Angstabbau - Teil der Desensibilisierung oder eigenständiger Schritt?

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PetraS
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Angstabbau - Teil der Desensibilisierung oder eigenständiger Schritt?

Beitrag von PetraS » 29. August 2016 16:32

Hallo Leute,
auch von mir mal wieder ein paar Gedanken, die mich in letzter Zeit umtreiben.

Obwohl ich viel über Desensibilisierung gelesen hatte (u.a. in der Van-Riper-Übersetzung von Andreas Starke, "Die Behandlung des Stotterns", ist mir die volle Dimension der Desensibilisierung erst durch den Desensibilisierungstest von Hartmut Zückner bewusst geworden. Lange hatte ich geglaubt, dass ausschließlich ICH bei jedem Mal, wenn das Wort Stottern fiel, zusammenzuckte und es nur MIR schwer fiele, über Stottern zu reden. Siehe auch http://forum.bvss.de/viewtopic.php?f=1&t=4421

Unabhängig davon habe ich jedoch schon sehr früh meine Angst vor dem Stottern überwunden. Der Knoten platzte, als ich 16 war, mit dem Entschluss, mein Stottern offen anzusprechen und mir vorzunehmen, mich nie wieder darüber zu ärgern.

Eine Besserung der Symptomatik trat allein durch diesen "Angstabbau" ein. Keine Angst, als Stotternde aufzufliegen, führte zu einer inneren Gelassenheit (wozu, ich kann es ja begründen, wenn ich nicht weiter komme) und letztlich dazu, dass ich weniger stotterte. Insbesondere die endlosen Hänger, die mich zuvor manchmal in die Verzweiflung trieben und mir das Gefühl gaben, ich wäre da allein niemals herausgekommen, blieben aus.

Auf dieser Grundlage baute ich mein ganzes Leben auf, wohl wissend, dass das Stottern nicht ganz weg war, aber immerhin so unbedeutend, dass es mich nicht wirklich mehr ausbremsen konnte.

Wenn ich allerdings mal heftiger ins Stottern geriet, überkamen mich nach wie vor negative Gefühle bis hin zu Hektik, die mich dann eher veranlassten, zu Maßnahmen zu greifen, die das Stottern nicht offenbar werden ließen - im Prinzip zu einer verdeckten Symptomatik. Ließ ich offene Symptome zu, konnten die Gefühle so heftig werden, dass ich noch Tage unter deren Einfluss stand.

Seit ich vor 3 Jahren wieder intensiv mit der Materie befasst bin, habe ich gezielt daran gearbeitet, nun auch dies zu beheben. Es entstand eine Art Forscherdrang herauszufinden, was passiert, wenn ich die Stotterstellen einfach durchziehe. Also kein Abbruch, kein erneutes Luft holen, kein Aufschieben des Problemwortes durch vorherige Verlangsamung des Sprechtempos, sondern einfach so weiterreden und schauen, wie sich das Stotterereignis entwickelt.

Dies hat dazu geführt, dass ich heute überhaupt keine negativen Gefühle mehr habe, wenn ich stottere, aber die Symptomatik ist dadurch, dass sie nun offenbar wird, wieder stärker geworden. Ich zucke nicht zusammen, wenn jemand von Stottern redet, ich kann mit jedem darüber offen reden, ich treffe mich mit anderen Stotterern, ohne irgendwie hektisch zu werden oder mich unwohl zu fühlen, wenn diese stottern, aber im Endeffekt stelle ich fest, dass diese Desensibilisierung (denn das sind genau die Dinge, die bei Zückner abgefragt werden) zu MEHR Stottern geführt hat. Dabei fühle ich mich völlig wohl und habe nach wie vor Angst vor nichts.

Und dann frage ich mich, ob dies im Sinne des Erfinders ist. Sicher ist mein persönliches Wohlbefinden das Allerwichtigste. Es fällt mir jedoch unter diesen Umständen schwer, auftretendes Stottern zu verbergen oder anders zu bearbeiten, weil es mir einfach so sch...egal ist.

Kann das jemand nachvollziehen bzw. wie sind die Erfahrungen anderer, vor allem der Van-Riper-Absolventen auf diesem Gebiet?
Gruß
Petra

trey91
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Re: Angstabbau - Teil der Desensibilisierung oder eigenständiger Schritt?

Beitrag von trey91 » 30. August 2016 00:59

Hallo Petra,

das Thema Desensibilisierung beschäftigt mich gerade auch. Allein schon, weil ich aktuell eine Van-Riper-Therapie mache. Du kennst ja meine starke Symptomatik und da könnte man denken, dass bei mir v.a. die Modifikation wichtig ist. Das ist aber nicht ganz richtig. Die Sprechtechniken, die ich gelernt habe, sind zwar schön und gut. Problematisch ist es dennoch, wenn ich versuche, diese anzuwenden, ohne eine gesunde, gelassene Einstellung zu meinem Stottern zu haben. Dann steigt der Stress so sehr, dass keine Technik hilft. Genau das ändert sich schlagartig, wenn ich bereit bin, ganz offen mein Stottern zu zeigen und sogar mit Absicht meine Stottersymptome verlängere. Das kostet natürlich eine Menge an Überwindung.

Das hat sich auch wieder am heutigen Tag gezeigt. Seit heute nehme ich nämlich an einem einwöchigen Blockseminar an der Uni teil. Es ist ein Englisch-Kurs, speziell für Technisches Englisch, der bis Freitag stattfinden wird. Vorstellungsrunde, Gruppenarbeit und mündliche Mitarbeit. Alles, was mir schwer fällt, findet statt. Dennoch mache ich alles kompromisslos mit, auch weil die Gruppe so klein und die Atmosphäre so gut ist. Im Verlauf der heutigen Veranstaltung hat sich der geschilderte Eindruck nochmals bestätigt.

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass die Desensibilisierung auch bei mir der wichtigste Schritt zur Verbesserung meines Redeflusses ist. Deshalb versuche ich in diesem Bereich weitere Erfahrungen zu sammeln, denn ich stehe noch ziemlich am Anfang.

Liebe Grüße,
trey91

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Re: Angstabbau - Teil der Desensibilisierung oder eigenständiger Schritt?

Beitrag von Torsten » 31. August 2016 23:05

Hallo,
ich bin zwar kein Van-Riper-Absolvent, gebe aber trotzdem meinen Senf dazu :D

Ich glaube, was trey911 schreibt, ist genau richtig: Die Desensibilisierung führt dazu, dass man gelassen bleibt, wenn Symptome auftreten – und das ist die beste Voraussetzung dafür, Techniken anzuwenden und die Symptome effektiv zu bearbeiten.

Es besteht ein Unterschied zwischen 'keine Angst haben' und 'Sch...egal': Auch wenn man keine Angst vor dem Stottern hat, kann man trotzdem den Ehrgeiz haben, nicht zu stottern – einfach, weil es schöner ist.

Andreas Starke vertritt die Ansicht, dass durch den Angstabbau das Stottern allmählich (!) weniger wird. Mir erscheint das plausibel, und es entspricht auch meiner eigenen Erfahrung.

Van Riper hat immer sehr großen Wert auf die Bearbeitung der Symptome gelegt. Hier könnt ihr ihn selber sprechen hören: Aufnahme von 1962

Gruß, Torsten
www.stottertheorie.de

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