Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Erfahrungen in Selbsthilfegruppen, Landesverbänden und Seminaren. Hier bitte keine Diskussion über BVSS-interne Themen
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Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Beitrag von ---***--- » 29. November 2007 22:11

Hallo,

angeregt von einem Link zur Organisation City Lit , den Norbert heute eingestellt hat, wollte ich mal nachforschen, welche Ideen zur Arbeit der BVSS für erwachsene Stotterer hier schon niedergeschrieben sind, bzw. was getan werden könnte.

Die Rundmails zur diesjährigen Vorstandswahl sind leider gelöscht. Ich meine, mich an Vorschläge erinnern zu können zur Rechtsberatung für Stotterer, Informationen/Anlaufstellen bei den Arbeitsämtern und - was noch?

Viele Stotterer, zumindest viele, mit denen ich spreche, machen sich Sorgen, wegen Stottern weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Was haltet ihr von der Idee, diesen Sorgen zu begegnen, indem Stotterer besonders qualifiziert werden? Ich nehme an, da sich die Sorgen darauf gründen, in ihren kommunikativen Fähigkeiten schlechter als Normalsprecher abzuschneiden, könnte ein Training gerade der kommunikativen Kompetenz, mit Stottern, hilfreich sein.

Der Bogen zu City Lit: Seminare der BVSS z.B. (oder eines anderen Anbieters) sind dann anerkannte Fortbildungen, können bei Bewerbungen angegeben werden. Bei City Lit findet Stottertherapie in einem Umfeld für (Weiter-)Bildung statt. Das ist etwas anderes als was ich hier meine, keine Therapie, sondern Weiterbildung, speziell für Stotterer.

Ist nur eine Idee. Interessant fände ich, ob Stotterer denken, ihnen würden Qualifikationen fehlen, wenn das so ist: welche wären das? Oder sie würden wegen Stottern bei der Stellenbesetzung diskriminiert. Was wäre dann zu tun? Aufklärung des Arbeitgebers durch den Bewerber, durch die BV? Den Thread, ob Stottern bei der Bewerbung anzugeben ist, mit vielen guten Tipps, den gibt es schon. Wär denn Bedarf an einem Bewerbungstraining für Stotterer? Eine stotternde Freundin, die selber mit Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz arbeitet, meinte, das Bewerbungsgespräch wäre für Stotterer eine sehr hohe Hürde.

Was könnte die BVSS, könnten all ihre qualifizierten Mitglieder, für arbeitssuchende oder im Beruf stehende Menschen leisten? Gibt es überhaupt den Bedarf?

sG Mechthild

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Re: Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Beitrag von Jaspis » 29. November 2007 22:47

Mechthild hat geschrieben:Die Rundmails zur diesjährigen Vorstandswahl sind leider gelöscht. Ich meine, mich an Vorschläge erinnern zu können zur Rechtsberatung für Stotterer, Informationen/Anlaufstellen bei den Arbeitsämtern und - was noch?
Hallo Mechthild,
die Rundmails hatte Joachim reingestellt und er hat leider all seine Beiträge hier gelöscht.
Zu den Arbeitsämtern hatte ich letztens was sehr interessantes gefunden, ganz speziell für Menschen mit Sprachstörungen, darunter auch Stottern.
Es klingt fast zu gut, was laut deren Beschreibung schon alles angeboten wird, z.B.:
"Für die besonderen Belange von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen stehen speziell geschulte Berater und Beraterinnen zur Verfügung."

"Die Mitarbeiter der Reha-Teams in den Agenturen für Arbeit sind bei der Suche nach einer geeigneten Ausbildungs- oder Arbeitsstelle behilflich. Ist z.B. für den Einstieg in eine berufliche Ausbildung besondere Unterstützung erforderlich, so können sie auch in eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme vermitteln, um so die Chancen für eine Ausbildung zu verbessern. Des Weiteren informieren sie darüber, welche Möglichkeiten der finanziellen Förderung es gibt und welche Leistungen für Sie persönlich in Frage kommen."

Und die BVSS wird auch genannt!

Alles nachzulesen unter:
http://www.ausbildungberufchancen.de/we ... 194/i.html


Viel Erfolg beim weiteren Zusammentragen!
Karen

EDIT: Inzwischen ungültigen Link entfernt. 28.02.2009
Zuletzt geändert von Jaspis am 28. Februar 2009 11:07, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag von ---***--- » 30. November 2007 00:20

Hallo Karen,

Danke für die Links!
Nach dem Überfliegen scheint es sich um Anweisungen zur Berufsberatung für Ausbildungsplätze zu handeln, also für Jugendliche gedacht. Ich weiß nicht, ob es parallel eine Beratungsanweisung für z.B. Abiturienten gibt? Auweia, da werden doch tatsächlich Erinnerungen wach, wie die Studienberatung damals bei mir lief ... Mir erscheinen die Tipps eher auf Schonung und Rücksicht auf die Behinderung Stottern ausgerichtet, was vielleicht seine Berechtigung hat, weiß ich nicht. Mir war es immer wichtig, zu tun, was mir Freude macht, auch mit Stottern. Der Aspekt geht mir etwas unter, habe aber vielleicht nicht genau genug gelesen.

Für erwachsene, qualifizierte Arbeitssuchende steht nichts drin. Hm.
Weitere Idee: Die BVSS (z.B.) gründet einen Bildungsträger, besagte Freundin gründet nach ihren Angaben ständig welche :wink:, und dort werden Stotterer berufsbegleitend oder während der Arbeitslosigkeit weitergebildet ...

sG Mechthild

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Beitrag von Jaspis » 30. November 2007 20:45

Mechthild hat geschrieben: Nach dem Überfliegen scheint es sich um Anweisungen zur Berufsberatung für Ausbildungsplätze zu handeln, also für Jugendliche gedacht.
...
Für erwachsene, qualifizierte Arbeitssuchende steht nichts drin.
Doch, es geht in den Links um Ausbildung und Beruf ("Ausbildung-Beruf-Chancen" heißt es ja) und wendet sich an Jugendliche und Erwachsene. Beruf beginnt mit Ausbildung, deshalb wahrscheinlich ein größerer Fokus darauf. Gute Ausbildung ==> guter Beruf, hofft man zumindest...
Gruss, Karen

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Beitrag von ---***--- » 30. November 2007 22:18

Hi,

was mir vorschwebte, waren spezielle Trainings für Stotterer zur Verbesserung der kommunikativen Kompetenzen, z.B. Rhetorik- und Moderationsseminare. Die es von der BV schon gibt, die ich mir als berufliche und anerkannte Fortbildung vorstellen könnte. Auch spezielles Bewerbungstraining oder zumindest Hinweise für Fallmanager (so heißen die jetzt wohl) zu erkennen, ob ein Arbeitssuchender wegen Stottern besondere Probleme hat, sich vorzustellen oder nur bei einem möglichen Arbeitgeber anzurufen. Ich habe die "Vollversionen" nochmals gelesen und nichts zu diesen Problemfeldern gefunden.

Ich möchte meine Frage ob es Bedarf an qualifizierenden Maßnahmen speziell für stotternde Menschen gibt, nicht für erwerbslose/arbeitssuchende Menschen beschränken. Aber vielleicht gibt es den Bedarf gar nicht.

sG Mechthild

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Unterstützung durch Arbeitsämter

Beitrag von Jaspis » 1. Dezember 2007 13:47

Hallo Mechthild,
eingangs hattest Du die Vorschläge u.a. zu „Informationen/Anlaufstellen bei den Arbeitsämtern“ erwähnt, darauf bezog sich meine Antwort.

Im letzten BV-Status steht ja geschrieben „Intervention bei den Arbeitsverwaltungen (...) Stotternde Menschen sind keine Bittsteller, Beginnen wir endlich damit, unsere Rechte einzufordern!“
(aus http://www.pro-voce.de/download/Stuttgart2007.pdf)

Von daher ist es doch eine gute Botschaft, dass es laut Eigenaussage der Arbeitsämter diesbezüglich schon einiges gibt, die Türen stehen schon offen, es liegt also an uns sie zu durchschreiten – und wir können es gleich deutschlandweit tun, ohne Modellprojekt, resourcenschonend...

Gruss, Karen

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BV-LV-Seminare als anerkannte Weiterbildung/Fortbildung ?

Beitrag von transit » 1. Dezember 2007 14:18

Hallo,
Mechthild hat geschrieben:was mir vorschwebte, waren spezielle Trainings für Stotterer zur Verbesserung der kommunikativen Kompetenzen, z.B. Rhetorik- und Moderationsseminare. Die es von der BV schon gibt, die ich mir als berufliche und anerkannte Fortbildung vorstellen könnte.
Gute Idee, dies könnte ein erster Schritt sein. Ein in Bezug auf Bewerbungen zu verwendender Nachweis als Fortbildung/Weiterbildung entsprechender, bereits in gutem Umfang existierender, BV-/LV-Seminare. Vielleicht kann man das ja jetzt schon auf Nachfrage erhalten. In einigen Bereichen könnte eine Teilnahmebestätigung ausreichen.

Eine finanzielle Förderung/Unterstützung der Teilnahme arbeits-, ausbildungsplatzsuchender Stotternder seitens des AA könnte dann überlegt werden.

Was mich stören würde, wäre grundsätzlich immer ein Anspruchsdenken. So nach dem Motto : Ich brauche Hilfe, also hilf du mir. In dem Punkt reagiere ich sensibel.

Angebote, wie zB Bewerbungstrainings, gibt es vom AA. Zur Zeit wohl eher für Langzeitarbeitssuchende. Ausser Stotternden haben auch viele Andere Probleme, sich sprachlich auszudrücken - nur scheinen diese oft weniger Sprechangst zu empfinden.

Jeder AA-Berater (Fallmanager) wird - auf Anfrage - ein Erst- und Informationsgespräch (auch bertr.der Sprechflussstörung) mit einem Arbeitgeber führen.

Das Problem bei "speziellen" Trainings könnte mE sein, dass eine Erkrankung / Behinderung offiziell bestätigt sein muss, um in Fördermaßnahmen aufgenommen werden zu können.
"Spezielle Trainings" sind mE in erster Linie auch Therapien. Ob eher das "Sprechtechnische" oder die Angstsymptomatik hierbei im Vordergrund stehen, wird jeder für sich entscheiden.

Dies sind im Moment spontane Gedanken zum Thema. Habe mich noch nicht ausführlich in die Materie hineingekniet. Informationslücken bitte ich zu entschuldigen.

LG Isabel

blanka

Beitrag von blanka » 6. Dezember 2007 13:03

Ich seh das so wie Isabel - sicher kann man selbst auch einiges einfach mal anfragen, einfordern, entsprechend von der Steuer absetzen (wenn selbständig).

Die BV oder auch die Leute in den LVs könnten aber auch das Gespräch mit Arbeitsämtern suchen - um das von der Seite mal festzuklopfen bzw für dasd Thema zu sensibilisieren.

Im Sinne von Fit für den Arbeitsmarkt müssten die AAs eigtl offene Ohren dafür haben...

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Re: Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Beitrag von Michael13 » 27. Februar 2009 23:04

Schon etwas her das Thema ... doch ich erlaube mir mal, es wieder ein bisschen aufzuwärmen ...

Mir ist noch nicht ganz klar, warum sich A-Ämter und ARGEn nun ausgerechnet auf Stotternde intensiver einlassen sollten ... Zudem werden doch dann auch nur die Stotternden betrachtet, die einen Behindertengrad beantragt haben, oder?

Wer hat denn Erfahrungen damit?
Gibt es irgendjemanden, der bei der Arbeitssuche aufgrund seines Stotterns sozusagen "bevorzugt" behandelt worden ist???

Ich würde doch eher meinen, dass es nach dem Prinzip "Selbst kümmern ... oder C'est la vie" läuft, oder?

Alles Gute, Micha.

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Re: Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Beitrag von Ernst-Martin » 28. Februar 2009 02:56

Michael13 hat geschrieben: Mir ist noch nicht ganz klar, warum sich A-Ämter und ARGEn nun ausgerechnet auf Stotternde intensiver einlassen sollten ... Zudem werden doch dann auch nur die Stotternden betrachtet, die einen Behindertengrad beantragt haben, oder?
... damit es 1 sprachbehinderten Arbeitslosen weniger gibt, lieber Micha!
Unter "intensiver" einlassen verstehe ich den Versuch des Arbeitsamtes, den Suchenden mit den Kenntnissen auszustatten, die einige Arbeitsgeber in der Umgebung benötigen. In der Regel sind dies Spezialkenntnisse und der Suchende steht dann nicht im Wettbewerb, z.B. bei der Entwicklungen von elektronischen Steuerungen oder in der EDV.
Unser Arbeitsamt verwies auch auf die Möglichkeit, sich selbstsständig zu machen: als Taxifahrer, Friseur, Zahnarzt oder als Agrar-Ingenieur (Spezial-Ausbildung und Büro wie ein Architekt). Ich hätte auch gerne "Koch" bevorzugt ....
Michael13 hat geschrieben: Wer hat denn Erfahrungen damit?
Gibt es irgendjemanden, der bei der Arbeitssuche aufgrund seines Stotterns sozusagen "bevorzugt" behandelt worden ist???
Auch die Behinderten-Quote bei den Komunen wirkt hier hilfreich (meines Wissens erst ab einem Behinderungsgrad von 50 %).
Der Stotterer wird wohl weniger wegen seiner Sprachbehinderung "bevorzugt", sondern wegen seiner Spezial-Kenntnisse - vielleicht auch wegen einer Erfindung / Patent.
Michael13 hat geschrieben: Ich würde doch eher meinen, dass es nach dem Prinzip "Selbst kümmern ... oder C'est la vie" läuft, oder?

Alles Gute, Micha.
Da hast Du vollkommen recht!
Früher hatte ein selber behinderter Abteilungsleiter noch am ehesten Verständnis - und hat andere Behinderte eingestellt ...
Heute ist der Leistungsdruck auf den (behindert gewordenen) Abteilungsleiter viel zu groß.

§prost
Ernst-Martin,
der Lechgeist
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... die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere -
ja, wenn man sie läßt!
Peter Alexander

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Re: Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Beitrag von Jaspis » 28. Februar 2009 11:26

Hallo Micha,
in dem von mir oben genannten Link der Bundesanstalt für Arbeit steht geschrieben:
"Für die besonderen Belange von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen stehen speziell geschulte Berater und Beraterinnen zur Verfügung."

Das seit 2006 gültige Allg. Gleichstellungsgesetz (AGG) versteht unter "Behinderung" ja nicht nur Schwerbehinderung mit entsprechender Einstufung sondern:
Im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes liegt das Merkmal der Behinderung bereits dann vor, wenn
· die körperliche Funktion
· die geistige Fähigkeit oder
· die seelische Gesundheit
mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht, und daher die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft beeinträchtigt ist.


Und aus Sicht des AGG ist Stottern eine Behinderung, wird in den entsprechenden Schulungsunterlagen explizit erwähnt (siehe meine Zusammenfassung von vor einiger Zeit hier)

Und warum sollte man dann die Bundesanstalt für Arbeit nicht mal beim Wort nehmen und nach diesen speziell geschulten Beratern verlangen und sie in Anspruch nehmen?

Aus heutiger Sicht und Erfahrung würde ich es tun. Als ich vor 14 Jahren mal im Arbeitsamt vorstellig wurde, hätte ich es noch nicht gekonnt, weil erstens nicht gewußt und zweitens, weil ich mich nicht getraut hätte, Ansprüche zu stellen. Schon blöd! Zum Glück ergab sich dann auch was anderes für mich.

Gruß, Karen

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Re: Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Beitrag von Michael13 » 1. März 2009 18:08

Hallo Karen, hallo Ernst-Martin,

da ward ihr ja schnell :) ...

Danke für den Link zur BA-Seite, Karen ... interessant den ersten Teil zu lesen, war mir neu ...
Doch spätestens beim Lesen des zweiten Teils wusste ich, dass dies ja wohl wieder mal BA-Sicht ist ... ich zitiere:
Berufschancen – welche Berufe kommen in Frage?

Wesentlich für Erfolg und Zufriedenheit im Arbeitsleben ist es, wenn die persönlichen Vorstellungen mit den jeweiligen Anforderungen im Beruf in Einklang stehen.

In jedem Falle sollte die Berufswahlentscheidung in Rücksprache mit den Fachkräften der Agenturen für Arbeit sowie auf Basis einer individuellen ärztlichen Beurteilung erfolgen.

Abhängig vom Ausmaß der Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen bestehen zahlreiche Berufswahlmöglichkeiten zum Beispiel in folgenden Berufsbereichen bzw. Berufen:

* Holzwirtschaft
z.B.: Tischler/in
* Gartenbau
z.B.: Gärtner/in
* Land-, Forst-, Tierwirtschaft
z.B.: Tierwirt/in
* Bauwirtschaft
z.B.: Maurer/in
* Hauswirtschaft
z.B.: Hauswirtschafter/in
* Büro, Verwaltung, kaufmännischer Bereich
(nicht bei erheblichen Sprachstörungen bzw. wesentlichen Sprachfehlern – Kundenkontakt)
z.B.: Kaufmann/-frau für Bürokommunikation
* Textil
z.B.: Herren-/Damenschneider/in
* Labor
z.B.: Chemielaborant/in
* Nahrungsmittelhandwerk
z.B.: Bäcker/in
* Reinigung, Wartung
z.B.: Gebäudereiniger/in
* Verkehr, Versand
z.B.: Berufskraftfahrer/in
* Metall
z.B.: Zerspanungsmechaniker/in
* Elektrotechnik, Elektronik
z.B.: Elektroniker/in für Geräte und Systeme
* Gestaltung
z.B.: Maler/in und Lackierer/in

Quelle: http://www.ausbildungberufchancen.de/we ... 194/i.html
Ein Blick auf die Berufsgruppen lässt erahnen, dass hier eher der Sektor der im Amts-Medien-Deutsch "geringer Qualifizierten" herausgestellt wird ... mit einigen Ausnahmen freilich (Büro, kaufm. Bereich, Laborant etc.).

Der "Teufel" steckt hier jedoch im Detail: Seit wann darf die BA quasi "vorschreiben", dass Berufen mit Kundenkontakt (dick gedruckt) nicht zur Auswahl stehen? Das ist für mich Diskriminierung ... wenn so ein Bild von der Institution vermittelt wird, die eigentlich dazu da ist, Menschen bei der Berufssuche zu helfen, na dann "Gute Nacht, Deutschland" :)

Warum werden denn ausgerechnet diese Berufe so herausgestellt, wenn aus den restlichen Zeilen eigentlich hervorgeht: ein stotternder Mensch kann im Prinzip jeden Beruf erlernen, auch wenn von einigen abzuraten ist (Flugsicherung, bei Polizei und Bahn etc.) ... ?

Und seit wann sollte ich mich denn als Stotternder vorher bei der ARGE bzw. beim A-Amt melden?
Ist das A-Amt mein/e Mutter/Vater oder was? :) ... symbolisch gemeint ...
Also, dieses "An-die-Hand-nehmen" des Staates kann auch kräftig nach hinten losgehen ... würde ich meinen.
Karen hat geschrieben:Und warum sollte man dann die Bundesanstalt für Arbeit nicht mal beim Wort nehmen und nach diesen speziell geschulten Beratern verlangen und sie in Anspruch nehmen?

Aus heutiger Sicht und Erfahrung würde ich es tun. Als ich vor 14 Jahren mal im Arbeitsamt vorstellig wurde, hätte ich es noch nicht gekonnt, weil erstens nicht gewußt und zweitens, weil ich mich nicht getraut hätte, Ansprüche zu stellen. Schon blöd! Zum Glück ergab sich dann auch was anderes für mich.
Was würdest du denn heute anders machen, Karen? Hättest du einen anderen Beruf gewählt?
Wenn ja, warum dann heute nicht umlernen?
Wenn nein, wozu brauchtest du dann Berater, die wahrscheinlich genau so viel wissen, wie auf der Internetseite der BA stehen? :)

@Ernst-Martin
Im Grunde gelten deine Anmerkungen ja für alle Menschen, oder? :)
Ganz gleich, ob sie stottern oder nicht.
Ein stotternder Chef kann einen anderen Stotternder auch aus dem Grund nicht einstellen, weil er vielleicht denkt, dass andere denken, dass er ihn nur eingestellt hat, weil er auch stottert usw. ...
Also, ich glaube, da kann man Stottern ebenso durch Mann/Frau oder Oberfranke/Oberfranke oder Sachse/Sachse ersetzen ... für mich hat das wenig mit dem Stottern zu tun.
Möglicherweise besteht ein gewisses Verständnis seitens der Stotterproblematik, doch diese kann genauso Vorteil wie Nachteil sein.

Alles Gute, Micha.

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Re: Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Beitrag von Jaspis » 1. März 2009 22:48

Micha hat geschrieben:Ein Blick auf die Berufsgruppen lässt erahnen, dass hier eher der Sektor der im Amts-Medien-Deutsch "geringer Qualifizierten" herausgestellt wird ... mit einigen Ausnahmen freilich (Büro, kaufm. Bereich, Laborant etc.).

Der "Teufel" steckt hier jedoch im Detail: Seit wann darf die BA quasi "vorschreiben", dass Berufen mit Kundenkontakt (dick gedruckt) nicht zur Auswahl stehen? Das ist für mich Diskriminierung ... wenn so ein Bild von der Institution vermittelt wird, die eigentlich dazu da ist, Menschen bei der Berufssuche zu helfen, na dann "Gute Nacht, Deutschland"
Hallo Micha,
ein Facharbeiterberuf, wie die genannten, ist keine "geringe Qualifikation"!
Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen ... Stottern ist eine(!) Störung davon, aber nicht die einzigste! Es gibt sicher Störungen, die tatsächlich keine Arbeit mit Kundenkontakt ermöglichen, weil die Stimme kaum zu verstehen ist. Da ist es doch gut, wenn die BA eine Beratung und Betreuung (auch finanziell) anbietet.
Und auch für schwere Stotterer kann das eine Chance sein. Wer über eine Anerkennung als Schwerbehinderter nachdenkt, kann sich sicher auch eine Beratung durch die BA vorstellen.
... Menschen bei der Berufssuche zu helfen
Was verstehst Du denn darunter? Daß einem zum Wunschberuf verholfen wird? Ich verstehe darunter auch, daß nach realistischen und gangbaren Möglichkeiten gesucht wird.

Gruß, Karen

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Re: Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Beitrag von Michael13 » 1. März 2009 23:32

Die Frage, Karen, auf die ich eigentlich hinauswollte, ist jene, warum die BA dafür qualifizierter sein sollte als Lehrer, Freunde, Eltern und der gesunde Menschenverstand? :)

Und auch wenn die o.g. Berufsgruppen mehr umfassen als ich es vielleicht jetzt erahne, frage ich mich doch, warum nun ausgerechnet diese Beispiele herausgezogen worden ... und es sind ja offenbar Berufsbilder, bei denen die Sprache ein untergeordnete Rolle spielt.

Warum steht dort nicht auch ein Satz wie - ich überspitze mal etwas - "Sie können sich auch bei einem Radio- oder Fernsehsender bewerben. Versuchen kann man es immer." (BA-Deutsch klingt freilich anders, doch ich denke, es wird klar, worauf ich hinaus möchte).

Hier wird doch - aus etwas schrägen sozialen Gründen - auf bestimmte Berufsbilder fokussiert, die bei stotternden Menschen auch durchaus das Gefühl erwecken können 'Naja, dann mach ich eben so etwas, wenn's sonst wohl eher schwer wird.'

Für mich schimmert da keine Beratung durch, sondern eine unbewusste Abwertung ... man könnte auch sagen: Pre-Selektion von Menschen mit "Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen". Ich könnte es auch latenten "Sozialdarwinismus" nennen :)

Stotternde können mehr als das ... sie wissen es nur nicht :)
Eigentlich wissen sie es innerlich, doch es wird ihnen häufig auch ausgeredet - weil man glaubt, ihnen damit zu helfen.

Wer würde einem Schüler, der sich in der Klasse gern als Boss aufgespielt hat, denn davon abreden, Chef einer Bank oder irgendeines anderen Unternehmens zu werden? :) ... Da heißt es doch eher 'Hmm, der hat Führungsqualitäten, der setzt sich schon durch.' ... die dann Jahre später unter ihm Arbeitenden sehen das bestimmt anders :)

In diesem Sinne ... Micha.

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Re: Selbsthilfe - Qualifizierung von stotternden Menschen

Beitrag von ---***--- » 1. März 2009 23:49

Ihr Lieben,

leider kann ich den Threadtitel nicht mehr selber ändern, nachdem geantwortet wurde.

Ich hab ja mehrmals versucht, die Weiche vom "Arbeitsamtgleis" umzulegen, aber der Zug rollt und rollt, habe wohl nicht energisch genug umgelenkt. Wohin es jetzt geht, weiß der Himmel.

Nochmal zum Ausgang:
  • Viele Stotterer, zumindest viele, mit denen ich spreche, machen sich Sorgen, wegen Stottern weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Was haltet ihr von der Idee, diesen Sorgen zu begegnen, indem Stotterer besonders qualifiziert werden? Ich nehme an, da sich die Sorgen darauf gründen, in ihren kommunikativen Fähigkeiten schlechter als Normalsprecher abzuschneiden, könnte ein Training gerade der kommunikativen Kompetenz, mit Stottern, hilfreich sein.

    Der Bogen zu City Lit: Seminare der BVSS z.B. (oder eines anderen Anbieters) sind dann anerkannte Fortbildungen, können bei Bewerbungen angegeben werden. Bei City Lit findet Stottertherapie in einem Umfeld für (Weiter-)Bildung statt. Das ist etwas anderes als was ich hier meine, keine Therapie, sondern Weiterbildung, speziell für Stotterer.
Arbeitsämter könnten solche Trainings bezahlen, das wäre nur eine Option.
Die Qualifizierung sollte nicht erst einsetzen, wenn es zur Arbeitslosigkeit gekommen ist. Überhaupt sollten Stotternde ihre kommunikativen Kompetenzen stetig weiterbilden können. Mir geht es um Training, Coaching, jenseits jeder Therapie. Eben auch ausgehend von meinen sehr positiven Erfahrungen mit entsprechenden BVSS-Seminaren. Die Angebote zum Kommunikationstraining sind hervorragend, aber ein wenig selten.

Im realen Leben bin ich nun Leuten begegnet, die schon ein Konzept und das Know-How für sowas haben. Werde berichten, wenn es was zu berichten gibt.

Grüße, M.

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