Die Angst vor Vorstellungsrunden, Arztbesuchen, Telefonaten...

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meike.larsen
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Die Angst vor Vorstellungsrunden, Arztbesuchen, Telefonaten...

Beitrag von meike.larsen » 16. Dezember 2016 13:37

Halloooo,

ich habe Angst. In die 4 Wochen mache ich eine Fortbildung und habe JETZT SCHON Angst vor der Vorstellungsrunde am Anfang.
Ich habe Angst, was die anderen über mich denken und mich voll zu blamieren. Und jetzt steigere ich mich da so rein, dass ich mich innerlich schon wieder vollkommen fertig mache und der 1 Tag der Fortbildung der Horror wird.
Was tut ihr in solchen Situationen? Wenn man im Kreis sitzt, alle Menschen einen angucken und man seinen eigenen Namen nicht mehr aussprechen kann? Habt ihr da Tricks?
Heute hatte ich einen Arzttermin und ich musste am Thresen nur sagen : Hallo, ich würde gern zu Frau Dr..., hier habe ich einen Arztbericht aus dem Krankenhaus. ...... bis ich diese Worte hilflos ausgesprochen hatte, war eine gefühlte Ewigkeit vergangen. Und die Arzthelferin hatmich angeguckt, als hätte ich nur 3 Gehirnzellen. Die Ärztin hat mich später auch nicht für voll genommen und war sehr abweisend zu mir, was sehr wehtut -.-
Sprecht ihr es immer an, dass ihr stottert? Oder sagt ihr lieber gar nichts?
LG

DPrell
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Re: Die Angst vor Vorstellungsrunden, Arztbesuchen, Telefonaten...

Beitrag von DPrell » 16. Dezember 2016 13:56

hi Meike
ich schwanke immer zwischen sagen oder nicht sagen, aber da die Fortbildung sicher ne Weile geht, würde ich es gleich vielleicht gleich sagen.

ich hatte letzt an meinem letzten Tag in ner Maßnahme, das mir das Wort Arbeitskleidung nicht flüssig rauskam und wurde dann von nem Mitteilnehmer nachgeäfft, obwohl er wusste das ich es nicht Absicht so spreche, weil er ja wochen zu vor mitbekam, das ich Mittwochs immer für Weile nicht in der Maßnahme war, weil ich im selben Ort zu der Zeit immer Therapie beim Logopäden hatte. Da hab ich auch geschwankt, ob ich ihm sage, das nicht ok von ihm war, aber ich habe es gelassen. Gestern hab ich mit Logopäden darüber gesprochen wie ich bei sowas reagieren könnte. Auch er schwankte, und konnte mir kein genauen Rat geben. Aber er hat gemerkt an meinem Sprechen darüber, das ich mich sowas sehr gewurmt hat, weil mein stottern gleich stärker wurde.
In meinem Bewerbungsschreiben schreibe ich es immer rein, weil es mir Sicherheit gibt, wenn es zu Vorstellungsgesprächen käme, die Leute es wissen und es richtig einschätzen können.
Gruß Doreen

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PetraS
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Re: Die Angst vor Vorstellungsrunden, Arztbesuchen, Telefonaten...

Beitrag von PetraS » 16. Dezember 2016 15:00

Hallo Meike,
meike.larsen hat geschrieben: ich habe Angst. In die 4 Wochen mache ich eine Fortbildung und habe JETZT SCHON Angst vor der Vorstellungsrunde am Anfang.
Ich habe Angst, was die anderen über mich denken und mich voll zu blamieren. Und jetzt steigere ich mich da so rein, dass ich mich innerlich schon wieder vollkommen fertig mache und der 1 Tag der Fortbildung der Horror wird.
ich weiß nicht, weil alt du bist und ob du bereits Therapien hinter dir hast, aber sehr viele Stotternde sehen es als große Erleichterung an, wenn sie das Stottern gleich zu Beginn einer Vorstellungsrunde ansprechen. Stichwort: Offener Umgang!
Was du auch machen kannst, ist, den Dozenten darüber zu informieren, damit er auch eingreifen kann, wenn du vielleicht schon am Anfang hängen bleibst und dein Stottern durch die Leute einfach nur missverstanden wird.

Rufe dir folgendes ins Bewusstsein:
  • Du bist es nicht schuld, dass du stotterst und Stottern ist kein Verbrechen!
  • Wenn du komische Dinge tust wie vor deinem Namen x Mal äh äh äh äh zu sagen, dann WISSEN die anderen Menschen nicht, dass du stotterst, sondern lachen gegebenenfalls aus Verlegenheit, weil sie alle möglichen Dinge in dich hineininterpretieren, z.B. dass du deinen Namen vergessen hast.
  • Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es auch wieder heraus. Will sagen: wenn du das Stottern selbstbewusst ansprichst und die entsprechende Körperhaltung einnimmst, dann zeigen die Leute Verständnis, ja sogar Anerkennung. Wenn du dich aber duckst und kleinlaut (wie ein Schuldeingeständnis) zugibst, dass du stotterst, dann erntest du auch entsprechende Blicke.
meike.larsen hat geschrieben: Heute hatte ich einen Arzttermin... Die Ärztin hat mich später auch nicht für voll genommen und war sehr abweisend zu mir, was sehr wehtut -.-
Das wäre dir nicht passiert, wenn du ihr in die Augen gesehen und (auch stotternd) gesagt hättest: "Übrigens, ich stottere, also wundern Sie sich nicht..."
Als Ärztin ist sie nicht dafür ausgebildet, Stottern zu erkennen - schon gar nicht, wenn der Stotterer es versucht mit anderen womöglich merkwürdigen Verhaltensweisen zu vertuschen. Auch eine Symptomatik, die von dem klassischen St-t-t-t-t-tottern abweicht wird von anderen Menschen häufig nicht als Stottern erkannt bzw. nicht mit dem Begriff identifiziert.
meike.larsen hat geschrieben:Sprecht ihr es immer an, dass ihr stottert? Oder sagt ihr lieber gar nichts?
Ich brauche es nicht anzusprechen, weil ich in den beschriebenen Situationen nur noch selten stottere. Wenn ich aber stottere und merke, die Leute sind irritiert, mache ich sofort eine Parenthese auf und sage, dass das gerade Stottern war und mir sowas öfter passieren könnte.
Nichts zu sagen, finde ich unerträglich.
Gruß
Petra

julius
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Re: Die Angst vor Vorstellungsrunden, Arztbesuchen, Telefonaten...

Beitrag von julius » 17. Dezember 2016 14:02

Hallo Meike,

danke, dass du deine Situation hier auf dem Forum teilst. Ich glaube jeder/r Stotternde kennt diese oder ähnliche Ängste, die sich so steigern können, dass sie alles andere "zudecken". Und dieses "Andere" sind ja die eigentlich wichtigen Fragen (was bedeutet der Arztbericht für mich, ist die Fortbildung interessant). Ich meine das überhaupt nicht als Kritik - das würde ja voraussetzen, dass man es ganz einfach umschalten könnte - , sondern weil das vor Kurzem eine wichtige, auch etwas frustrierende, Erkenntnis für mich war.

Ich bin erst seit kurzem auf diesem Forum und frage mich, was für dich hilfreich sein kann. An sich bin ich ganz Petras Meinung. Schwierig erscheint mir allerdings die Umsetzung, da man sich häufig dem Stottern so ausgeliefert fühlt und sich wichtige Faktoren wie Selbstbewusstsein, den eigenen Umgang mit dem Stottern, und die Art des Stotterns nicht so einfach umschalten lassen. Ich kann es jedenfalls nicht, auch wenn ich mich dem Stottern inzwischen weniger ausgeliefert fühle aus früher (und auch weniger stottere). Vermutlich kann man eine solche (positive) Entwicklung auch stärker und direkter selbst beeinflussen, als ich das bei mir selbst erlebt habe. Ich vermute, dass hierfür direkte Unterstützung vor Ort hilfreich wäre. Kennst du andere Stotternde, gibt es bei dir in der Nähe eine Selbsthilfegruppe, oder gibt es Menschen, mit denen du (real) über das Stottern und deine Ängste sprechen kannst? Gibt es in deinem Wohnort eine psychologische Beratungsstelle, oder evtl. sogar spezifischer für Sprechstörungen?

Ehrlich gesagt schockiert mich die von dir beschriebene Reaktion von Arzthelferin und Ärztin. Es stimmt, wie Petra schreibt, dass Hausärzte keine Spezialisten für Stottern sind, aber sie (und alle anderen Ärzte!) sollten in der Lage sein, mitzukriegen wenn jemand eine Schwierigkeit hat und mitfühlend und unterstützend darauf eingehen. (Leider bereitet das Medizinstudium nur selten die sozialen Kompetenzen vor, die für den Beruf so aussschlaggegebend sind, aber das ist ein anderes Thema...). Ich würde überlegen, ob du versuchen möchtest, die Situation zu klären (das könnte wertvoll für dich, die Ärzin/Arzthelferin, und für zukünftige stotternde oder anderweitig "abweichende" Patient/inn/en sein; kann aber auch frustrierend sein und viel Energie kosten), oder erst einmal einen Arzt zu suchen, der dich - auch menschlich - angemessen behandelt.

Du stellst zwei konkrete Fragen (Wie geht man mit Vorstellungrunden um? Sollte man gleich sagen, dass man stottert?). Ich habe keine klare Vorstellung davon, wie stark du stotterst und in welcher Weise. Merkt man zum Beispiel sowieso gleich, dass du stotterst, oder kann man manches auch anders interpretieren (z.B., wie Petra schreibt, "äh äh äh"). Je mehr "Sekundärverhalten" (Füllwörter, extreme Mimik oder andere Bewegungen u.ä.) man zeigt, desto skurriler wirkt man auf andere Menschen - und umso größer ist die Gefahr, dass es im ersten Moment nicht als Stottern sondern als merkwürdiges Verhalten interpretiert wird, und man für weniger voll genommen wird. Leider kann man auch Sekundärverhalten nicht so einfach abschalten... (Der Umgang damit ist ein wichtiges Thema in der Therapie des Stotterns).

Ein paar Ideen für die konkrete Vorstellungsrunde:
  • Meist begegnet man auch schon vor der Vorstellungsrunde ein paar Leuten, im Flur, beim Kaffee, bei der Registrierung, etc. Kannst du dir vorstellen, da schon ein paar Leute anzusprechen und ihnen zu "zeigen" (explizit oder implizit), dass du a) stotterst UND b) ansonsten ein ganz normaler Mensch bist? Meine Angst in Vorstellungsrunden ist am größten, wenn ich niemanden kenne und niemand weiß, dass ich stottere (vermutlich weil dann die Angst am größten ist, für "gestört" und inkompetent gehalten zu werden)
  • Mit dem gleichen Ziel könntest du vor der Weiterbildung mit dem/der Leiter/in sprechen oder in anderer Weise interagieren (gemeinsam Stühle herumtragen, zum Beispiel).
  • Die Chance, dass du vorher mit TN und/oder Leiter/in unkompliziert (d.h. mit weniger Menschen in der direkten Umgebung) ins Gespräch kommst, ist größer, wenn etwas früher am Seminarort auftauchst. Kannst du schon eine halbe Stunde vor Seminarbeginn da sein?
  • Wäre es denkbar, dass du bei der Vorstellungsrunde ein vorbereites Blatt mit deinem Namen hochhältst und dazu sagst, dass du stotterst (und evtl dazu noch einmal deinen Namen). Das klingt erst einmal nach maximalem Ausweichen (und ich habe diese Variante noch nie probiert), aber vielleicht ist das auch eine spielerische Möglichkeit, eine andere Art auszuprobieren, mit der Situation umzugehen.
Vielleicht ist es auch hilfreich, sich Menschen anzusehen und anzuhören, die "offen" stottern während sie auch inhaltlich wirklich etwas zu sagen haben, die sehr kompetent und vielleicht sogar chamant auftreten. Zum Beispiel dieses Video, das ein Interview mit Katherine Preston schreibt. Sie stottert und hat vor kurzem ein Buch über ihr bisheriges Leben geschrieben, das ich ebenfalls sehr empfehlen möchte. Oder dieses Video von einer Antrittsvorlesung einer (stotternden) Professorin in Maastricht (den link habe ich aus diesem Beitrag).

Ich wünsch dir alles Gute! (und fände es auch schön und interessant, von deinen Versuchen und Erfahrungen zu lesen)

Viele Grüße, Julius

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Re: Die Angst vor Vorstellungsrunden, Arztbesuchen, Telefonaten...

Beitrag von Frankie » 19. Dezember 2016 17:12

Hallo Meike,

ich möchte nur bestärken, was bereits gesagt wurde. Es hilft ungemein, gleich zu Beginn einer solchen Verstellungsrunde das Stottern selbstbewusst anzusprechen. Du verhinderst damit, dass sich manche Leute Gedanken machen, warum du so komisch redest, und nimmst dir den Druck aus den Segeln. Bei den Zuhörern kommt der offensive Umgang mit dem Stottern auch gut an.

Weiterhin möchte ich empfehlen, dir eine passende Einleitung zu überlegen, die du intensiv einübst, bis du sie im Schlaf kannst. Also beispielsweise so etwas:
Hallo, ich bin die Meike. Falls ihr euch wundert, warum ich so "komisch" spreche: ich stottere. Aber keine Sorge, es geht dann immer gleich weiter.

Mittelfristig empfehle ich dir, Unterstützung zu suchen, entweder in einer Selbsthilfgruppe und/oder bei einer guten Therapie, bei der deine schlechten Gefühle beim Stottern bearbeitet werden und bei der du lernst, die Symptomatik in den Griff zu bekommen.

Vor kurzem durfte ich mich bei einer richtig förmlichen Versammlung vor über 100 fremden Leuten vorstellen, weil ich zu einer Wahl aufgestellt wurde. Ich habe dabei hörbar gestottert, das Stottern auch gleich angekündigt, und bin mit überwältigender Mehrheit gewählt worden. Also keine Angst, man blamiert sich nicht, nur weil man stottert.

Grüße
Frank

Mat Wsun
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Re: Die Angst vor Vorstellungsrunden, Arztbesuchen, Telefonaten...

Beitrag von Mat Wsun » 20. Dezember 2016 08:48

Hallo,

du hast nur eine Fortbildung und versuch dir jetzt mal vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn du sprachlich arbeitest und das Sprechen einen Großteil deiner Arbeit ausmacht. Das kann ja eine Hölle sein. Während der Treffen/Seminare sitzen nur deine Kollegen und Kolleginen neben dir und ich muss z.B. jeden Tag unbekannte Personen anrufen und ihnen eine Zusammenarbeit unterbreiten. Ich muss sie überzeugen und um sie kämpfen, denn davon hängt mein Dasein hier ab. Dazu ist Deutsch auch meine Fremdsprache.
Und weißt du was? Meine Arbeitgeber kennen mein Problem und wissen mich trotzdem zu schätzen. Ich erledige alles lieber schriftlich, aber glaub mir, keiner, absolut keiner meiner Kunden hat mich bisher ausgelacht oder dumme Scherze gemacht. Viele wurden mittlerweile zu meinen Stammkunden. Und wovon soll das denn zeugen?

Lass dich nicht entmutigen und geh nach vorne...

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