dass du dich trotz sprachlicher Bedenken in einen Job mit viel Kundenverkehr begibst, dann erntest du meistens große Hochachtung. Viel schlimmer ist es, wenn die Leute anfangen, etwas an dir misszuinterpretieren, weil sie z.B. einen Stotterblock für einen Blackout oder schiere Unkenntnis halten.

Außerdem haben Nicht-Stotterer meistens keinerlei Empathie für das, was in einem Stotternden vor sich geht - will sagen, sie haben nicht im Entferntesten einen Plan davon, welche Bedenken dir durch den Kopf gehen, wenn du vor Leuten sprichst. Während sie nur auf ihr "wie sitzt mein Haarstyling" achten, geht es dir um die schlichte Frage, KANN ich dieses oder jenes Wort überhaupt über die Lippen bringen.
carlo hat geschrieben:"Er kann ja nicht einmal einen Text vorlesen, wie will er denn mit Mitarbeitern/Kunden usw. sprechen?"
Das denken die, wenn du es NICHT kommunizierst. Weil sie nicht darauf kommen, dass du stotterst, weil sie damit vermutlich keine Erfahrung haben, sondern weil sie höchstwahrscheinlich denken "hat der seine Brille vergessen?" oder "kann der nicht mal richtig lesen?"

Es ist total einfach zu sagen, "ich habe immer schon ein bisschen gestottert, und gerade beim Lesen macht sich das etwas doller bemerkbar."
carlo hat geschrieben:Das Ansprechen des Stotterns, in Form einer Entschuldigung für einen kleinen Fauxpas, wie PetraS vorschlägt könnte ich jedoch in Erwägung ziehen, da damit der Druck etwas schwinden würde.
Ich würde so etwas niemals als Fauxpas bezeichnen, sondern eher als höhere Gewalt (wie Niesen und Husten), die man ja auch nicht abwenden kann, weil sie einen einfach überkommen.
carlo hat geschrieben:Durch meine Recherche bin ich jetzt auch auf das Thema "Bauchatmung" gestoßen, welche Schauspieler/Sänger anwenden. Können damit auch Blocks minimiert werden? Hat jemand Erfahrungen damit?
Auch wenn es immer noch Institute gibt, die damit arbeiten und sogar ein Heidengeld verdienen, wüsste ich niemanden, der damit dauerhaft sein Stottern beherrschen könnte. Ein Block ist ein Block, den kriegt man in aller Regel auch nicht weggeatmet.
Da helfen Sprech- bzw. Modifikationstechniken viel mehr und vor allem eine Änderung deiner inneren Einstellung gegenüber deinem Stottern. Es als Teil von dir zu betrachten und nicht als Makel. Denn du kannst nichts dafür, dass du stotterst!

Gruß
Petra

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Re: Bitte um Rat: lautes Vorlesen

Beitrag von Roland Pauli » 30. August 2016 00:11

Hallo Carlo,

Petra hat eine sehr gute Einstellung zu ihrem Stottern gefunden und wie sie damit umgeht.
Ich halte es ganz ähnlich. Wenn die Zuhörer merken, dass es nicht so leicht von den Lippen geht,
kann man die Situation souverän entschärfen (wenn man es sich traut), indem man z.b. sagt:
Moment bitte, ich versuche mich gerade auf meine Atmung (mein Sprechen) zu konzentrieren.
(Das hatte ich in meiner Anfangszeit meines mentalen Therapieansatzes oft am Telefon so erfolgreich praktiziert.)
Dem Zuhörer war wohl auf einmal klar, dass ich da ein Problem habe, das ich gerade versuche zu lösen.
Diesen Hinweis hatte ich immer etwas langsamer aber durchaus selbstbewusst gegeben und hatte danach
zum Glück immer sehr geduldige Gesprächspartner, die mir das Sprechen sehr viel leichter machten.

Für das Vorlesen oder Vortragen hatte ich mit mentalen Leitsätzen viele Jahren gearbeitet.
Ob das etwas für dich wäre, müsstest du selbst ausprobieren. Denn jeder muss wohl seinen Königsweg finden,
sein Stottern zu minimieren und mit der Restsymptomatik gelassen umzugehen.

LG

Roland

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