Was mir geholfen hat

Erfahrungen in Selbsthilfegruppen, Landesverbänden und Seminaren. Hier bitte keine Diskussion über BVSS-interne Themen
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DocBader
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Was mir geholfen hat

Beitrag von DocBader » 28. Februar 2014 23:33

Erstmal Hallo an alle.

Es ist das erste mal das ich mich an ein Stotterforum oder ähnliches wende. Erstmal ein paar Angaben zu mir.

Ich bin 25 Jahre alt und studiere zurzeit Elektrotechnik. Mit dem Stottern hat es bei mir ungefähr angefangen als ich ca. 7 Jahre alt war. Zu der Zeit wurde es auch von Jahr zu Jahr schlimmer. Muss sicher niemanden hier sagen wie schwer dadurch alles für mich wurde und vor allem unangenehm. Musste sogar einmal die Schule wechseln, weil ich sogar von Lehrern fertig gemacht wurde.

Bei meinem Stottertyp handelt es sich um extrem stockendes Sprechen. Ich musste zu meinen schlimmsten Zeiten bei fast jedem Wort eines Satzes kämpfen, wobei ich keinen einzigen Laut rausbringen konnte und auch nicht mehr wirklich Luft bekam. Am schlimmsten war es natürlich immer unter Stresssituationen wie Vorlesen in der Schule, beim Metzger einkaufen gehen, Telefonate führen etc. Einzig bei meinen Freunden hatte ich manchmal besser Phasen.

Meine Eltern haben damals vieles probiert um mir zu helfen. Habe mehrere Logopäden abgegrast, was überhaupt nichts gebracht hat, weil diese nur daran gearbeitet haben, dass ich das Stottern als Teil von mir akzeptiere und damit leben soll. Ganz toll. Genau das was man hören will. Danach wurde Hypnose ausprobiert, was auch nichts gebracht hat.
Jahre später kam ich in das Del Ferro Programm, bei dem eine Atemtechnik gelehrt wird die das Stottern heilen soll. In der Theorie ganz nett. Allerdings ist diese Methode nicht wirklich alltagstauglich. Zu der Zeit war ich auch in dem rebelischen Alter von 13, was das ganze natürlich zusätzlich erschwert hat. Fazit: Viel Geld ausgegeben und es hat mir nichts gebracht, da ich diese Methode im echten Leben nicht anwenden konnte.
Nach all dem haben wir keine Therapie mehr ausprobiert, in der Hoffnung das sich das Problem irgendwann von selbst löst. Natürlich gab es immer wieder gute Phasen und auch sehr Schlechte. Aber selbst in den guten Phasen war ich von einem normalen Sprechen weit entfernt.

Kommen wir nun zum Wendepunkt und der Methode dir mir ein fast normales Sprechen ermöglicht hat.
Da das Sprechen ja vom Zwerchfell gesteuert wird und dieser ein Muskel ist, dachte ich mir irgendwann, man muss diesen auch irgendwie trainieren können. Stottern entsteht dadurch, dass sich der Zwerchfellmuskel beim Reden nicht gleichmäßig nach oben bewegt. Im Grunde also zu schwach ist. Wie trainiert man also eine flüssige Bewegung dieses Muskels? Es ist ganz einfach, so dumm es sich auch anhört.

Man darf einfach nicht stottern!

Durch stotterfreies Sprechen gewöhnt sich der Muskel an die normale Bewegung beim Sprechen. In meinem Fall und auch bei einem bekannten Freund der stottert, stottern wir beide nicht, wenn wir selbstgespräche führen und uns niemand zuhört. Ich weis nicht ob es bei allen Stotterern so ist oder nicht. Dies hab ich mir zunutze gemacht. Jeden Tag habe ich mich in mein Zimmer verzogen und mir selber aus Romanen laut vorgelesen. So ungefähr ne halbe Stunde, bis mich die Lust oder meine Stimme verlassen hat. ^^

Ich habe niemandem von meine Plänen erzählt, da ich keine große Hoffnung auf Erfolg hatte. Aber bereits nach zwei Wochen haben meine Freunde erste Verbesserungen festgestellt. Dadurch angespornt habe ich natürlich weiter daran festgehalten und es hat mir wirklich sehr geholfen. Zwar gab es manchmal leichte Rückfälle, wenn ich über mehrere Tage zeitlich nicht zum lesen kam, oder einfach keine Lust dazu hatte. Manche Stresssituationen machen mir immer noch zu schaffen. Aber selbst dann beschränkt sich mein Stottern auf ein minimum so, dass es den meisten Leuten garnicht als Stottern auffällt. In meiner Universität musste ich Vorträge vor über 30 Studenten halten und es lief für meine Verhältnisse recht problemlos. Gab zwar ein paar Stolpersteine, aber nichts Großartiges.

Diese Methode hilft allerdings nur, wenn ihr euch selber laut vorlesen könnt ohne wirklich schlimm zu stottern. Sonst hat es vermutlich sogar den gegenteiligen Effekt. Ihr müsst nicht stotterfrei lesen. Das schaffen ja nicht mal Leute die kein Sprachproblem haben. ^^ Aber wenn ihr merkt, dass ihr bei einem Wort hängen bleibt. Stoppt sofort. Nehmt noch mal ruhig Luft und versucht den Satz erneut, vielleicht auch langsamer. Dies ist auch allgemein ein guter Rat. Man spürt das Stottern ja kommen. Es bringt nichts ein Wort zu erzwingen. Lieber ein paar mal durchatmen und es dann nochmal versuchen. Zur Not mit einem Ersatzwort. Hauptsache ihr stottert nicht.

So. Puh. Ist doch recht viel Text geworden. Ich hoffe einige von euch werden diese Methode mal ausprobieren und mir sagen ob es euch geholfen hat oder nicht. Das würde mich wirklich interessieren. Wenn es auch nur einem hilft, war es den Aufwand wert. ^^

Mit freundlichen Grüßen
DocBader

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Roland Pauli
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Re: Was mir geholfen hat

Beitrag von Roland Pauli » 1. März 2014 22:43

DocBader hat geschrieben:...Aber wenn ihr merkt, dass ihr bei einem Wort hängen bleibt. Stoppt sofort. Nehmt noch mal ruhig Luft und versucht den Satz erneut, vielleicht auch langsamer. Dies ist auch allgemein ein guter Rat. Man spürt das Stottern ja kommen. Es bringt nichts ein Wort zu erzwingen. Lieber ein paar mal durchatmen und es dann nochmal versuchen. Zur Not mit einem Ersatzwort. Hauptsache ihr stottert nicht.
...
Mit freundlichen Grüßen
DocBader
Hallo DocBader,

deine Beschreibung ähnelt in einigen Aspekten sehr meiner Ropana-Methode.
http://www.ropana.de/seite1.htm
Ersatzwörter lehne ich allerdings ab, weil man da ständig am Rumsuchen sein kann und sich letztlich ziemlich verzetteln kann. Lieber noch einmal neu starten und mit einer längeren Pause eine mögliche Anspannung abklingen lassen und dann mit weicher, evtl. auch leicht gedehnter Stimme sprechen. In der Übungssituation ruhig mehrfach, bis der Satz letztlich ganz locker und natürlich gesprochen werden konnte.

Das geht im Alltag natürlich kaum, aber mit vertrauten Personen kann man das gut praktizieren und durch die erreichten Erfolgserlebnisse wesentlich zuversichtlicher und damit lockerer werden.

Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg.

Herzliche Grüße

Roland

Eberhard
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Re: Was mir geholfen hat

Beitrag von Eberhard » 3. März 2014 00:00

Die Wahrscheinlichkeit, dass es jemandem anderen hilft, was DocBader hier schildert, ist nicht sehr groß. Weil es eben auch eine Frage der inneren Haltung ist, mit der man etwas tut. Wer also jetzt z.B. denkt: 'Ich habe schon so viel gemacht, da kann ich auch das noch probieren.' und es halbherzig angeht, der wird nach 3 Tagen wieder aufhören und sich einen weiteren Misserfolg hinzugefügt haben.

DocBader hat eine eigene Idee gehabt, seine innere Überzeugung dazu gewonnen und hat sie dann konsequent angewendet. Seine innere Überzeugung konnte er dann ausweiten auf die Feststellung: 'Ich kann ja gut sprechen und muss gar nicht stottern!' So kann es funktionieren.

Wer diese innere Haltung und Überzeugung nicht gewinnen und verinnerlichen kann, der kann sonst was probieren, es wird ihm nichts helfen.

Entscheidend ist das innere Bild, dass wir von uns selbst haben. Wenn sich das innere Bild, ein Stotterer zu sein, über Jahrzehnte im Gehirn festgesetzt hat, ist es nicht mehr so einfach los zu werden. Unsere inneren Bilder von uns selbst (auch die von unserer Umwelt natürlich) bestimmen unser Denken, Fühlen, Handeln, Reden, unsere Haltungen, Einstellungen und Überzeugungen. Irgendwie müssen wir zu dem klaren inneren Bild von uns gelangen, dass wir eben keine Stotterer sind und so sprechen können, wie wir es wollen.

DocBader hat geschrieben, wie es ihm gelungen ist, Darabouka hat einen anderen Weg für sich gefunden. Es muss eben jeder seinen eigenen Weg dahin finden. Und wenn du etwas versuchen willst, was einem anderen gelungen ist, musst du es so für dich adaptieren, dass du die innere Haltung und Überzeugung gewinnst, als wäre es deine eigene Idee gewesen.

Skepsis, Pessimismus, Depressivität sind der Ballast, der über Bord zu werfen ist.

Es nützt nichts, irgendwo mit der Haltung hin zu gehen: 'Ich hoffe, dass mir dort jemand helfen kann.' Die Haltung muss sein: 'Ich hoffe dort etwas lernen zu können, womit ich mir selbst weiter helfen kann.'

Dass man Stottern nicht direkt willentlich sein lassen kann, darüber besteht allgemein Einigkeit. Aber man kann sein inneres Bild von sich selbst, ein Stotterer zu sein, verändern und mit anderen Bildern von sich selbst überschreiben. Was allerdings vielfaches eigenes Bemühen erfordert.
Nichts ist wirkmächtiger als das Selbstbild, mit dem einer durch die Welt läuft. Noch dazu, wenn er es für seine wahre Natur hält.

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Aktiv-Ersetzung - Re: Was mir geholfen hat

Beitrag von paul.dest » 3. März 2014 20:49

Hallo DocBader,
DocBader hat geschrieben:Da das Sprechen ja vom Zwerchfell gesteuert wird... Stottern entsteht dadurch, dass sich der Zwerchfellmuskel beim Reden nicht gleichmäßig nach oben bewegt. Im Grunde also zu schwach ist.
Das ist das, was Frau Del Ferro propagiert. Und das ist - beziehe das bitte nicht auf Deine Person! - völliger Schwachsinn: jedem Mediziner und Sprechphysiologen wird bei solchen Behauptungen übel. Siehe den Beitrag "Meine Korrespondenz mit Frau Del Ferro"...

Welche Atemmuskeln beim Sprechen in welcher Reihenfolge aktiv werden, kannst Du dem Diagramm im Beitrag "Re: "Del-Ferro-Studie": Del-Ferro-Methode ist wirkungslos!" nachschauen oder in beliebigen Werken zur Sprechatmung nachschlagen. Das Zwerchfell ist beim entspannten Sprechen eines Normalsprechers so gut wie nicht im Spiel, allerhöchstens für die Durchatmer zwischendurch.

Jetzt aber zu Deinem Ansatz.

Zunächst zu Deiner Ausgangsüberlegung:
...

Nun zu Deiner Lösung. Vorab: ich finde sie gut!
...

...
DocBader hat geschrieben:Zur Not mit einem Ersatzwort. Hauptsache ihr stottert nicht.
Das ist kontraproduktiv. Deine Sprechsteuerung lernt dabei nicht, wie sie dieses konkrete Stotterereignis durch einen stotterfreien Ablauf ersetzen kann.

...

-----------------

Der vollständige Inhalt dieses Beitrages ist ab jetzt nur noch unter http://www.stottern-verstehen.de verfügbar.
Zuletzt geändert von paul.dest am 3. Dezember 2016 21:27, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Was mir geholfen hat

Beitrag von Torsten » 3. März 2014 21:15

Hallo DocBader,

Gratulation zu diesem Erfolg! Ich glaube, ähnlich wie Eberhard, dass dein Erfolg daher kommt, dass Du dir das klare Ziel gesetzt hast, nicht zu stottern, und dass Du geduldig und regelmäßig geübt hast. Und es ist doch erstaunlich, wie schnell sich erste Erfolge gezeigt haben – schon nach zwei Wochen!

Was das Zwerchfell angeht, hat Paul recht: Es entspannt sich in dem Moment, in dem man zu sprechen beginnt. Den Druck für das Ausatmen erzeugen die Bauchmuskeln. Aber laut zu lesen und sich dabei selbst zuzuhören ist eine sehr gute Übung. Die allermeisten Stotterer können das, wenn sie allein sind. Man bekommt dabei ein Gefühl für die Kraft und den Klang der eigenen Stimme, und man entwickelt Vertrauen in den automatischen Mechanismus des Sprechens. Wenn Du laut Selbstgespräche führst oder dir laut vorliest, dann hörst Du dabei ganz automatisch auf deine Stimme. Versuche, das auch dann zu tun, wenn Du mit anderen Leuten redest! Es kann dabei hilfreich sein, sich, bevor man zu reden anfängt, vorzustellen, wie die eigene Stimme klingen soll – z.B.: tief und kräftig.

Wie Roland schon geschrieben hat: Wenn Du bei einem Wortanfang Stottern befürchtest, dann suche nicht nach einem Ersatzwort! Versuche einmal folgendes: Richte deine Aufmerksamkeit auf das Ende des Wortes vor dem gefürchteten Wort! Sprich dieses Ende deutlich (nicht übertrieben) und höre darauf, und dann erst beginne ganz entspannt das nächste Wort!
Viel Erfolg weiterhin!

Torsten
www.stottertheorie.de

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Re: Was mir geholfen hat

Beitrag von Stolperstein » 11. März 2014 07:59

Hallo DocBader, Gratulation zu deinem Erfolg und zu deiner Einstellung §dup Ich glaube, der springende Punkt ist der Entschluss, die Kontrolle über das Sprechen zu übernehmen. (Ich sehe Stottern auch als Kontrollverlust) Das laute Lesen ist ein guter Weg, mit sich selbst, der eigenen Stimme und dem eigenen Sprechen, in Kontakt zu kommen. Das ist vielleicht nicht für jeden machbar, doch ich finde es klasse, dass du es hier als Anregung / Erfahrung teilst.

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