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Stotternde Eltern gesucht

Verfasst: 12. September 2017 15:32
von Meinkindstottert
Hallo zusammen,
Mein Sohn ist 2 Jahre und 6 Monate alt und stottert seit 3 Wochen... Davor super flüssig gesprochen, sehr früh und komplexe Sätze.
Da mein Mann selbst stottert, mache ich mich extreme SOrgen, dass der Kleine das Stottern vereerbt hat. Gibt es hier stotternde Eltern?

Es würde mich sehr sehr freuen, wenn jemand ein bisschen Zeit für eine Rückmeldung hätte. Ich bin dankbar für jeden Austausch bzgl. Therapien oder Herangehensweisen. Ich bin nämlich sehr besorgt und verzweifelt...

Herzlichen Dank.
Chris

Re: Stotternde Eltern gesucht

Verfasst: 13. September 2017 00:53
von julius
Hallo Chris,

ich habe noch keine Kinder, aber da ich selbst stottere und meine Partnerin und ich ein Kind erwarten, habe ich mich selbst mit der Frage befasst, wie ich damit umgehen würde, wenn unser Kind stottern würde. Stottern kann das Leben sehr stark beeinträchtigen. Ich nehme an, du weißt das aus eigener Erfahrung (z.B. durch deinen Partner), sonst wärst du nicht so besorgt und verzweifelt. Ich kann das gut nachvollziehen. Wenn ich mir vorstelle, mein Kind würde ähnlich stark stottern wie ich in meinen "schlimmsten" Phasen (frühe - mittlere Jugend), ist mein erstes Gefühl: Horror. So etwas wünsche ich niemandem, erst recht nicht einem geliebten Menschen!

Zum Glück gibt es noch andere Gedanken:

Auf der Webseite der amerikanischen "Stuttering Foundation" habe ich gelesen (http://www.stutteringhelp.org/genetic-a ... stuttering), dass es zwar die Anfälligkeit, Stottern zu entwickeln, vererbbar ist. Dieses Risiko ist bei eurem Sohn möglicherweise erhöht, und wäre es auch bei meinem Kind. Aber dadurch ist weder vorausbestimmt, ob ein Kind tatsächlich (längerfristig) stottern wird, noch, wie stark ein mögliches Stottern ausgeprägt sein wird.

Stottern im frühen Kindesalter ist viel häufiger als im späteren Leben. Anscheinend haben 5% der Kinder eine längere (mehrmonatige) Phase, in der sie stottern, aber bei den meisten (ca drei Viertel) verschwindet es von selbst. Für diejenigen Kinder, bei denen das Stottern länger bleibt (oder zu bleiben droht), gibt es heute viel bessere und erfolgreichere Therapieansätze als noch vor 10-20 Jahren. Ein paar Wochen "Stottern" im Alter unter 3 Jahren sind nach allem, was ich bisher gehört habe, kein grundsätzliches Problem. Aber man sollte es auch nicht einfach ignorieren.

Ich bin vor ein paar Monaten sehr erschrocken, als mein Neffe (damals 2,5 J.) auf einmal sehr "gestottert" sprach (ausgeprägte Wort- und Silbenwiderholungen, teilweise auch "hängenbleiben"); das ist inzwischen von allein verschwunden. Wenn ihr die Sorge habt, dass sich das Stottern bei euerm Sohn "verfestigt", würde ich möglichst bald professionellen Rat suchen: Kinderarzt/ärztin, sprachtherapeutische Sprechstunde, etc. Um besser einschätzen zu können, ob und ab wann eine Therapie sinnvoll wäre, und ggf. eine solche zu beginnen. Aber ich würde versuchen, es nicht zu sehr und früh zu "problematisieren" und darin keine Katastrophe zu sehen! Es gab mal die Theorie, dass Stottern durch übertriebene Aufmerksamkeit auf natürlich auftretende (und meist wieder verschwindende) Sprechunflüssigkeiten entsteht und damit einhergehende negative Rückmeldung der Eltern ("sprich langsamer", "nochmal!", usw.). Das ist sicher keine vollständige Erklärung, aber es gibt Hinweise, dass die Reaktionen der Eltern (oder anderen Personen) auf Sprechunflüssigkeiten eine Rolle bei der Entwicklung/Verfestigung von Stottern spielen können.

Auch wenn Stottern vielleicht nicht vollständige geheilt werden kann (das scheint weitgehend Konsens zu sein, wenn mit der Behandlung erst im Jugend- oder Erwachsenenalter begonnen wird), bleibt es ein Leben lang veränderlich. Das habe ich an mir selbst erlebt - mit 14-15 Jahren war ich praktisch unfähig zu mündlicher Kommunikation, mit 18-25 war es besser, aber ich war doch immer noch ziemlich beeinträchtigt. Inzwischen arbeite in einem Beruf, in dem zumindest die Hälfte meines Alltags aus Treffen, mündlichen Diskussionen, Seminaren, Vorträgen, etc besteht. Ich stottere viel weniger, und ich gehe anders (entspannter) damit um, und dies beeinflusst sich gegenseitig positiv. Das scheint nicht nur mir so zu gehen - allgemeiner habe ich gelesen, dass Stottern im Verlauf des Lebens häufig weniger wird.

Und schließlich: Man kann auch mit Stottern ein "gutes" Leben führen! (Sicher geht es auch leichter, aber es gibt auch ganz andere Probleme...)

Alles Gute und schöne Grüße,

Julius

Re: Stotternde Eltern gesucht

Verfasst: 19. September 2017 21:55
von turnschuh
Hallo Chris,

mein Sohn ist 8 Jahre alt und stottert, wahrscheinlich hat er das von mir geerbt, weil ich stottere auch.
Mir war das gar nicht bekannt, dass man Stottern vererben kann, deswegen hatte ich mir da nie so Gedanken drüber gemacht bevor wir Kinder bekamen. Und ehrlich gesagt, finde ich Stottern auch nicht so schlimm, dass man deswegen keine Kinder haben möchte.

Mein Sohn hat mit etwa 4 Jahren angefangen zu stottern. Wir sind dann reltiv schnell zu einer Logopädin gegangen. Ich hatte einen guten Eindruck von der Logopädin und er war dort dann auch bis vor etwa einem Jahr in Behandlung.

Seitdem haben wir etwas „pausiert“, und er geht jetzt seit dieser Woche zu einer neuen Logopädin in der gleichen Praxis.

Im wesentlich hat er bei der früheren Logopädin das lockere Stottern gelernt, d.h. dass er beim Stottern nicht verkrampft.
Wie das genau therapeutisch einzuordnen ist, dass können hier die Fachleute beim BVSS sicherlich besser erklären.
Aus meiner Erfahrung war die Logopädin für meinen Sohn vor allem eine gute Ansprechpartnerin, die ihm ein Stück weit geholfen hat, mit dem Stottern umzugehen.

Irgendwann wurde es ihm allerdings langweilig und ich hatte den Eindruck, wir machen mal eine Pause…

Sowohl nach meinem eigenen Eindruck als auch nach den Berichten von Lehreren und Betreuern im Hort, kommt mein
Sohn mit dem Stottern gut zurecht. Er wird natürlich auch mal von anderen Kindern gehänselt, aber er geht da ganz gut mit um. Er hat sein Umfeld, seinen Freundeskreis und seine Fussballmannschaft und da ist Stottern weder für die Kinder noch für ihn ein Thema.

Ich glaube, weil ich selber stottere, kann ich meinen Sohn ganz gut unterstützen und ihm zeigen, dass man sich nicht verstecken muss. Das Selbstvertrauen meines Sohnes ist mir sehr wichtig, insofern achte ich immer sehr darauf, dass ich für ihn da bin, dass ich mir sehr viel Zeit für ihn nehme, viel mit ihm spiele oder was unternehme.

Das Stottern selber ist bei meinem Sohn übrigens phasenweise mal schlimmer mal besser. Ich habe den Eindruck, das kommt und geht mit den Entwicklungs- und Wachstumsschüben.

Ich würde das Stottern nicht dramatisieren und möglichst locker bleiben. Ein Stotterer ist ansonsten ganz normal, das Zuhören für andere ist vielleicht etwas anstrengender.

Übrigens haben wir im Nachbarort eine italienische Eisdiele, wo ein Sohn der Familie auch stottert – der Junge ist schon Mitte Zwanzig. Die Inhaber freuen sich immer wie wild, wenn mein Sohn auf ein Eis vorbeikommt und er bekommt sein Eis immer umsonst.

Insofern, vielleicht eine grobe Beschreibung, wie es bei uns so läuft.
Wenn du Fragen hast, antworte ich gerne!

Viele Grüße

Re: Stotternde Eltern gesucht

Verfasst: 20. September 2017 21:12
von turnschuh
...beim ins Bett bringen habe ich meinen Sohn heute abend gefragt, was er denn noch für einen Tipp hätte.
Wenn Dein Sohn stottert, lass ihn ganz ruhig ausreden und schau ihn immer an, wenn er redet. Genauso als wenn er nicht stottert ;-)

Viele Grüße

Re: Stotternde Eltern gesucht

Verfasst: 25. September 2017 20:46
von julius
Ich würde gerne ergäzen, dass es nicht jedem/jeder angenehm ist, beim Sprechen angesehen zu werden, insbesondere wenn es mühsam ist. "Genauso als wenn er nicht stottert" finde ich gut, aber das heißt nicht, dass man ihn deswegen permanent anschauen muss (meint "turnschuh" vermutlich auch nicht :-)