Pseudostottern, welche Therapie für ein Kind?

Fragen, Erklärungen, allgemeine Diskussionen und Erfahrungsberichte zu bestimmten Therapiekonzepten (reine Sprechtechniken, Non-Avoidance-Ansatz, ...). Für eine professionelle Beratung wende Dich bitte an die Fachberatung
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Florian2005
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Pseudostottern, welche Therapie für ein Kind?

Beitrag von Florian2005 » 21. Juni 2008 14:20

Hallo, ich hatte schon einmal zum Thema Therapieverweigerung geschrieben, versuche es nun anders.

Mein Sohn, 6 wird seit dem 3 Lebensjahr bezgl. einer Sprachentwicklungsverzög. therapiert, er sprach bis zum 4. Lebensjahr im Kindergarten kein Wort. Mit dem Erwerb der Sprache begann das Stottern (Mein Mann stottert auch, würde sagen mittelschwer).

Nun wird er seit einigen Monaten mit Pseudostottern therapiert, ohne merklichen Erfolg, sein FAZIT:

Ich möchte nicht noch mehr stottern, das nervt, ich will das nicht, finds voll blöd!

Nun sollen ja auch wir Eltern diese Stotterform lernen, mein Problem ist, das ich noch zwei weitere Kinder habe 3 Jahre und 4 Monate. Ich finde tagsüber kaum eine Gelegenheit mit meinem Sohn pseudo zu stottern. Außerdem stottert die dreijährige bereits mit und das finde ich nicht so toll. Des weiteren findet unser Sommeralltag draussen statt und vor anderen Kindern zu stottern würde meinen Sohn sehr treffen, da schämt er sich.

Außerdem verlangt mir das Stottern eine wahnsinne Konzentration ab, die ich mit zwei Kleinen nebenher kaum aufbringen kann, denn ständig kommt was dazwischen. Um 18 Uhr wenn mein Mann kommt, ist der Große auch zu müde zum ben.

Was gibt es für Kinder denn für alternativ TherapiereIch habe auch gelesen, das das Pseudo Stottern eher was bringt wenn die Kinder viele Wiederholungen haben? Meiner hat eher Atemprobleme, Aussetzer und Blocks?

Die Logopädin findet die Therapie für angemessen, ich denke aber, wenn das Kind nicht möchte, muss man einen alternativ Weg finden, nur welchen?

Danu

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Re: Pseudostottern, welche Therapie für ein Kind?

Beitrag von Roland Pauli » 21. Juni 2008 22:40

Hallo Danu,

die Ropana-Methode arbeitet auch mit Kindern ab 5 Jahre ohne Pseudostottern mit kindgerechten Übungsformen.

Rufe mich bei Interesse einfach einmal unverbindlich an.

Herzlichst

Roland
www.ropana.de

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Re: Pseudostottern, welche Therapie für ein Kind?

Beitrag von Jaspis » 22. Juni 2008 23:04

Hallo Danu,
ich habe ebenfalls einen Sohn, 6 J. und eine Tochter, 3.J. und kann Deine Zeitprobleme voll nachvollziehen. Es ist schwierig Zeitinseln für ein Kind einzeln einzurichten, besonders für den Großen, da die kleineren noch nicht so rücksichtsvoll sein können.

Ich bin selbst Betroffene und keine Fachfrau (stell am besten Deine Frage auch unter "Fachberatung" rein, diese wird von einer Logopädin betreut), kann Dir daher mit "Alternativ"Therapien für Kinder nicht weiterhelfen. Die Methode, die ich noch kenne - Lidcombe - ist wohl eher was für jüngere Kinder, die noch kein oder wenig Problembewußtsein entwickelt haben, sie arbeitet indirekt über positive Verstärkung (nicht direkt am Sprechen/Stottern) und bezieht die Eltern ebenso intensiv ein, einfach mal danach googeln ...

Eine Frage habe ich aber dennoch: Wie geht denn Dein Mann und wie geht Ihr als Familie mit seinem eigenen Stottern um? Arbeitet(e) er ebenso an seinem Stottern und kann er offensiv und locker damit umgehen? Euer Sohn sollte aus meiner Sicht nicht der einzige bei Euch sein, der an seinem Stottern arbeitet/arbeiten muß. Wenn Dein Mann ebenso stottert, wäre es doch ideal, sie würden zusammen daran arbeiten und Euer Sohn hätte ein Vorbild, wie man mit Stottern umgehen und es verändern kann. Wie Du geschrieben hast, ist es unter der Woche für Deinen Mann zeitlich kaum möglich (das ist bei uns ähnlich), aber es gibt ja auch die Wochenenden oder Urlaub, an denen die beiden gemeinsam etwas unternehmen könnten, bis hin zu einer gemeinsamen Therapie. Der Aufwand, den das für Eure Familie erst mal macht, zahlt sich vielleicht hinterher doch aus.

Das waren meine Gedanken, die mir zu Deinen Beiträgen gekommen sind, auch wenn sie nicht konkret auf Deine Fragen antworten.

Alles Gute, Karen

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Re: Pseudostottern, welche Therapie für ein Kind?

Beitrag von Krokodil » 29. Mai 2014 21:35

Hallo Danu, uns wurde auch so eine Stottermodifikation vorgestellt und mir kamen die Tränen... heute wurde uns (von einer anderen Logopädin) die Lidcombe Methode vorgestellt. ich bin betroffene Mutter und keine Fachfrau. aber so rein gefühlsmäßig gefällt mir diese besser. da wird das Kind primär gelobt (muss mich aber noch einlesen) und nicht "stottern sanft geübt". mehr kann ich heute noch nicht sagen. muss mich mal durch"googlen" :-) alles gute dir und deiner Familie :-) Wir sind "nur" zu dritt und haben insofern mehr Zeit für Therapien aber auch mehr Zeit für Sorgen ...

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Re: Pseudostottern, welche Therapie für ein Kind?

Beitrag von AndreasStarke » 17. August 2014 18:12

Das mit dem Pseudostottern ist so eine Sache, die uns (meinen Kollegen Robert Richter und mich) wahrscheinlich viele Therapieanmeldungen „kostet“. Ich meine die Gruppentherapie, die wir „Vier-mal-Fünf“ nennen:
http://www.viermalfuenf.de

Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe:
• Es erscheint so, wie der Versuch, mit Benzin einen Brand zu löschen. Das Stottern soll ja gerade überwunden werden! Da müsste man doch gerade das Stottern mit allen Mitteln vermeiden.
• Die möglichen Therapieinteressenten haben buchstäblich Angst vor dem Pseudostottern, weil sie natürlich ihre Angst vor dem Stottern meist sehr gut kennen. Die vielzitierte „Sprechangst“ bei Stotterern ist nämlich in der Regel keine, sondern eine „Stotterangst“ (Angst vor dem Stottern).

Nun scheint mir Pseudostottern ein sehr nützliches Instrument in der Therapie des Stotterns zu sein. Ich will dazu nur einen, sehr wichtigen, Aspekt hervorheben, nämlich die Freude und die Lockerheit, gerade im Hinblick auf die Frage, ob Pseudostottern in der Therapie eines stotternden Kindes eine Rolle spielen kann / sollte.

Kurz zum Begriff: Unter Pseudostottern (oder auch absichtliches Stottern oder willkürliches Stottern, englisch fake stuttering) verstehe ich die Produktion von Sprechunflüssigkeiten, die mehr oder weniger den Sprechunflüssigkeiten ähneln, die man als Stottern bezeichnet. Dabei ist es, zumindest am Anfang, nicht erforderlich, dass diese Unflüssigkeiten dem echten Stottern des Patienten (hier: des Kindes) auch nur ähnlich sind, ganz im Gegenteil, es sollte mühelos und locker sein und ohne die beim echten Stottern mehr oder weniger deutlichen Stotterreaktionen. Dabei kann man die angeblichen Elemente des sog. Kernstottern nach Belieben mischen: (1) lockere Wiederholungen, am besten nicht in einem festen Takt, sondern unregelmäßig, (2) lockere Dehnungen der Lautbildung und der Lautübergänge, (3) hier und da ein paar lockere Stillstände, kürzere und längere. Dabei ist es wünschenswert, dass man diese 3 Elemente bunt mischt, um zu verhindern, dass der Patient eine Sprechtechnik entwickelt, die sich im weiteren Gebrauch verfestigen kann und zur Routine wird. Dann hat man nicht viel erreicht, sondern die Stotterroutine wird durch eine (vielleicht etwas weniger aufwendige und auffällige) Routine des unflüssigen Sprechens ersetzt.

Die Patienten, die eine solche Form des Pseudostotterns lernen und anwenden (das geschieht in unserer Therapie in der zweiten Woche, in der die „Desensibilisierung“ dran ist), machen nämlich eine verblüffende Erfahrung. Sie beobachten, dass ihr Sprechen, auch in Situationen, in denen sie eigentlich erwarten zu stottern, ganz mühelos und mit sehr reduziertem echten Stottern einfach „läuft“, ohne dass sie viel dafür tun müssen. Das ist natürlich eine ganz andere Gangart als die, die sie üblicherweise beim Stottern erleben, wo es bei jedem Wort immer wieder darum geht, es „herauszubringen“. Stotternde Kinder sagen ja oft, dass die Wörter „nicht kommen“ oder „nicht herauskommen“ und beschreiben dadurch genau den Kontrollverlust, der den Kern des Stotterns ausmacht.

Der wichtigste Effekt (auch im Hinblick auf die weitere Therapie) ist natürlich die Erfahrung, dass man auch mit Sprechfehlern ganz locker, das heißt, ohne Bedrängnis sprechen kann. Einen Menschen, der schon viele Jahre gestottert hat, kann diese neue Erfahrung schon richtig „aus den Socken hauen“. Dazu kommt die Erfahrung, dass auch in „angstbesetzten Situationen“ die Bereitschaft locker zu bleiben und bewusst lockeres imitiertes Stottern einzusetzen, ein gutes Gefühl schafft und eine effektive Kommunikation ermöglicht.

Natürlich würde ich diese Art von Pseudostottern auch in der Therapie von Kindern einsetzen. Ich tue das im Moment mit einer stotternden 10-Jährigen, die gerade dabei ist, das variantenreiche und unvorhersehbare Pseudostottern zu lernen und zu benutzen. Ihr macht das Spaß, nämlich gerade die Erfahrung, dass sie zwar etwas tun muss, um das Pseudostottern „einzubauen“, dafür aber das Erlebnis zurückbekommt, dass ihr Sprechen gut gelingt, und sie nicht „aufpassen muss“ (Stotterer wissen, was ich meine.) Und einen Aspekt darf man natürlich nicht vergessen: Das Ganze muss auch Spaß machen. Wenn die Therapeutin selbst beim Pseudostottern nicht locker sein / bleiben kann, sondern denkt, dass sie oder das Kind die Sache auf jeden Fall gut machen muss, ist die Sache zum Scheitern verurteilt.

Zum Schluss noch etwas Theoretisches (Merke: es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie!):
Ich lese zurzeit das Buch „Antifragilität“ von Nassim Nicholas Taleb, besser gesagt, ich arbeite es durch. Taleb entwickelt darin den Gedanken, dass es auf der Geraden von „fragil“ zu „robust“ einen Punkt auf der Fortsetzung jenseits von „robust“ gibt, den er „antifragil“ nennt.
• 1. Etwas, das „fragil“ ist, wird durch negative Reize instabil bis zur Zerstörung. Deshalb schreibt man auf ein Paket mit Porzellan „Vorsicht, zerbrechlich“.
• 2. Etwas, das „robust“ ist, bleibt von negativen Reizen unbeeinflusst.
• 3. Etwas, das „antifragil“ ist, wird durch negative Reize (wenn ihre Stärke nicht zu groß ist) immer stabiler.

1. und 2. sind bekannt. Das kann man sich leicht vorstellen (Porzellan, Granitstein). Wie viele Beispiele es für 3. gibt, ist einem nicht von vornherein klar. Die Luftfahrtindustrie (im Grunde alle technischen Systeme und ihre Erfinder / Betreiber) bildet ein antifragiles System. Jeder Unfall hat zur Folge, dass das Gesamtsystem durch Analyse der Ursachen und Verbesserungen immer stabiler wird. Das gesamte Wirtschaftssystem ist ein antifragiles System, oder könnte es sein, wenn man unrentable Unternehmen scheitern und damit aus dem Markt ausscheiden ließe. Ihre Plätze würden durch leistungsfähigere Unternehmen ersetzt und damit würde das Gesamtsystem immer stabiler. Der menschliche Körper ist natürlich auch ein antifragiles System. Jede Infektion, die vom Körper selbst ohne Antibiotika überwunden wird, macht den Körper gegen unerwünschte Keime widerstandsfähiger. Das Duschen mit Wasser unterschiedlicher Temperatur (sog. Wechselbäder) macht den Körper stabiler. Das gilt auch für die Finanzmärkte (da kennt Taleb sich durch langjährige Praxis aus): Das Zulassen von Preisschwankungen, die oft zitierte Volatilität, ist kein Zeichen von Risiko, sondern bewirkt letztlich die Stabilität des ganzen Systems. Notwendige Anpassungen sind schnell und leicht möglich. Das gilt, wie bei allen antifragilen Prozessen, allerdings nur, wenn die negativen Reize und deren Wirkungen nicht zu groß sind.

Es ist für mich völlig verblüffend, dass ich diesen Gedanken im Zusammenhang mit Stottern wiederfinde: Durch die Produktion von kleinen Regelwidrigkeiten (ich habe ja oben immer wieder geschrieben: lockere Regelwidrigkeiten) wird das System, das Sprechen produziert, nicht instabiler, d.h. das schlechte Gefühl beim Stottern wird nicht schlimmer, sondern stabiler. Ich wusste da aber natürlich schon vom Laufen auf Glatteis. Die Kinder, die auf dem Eis mit Freuden rutschen, bewegen sich stabiler vorwärts als ihre Eltern, die nur besorgt rufen: „Vorsicht, sonst fällst Du noch hin!“

Das ist doch interessant, oder?
Zuletzt geändert von AndreasStarke am 19. August 2014 14:42, insgesamt 5-mal geändert.
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Re: Pseudostottern, welche Therapie für ein Kind?

Beitrag von AndreasStarke » 17. August 2014 18:22

Krokodil hat geschrieben:Hallo Danu, uns wurde auch so eine Stottermodifikation vorgestellt und mir kamen die Tränen...
Meine Güte, was hat Euch denn die Kollegin erzählt? Es ist wohl nicht so leicht zu begreifen, aber so schwer ist es auch nicht. Mir fehlt das Element der Lust. Pseudostottern, wenn es gut gemacht ist, kann / sollte auch lustig sein, für das Kind und auch für sie! Viele Menschen, die stottern, haben niemals erlebt, dass Stottern auch lustig sein kann.
www.andreasstarke.de
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