Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...(?)

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Ralf_D.
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Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...(?)

Beitrag von Ralf_D. » 20. Oktober 2011 21:19

Moin!

Andreas Starke hat mal zu mir gesagt: "Gehe hinaus und zeige der Welt Dein Stottern...!"

Man glaubt ja gar nicht, welche immense "Heilkraft" dieses "Hinausgehen und Stottern zeigen" in sich birgt. Diese Kraft ist größer und mächtiger, als jede Stottertherapie, dessen bin ich mir mittlerweile sicher.

Ebenso hab ich gemerkt, dass jeder bewusste Eingriff in den Stottervorgang (auch van Riper-mäßig) das Problem langfristig gesehen, nur verschlimmert.
Um jetzt keine Missverständnisse aufkommen zu lassen... ich halte die VR Therapie nach wie vor für die "Beste", insbesondere für sehr schwere Stotterer - mir persönlich hat es aber nicht den erhofften Erfolg gebracht, woran ich durch meine Inkonsequenz in der Anwendung sicher nicht ganz unschuldig bin.
Jedoch waren es v.a. in den letzten 2-3 Jahren andere Dinge, die mein Sprechen haben"stabiler" werden lassen...

By the way, jeder Betroffene sollte sich einmal fragen, wie oft er am Tag vor seinem Stottern wegläuft, es versteckt, es verleugnet...
...und damit letztendlich sich selbst verleugnet.

Was habt ihr für Erfahrungen diesbzgl. gemacht?

Grüßli,
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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Torsten » 21. Oktober 2011 11:36

Ralf_D. hat geschrieben:Ebenso hab ich gemerkt, dass jeder bewusste Eingriff in den Stottervorgang (auch van Riper-mäßig) das Problem langfristig gesehen, nur verschlimmert.
Hallo Ralf,
das ist genau auch meine Meinung. Theoretisch hab ich hier im Forum ja schon viel dazu geschrieben. Praktisch war es bei mir so, dass ich als Erwachsener nie eine Stottertherapie gemacht habe. Als Kind habe ich eine Sprachheilschule besucht, in der das Stottern natürlich nicht "geheilt" wurde, doch es wurde vermindert, und vor allem wurden Ängste und Verspannungen abgebaut. Ich hab dann einen Beruf gewählt, in dem ich nicht viel reden muss (das war natürlich Stottervermeidung), aber dann hab ich das Stottern gewissermaßen "vergessen" und war jedesmal erstaunt, wenn es plötzlich heftig auftrat - bei Seminarvorträgen im Studium, bei Prüfungen und sonst in Strss-Situationen, oder wenn ich mal einen Witz erzählen wollte.

Aber danach hab ich das Stottern jedesmal schnell wieder vergessen und mich bis zu meinem 55. Lebensjahr nicht damit beschäftigt. Ich hatte in meinem Leben, auch gesundheitlich, andere, schwerwiegendere Probleme - das Stottern hatte gar keine Chance, sich als Problem in den Vordergrund zu drängen. Das Resultat ist, dass meine Sprache im Alltag weitgehend normal funktioniert. Ich habe so gut wie keine Symptome beim Einkaufen, beim Umgang mit Ämtern, beim Telefonieren usw. Ich wende keine Sprechtechnik an und denke beim Sprechen niemals an Stottern - wenn es kommt, dann kommt es eben - und so kommt es selten.

Gruß, Torsten
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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Ralf_D. » 21. Oktober 2011 12:30

Hallo Torsten!
Torsten hat geschrieben:...das Stottern hatte gar keine Chance, sich als Problem in den Vordergrund zu drängen.
Das ist ein guter Punkt! Stichwort: Ablenkung...
Während eines Stotterereignisses (Block) gerät man für gewöhnlich unter Stress, der durch div. Faktoren (Angst, Scham, Frustration, Hilflosigkeit, etc) ausgelöst wird.
Was macht der Betroffene in dieser Situation? Er versucht - zusätzlich zu diesem Stress - mehr oder weniger angestrengt/verkrampft die Blockade zu lösen, und das geht naturgemäß schief. Druck erzeugt Gegendruck.
In der Van Riper Therapie versucht man, die Blockade "einzufrieren", um dann allmählich Spannung nachzulassen um sich schließlich herausziehen zu können (pull out).

Ich habe immer mehr die Erfahrung gemacht, dass ein gewolltes Entspannen so gut wie gar nicht möglich ist. Franz Josef Neffe, den ich zwar nicht mag, hat dazu ein paar ganz interessante Ansätze geschrieben, die ich noch vor ein paar Jahren als "Unsinn" abstempelte, mittlerweile aber anders darüber denke.
Wenn wir "bewusst" versuchen einzuschlafen, gelingt dies nicht.
Wenn wir "bewusst" versuchen, uns zu entspannen, gelingt dies auch nicht.
Warum nicht? Weil wir dabei Energie aufwenden, die dem "Loslassen" nicht gerade zuträglich ist.
Wenn wir über einen zugefrorenen See laufen, versuchen wir, nicht hinzufallen. Was aber passiert? Wir fallen gerade deswegen hin....
Die von uns gewollten Zustände müssen quasi von selbst entstehen müssen, ohne bewusstes Zutun.

Soll erstmal reichen.
Grüßli,
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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Torsten » 22. Oktober 2011 10:13

Ralf_D. hat geschrieben:Die von uns gewollten Zustände müssen quasi von selbst entstehen müssen, ohne bewusstes Zutun.
Ja, das denke ich auch - jedenfalls was die automatischen Vorgänge des natürlichen Sprechens betrifft. Allerdings muss man auch sehen, dass Stotterer häufig Sekundärsymptome ausbilden, z. B. Mitbewegungen, um Blockaden zu überwinden, Füllwörter, um Blockaden aufzuschieben, Stotter-Vermeidungs-Praktiken und Sprech-Vermeidunsverhalten. Das alles kann sich leider auch automatisieren, so dass es unwillkürlich und fast unbewusst geschieht, und dann ist es ohne Therapie schwer, da wieder raus zu kommen. Therapien, die diese Sekundärsymptome abbauen, das "Primärstottern" wieder herstellen und den Betroffenen helfen, es erst einmal zu akzeptieren und offen zu zeigen, sind schon sinnvoll.

Gruß, Torsten
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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie

Beitrag von F.J.Neffe » 24. Oktober 2011 02:05

Ja, das glauben die Lehrer auch, dass sie allen alles so schön beibringen könnten. Und woran scheitert es? Die machen nicht richtig mit!
So gut könnten mit der XY-Methode die Stotterer richtig sprechen lernen. Aber - du siehst es ja an dir! - sie machen nicht richtig mit!
Die Methoden sind alle richtig, nur wir sind immer verkehrt, denn: Irgendeine Kraft schafft es immer, dass wir nicht richtig mitmachen!
Und es kommt erschwerend hinzu: Die Methoden werden immer noch richtiger und wir machen immer noch weniger richtig mit. Das ist der Hammer!
Warum nur entsteht immer mehr das Gegenteil der von uns gewollten Zustaände so gänzlich mühelos von selbst?
Schon der Apostel Paulus beklagte: "Das Gute, das ich will, tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich!" Und wir können das genauso gut wie dieser große Heilige!
E.Coué sprach vom Gesetz der das Gegenteil bewirkenden Anstrengung, aber der kommt als Vorbild nicht in Frage, bei dem hat die Lösung des Problems ja in der Praxis immer geklappt.
Nein, es muss schon ......... sein oder .......... oder ............, einfach das Anerkannte auf dem Markt.
Und der Fehler ist natürlich auch, dass der Mensch vor seinem Stottern wegläuft. Vor sich selbst und seinen sensiblen Sprechtalenten weglaufen zu wollen, das würde einem Stotterer nie in den Sinn kommen. Sich selbst zeigt er immer und gerne, nur dass er stottert, fällt keinem auf: Weil er ja immer vor seinem Stottern wegläuft sind die beiden praktisch nie gemeinsam anzutreffen.
Herzlich grüßt
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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Kai-vD » 28. Oktober 2011 03:41

Ich bin selber ein ziemlich stark Betroffener, habe mich durch unzählige Therapien gearbeitet und erlebe derzeit mit der Van Riper Therapie gute Erfolge.

Alleine schon den Threadtitel empfinde ich als heikel und provokant und er müsste m. E. zumindest den Zusatz beinhalten "...bei leichter Symptomatik und geringem Leidensdruck."

Und doch wird der Thread durch seine Inhalte eine (unbeabsichtigte) Empfehlung für die Van Riper Therapie:
Ralf_D. hat geschrieben:Andreas Starke hat mal zu mir gesagt: "Gehe hinaus und zeige der Welt Dein Stottern...!"
Ein Profi der Van Riper Technik hat dir die also zweite Phase der Therapie, die Desensibilisierungsphase, in einem Satz zusammen gefasst.
Ralf_D. hat geschrieben:Man glaubt ja gar nicht, welche immense "Heilkraft" dieses "Hinausgehen und Stottern zeigen" in sich birgt. Diese Kraft ist größer und mächtiger, als jede Stottertherapie, dessen bin ich mir mittlerweile sicher.
Deshalb beendet ein Teil der VRT-Teilnehmer die Therapie auch nach der zweiten Phase: Die Stotterereignisse werden seltener, leichter und der Leidensdruck nimmt ab.
Ralf_D. hat geschrieben:Ebenso hab ich gemerkt, dass jeder bewusste Eingriff in den Stottervorgang (auch van Riper-mäßig) das Problem langfristig gesehen, nur verschlimmert.
Um jetzt keine Missverständnisse aufkommen zu lassen... ich halte die VR Therapie nach wie vor für die "Beste", insbesondere für sehr schwere Stotterer - mir persönlich hat es aber nicht den erhofften Erfolg gebracht, woran ich durch meine Inkonsequenz in der Anwendung sicher nicht ganz unschuldig bin.
Ich darf mal übersetzen: Die Modifikationselemente der VRT haben mein Problem verschlimmert, allerdings habe ich sie auch nicht richtig angewendet :wink: .
Torsten hat geschrieben:...das Stottern hatte gar keine Chance, sich als Problem in den Vordergrund zu drängen. Das Resultat ist, dass meine Sprache im Alltag weitgehend normal funktioniert. Ich habe so gut wie keine Symptome beim Einkaufen, beim Umgang mit Ämtern, beim Telefonieren usw. Ich wende keine Sprechtechnik an und denke beim Sprechen niemals an Stottern - wenn es kommt, dann kommt es eben - und so kommt es selten.
Es ist erfreulich, dass du nur leichte Symptome hast und keinen Leidensdruck verspürst. Auf viele andere Betroffene trifft das leider nicht zu.
Ralf_D. hat geschrieben:Wenn wir "bewusst" versuchen, uns zu entspannen, gelingt dies auch nicht.
Warum nicht? Weil wir dabei Energie aufwenden, die dem "Loslassen" nicht gerade zuträglich ist.
Dann kennst du offenbar erfolgreiche Entspannungstechniken wie "Jacobsen" nicht.
Ralf_D. hat geschrieben:Wenn wir über einen zugefrorenen See laufen, versuchen wir, nicht hinzufallen. Was aber passiert? Wir fallen gerade deswegen hin....
Sorry, aber auch diese Aussage ist falsch: Wir fallen auf einer Eisfläche dann hin, wenn wir unsere gewohnte Gangart beibehalten. Wenn wir auf unsere Schritte auf einer Eisfläche behutsam und bewusst setzen, sind die Chancen hinzufallen am geringsten.

Damit wären wir wieder bei der dritten Phase der VRT, der Modifikationsphase, angekommen.

Durch die zweite Phase nimmt (meistens) die Anzahl der Eisflächen auf unserem "Sprechweg" schon ab, durch die dritte Phase lernt man die dann noch auftretenden Eisflächen heil zu überqueren.

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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von F.J.Neffe » 28. Oktober 2011 10:49

Ist doch interessant, wofür der Mensch Zeit hat.
Mit guten Wünschen
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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Ralf_D. » 30. Oktober 2011 11:12

F.J.Neffe hat geschrieben:Ist doch interessant, wofür der Mensch Zeit hat.
Das frage ich mich auch jedesmal bei DEINEN Beiträgen, lieber Franz Josef....
Du, der Du gefühlte 192 mal immer nur den gleichen Beitrag schreibst, hast es leider immer noch nicht begriffen, dass das Problem "Stottern" ein wenig komplexer ist, als Du es Dir in Deiner Emil Coue-Welt gerne wünscht.
Die Art und Weise, wie Du hier zu Werke gehst, zeugt ja einerseits von einer vorbildhaften Überzeugung, Konsequenz und Geradlinigkeit - andererseits aber auch von unübertroffener Selbstherrlichkeit, Arroganz, Ignoranz und Unflexibilität, wenn es darum geht, sich als Nichtbetroffener mit Betroffenen auseinander zu setzen.

@Kai: Danke für Deine Antwort, ich schreib Dir heute abend zurück, ok?

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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von F.J.Neffe » 30. Oktober 2011 12:41

Ja, so geht das, wenn man mal was interessant findet.
Dann lernt man auch so interessante Fühler kennen und sich outen, die 192mal das Gleiche Fühlen können, egal was geschieht. Sowas schafft ja nicht jeder.
Es ist auch interessant, wenn jemand erkennt, dass alles im Leben seine zwei Seiten hat.
Es freut einen auch, wenn jemand dabei ist, zu erkennen, dass man sich in seinen Stellungnahmen auf die Bereiche beschränkt, in denen man was zu sagen hat.
Das stärkt einem die Zuversicht, dass mancher Mensch im Leben noch dazulernt, dass es andere Betroffenheiten geben kann als seine eigene.
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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Ralf_D. » 30. Oktober 2011 13:36

Hallo Kai!
Kai-vD hat geschrieben: Alleine schon den Threadtitel empfinde ich als heikel und provokant und er müsste m. E. zumindest den Zusatz beinhalten "...bei leichter Symptomatik und geringem Leidensdruck."
Der Thread-Titel ist von mir bewusst so gewählt worden, um zu hinterfragen, inwieweit eine deutliche und v.a. langfristige Verringerung des Stotterns alleine durch eine Stotter-Therapie möglich ist, bzw. wann es einfach ein "zuviel des Therapierens" ist...
Und doch wird der Thread durch seine Inhalte eine (unbeabsichtigte) Empfehlung für die Van Riper Therapie:
Da habe ich auch überhaupt kein Problem mit, im Gegenteil, ich halte den Van Riper Ansatz nach wie vor für den klügsten und logischsten Weg, Stottern zu verringern, wenn man denn eine Therapie machen möchte.
Ich darf mal übersetzen: Die Modifikationselemente der VRT haben mein Problem verschlimmert, allerdings habe ich sie auch nicht richtig angewendet :wink: .
Nein, die Modifikationsphase hat das Stottern zunächst einmal sehr positiv beeinflusst. Ich war in der Tat in der Lage, mich aus den meisten Blockaden mittels "Pull out" gut und flüssig heraus zu ziehen.
Leider hat sich dann aber irgendwann gezeigt, dass ich längst nicht so "desensibilisiert" bin, wie es eigentlich nach der 2. Phase hätte sein sollen. Dazu muss ich sagen, dass ich diese Desensi-Phase (wie auch die "Nachbesserungs-Phase) nur sehr widerwillig und schlampig vollzogen habe. Ein folgenschwerer Fehler, wie sich später heraus stellen sollte...
Dann kennst du offenbar erfolgreiche Entspannungstechniken wie "Jacobsen" nicht.
Ehrlich gesagt, habe ich noch nie etwas von "Entspannungstechniken" gehalten. Ich glaube auch nicht, dass man sich innerhalb von Sekunden "entspannen" kann, wenn der ganze Körper auf "Spannung" steht. Vielmehr sollte sich mMn der Stotterer mal fragen, WARUM er so oft beim Sprechen "angespannt" ist, wobei wir wieder beim Thema "fehlende Desensibilisierung" wären. Ist es nicht so, dass wir (auch nach Therapien) immer noch viel zu oft ANGST beim Sprechen haben? Dass wir immer noch viel zu oft Frustration erleben, wenn wir mal hängen bleiben?
Dass wir uns immer noch zu oft vor "schwierigen Sprachsituationen" unsicher sind, ob die erlernte Sprech/Modifizierungstechnik auch wirklich erfolgreich ist...?
Meiner Meinung nach, sollte man viel mehr (!!) an diesen Dingen arbeiten, die ja eigentlich nichts mit Stotter-Therapie zu tun haben. Daher auch der Thread-Titel. :wink:

Und hier kommen wir zum springenden Punkt: Würden wir uns all diese Sorgen und Ängste auch machen, wenn wir nie eine Therapie mitgemacht hätten? Vielleicht schon, aber auch nur,weil wir Angst vor den Reaktionen des Zuhörers hätten. Die gemachten Erfahrungen in der Schulzeit (Nachäffen, Hänseln...) bleiben eben hartnäckig bestehen.
Wir bräuchten uns aber keinerlei Sorgen darüber zu machen, ob irgend eine Technik/Methode anschlägt, wir bräuchten unseren Fokus nicht so sehr auf das Sprechen lenken, wir wären nicht frustriert, wenn eine Atem/Sprechtechnik mal nicht funktioniert, wir hätten nicht den Anspruch, unser Sprechen derart kontrollieren zu müssen.

Ist es nicht so, dass man, insbesondere, wenn man viele verschiedene Sprachtherapien gemacht hat, seinen Fokus viel zu sehr auf das Sprechen lenkt? Wir holen das Sprechen viel zu oft in das Bewusstsein, und bewerten es. Viel mehr, als wir es früher als "Therapie-Jungfrau" getan haben.
Diese Vorgehensweise ist sicherlich - gerade bei schweren Stotterern - am Anfang sinnvoll, um überhaupt erstmal in der Lage zu sein, einen Sprechfluss herzustellen, bei dem eine Kommunikation möglich ist.
Die Kehrseite der Medaille jedenfalls habe ich aber auch gemerkt.
Sorry, aber auch diese Aussage ist falsch: Wir fallen auf einer Eisfläche dann hin, wenn wir unsere gewohnte Gangart beibehalten. Wenn wir auf unsere Schritte auf einer Eisfläche behutsam und bewusst setzen, sind die Chancen hinzufallen am geringsten.
Da bin ich anderer Meinung. Kinder fallen beim Gang über das Eis viel weniger hin, als Erwachsene. Weil sie "behutsam und bewusst" laufen? Mitnichten! :wink: Eher weil sie keine Angst haben, hin zu fallen. Weil sie unbekümmerter an die Sache rangehen und sich nicht vorher nen Koppf machen, was alles passieren könnte....

Sei es wie es ist, jedenfalls habe ich eine Zeitlang sehr viele "Übungen" zuhause gemacht. Jeden Morgen eine halbe Stunde laut vorgelesen, ich habe auf der Straße Nachbesserungen und Pull outs geübt, ich habe Pseudostottern gemacht, ich habe Entspannungstechniken geübt, ich habe mich mit Betroffenen über das Stottern ausgetauscht, ich habe in SHGs Rollenspiele gemacht, ich habe in Zeitlupe gesprochen, ich habe in Stakkato gesprochen, ich habe "getönt", usw, usf.
Seit etwa 2 Jahren mache ich GAR NICHTS mehr von dem.....
Und mein Sprechen ist deutlich stabiler geworden.
Und warum? Wiel ich MUTIGER geworden bin, weil ich "hinausgehe in die Welt und den Leuten mein Stottern zeige"... :wink:
Und seltsamerweise... je mehr ich den Leuten mein Stottern zeigen will, desto weniger habe ich zu zeigen. §prost

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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Frankie » 30. Oktober 2011 19:51

Hallo Ralf,
Ralf_D. hat geschrieben: Und warum? Wiel ich MUTIGER geworden bin, weil ich "hinausgehe in die Welt und den Leuten mein Stottern zeige"... :wink:
Und seltsamerweise... je mehr ich den Leuten mein Stottern zeigen will, desto weniger habe ich zu zeigen. §prost
Ja, so isses. Dies ist eigentlich auch das Ziel der Desensibilisierung: mutiger werden, das Stottern ohne Scham und Ängste zeigen. Ohne ein gewisses Maß an Desensibilisierung klappt es auch mit dem Rest nicht besonders.
Ralf_D. hat geschrieben: Und hier kommen wir zum springenden Punkt: Würden wir uns all diese Sorgen und Ängste auch machen, wenn wir nie eine Therapie mitgemacht hätten?
Ja, sogar noch viel mehr. Zumindest ist dies meine Erfahrung aus den Berichten der "Neulinge", die gelegentlich in unsere VR-orientierte SHG kommen. Dort werden von Sorgen und Ängsten und daraus resultierendem, teilweise absurdem Vermeidungsverhalten berichtet, da rollt's mir manchmal die Fußnägel hoch. Die meisten Therapierten bei uns sind darüber ziemlich hinweg. Ich würde sogar sagen, diese Reduzierung der negativen Gefühle ist für viele eines der Haupterfolge der Therapie.
Ralf_D. hat geschrieben: Wir bräuchten uns aber keinerlei Sorgen darüber zu machen, ob irgend eine Technik/Methode anschlägt, wir bräuchten unseren Fokus nicht so sehr auf das Sprechen lenken, wir wären nicht frustriert, wenn eine Atem/Sprechtechnik mal nicht funktioniert, wir hätten nicht den Anspruch, unser Sprechen derart kontrollieren zu müssen.
Allzu große Kontrolle des eigenen Sprechens, der Symptomatik und der Techniken halte ich auch für kontraproduktiv. Leichter geht's, wenn man's "sportlicher" sieht: Schön, wenn eine Technik geklappt hat, und wenn sie nicht klappt, probieren wir es bei der nächsten Situation gleich nochmal. Mein Therapeut meinte dazu: "Ärgern Sie sich nicht, wenn eine Technik nicht funktioniert hat. Sie sollten sich aber ärgern, wenn sie es nicht versucht haben."

Grüße,
Frank

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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Maja S. » 30. Oktober 2011 20:07

Hi Ralf,

lang, lang isses her... :D

Ich glaube nicht, das es beim Sprechen / Stottern darum geht, in Sekunden "Entspannt" zu werden, bzw. ob eine Entspannungstechnik wirkt. Sondern in der VR-Therapie ght es vielmer darum, sich der zu hohen Spannung erstens bewusst zu sein und zweitens die zu hohe Spannung auf einen normalen Level an Spannung runterzufahren (nicht in den entspannten Zustand!!). Ist die Spannung im Normal-level, kann der Pullout einsetzen.

Soweit zur Theorie :wink: .

Ich gebe Dir durchaus recht, da A und O ist die Desensibilisierung. Aber trotzdem glaube ich, das es mit der Spannung noch etwas komplizierter ist. M. E. ist die einsetzende Überspannung eine gelernte Reaktion auf die eintretenden Blocks. Auch wenn ich begriffen habe, ich brauch mich nicht zu schämen usw, tritt die Spannung trotzdem auf (als eingeübte Reaktion).

Ich glaube nicht, das es mir heute besser gehen würde, wenn ich niemals eine Therapie gemacht hätte. Wäre ich alleine darauf gDeekommen, das ich auf eintretendes Stottern auch (motorisch) anderes reagieren kann? Ich glaube nicht.

Und trotzdem habe ich auch nicht den "grossen Durchbruch" geschafft. Woran das genau liegt, kann ich auch nur vermuten... nicht ausreichend desesibilisiert ( ja ja) und zuwenig geübt (für die relativ starke Symptomatik,) denke ich. Vielleicht wäre eine Sprechtechnik a la Kassel mit hohem Übungsaufwand erfolgreicher gewesen?

Ich kenne aber auch solche Phasen, das es befreiend sein kann, gar nichts zu machen. Es einfach laufen zu lassen. Wenn es nicht zu einer Automatisierung der Pullouts kommt, ist der Aufwand (ständiges Überwachen, Konzentration etc ) auch sehr hoch. Das kann wahrscheinlich auch zu Lasten der Flüssigkeit gehen.

Viele Grüße von Maja

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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Ralf_D. » 30. Oktober 2011 20:46

Hallo Maja, schön wieder von dir zu hören bzw. zu lesen. §prost

Ja, ich gebe auch gern zu, dass ich wahrscheinlich nicht genügend "geübt", bzw. die Sache nicht mit der nötigen Konsequenz weiter verfolgt habe. Den Schuh kann ich mir gerne anziehen.
In Deinem Fall kann ich mich aber noch gut erinnern, wie sehr Dich der Andreas gelobt hat, ob Deiner Disziplin und Deinem unbedingtem Willen. Du warst lange Zeit seine Vorzeige-Schülerin, auch wenn Du das vielelicht nicht gerne hören magst.... :D
Und wenn Du jetzt sagst, dass auch Du "zu wenig" geübt hast, um ausreichend symptomfrei zu werden, dann hört sich das schon ein wenig erschreckend an.
Ich denke aber auch, dass es in Deinem Falle sehr hilfreich war, diese Therapie zu machen, eben auch weil Du - mit Verlaub - schon eine recht heftige Symptomatik hattest.
Ob es in meinem Falle richtig war, weiß ich ehrlich gesagt nicht.
Vielleicht wäre es in der Tat besser gewesen, stattdessen eine Art Psychotherapie mit Schwerpunkt "Verhalten bei Stottern/Abbau von Vermeidungsverhalten" o.ä. zu machen. Klar ich hab mittlerweile so gut wie keine langen, harten Blockaden mehr, zum Teil haben sich auch Pull-Outs "automatisiert, was ich natürlich der VR Therapie zurechne...

Aber manchmal frage ich mich eben doch, ob es überhaupt notwendig war, so viel am Stottern rumzudoktorn, anstatt das Pferd quasi von hinten aufzuzäumen, und lieber an meinem Selbstbewusstsein und an meinem Auftreten MIT Stottern zu arbeiten, um somit mindestens genauso positiv auf die Symptomatik einzuwirken. :wink:
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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von paul.dest » 5. November 2011 00:55

Hallo zusammen,

...

Ich verstehe jedoch durchaus, was Du meinst. Es gibt Studien (aus Sportmechanik), die zeigen, dass der bewusste Steuerungsversuch eines erfolgreich automatisierten motorischen Vorgangs seinen Erfolg eher beeinträchtigt als verbessert. Das gilt allerdings nur für automatisierte motorische Vorgänge, die beim automatischen Ablauf zum Erfolg führen. Ein Stotterereignis jedoch, wenn es sich um einen automatisierten Ablauf handelt, wollen wir erst gar nicht erfolgreich sein lassen. Auf der anderen Seite, wenn das Stottereignis kein automatisierter Ablauf, sondern eine Störung des erfolgreichen automatisierten Sprechens ist, liegt diese Störung bereits vor.

...

Beispiel 1:
...

Beispiel 2:
...

Beispiel 3:
...

All das passiert. Das ist keine Vergangenheit. Das ist Gegenwart. Das hat nichts mit Aggressionen oder mit einer feindseligen Haltung des Zuhörers zu tun. Ganz im Gegenteil: meistens sind das unbeholfene Reaktionen des Rücksichtnehmens. Trotzdem bleiben das Reaktionen, die weh tun.

Deswegen begreife ich Desensibilisierung nicht als Wegwerfen von Vergangenheitsballast - das ist sicherlich hilfreich, aber nicht ausreichend. Auch begreife ich Desensibilisierung nicht als Abstumpfung gegenüber Reaktionen meiner Kommunikationspartner - warum sollte mein Herz steiniger werden als das eines Normalsprechers? Wir alle sind Menschen. Ich begreife Desensibilisierung als Gewöhnung an meinen aktuellen Grad der Sprech(un)flüssigkeit. Hat man an seine Schuhsohlen Spikes dran gemacht (Sprechtherapie), wird man eine kurze Zeit brauchen, bis man auch seinen Bewegungsmut der neuen Haftung entsprechend angepasst hat - das ist Desensibilisierung. Sie geht auch rückwärts: sind die Spikes weg, sollte man nicht im gleichen Bewegungsmut bleiben, denn man hat nicht mehr die Haftung und schlägt sich vor lauter Übermut lediglich die Zähne aus. Aber spätestens dann hat man den früheren Bewegungsmut, der jetzt Übermut ist, wieder verloren. Zusammengefasst: beides geht einher, beides bedingt einander, beides braucht einander. Wozu die Spikes, wenn ich danach trotzdem bei jedem Schritt übervorsichtig gehe? Was nützt mir der Bewegungsmut, wenn ich nicht für die Bewegung notwendige Haftung mitbringe?

...

-----------------

Der vollständige Inhalt dieses Beitrages ist ab jetzt nur noch unter http://www.stottern-verstehen.de verfügbar.
Zuletzt geändert von paul.dest am 3. Dezember 2016 12:15, insgesamt 1-mal geändert.
http://stottern-verstehen.de

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Re: Die beste Stotter-Therapie ist keine Stotter-Therapie...

Beitrag von Zypresse » 22. Oktober 2012 21:12

Mir hat die Logopädie nie geholfen.Bei meinen heutigen relativ wenigen Blockaden schaue ich immer in welcher Situation ich war.Fast immer sind es unterdrückte Gefühle(Frust, Angst,Wut)die ich nicht herauslasse, wo ich mich nicht wehre und dann zum Gefühlsstau,bzw.Stottern führt.Vielleicht kann der eine oder die andere das mal ausprobieren,bzw. beobachten.Zypresse

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