Lidcombe Erfahrungen

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Joppet
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Lidcombe Erfahrungen

Beitrag von Joppet » 26. September 2010 14:32

Hallo,
wir arbeiten, mit Unterstützung eines Stottertherapeuten, mit unserer 3 1/2 jährigen Tochter seit ca. 3 Monaten nach der Lidcombe Methode.
Sie stottert seit etwa einem halben Jahr. Da sich die Symptomatik kurz vor Therapiebeginn verstärkte (Begleitsymptome kamen hinzu), haben wir uns für eine Therapie entschieden.
Gibt es hier noch weitere Eltern, die mit ihrem Kind nach dieser Methode arbeiten und welche Erfahrungen macht ihr oder habt ihr während der Therapie gemacht?
Über einen Erfahrungsaustausch würde ich mich freuen.

Lieben Gruß

Joppet
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Re: Lidcombe Erfahrungen

Beitrag von Joppet » 20. April 2011 09:58

Da sich bisher niemand hier gemeldet hat, möchte ich unsere Erfahrungen nach etwa einem dreiviertel Jahr Lidcombe aufschreiben. Vielleicht kann es ja der einen oder anderen Familie helfen, die sich auf der Suche nach einer geeigneten Therapie für ihr Kind befindet.

Wie ich bereits geschrieben habe, fingen die Stottersymptome bei unserer Tochter kurz vor ihrem 3. Lebensjahr an und verfestigten sich im Laufe der darauffolgenden drei Monate.
Bei uns in der Familie gibt es keine Stotterer. Dem entsprechend kannten wir uns mit dem Thema überhaupt nicht aus. Es kam wie aus dem Nichts heraus und überrumpelte uns zunächst sehr.

Zu ihrer Stottersymptomatik gehörten Dehnungen, Silbenwiederholungen und kurz vor Therapiebeginn auch Blockaden, bei denen die Wörter einfach nicht herauswollten. Ausschlaggebend für den Therapiebeginn war, dass wir merkten, dass sie an“schlechten“ Tagen viel weniger erzählte, was überhaupt nicht zu ihrem eigentlich sehr gesprächigen Naturell passte. Uns tat es in der Seele weh, sie an solchen Tagen zu sehen und zu erleben wie ihre Sprechfreude nachließ oder sie ihr Stottern selbst ansprach („Ich kann das nicht sprechen.“).

Wir begannen dann die Therapie nach Lidcombe. Hier waren für uns zunächst einmal die Gespräche mit dem Logopäden sehr entlastend, auch wenn dieser betonte, dass Lidcombe kein Allheilmittel sei.
Wir zeigten ihm Filme von unserer Tochter, in der er ihre Stottersymptomatik hören und sehen konnte, um sich ein erstes Bild zu machen. Komischerweise empfanden wir es als absolut entlastend, dass er erklärte, dass unsere Tochter eindeutig stottere und das rein gar nichts mehr mit normalen Sprechunflüssigkeiten zu tun hätte. Das ahnten wir bereits schon vorher, trotzdem war das für uns der erste Schritt, den Ist-zustand zu akzeptieren und daran zu arbeiten.

Bei der Lidcombe-Methode werden die Eltern als Co-Therapeuten ausgebildet und führen entsprechende, mit dem Logopäden vorher abgesprochene Übungen im Alltag mit dem Kind durch.
Als entlastend habe ich ebenso empfunden, endlich selbst tätig zu werden, dem Stottern nicht mehr hilflos gegenüberzustehen, es mit dem Kind auf eine lobende und wertschätzende Weise zu thematisieren und nicht zu tabuisieren.
An dieser Stelle möchte ich allerdings nicht die ganze Therapie erklären. Nur soviel gesagt, wir mussten nun täglich etwa 10-15 Minuten (abhängig von der Lust unserer Tochter) in einer von uns strukturierten Spielsituation flüssiges Sprechen provozieren, in denen kein Stottern auftritt und diese Äußerungen loben.

Anfangs trafen wir uns einmal wöchentlich mit dem Logopäden. Nachdem wir genug Sicherheit in der Methode hatten, zweiwöchentlich, später dann alle drei Wochen.
Da unsere Tochter zu Beginn der Therapie noch sehr jung war, war es eine sehr große Herausforderung, sich Spiele auszudenken, bei denen sie Spaß hatte, mitzumachen und zu sprechen. Gerade in dem Alter erschließt sich den Kindern der Sinn dieser Spiele, bzw. der Sinn nach der Notwendigkeit dieser täglichen Übungen nicht. Manchmal war das sehr schwer, so dass wir auch Tage hatten, an denen wir nur fünf Minuten täglich mit ihr gespielt haben oder es auch mal ganz sein ließen.
15 Minuten auf den Tag gerechnet hört sich zunächst nicht lang an, dennoch mussten wir den Tag zeitlich so organisieren, dass es entspannte Situationen gab, in denen auch sie bereit war mit uns zu sprechen.
Für uns war es zunächst nicht so einfach, das Kind bei Laune zu halten, es nicht zur „Arbeit“ werden zu lassen, den Spaß für uns und für unsere Tochter dabei zu behalten und trotzdem kontinuierlich am Stottern zu arbeiten.

Wir bekamen eine Schweregradskala, auf der wir jeden Tag den Schweregrad des Stotterns auf einer Skala von 1 (kein Stottern) bis 10 (extrem starkes Stottern) bewerten sollten. Wir begannen bei einem Schweregrad von 6-7 mit 70% verstotterten Silben!

Was ich bemängle ist, dass nach Christine Lattermann, die in ihrem Buch zur Lidcombe-Methode Beispielkurven veröffentlicht hat, das Stottern oft schon nach wenigen Wochen auf einen Schweregrad von 1-2 reduziert werden kann.
Ich glaube, dass das sehr optimistisch gedacht ist. Bei Christine Lattermann zeigt sich auch bei einer schweren Stottersymptomatik ein stotterfreies Sprechen nach maximal drei Monaten!
Selbst unser Logopäde sagte, dass dies wesentlich länger dauern kann.
Einen ersten Erfolg sahen wir aber bereits darin, dass schon nach drei Wochen die Blockaden gänzlich verschwanden und nicht wieder auftraten.
Nach etwa acht Wochen hatten wir uns auf einen Schweregrad von 4-5 eingependelt, weitere vier Wochen später hatten wir die ersten Tage, die wir mit drei bewerten konnten. Natürlich gab es immer wieder auch Phasen, in denen das Stottern zurückkam oder wieder stärker wurde. Mit diesen kleinen Rückschlägen mussten wir umgehen lernen, vor allem wenn diese Rückfälle nicht auf Veränderungen im Umfeld zurückzuführen waren. Auch hier war das Gespräch mit dem Therapeuten sehr hilfreich.
Nach einem halben Jahr lag sie auf der Werteskala zwischen 2 - 4.
Nach weiteren drei bis vier Wochen hatte sie sich auf einem Niveau von 2-3 eingependelt (2= extrem leichtes Stottern).
An diesem Punkt angekommen, entließ uns der Logopäde aus den regelmäßigen, täglichen Spielsituationen. Wir sollten diese nur noch durchführen, wenn sie einen „schwächeren“ Tag hatte und sie ansosnten nur noch im Alltag für flüssige Äußerungen loben.

Seit etwa zwei Monaten arbeiten wir nun gar nicht mehr mit ihr nach Lidcombe, sie hat sich hier auch ohne Therapie auf einem Maß von 1-2 eingependelt. Unter Absprache mit dem Therapeuten durften wir also eine Therapiepause einlegen. Jede Therapie braucht Zeit sich zu setzen und wir waren froh darüber, mit denen ins Fleisch und Blut übergangenen lobenden Äußerungen zu pausieren.
Das Stottern ist zwar noch latent da, aber kaum zu unterscheiden von Kindern mit normalen Sprechunflüssigkeiten in dem Alter. Die Silbenwiederholungen sind verschwunden, ab und an hören wir noch kurze Dehnungen, die aber für ein nicht geschultes Ohr kaum merkbar sind.
Selbst wir, die als Eltern viel stärker sensibilisiert sind, hören kaum noch eindeutige Stottersymptome heraus. Unserer Tochter geht es sehr gut damit, wobei sie schon kurz nach Therapiebeginn ihr Stottern nicht mehr thematisierte.

Unsere Situation hat sich also noch einem Jahr, davon ein dreiviertel Jahr Lidcombe so stabilisiert, dass wir und unsere Tochter sehr gut damit leben können.
Da es sich auch ohne Therapie in den letzten zwei Monaten weiter stabilisiert hat und wir nun auch Tage dazwischen haben, in denen sie gar nicht mehr stottert, gehen wir davon aus, dass es sich mit zunehmender sprachlicher Kompetenz und mehr Kontrollmöglichkeiten über ihr Sprechen weiter ausschleichen wird.
Insgesamt sind wir sehr froh, diesen Schritt gegangen zu sein. Wir sind immernoch im Gespräch mit dem Therapeuten und können ihn jederzeit anrufen.
Toll finde ich, dass wir, sollte das Stottern wieder zurückkommen, nun selbst wissen, was zu tun ist und direkt darauf reagieren können.
Allerdings hat es bis zum jetzigen Zeitpunkt, im Gegensatz zu der in der Literatur beschrieben Verläufe , fast ein ganzen Jahr gedauert.

Nichts desto trotz war diese Therapie die Richtige für uns und unser Kind, auch wenn es streckenweise sehr anstrengend war. Auch war es für uns eine gute Entscheidung so früh mit der Therapie zu beginnen.
Es kann natürlich sein, dass die Therapie schneller beendet werden kann, wenn die Kinder älter sind, man ihnen erklären kann, wozu man diese Übungen macht. Mit einem dreijährigen Kind ist das leider nicht möglich, deshalb ist hier viel Fantasie und Improvisationstalent gefragt.
Lidcombe bedeutet viel Arbeit, nicht unbedingt für das Kind, aber für die Eltern, die sowohl ein Gefühl für das Stottern ihres Kindes bekommen und die Struktur bei den Sprechspielen dahingehend anpassen müssen, als auch die Freude am Spiel aufrecht erhalten und selbst einen gelassen Umgang mit dem Stottern lernen müssen.
Das muss man vor Therapiebeginn wissen, denn insegsamt ist dies eine recht zeitintensive Methode.
Wir hatten das Glück einen Therapeuten zu finden, der bereits seit Jahren mit der Lidcombe-Methode arbeitet und auch nach anderen Konzepten wie Kids und Minikids Kinder behandelt und die für uns und unser Kind richtige Methode auswählte.
Ich hoffe, ich konnte dem einen oder anderen mit diesem Beitrag einen Einblick in unsere Erfahrungen geben.

Viele Grüße

leiftre
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Re: Lidcombe Erfahrungen

Beitrag von leiftre » 20. April 2011 20:43

Hallo Joppet,

herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Therapie eurer Tochter. Dein Artikel war für
mich lesenswert, weil auch die Knackpunkte wie persönliche Mitarbeit, Zeitaufwand
und die 'Durchhänger' angesprochen werden.

Dass sich im Forum keiner gemeldet hat, verstehe ich nach einigem suchen im Internet
ganz gut: Lidcombe machen in Deutschland nur wenige. Einer der Gründe: Ein Deutscher
lobt nicht gern! :( :grrr: .

Vielen Dank

Helmut

transit
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Re: Lidcombe Erfahrungen

Beitrag von transit » 25. April 2011 16:59

Hallo,

ich möchte hier aus einem anderem Thread zitieren -
Denn das Stottern als Primär-Symptomatik ist ja nur das Entwicklungsstottern. Dieses ist vorübergehend - bei regelgerechten Mustern der Umwelt. Das hat mich auch in dem Lidcombe-Thread "nachdenklich gestimmt", [...]. Da wird etwas als Therapie-Konzept (nicht - Methode !) verkauft, was eigentlich nur regel-gerechtes Kommunikationsverhalten einem kleinen Kind gegenüber darstellt. In extremer Form, als "künstlich inszenierte Spielsituation" - "wie anstrengend ..." - eigentlich kognitiv behaviourale Therapie für die Eltern.
Nach dem, was ich nun über das Lidcombe-Konzept erfahren habe, handelt es sich mE um eine kognitive Verhaltenstherapie der Eltern, nicht des ver-störten Kindes, um eine Korrektur der Einstellung der Eltern gegenüber dem Sprechen, um eine Anpassung der Bewertung des Sprechens des Kindes an altersgerechte Ansprüche bzgl der Kommunikation seitens der Eltern.

Warum ist Lidcombe in Dtland wenig verbreitet ? Stottertherapie führen Logopäden durch, Verhaltenstherapie Psychologen und auch Psychiater. Lidcombe ist (so schätze ich es zum heutigen Stand meiner Kenntnis ein) eine kognitive Verhaltenstherapie einer als logopädisch zu behandeln geltenden Störung der Kommunikation. Wer, welche Berufsgruppe soll es also tun ?

Ich freue mich auch - für euch und euer Kind - dass ihr es geschafft habt.
Alles Gute weiterhin.

Krokodil
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Re: Lidcombe Erfahrungen

Beitrag von Krokodil » 29. Mai 2014 21:02

hallo Joppet, danke für deine Erfahrungen. Uns wurde dieses Programm heute vorgestellt. jetzt müssen wir uns entscheiden, ob wir damit beginnen möchten. unser Kind, 3 Jahre 8 Monate, stottert seit mehr als 1,5 Jahren. Eine lange Geschichte ...

Magic
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Re: Lidcombe Erfahrungen

Beitrag von Magic » 19. Dezember 2017 12:01

Lieber Jopet!

Mein Sohn stottert seit über 1 Jahr (jetzt ist er bisschen mehr als 3,5). Sein Stottern macht mich viel Sorgen. Bei uns in der Familie gibt es niemandem der stottert oder gestottert hat. Wir haben bis jetzt indirekte Pallin PCI Methode verwendet. Ob das geholfen hat, weiss ich leider nicht. Mit dem Sprechen des Kleinen gibt es viele up and downs. Ich weiss nicht mehr, was diese Fluktuation verursacht.

Ich möchte dich fragen, wie es im Moment deiner Tochter läuft? Stottert sie weiter nicht mehr?
Ich suche verschiedene Erfahrungsberichte über verschiedene Therapie Methoden.

Vielen Dank für Deine Rückmeldung
Lg
Magda

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Re: Lidcombe Erfahrungen

Beitrag von Meinkindstottert » 16. Februar 2018 10:26

Hallo Magda,

ich bin Mama von einem 3-jährigen Jungen, der vor fast 6 Monate plötzlich angefangen hat zu stottern. Von heute auf morgen. Am Anfang kam das
Stottern nur selten vor: nur leichte Silben- oder Lautwiederholungen. Dann wurde allmählich ganz schlimm, dass kaum ein Wort raus kam. Nun ist es so, dass der Kleine seit 2 Wochen Grimmasen macht - nur beim Aussprechen von Vokalen, am Anfang eines Wortes. Und das macht mir sehr viele Sorgen! Wir reagieren nicht aufs Stottern, wir korrigieren nicht, wir behalten Augenkontakt, wir unterbrechen nicht - kurz gesagt, wir geben dem Kleinen NIE den Eindruck, er mache was Falsches.

Gerne würde ich dich fragen, welche Therapie ihr macht und ob das wirklich hilft? Welche Symptome hat dein Sohn?

Herzlichen Dank schonmal!

Viele Grüße
Cristina

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