Stotterer und Kinderwunsch

Erfahrungen, Alltagserlebnisse, Beruf, Freundschaft, Vorstellungen der Forumsteilnehmer...
fieldsofgold86
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 10
Registriert: 6. September 2016 19:59

Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von fieldsofgold86 » 1. Oktober 2016 11:03

Hi ihr Lieben,

ich möchte mich mal kurz vorstellen: Ich bin 29 Jahre alt, wohne seit ca. 4 Jahren in Berlin und bin gerade am Ende meines Masterstudiums in Medienwissenschaft. Ich habe seit geraumer Zeit einen großen Kinderwunsch. Ich bin homosexuell und habe mich auf einer Internetplattform namens "Familyship" angemeldet, wo man lesbische Pärchen bzw. Singlefrauen kennenlernen kann, die sich auch ein Kind wünschen. Nun ist es aber so, dass ich (leichter) Stotterer bin, damit auch sehr gut klar komme, aber ich habe eben gehört, dass Stottern vererbbar ist. Bzw. ich habe den Beweis in meiner Familie, denn mein Großvater hat gestottert und meine Mutter tut es auch, wenn auch nur leicht. Meine Frage an euch: Wenn ich mich mit potentiellen Müttern, die ich über "Familyship" kennenlerne, treffe, soll ich ihnen von Anfang an sagen, dass ich Stotterer bin, oder nichts sagen? Bzw. sollte ich es nicht an die große Glocke hängen? Denn ich gehe mit meinem Stottern (was viele auch gar nicht merken) sehr selbstbewusst um. Ich habe einfach Angst, dass wenn ich es gleich zu Beginn des Kennenlernens sage, sie sofort Abstand nehmen, weil sie Angst haben, dass ihr Kind auch stottern könnte.

Mich würde sehr interessieren, welche Ratschläge ihr mir diesbezüglich geben könntet bzw. was eure Meinung dazu ist?

Ich würde mich über eure Antworten im Forum sehr freuen.

Viele liebe Grüße aus Berlin

Benutzeravatar
Torsten
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 1005
Registriert: 9. Februar 2011 17:47
Ort: Salzwedel
BVSS-Mitglied: ja

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von Torsten » 2. Oktober 2016 23:05

Hallo fieldsofgold86,

willkommen im Forum. Meiner Ansicht nach wäre es fair, das Stottern nicht zu verheimlichen – wie bei jedem anderen potentiell vererbbaren körperlichen Defizit. Wenn eine Frau mit einem Mann eine längere Liebesbeziehung hat, dann bekommt sie es sowieso mit, wenn er eine körperliche Einschränkung hat – aber wenn zwei sich nur zur Zeugung eines Kindes verabreden (so habe ich deinen Plan verstanden), dann sollte man diese Sachen offenlegen. finde ich.

Ich muss zugeben, dass ich diesen Plan ohnehin etwas fragwürdig finde, aber das ist ein anderes Thema, und ein ziemlich schwieriges dazu. Es gibt leider auch viele Kinder heterosexueller Eltern, die einander nicht oder nicht mehr lieben, und die Kinder leiden immer darunter. Ich bin selber so ein Kind, ich weiß, wovon ich rede.

Aber zurück zu deiner Frage. Um die Vererbbarkeit des Stotterns ein wenig zu quantifizieren: Andrews et al. (1983) schätzen, dass bei stotternden Männern 9% der Töchter und 22% der Söhne stottern, bei stotternden Frauen 17% der Töchter und 36% der Söhne. Die Wahrscheinlichkeit, Stottern zu vererben, ist also nicht so riesig groß.

Andererseits spielen vermutlich nicht nur die Gene, sondern auch die Umgebung (besonders die Familienbeziehung des Kindes) eine Rolle. Andrews et al. (1991) schätzen anhand einer Studie mit 3810 zufällig ausgewöhlten Zwillingspaaren, dass genetische Faktoren 71% und Umgebungsfaktoren 29% der Wahrscheinlichkeit ausmachen, ob jemand zu stottern beginnt.

Viele Grüße

Tprsten
www.stottertheorie.de

Benutzeravatar
Jaspis
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 945
Registriert: 27. August 2007 22:04
PLZ: 65xxx
Ort: Hessen
BVSS-Mitglied: ja

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von Jaspis » 3. Oktober 2016 00:44

Hallo fields...,
Ich würde davon ausgehen, dass in so einer Konstellation potentielle Eltern sich sowieso recht früh und offen über gesundheitliche Voraussetzungen und Bedenken austauschen (sollten).
Stottern gehört nicht zu den einzige Risiken, die vererbt werden können. Von beiden Eltern. Entweder man nimmt das in Kauf, ohne wenn und aber - oder man fragt sich gegenseitig genau aus und checkt alles ab.

Mit welchen Erwartungen gehst du denn in so ein Kennenlernen? Welche Informationen soll die potentielle Mutter DIR von vornherein mitteilen?
Wäre deine eigene Sicht ein geeigneter Maßstab und Richtschnur für deine Erwartungen an die Frau?

Gruß, Jaspis!

fieldsofgold86
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 10
Registriert: 6. September 2016 19:59

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von fieldsofgold86 » 3. Oktober 2016 12:25

Danke für eure bisherigen Antworten. Zunächst möchte ich noch anmerken, dass es bei dem Modell einer Co-Elternschaft so ist, dass Mutter und Vater ein freundschaftlichen Verhältnis haben und das Kind zusammen großziehen. Dabei erfährt ein Kind genauso viel Wärme, Liebe und Geborgenheit wie in einem traditionellen Familienmodell, nur dass Mutter und Vater eben kein Liebespaar sind. Es gibt dazu, vor allem in Berlin, viele Positivbeispiele und Erfahrungswerte. Man könnte sogar sagen, dass eine Co-Elternschaft gegenüber dem traditionellen Familienmodell den Vorteil hat, dass sich Mutter und Vater nicht trennen können (was für das Kind immer schlimm ist), weil sie ja nie ein Liebespaar waren.

Ja, ich denke auch, dass ich mit offenen Karten spielen soll und mein Stottern offen kommunizieren muss. Aber ich denke mir eben auch: Wenn ich eine potentielle Mutter kennenlerne, dann legt man ja auch nicht gleich los mit der Zeugung, sondern muss sich ja erst einmal sehr gut kennenlernen, um herauszufinden, ob die Chemie stimmt. Und in diesem Prozess des Kennenlernens merkt doch die potentielle Mutter sowieso, dass ich leichter Stotterer bin. Wenn ich ihr aber gleich beim ersten Treffen sage: Hey, ich bin Stotterer und das könnte, wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit, ans Kind weitergegeben werden, dann könnte die potentielle Mutter ja möglicherweise abgeschreckt werden und an einem weiteren Kennenlernen nicht mehr interessiert ist, oder nicht?

Was denkt ihr???

Benutzeravatar
Jaspis
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 945
Registriert: 27. August 2007 22:04
PLZ: 65xxx
Ort: Hessen
BVSS-Mitglied: ja

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von Jaspis » 3. Oktober 2016 21:38

fieldsofgold86 hat geschrieben:Wenn ich ihr aber gleich beim ersten Treffen sage: Hey, ich bin Stotterer und das könnte, wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit, ans Kind weitergegeben werden, dann könnte die potentielle Mutter ja möglicherweise abgeschreckt werden und an einem weiteren Kennenlernen nicht mehr interessiert ist, oder nicht?
Ja klar, das könnte sie abschrecken. Je nachdem, wie so ein erstes Gespräch abläuft. Wird da gleich die ganze Gesundheit auf den Prüfstand gestellt?
Du schreibst, dass man sich in so einer Konstellation zunächst auch erstmal "ganz normal" kennenlernt, um gegenseitige Sympathien und Verständnis festzustellen... Würdest Du denn sonst bei einem "normalen Kennenlernen" auch gleich sagen, dass Du stotterst?

Was "dürfte" denn im Gegenzug die potentielle Mutter so an Handycaps (nicht) mitbringen, damit DU nicht abgeschreckt wirst? :wink:
Nicht nur Du stehst auf dem Prüfstand, oder? Den perfekten Menschen gibt es nicht.

Gruß, Jaspis

fieldsofgold86
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 10
Registriert: 6. September 2016 19:59

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von fieldsofgold86 » 4. Oktober 2016 17:36

Nee, wenn ich "ganz normal" Menschen kennenlerne, dann sage ich natürlich nicht, dass ich stottere. Aber wenn ich mich mit einer potentiellen Mutter treffe, geht es ja langfristig um die Planung eines Kindes: und da fühle ich mich eben in der Zwickmühle: Soll ich ihr es gleich zu Beginn sagen, dass ich stottere? Dann könnte sie aber abgeschreckt sein bzw. voreingenommen. Oder soll ich es ihr nicht sagen und hoffen, dass sie es erst dann merkt, wenn sie mich möglicherweise schätzengelernt hat und das Stottern irrevelant findet. Dann hätte ich aber das Gefühl, ich würde ihr etwas verschweigen. Wisst ihr, wie ich meine?

Nee, natürlich stehe nicht nur ich auf dem "Prüfstand". Und klar, dass es den perfekten Menschen nicht gibt. Was die potentielle Mutter an Handycaps mitbringen "dürfte", damit ich nicht abgeschreckt werde, kann ich nicht pauschal sagen. Das kommt wahrscheinlich auf die Person drauf an. Aber an sich würde ich mich als sehr toleranten Menschen bezeichnen.

Benutzeravatar
PetraS
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 1090
Registriert: 9. November 2013 19:45
Ort: Wesseling (Nähe Köln)
BVSS-Mitglied: ja

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von PetraS » 5. Oktober 2016 14:48

Hallo fieldsofgold86,
zunächst einmal Willkommen hier im Forum.

Torsten und Jaspis haben dir ja schon einige wertvolle Ideen geboten.
Was ich noch hinzufügen möchte, ist folgendes: Wie du sagst, werdet ihr euch ja sicher erst kennenlernen, um zu sehen, ob die Chemie auch stimmt. Dabei dürfte es ja womöglich auffallen, dass du, wie du sagst, "leicht" stotterst. Ich würde an deiner Stelle auch nicht versuchen, dieses leichte Stottern durch Tricks zu verschleiern, weil Nicht-Stotterer diese meistens nicht als Stotterer-Tricks erkennen und sie womöglich fehlinterpretieren. (Der ist ja völlig konfus, der hat komische, unnütze Redegewohnheiten etc.)

Wenn es dann wirklich um die Planung eines Kindes geht, dann ist auch der Schritt, das Stottern zu verbalisieren, nicht mehr so groß. Ich würde das zum Beispiel wie folgt machen:
Du hast/ihr habt ja sicher gemerkt, dass ich ein wenig stottere. Ich mache mir manchmal Gedanken darüber, ob ich das Stottern an mein Kind weitergeben könnte. Ich weiß aber, dass das Stottern selbst nicht erblich ist, sondern nur die Veranlagung dazu.
Wie weit du das detaillieren willst, bleibt schließlich dir überlassen. Ein Normal-Sprecher weiß sicher nicht, dass Stottern auch eine erbliche Komponente hat und müsste darüber sachlich aufgeklärt werden.

Andererseits frage ich mich, was einem stotternden Kind besseres widerfahren könnte, als einen (aufgeklärten) stotternden Vater oder eine (aufgeklärte) stotternde Mutter zu haben?

Was mir bei der ganzen Debatte einfällt, ist das Stichwort "Designerbaby", das mich jedes Mal wieder erschaudern lässt. Und gerade bei reflektierten Menschen, wie du es offenbar zu sein scheinst, denke ich, dass solch eine pränatale Euthanasie doch eher auf Abschreckung stößt als dass es das Wunschziel wäre.

Darf ich dich fragen, wie das Lebenskonzept ansonsten aussieht, lebst du auch in einer Partnerschaft oder werden nur die dazugehörigen Frauen aus einem Paar bestehen? Danke für dein Verständnis.
Gruß
Petra

fieldsofgold86
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 10
Registriert: 6. September 2016 19:59

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von fieldsofgold86 » 5. Oktober 2016 16:11

Danke Petra für deinen Beitrag und deine Tipps.

Nein, "verschleiern" möchte ich mein Stottern auf gar keinen Fall. Wie schon gesagt, ich denke, dass der potentiellen Mutter mein Stottern sowieso im Prozess des Kennenlernens auffallen wird.

Ich verstehe, dass das Thema "Co-Elternschaft" auf eine gewisse Skepsis stößt, aber von "Designerbaby" würde ich auf gar keinen Fall sprechen. Und Petra, ohne dir zu nahe treten zu wollen, aber den von dir verwendeten Begriff der "pränatalen Euthanasie" finde ich schon sehr drastisch und in dem Zusammenhang falsch und unpassend. Viele heterosexuelle Paare planen doch auch ein Kind, und bei einer Co-Elternschaft ist das auch so, nur dass Mutter und Vater eben keine Liebesbeziehung, sondern eine Freundschaft miteinander verbindet. Wenn beide Eltern sich auf einer freundschaftlichen Ebene sehr gut miteinander verstehen, kann das Kind doch trotzdem mit viel Liebe, Geborgenheit und Verantwortung großgezogen werden. Und das Kindeswohl ist in dem Fall ja das Wichtigste. Und dafür gibt es genug Belege, dass in Regenbogenfamilien und Modellen einer Co-Elternschaft Kinder genauso gut wie in traditionellen Familienmodellen aufwachsen.

Nein, ich lebe in keiner Partnerschaft, aber ein Kinderwunsch sollte doch nicht zwingend an eine Partnerschaft gekoppelt sein. Ich denke, die moderne Gesellschaft muss sich daran gewöhnen, dass es neben dem traditionellen Familienmodell noch viele weitere Familienmodelle gibt, die einem Kind genauso viel Wärme, Liebe und Geborgenheit geben können. Oder was denkt ihr?

Benutzeravatar
PetraS
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 1090
Registriert: 9. November 2013 19:45
Ort: Wesseling (Nähe Köln)
BVSS-Mitglied: ja

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von PetraS » 5. Oktober 2016 17:35

Hallo fielsofgold86
fieldsofgold86 hat geschrieben: Ich verstehe, dass das Thema "Co-Elternschaft" auf eine gewisse Skepsis stößt, aber von "Designerbaby" würde ich auf gar keinen Fall sprechen. Und Petra, ohne dir zu nahe treten zu wollen, aber den von dir verwendeten Begriff der "pränatalen Euthanasie" finde ich schon sehr drastisch und in dem Zusammenhang falsch und unpassend.
Da hast du mich völlig falsch verstanden, ich habe gegenüber dem Projekt Co-Elternschaft überhaupt keine Skepsis, jedenfalls nicht solange dies in einer freien Gesellschaft und in einer freiheitlichen Atmosphäre wie in Berlin stattfindet. (Schwieriger wäre sowas in einem konservativen Dorf irgendwo in der Eifel). Den Begriff pränatale Euthanasie habe ich deshalb verwendet, weil ich davon ausging, dass ihr gerade NICHT so etwas wie ein Designerbaby wollt, und jedes Mal, wenn ich von solchen Projekten höre (meistens geht es da um US-amerikanische Fälle, bei denen es letztendlich sogar um IQ, Haarfarbe, Sportlichkeit und andere Dinge geht, die nichts mehr mit einem natürlichen Kinderwunsch zu tun haben) sträuben sich mir die Nackenhaare zu Berge. (Ich habe selbst zwei Kinder)

Hättest du deinen Eltern einen Vorwurf daraus gemacht, dich in die Welt zu setzen, wenn sie es aufgrund eines stotternden Verwandten hätten "besser wissen" können? Mein Großvater hat gestottert, meine Eltern (und damals sicher auch der Rest der Welt) wussten nichts von einer erblichen Disposition, ich kenne viele andere Stotternde mit stotternden Eltern oder nahen Verwandten, die sich trotzdem zu eigenen Kindern entschieden haben.
fieldsofgold86 hat geschrieben:Und das Kindeswohl ist in dem Fall ja das Wichtigste. Und dafür gibt es genug Belege, dass in Regenbogenfamilien und Modellen einer Co-Elternschaft Kinder genauso gut wie in traditionellen Familienmodellen aufwachsen.
An letzterem habe ich überhaupt keinen Zweifel. Zumal man davon ausgehen kann, dass die Beteiligten alle sehr reflektiert sind und nicht - wie manche Heteros - einfach mal eben Kinder in die Welt setzen und dann erst gucken, wie es weitergeht.

Und weil ich eben davon ausgehe, dass die Beteiligten sehr reflektiert sind, glaube ich auch nicht, dass sich eine potentielle Mutter von einem potentiellen Vater abschrecken lässt, der eine Disposition zum Stottern mit vererben könnte. Auch, weil es heute sehr gute Therapieangebote selbst für kleine Kinder und einen großen Rückhalt durch ein großes Netzwerk an Stotternden gibt. Und außerdem ist Stottern ja nicht lebensbedrohlich wie manche Erbkrankheit.

Ich verstehe aber schon, dass du gewisse Bedenken hast; eben weil die Mutter und der Vater nicht in einer Liebesbeziehung zueinander stehen und vielleicht rationale Gedanken eher eine Rolle spielen als bei einem Liebespaar. Dafür solltest du dich mit allen erdenklichen Informationen zum Stottern und der erblichen Komponente, wie Torsten sie dir bereits gegeben hat, versehen, um eventuelle Bedenken der potentiellen Mutter auszuräumen.
fieldsofgold86 hat geschrieben:Ich denke, die moderne Gesellschaft muss sich daran gewöhnen, dass es neben dem traditionellen Familienmodell noch viele weitere Familienmodelle gibt, die einem Kind genauso viel Wärme, Liebe und Geborgenheit geben können. Oder was denkt ihr?
Ich bin da voll deiner Meinung. Ich selbst lebe in einer Beziehung zu einem Mann aus Kurdistan, wodurch meine Kinder sich auch optisch von der Masse der Normaldeutschen unterscheiden. Ich wusste, dass dies auch zu Konflikten mit einigen Menschen führen kann - Menschen, mit denen ich ohnehin nichts zu tun haben möchte; dass es für die Kinder aber auch eine große Chance ist, über unsinnige Dinge wie Nationalismus etc. nachzudenken, da man sich ja weder der einen, noch der anderen Nation voll zurechnen kann. In jedem Falle zwingt ein etwas anderer Lebensentwurf zu einer hohen Toleranz, und das halte ich für eine der wichtigsten Eigenschaften, die man einem Kind mit auf den Lebensweg geben kann und muss.
Gruß
Petra

fieldsofgold86
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 10
Registriert: 6. September 2016 19:59

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von fieldsofgold86 » 8. Oktober 2016 10:11

Danke für deinen Beitrag, Petra. Tut mir leid, ich hatte dich wirklich missverstanden. Aber jetzt verstehe ich, was du meintest :-)

Wenn ich fragen darf: Bevor du deine Kinder bekommen hast bzw. als du und dein Partner den Kinderwunsch hattet, hattest du/hattet ihr an die genetische Komponente des Stotterns gedacht? Meine Mutter, die auch stottert, erzählte mir vor kurzem, sie und mein Vater hätten überhaupt nicht an die genetische Komponente des Stotterns gedacht (obwohl meine Mutter als Ärztin darüber bescheid weiß), bevor sie meinen Bruder und mich bekamen.

Ich würde mich auch sehr über Meinungen zum Thema Co-Elternschaft von anderen Forenmitgliedern freuen.

Viele liebe Grüße und euch allen ein schönes Wochenende

Benutzeravatar
PetraS
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 1090
Registriert: 9. November 2013 19:45
Ort: Wesseling (Nähe Köln)
BVSS-Mitglied: ja

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von PetraS » 8. Oktober 2016 10:52

Hallo fieldsofgold86,
fieldsofgold86 hat geschrieben: Wenn ich fragen darf: Bevor du deine Kinder bekommen hast bzw. als du und dein Partner den Kinderwunsch hattet, hattest du/hattet ihr an die genetische Komponente des Stotterns gedacht? Meine Mutter, die auch stottert, erzählte mir vor kurzem, sie und mein Vater hätten überhaupt nicht an die genetische Komponente des Stotterns gedacht (obwohl meine Mutter als Ärztin darüber bescheid weiß), bevor sie meinen Bruder und mich bekamen.
Ich hatte eigentlich das Thema Stottern seit meinem 20. Lebensjahr weitestgehend verdrängt. Das lag an meiner etwas verkorksten Biographie, mich im Kindesalter enorm für ein Stottern, das laut meiner Mutter keines war (weil ich ja nur die Wörter nicht richtig rauskriegte, nicht aber Laute wiederholte) zu schämen, und als ich mich dann geoutet hatte, mich dafür zu schämen, dass ich mich früher so dafür geschämt hatte. Also VERDRÄNGT!

Und da ich keine Stotterangst mehr hatte, blieb mein immer noch leichtes Stottern durch meine Umwelt weitestgehend unbemerkt. Man hat halt so seine Tricks. Kurzum: ich habe zur Zeit des Kinderwunsches noch überhaupt nicht recherchiert, wie und in welchem Verhältnis Stottern oder die Disposition dazu erblich sein könnte.

Die ersten Gedanken machte ich mir, als mein Sohn mit 4-5 Jahren kurzfristig etwas unflüssig war. Ich beobachtete es mit Argusaugen, kam aber zu dem Schluss, dass er nur Wortfindungsschwierigkeiten hatte, weil er in dem Zeitraum zweisprachig war und die beiden Sprachen nicht mit derselben Geschwindigkeit erwarb. Oder er kannte in der einen Wortfelder, die er in der anderen noch nicht erworben hatte. Ich hielt es nicht für behandlungsbedürftig, und es wuchs sich tatsächlich bald raus.

Mein "emotionaler Rückfall" zum Thema Stottern kam später, als meine Tochter bereits auf der Welt war, durch einen Fernsehbeitrag. Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema, vor allem weil ich durch meine Lebenserfahrung und einen recht erfolgreichen Werdegang glaube, auch jüngere Menschen ganz gute Ratschläge geben zu können.
fieldsofgold86 hat geschrieben:Ich würde mich auch sehr über Meinungen zum Thema Co-Elternschaft von anderen Forenmitgliedern freuen.
Durch mein Leben zwischen einer sehr konservativen islamisch geprägten türkisch-kurdischen Kultur in der Familie meines Mannes (die zum Glück fast ausschließlich in der Heimat lebt) und unserer (auch für deutsche Verhältnisse) sehr toleranten Kölschen Kultur hier im Rheinland kenne ich viele Lebensentwürfe und würde es voll bestätigen, dass es einzig und allein darauf ankommt, welche Wärme und Geborgenheit einem Kind geboten wird. Egal, wer die Bezugsperson ist.

Es gibt so viele Hetero-Familien, in denen ein Kind zwei Väter und zwei Mütter hat, es gibt so viele Patchwork-Familien, wo es ein kunterbuntes Gemisch von Vätern, Müttern, Halbgeschwistern, Geschwistern, Stiefgeschwistern etc. gibt, dass ich persönlich einer liebevollen Co-Elternschaft positiv gegenüberstehe.

Nun treiben mich aber auch keine moralischen Bedenken wie religiöse Vorbehalte etc. um. Und ich glaube fest daran, dass es in einer Stadt wie Berlin (oder Köln) genügend Paare, Dreier- oder Viererbeziehungen mit ähnlichen Lebensentwürfen gibt, mit denen man früh Kontakt aufnehmen und auch den Kindern zeigen kann, dass man nicht die absolute Ausnahme ist. Wichtig ist ja auch, wie die Umwelt in Kindergarten, Schule etc. damit umgeht. Und da kann man sich die entsprechenden Einrichtungen aussuchen, in denen das Kind für so etwas stark gemacht wird.

Ohnehin bin ich der Meinung, dass Kinder, die eine Besonderheit haben (sei es eine Beeinträchtigung wie Stottern, sei es ein asiatisches oder afrikanisches Aussehen unter lauter Europäern oder sonst eine Besonderheit) bei allen Vorbehalten, mit denen sie in der Kindheit und Jugend zu kämpfen haben (die aber ein stabiles Elternhaus auffangen kann) meistens zu den interessantesten und erfolgreichsten Menschen heranreifen.

Weil sie eben nicht das Problem haben, ein grauer Klecks in einer grauen Masse zu sein und alles daran setzen, endlich mal aufzufallen (und das dann meistens negativ), sondern sie fallen ohnehin schon auf und kompensieren dies meistens durch ein hohes Maß an Anpassung, das dann in aller Regel zu besonders guten Leistungen und herausragenden Lebensentwürfen führt. Kurzum, es werden die interessanteren Menschen, die die Gesellschaft wirklich weiterbringen. Und das meine ich nicht nur als Aufforderung an dich, deinen Wunsch durchzuziehen, sondern das habe ich oft schon zu vielen jungen Menschen gesagt - denn ich beobachte es ständig.

Gruß
Petra

Benutzeravatar
Jaspis
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 945
Registriert: 27. August 2007 22:04
PLZ: 65xxx
Ort: Hessen
BVSS-Mitglied: ja

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von Jaspis » 9. Oktober 2016 21:55

fieldsofgold86 hat geschrieben:Nein, ich lebe in keiner Partnerschaft, aber ein Kinderwunsch sollte doch nicht zwingend an eine Partnerschaft gekoppelt sein. Ich denke, die moderne Gesellschaft muss sich daran gewöhnen, dass es neben dem traditionellen Familienmodell noch viele weitere Familienmodelle gibt, die einem Kind genauso viel Wärme, Liebe und Geborgenheit geben können. Oder was denkt ihr?
Ich weiß nicht so richtig. Irgendwie würde ich befürchten, dieses Kind könnte überfordert sein von soviel Kinderwunsch ... Kinder sollten keine Ersatzpartner sein. Ein Kinderwunsch sollte doch irgendwie aus einer Partnerschaft heraus entstehen. Oder? Ein Kind ist doch natürlicherweise das "Ergebnis" einer Partnerschaft. Der Paarungsakt ist von Natur aus doch anders angetrieben als von einem alleinigen Kinderwunsch. Ein Kind ist das Ergebnis einer Paarung. Nicht die Paarung sollte das Ergebnis des Kinderwunsches sein.
Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin nicht altmodisch oder erzkonservativ. Ich habe selbst 2 Kinder. Und ich wünsche auch homosexuellen Paaren Kinder. Wenn sich 2 Paare zusammentun, weil sie ihrer Partnerschaft noch mehr Inhalt und Sinn in Form eines Kindes geben wollen, kann ich das sehr gut nachvollziehen.

Aber als Single mit großem Kinderwunsch sich auf die Suche nach einer Co-Mutter zu begeben, das stelle ich mir doch etwas schwierig vor. Sowohl für die Suche als auch später für das Kind. Die Bedenken, ob dabei Stottern weitervererbt werden könnte, erscheinen mir da eher zweitrangig.

Falls das aber doch Dein Weg ist und Du darauf vorankommst und eine interessierte Frau kennenlernst, dann höre auf Dein Bauchgefühl, ob Du das Stottern gleich zum Thema machst. Wie Du schreibst, haben Deine Eltern ihre Familienplanung auch nicht davon abhängig gemacht.
Und bei mir war es genauso. Ich stottere, ich wusste um die Vererbbarkeit (mein Vater stotterte ebenso) - und ich habe mir gedacht, DAS ist in den Griff zu bekommen, wenn mein Kind auch zu stottern beginnt. Ich kann damit leben, dann kann das Kind das auch. Ich habe auch nicht überlegt, ob ich mein Rheuma weitergeben könnte, obwohl auch meine Oma und Uroma schon Rheuma hatten. Es gibt eben keine perfekten Menschen. Das Leben ist trotzdem schön!

fieldsofgold86
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 10
Registriert: 6. September 2016 19:59

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von fieldsofgold86 » 10. Oktober 2016 09:25

Danke für deinen Beitrag Jaspis. Nein, meiner Meinung nach muss ein Kinderwunsch nicht zwingend aus einer Partnerschaft heraus entstehen. Letzten Endes geht es doch um das Kindeswohl, und das ist bei einer Co-Elternschaft eindeutig und bewiesenerweise gegeben. Ich weiß, das Modell der Co-Elternschaft ist für manche sehr neu und gewöhnungsbedürftig, aber ich sage es nochmal: Solange es dem Kind gut geht, ist doch gegen ein Elternpaar, das kein Liebes- sondern ein freundschaftliches Paar ist, eigentlich nichts zu sagen, oder?
Jaspis hat geschrieben:Aber als Single mit großem Kinderwunsch sich auf die Suche nach einer Co-Mutter zu begeben, das stelle ich mir doch etwas schwierig vor. Sowohl für die Suche als auch später für das Kind
Es gibt im Internet ja extra Plattformen, wo sich Leute auf die Suche nach Co-Eltern machen. Schwieriger oder einfacher als zum Beispiel eine Partnersuche kann es ja dann auch nicht sein, oder :-) Und wieso sollte es später schwieriger für das Kind sein? Woher nimmst du deine Annahme? Lieber Jaspis, bitte nicht falls verstehen: Ich möchte dir nichts vorwerfen und respektiere deine Meinung, aber ich diskutiere gerne :-)

Ich habe mir das mit der Co-Elternschaft gut überlegt und bin sehr optimistisch und zuversichtlich, dass ich eine passende Co-Mutter kennenlernen werde.

Wünsche euch allen einen schönen Wochenanfang.

Viele liebe Grüße

fieldsofgold86
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 10
Registriert: 6. September 2016 19:59

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von fieldsofgold86 » 10. Oktober 2016 09:28

Ps. Wie überträgt man denn Zitate anderer in seinen Beitrag? Dass die sich dann so gelb färben!? Das habe ich noch nicht ganz verstanden :-)

Benutzeravatar
PetraS
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 1090
Registriert: 9. November 2013 19:45
Ort: Wesseling (Nähe Köln)
BVSS-Mitglied: ja

Re: Stotterer und Kinderwunsch

Beitrag von PetraS » 10. Oktober 2016 10:20

Hallo,
ich habe mal einfach deinen Beitrag in der gewünschten Form bearbeitet.

Diese vorliegende Nachricht werde ich zusammen mit deiner Frage - sofern du es erlaubst - löschen, sobald du meine Message verstanden hast und dies signalisierst.

Du brauchst nur auf dem Beitrag, den du zitieren möchtest, die Gänsefüßchen oben rechts zu klicken, dann erhältst du den kompletten Beitrag als Zitat.
Du kannst dir dann die Teile rausschneiden, die du brauchst, und löschst den Rest.

Generell ist beim vollständigen Texteditor oben die Funktion "Quote". Sie ist für Zitate. Umschließt du also ein Zitat mit Quote, erscheint es als Zitat.
Wenn du das erste Quote um z.B. ="PetraS" ergänzt, dann erscheint auch der Name und automatisch: hat geschrieben.

Ich bin selber auch an einer Diskussion interessiert. Allerdings bewegen wir uns allein mit der Frage um die Co-Elternschaft immer weiter weg vom Thema Stottern. Ist aber egal, denn hierfür gibt es unten eine Rubrik: OFF TOPIC.

Als Moderatorin dieses Forums bin ich gehalten, auch darauf zu achten, dass wir bei den Inhalten nicht zu sehr vom Thema Stottern abkommen. Darum sollten wir die Diskussion um die Co-Elternschaft lieber ins OFF-TOPIC verlegen, auch wenn es dann nicht mehr ums Stottern geht.
Gruß
Petra

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 6 Gäste