Schattensprechen

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Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 13. April 2013 13:23

Hallo,
das Thema Schattensprechen (Shadowing) hatten wir schon mal im Forum, und zwar in dem Thread "Simulgantechnik gegen Stottern", der dann leider etwas ausgefranst ist. Ich würde das Thema gern hier noch einmal aufgreifen, weil ich die Methode interessant und vielversprechend finde - ich glaube, sie ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

Zur Einführung kopiere ich hier zwei Beiträge (vom 4. und 16.7.2012) von Paul aus dem alten Thread herüber: Einen Auszug aus dem Buch "Stottern" von Fiedler und Standop (1994) und die Übersetzung des Berichtes von Pauline Marland im Anhang des berühmten Artikels von Cherry und Sayers (1956):
Fiedler und Standop hat geschrieben:Beim Schattensprechen (auch Führungssprechen genannt; englisch: "shadowing") spricht der Stotternde zeitlich geringfügig, d.h. nur um Sekundenbruchteile verzögert einen Text nach, der ihm vom Therapeuten, einer anderen Person oder vom Tonband vorgesprochen wird, ohne den Text einsehen zu können. Die Frequenz des Stotterns geht während des Schattensprechens erheblich zurück. Auch das Schattensprechen ist in mehreren Therapiestudien als Sprechhilfe eingesetzt worden. Dabei werden in aller Regel zum Einüben zunächst kurze Sätze vorgesprochen, die vom Klienten dem Vorsprecher "wie ein Schatten folgend" frei nachgesprochen werden müssen. Allmählich wird dann der Schwierigkeitsgrad gesteigert, indem die Sätze länger werden und das Sprechtempo verändert wird. Cherry und Sayers (1956) berichten über den effektiven Einsatz des Schattensprechens in ihren Therapien. Die Effekte lassen sich offensichtlich noch verbessern, wenn absichtlich Schwierigkeiten eingebaut werden, zum Beispiel indem der Vorlesende die Sprechgeschwindigkeit und Lautstärke kontinuierlich wechselt (MacLaren 1960). Walton und Black (1960) setzten das Schattensprechen unter anderem erfolgreich ein bei der Behandlung eines Klienten mit ausgeprägten Schwierigkeiten beim Telefonieren mit einer ansonsten nur leicht ausgeprägter Symptomatik. Vergleichbare Sprechverbesserungen können auch erzielt werden, wenn der Stotternde versucht, einer Bandaufnahme oder der Stimme eines Radiosprechers zu folgen (Yates 1963b); diese Möglichkeiten eröffnen Übungsfelder zwischen den Therapiestunden.

Die Wirksamkeit des Schattensprechens (wie auch die des Simultansprechens) wird in aller Regel auf dem Hintergrund der Annahmen von Cherry und Sayers erklärt (1956; vgl. auch Kapitel 3.7). Sie vertreten die Hypothese, daß Stottern auf einem Wahrnehmungsdefekt beruhe und daß durch diese Sprechhilfe die Aufmerksamkeit des Stotternden von seiner eigenen Stimme abgelenkt und auf die der vorsprechenden Person ausgerichtet werde. Das Schattensprechen folgt der Reizkontrolle, die akustisch-motorische Selbstkontrolle des Sprechens reduziert. Wingate (1976) glaubt die Wirksamkeit auch mit einer veränderten Sprechcharakteristik erklären zu können (Sprechtempo-Reduktion, Monotonisierung, weniger ausgeprägte Artikulation). Auch dürfte die Sprechangst verringert sein.

Weitere Studien, in denen Schattensprechen jeweils in ein komplexeres Behandlungsprogramm eingebunden waren, liegen von Kelham und McHale (1966) sowie von Kondas (1967) vor. Allerdings läßt sich anhand dieser Studien schwer beurteilen, inwieweit die mitgeteilten, recht bemerkenswerten Erfolgsquoten auf die Wirksamkeit dieser Sprechhilfe zurückgeführt werden können. In einer Studie von Öst, Götestam und Melin (1976) wurde das Schattensprechen mit einem Metronom-Training verglichen. Abgesehen von einer deutlichen Auswirkung des metrischen Sprechens (vgl. 6.3.5) auf das spontane Gesprächsverhalten nehmen sich die Effekte beider Verfahren eher recht bescheiden aus.

Verschiedentlich äußern sich Autoren recht pessimistisch, etwa mit dem Schattensprechen allein eine Symptomverminderung oder gar langfristige Verbesserungen erhalten zu wollen (zu diesen Kritikern gehören Meyer und Mair, 1963, sowie Ingham und Andrews, 1973a). Andererseits sind Sprechhilfen wie das Simultan- und Schattensprechen insofern wichtige Behandlungselemente, da durch sie der Stotternde seit langem ein erstes Mal wieder das Gefühl bekommen könnte, seiner Sprechstörungen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Dies ist zumeist eine nicht zu unterschätzende Voraussetzung für die weitere, oft langwierige Arbeit in der Therapie.
Pauline Marland, übersetzt von Paul Dest hat geschrieben: Fall Nr. 1: Junge, zweieinhalb Jahre alt, stotterte 4 Monate lang, bevor er mit Standardmethoden behandelt wurde (aufgrund einer Empfehlung an die Eltern). Die Schwierigkeit verschwand anschließend für 9 Monate, kam jedoch bei seinem Eintritt in die Kinderkrippe in einer schwereren Form zurück. Nach 8 Monaten (im Alter von 4 Jahren) wurde das Schattensprechen als eine Spielform etabliert. Scheinbar brachte das Kind sie nicht in Verbindung mit seinem Stottern. Nach 10 Tagen täglichen Übens verschwand das Stottern. Ohne Rückfall innerhalb der folgenden 5 Monaten, einschließlich der Bewältigung eines Familienumzuges in ein anderes Land. In solchen Zeiten der Belastung griff die Mutter auf das tägliche Üben des Schattensprechens mit dem Kind zurück.
Ein Schulbericht stellte fest, dass das Kind vor einem Jahr "so stark stotterte, dass es kaum möglich war, es zu verstehen. Sein Sprechen ist nun völlig normal."

Fall Nr. 2: Mädchen, 6 Jahre alt, entwickelte im Laufe der Behandlung einer Artikulationsstörung Stottern, welches extrem schwer wurde. Eine Anzahl der Sttotterntherapieformen blieb erfolglos. Dann wurde mit dem Üben im Kopieren und Schattensprechen begonnen. Innerhalb einer Woche wurde eine Verbesserung festgestellt. Von den beiden Übungen bevorzugte sie eindeutig das Kopieren, wahrscheinlich aufgrund der Unreife ihres Sprechens im allgemeinen. Nach mehreren Wochen des Übens verschwand das Stottern bis auf gelegentliche Dehnungen von Vokalen. Die Behandlung der Artikulationsstörung wurde wiederaufgenommen und hatte keinen schädigenden Effekt auf den Sprechfluss. Das Kind wurde entlassen (für Folgebehandlungen) mit nur gelegentlichen Vokaldehnungen und einer Artikulation, die für ihr Alter im Rahmen des Normalen war.

Fall Nr. 3: Schuljunge, 16 Jahre alt, hatte ein sehr schweres Stottern mit Wortblockaden bis zu dreieinhalb Minuten Länge. Standardbehandlungsmethoden über einen Zeitraum von 5 Monaten brachten nur leichte vorübergehende Besserungen. Am Ende dieser Zeit war er in einer schlechten Phase; lange Blocks mit gewaltsamem Grimassieren machte eine Unterhaltung beinahe unmöglich. Es wurde mit dem Üben des Schattensprechens begonnen, das brachte sofortige Verbesserung. Der Junge setzte das Üben allein fort, indem er zu Hause Grammophon-Aufnahmen nutzte, täglich, 5 Monate lang, mit täglichen Besuchen beim Therapeuten für Korrekturen seiner laufenden Fehler in der Technik. Anschließend wurde das Üben an jedem zweiten oder dritten Tag für ausreichend befunden. Sein Sprechen war danach beinahe normal, er war imstande zu telefonieren, unterhaltsame Gespräche mit den Freunden der Eltern zu führen, und sprach frei in der Klasse. Abgesehen von drei kurzen und sehr milden Rückfällen (deren Ursache unbekannt war) war die Besserung beständig und dauerte über einen Zeitraum von einem Jahr an. In einem beruflichen Interview vor 3 Monaten war bei dem Jungen kein Stottern erkennbar, nur ein leicht abnormaler Sprechrhythmus.

Fall Nr. 4: Junge, 6 Jahre alt, wurde 1954 mehrere Monate lang wegen seines Stotterns therapiert. Standardmethoden der Therapie brachten nur eine Teilbesserung. 1955 erlebte das Kind einen Rückfall des Stotterns in einer schweren Form. Standardmethoden waren nicht erfolgreich. Also wurde Schattensprechen trainiert und täglich geübt. In den ersten 3 Wochen zeigte das Kind beim Schattensprechen Spannungen in Form vom Sich-Winden, Treten, Stirn-Runzeln und ruckartigen Sprechen, bewältigte die Technik jedoch (bei seiner dritten Therapie-Sitzung), und das Stottern verschwand eine Woche später, bis auf ein sehr unregelmäßiges, momentartiges Luftschnappen. Die Verbesserung dauerte die nächsten 5 Monate an, bis auf einen einzelnen kurzen Rückfall, welchen der Jung schnell überwand, nachdem er das häusliche Üben des Schattensprechens für einige Tage wieder aufnahm.

Fall Nr. 5: Ein singhalesischer Student, 20 Jahre alt, hatte ruckartiges Sprechen und eine "schluckende" Art des Stotterns mit Grimassieren. Nach täglichem Schattensprechen-Üben im Verlaufe von 6 Wochen wurde sein Sprechen ruhig und hatte einen beinahe normalen Rhythmus, das Grimassieren verschwand. Das Stottern kam gelegentlich in einer sehr viel milderen Form auf.

Fall Nr. 6: Mann, 59 Jahre alt, mit einem gewaltsam explosiven, 51 Jahre andauernden Stottern, machte seit 1920 erfolglose Versuche, sein Sprechen (durch verschiedene Methoden) zu verbessern. Beim Schattensprechen konnte er zunächst nur dem schnellen Sprechen folgen. Einige Zeit übte er nur gelegentlich; als jedoch sein Schattensprechen auf tägliche Basis und langsameres Sprechen umgestellt wurde, beschleunigte sich die Verbesserung seines Sprechens.
Während er weiterhin vergleichsweise stark stottert, ist das Stottern viel weniger explosiv und, gemessen mit den Methoden der vorliegenden Veröffentlichung, ist sein Stottern um etwa 60 bis 66% innerhalb von 4 Monaten reduziert worden und befindet sich weiterhin auf dem Wege der Besserung.

Fall Nr. 7: Mann, 39 Jahre alt, hatte ein sehr schweres, konstantes, gewaltsam explosives Stottern tonisch-klonischer Art, welches 34 Jahre andauerte. Während des Sprechens produzierte er Schauer von Speichel. Das Stottern wurde weniger vor mehreren Jahren, kam allerdings nach einem familiären Trauerfall zurück. Nach Erklärung und kurzer Einführung war der Mann in der ersten Sitzung imstande, sehr langsames Lesen zu "schatten". Für häusliche Übungen war kein Helfer verfügbar, und das langsamste, auf eine Disk aufgenommene Sprechen war für ihn immer noch zu schnell, solange er mit dem Inhalt nicht vertraut war. Trotz dieser Hindernisse wurde bemerkenswerte Verbesserung nach 4 Sitzungen beobachtet (eine Sitzung pro Woche).
Im allgemeinen ist das Sprechen des Mannes nun nach zwei Monaten langsamer, viel freier, mit viel weniger Spannung und ohne Spucken; er berichtete bereits von der Fähigkeit, lange Telefonate ohne große Schwierigkeiten zu führen. Gelegentlich wird er durch Stotterblockaden belästigt, die in einer Unterhaltung gewöhnungsgeformt sind, solange sie nicht unter Kontrolle genommen werden. Dies kann durch Richtung der Aufmerksamkeit auf den korrekten Rhythmus des inkorrekt gesprochenen Satzes geschehen. Wenn das mißlingt: einer Periode des Schattensprechens folgt eine unmittelbare Verbesserung seines Sprechens in den Unterhaltungen.

Fall Nr. 8: Mädchen, 17 Jahre alt, in ihrer Familie stottern fast alle weiblichen Angehörigen seit mehreren Generationen, hatte ein inspiratorisches Stottern, vornehmlich auf stimmlose Konsonanten. Sie wurde besser durch tägliches Üben des Schattensprechens, aber im Vergleich zu den vorhergehenden Fällen nur sehr langsam. Sie stottert weiterhin während des Schattensprechens; weniger, wenn sie dabei Kopfhörer benutzt.

Fall Nr. 9: Junge, 12, hat 7 Jahre lang gestottert, insbesondere auf stimmlose Konsonanten. Ein Psychiater erklärte ihn für normal bis auf seine Überemotionalität in frustrierenden Situationen. Es war ungewöhnlich, dass er meistens in völlig unwichtigen Sätzen stotterte. Alle Formen der Sprechtherapie waren bis dahin gescheitert, und jede Diskussion über sein Sprechen füllte seine Augen mit Tränen. Das passierte auch, wenn er ins schweres Stocken beim Schattensprechen kam. Obwohl der Junge gut zu schattensprechen lernte, war keine merkliche Verbesserung in seinem alltäglichen Sprechen festzustellen.

Fall Nr. 10: Junge, 16, mit einer äußerst schweren Form des Stotterns, völliges Einfrieren in die Unbeweglichkeit beim Versuch zu sprechen; gab an, dass sein Stottern diese Form im Alter von 7 annahm. Er war sogar außerstande, auf Aufforderung einzelne Konsonantenlaute zu erzeugen. Der Versuch, Schattensprechen beizubringen, führte zu weiterer Ängstlichkeit und wurde abgebrochen.
Fiedler und Standop erwähnen den Aufsatz von O. Kondas (1967):

The treatment of stammering in children by the shadowing method. Behaviour Research and Therapy, Vol. 5, 325–329.

(auf deutsch: Die Behandlung des Stotterns bei Kindern mit der Methode des Schattensprechens)

Fiedler & Standop schreiben dazu: "Allerdings läßt sich anhand dieser Studien schwer beurteilen, inwieweit die mitgeteilten, recht bemerkenswerten Erfolgsquoten auf die Wirksamkeit dieser Sprechhilfe zurückgeführt werden können." (siehe oben) Auf die Studie von O. Kondas trifft diese Kritik m. E. nicht zu. Ich bringe im Folgenden eine Teilübersetzung - die Einführung und die abschließende Diskussion lasse ich weg.
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Die Behandlung des Stotterns bei Kindern mit der Methode des Schattensprechens

von O. Kondas, Universität Bratislava,1967


Methode

Versuchspersonen

Die Gruppe bestand aus sechzehn Kindern im Alter zwischen 8 und 16 Jahren (Durchschnittsalter 10,9), einem 20 Jahre alten Studenten sowie drei Kindern zwischen 5 und 6 Jahren. Neben schwerem Stottern [severe stammering] hatten hatten zwölf der Kinder häufige Sprechkrämpfe [speech spasms], begleitet von Nebenbewegungen und Grimassierungen. Vier von ihnen waren unfähig, einen ganzen Satz zu sprechen (sie konnten nicht verbal kommunizieren und mussten ihre Antworten aufschreiben).

Behandlungsverfahren

Weil pneumographische Aufnahmen des Stotterns irreguläre und flache Atmung während des Sprechens zeigen, wurden in den ersten zwei Sitzungen Atemübungen durchgeführt. Diese Übungen bestanden aus einer Verbindung von tiefem und langsamem Einatmen. In der zweiten oder dritten Sitzung wurde entspanntes Atmen (vergleichbar dem beim autogenen Training) geübt.

Der Hauptbestandteil der Behandlung der 8 – 16 jährigen Kinder war die Schattensprech-Technik (Cherry & Sayers, 1956). Das Üben des Schattensprechens begann in der zweiten oder dritten Sitzung. Der Therapeut las einen unbekannten Text vor, welcher dann exakt von Stotterer wiederholt ('shadowed') wurde, ein oder zwei Worte später. Eine Sitzung bestand aus zwei oder drei kurzen Übungen (von 3 – 5 min. Dauer) mit kurzen Pausen. Sobald die Technik beherrscht wurde, wurden von den Eltern täglich Übungen von ca. 5 min. Länge zuhause durchgeführt. Um das Interesse und die Motivation der Kinder aufrecht zu erhalten, wurden alternative Formen des Schattensprechens (per Telefon und mit Hilfe einer Stimmeinsatz-Technik [voice-cue technique]) angewendet. Diese Modifikation wurde erst nach der fünften Sitzung eingeführt, von da an wurden beide Formen der Schattensprech-Übung in den folgenden Sitzungen abgewechselt. In der sechsten oder siebenten Sitzung wurden mit acht der älteren Stotterer verschiedene Aspekte des Stotterns individuell diskutiert.

In vier Fällen gab es nach 10 – 15 Behandlungssitzungen (plus 8 – 14 Wochen häuslicher Übung) ungenügende Fortschritte in Richtung flüssiges Sprechen, und eine Desensibilisierungs-Behandlung wurde eingefügt. Alltägliche Gesprächssituationen wie das Reden mit Schulkameraden, Eltern, Lehrern, Fremden, das Antworten auf Fragen usw. waren in einer Rangordnung der Angst [in the anxiety hierarchy] mit Stress besetzt.

Für drei kleine Kinder wurde die Technik des Schattensprechens in eine spielerische Form gebracht: Dem Kind wurde gesagt, es würde das Puppentheater-Spiel lernen. Nach einer kurzen Einübung in die Bewegung der Puppen fungierte der Therapeut als Souffleur, und der kleine Stotterer war der Puppenspieler. Die „Szenen“ wurden auch zuhause benutzt, drei mal pro Woche, und die Eltern waren angehalten, nicht auf Stottersymptome zu achten. Die Ergebnisse aus dieser Gruppe werden gesondert bewertet. Die gesamte Behandlung wurde ambulant durchgeführt.

Bewertungskriterien

Hauptbewertungskriterium war die Häufigkeit von Stottern und Verzögerungen [hesitations – es sind wohl stumme Blocks gemeint] (= Fehler) während des Schattensprechens und des normalen Sprechens. Zusätzliche Informationen wurden durch eine klinische Bewertung der Sprache des Patienten gewonnen, und zwar nach dem folgenden Schema:
  • 0. Keine Wirkung, d.h. eine gewisse Änderung in der Stotterfrequenz, aber das Stottern ist noch häufig und das Sprechen nicht flüssig.
    1. Geringe Besserung [little improved] – die Stotterhäufigkeit hat nach der Behandlung abgenommen, aber flüssiges Sprechen ist noch nicht erreicht.
    2. Starke Besserung [much improved] – das Stottern ist aus dem gewöhnlichen Sprechen verschwunden; der Patient spricht die meiste Zeit flüssig bei nur gelegentlichem Stottern.
    3. Geheilt [cured] – die Sprache ist vollkommen flüssig; die Leute können nicht sagen, dass das Kind ein Stotterer war (eine geringfügige Langsamkeit des Sprechens kann letztendlich bemerkbar sein).
Dasselbe Schema wurde bei der Nachfolge-Beurteilung [follow-up evaluation] benutzt. Alle außer vier Fälle wurden 1 – 2 Monate nach dem Abschluss der Behandlung bewertet. In einer Nachfolge-Beurteilung wurden fünf Fälle durch den Therapeuten bewertet, und das Sprechen der anderen wurde von Eltern und Lehrern beschrieben. In allen außer einem Fall gimg die Nachfolge-Beurteilung über drei Jahre, das Maximum waren fünf Jahre.

Die durchschnittliche Dauer der Nachfolge-Beobachtung waren 3,2 Jahre; vier Fälle wurden fünf Jahre lang beobachtet, acht Fälle zwischen 3 und 4 Jahre lang, vier Fälle 2 Jahre lang, und der letzte Fall ein Jahr lang. Die drei kleinen Kinder (in der Tabelle 1 nicht enthalten) wurden zwischen 1 und 4 Jahre lang beobachtet.

Ergebnisse

Nur ein Patient hatte Schwierigkeiten beim Erlernen des Schattensprechens; die meisten Kinder beherrschten die Technik schnell. Milde Fälle (3 – 5 Stottersymptome pro Minute) zeigten einige Sprachverbesserung nach drei Wochen Schattensprechen-Üben. In neun Fällen waren zwei Monate Üben erforderlich, bevor sich Verbesserungen zeigten, und in fünf Fällen lag die Behandlungsdauer zwischen 6 und 9 Monaten. Die Häufigkeit der Therapiesitzungen verringerte sich jedoch von einmal pro Woche zu einmal in 2 Wochen oder einmal in 3 Wochen.

Eine Verringerung der Stotterhäufigkeit durch das Schattensprechen zeigt sich bereits am Beginn des Übens. Der Unterschied in der Fehlerhäufigkeit zwischen der ersten und der fünften Sitzung war statistisch signifikant (p < 0,005).

Beim Abschluss der Therapie, oder einen Monat später, hatte sich die Häufigkeit von Stottern und Verzögerungen [stammers and hesitations] von 12,2 auf 2,2 verringert. Der Unterschied ist statistisch signifikant (t = 3,478; p < 0,005). Einzeln betrachtet wurde die Abnahme in allen außer zwei Fällen beobachtet. Die acht Versuchspersonen, mit denen zusätzlich das Gespräch geführt wurde, unterschieden sich nicht von den anderen; dasselbe gilt für die Desensibilisierungs-Subgruppe.

Die Resultate der Behandlung gemäß dem Kriterium der allgemeinen Sprechflüssigkeit und die Folge-Bewertungen sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Zum Vergleich sind Daten einer intensiveren, stationären Behandlung mit einbezogen (tägliche Förderübungen in Kombination mit medikamenten-induzierter Schlaftherapie über 4 Wochen; Zahálková-Pavlová & Zima, 1965).
Tabelle 1.jpg
Tabelle 1.jpg (37.6 KiB) 7179 mal betrachtet
Die Daten in Tabelle 1 zeigen, dass durch das Schattensprechen und die untergeordneten Verfahren 70 Prozent der Fälle erfolgreich behandelt wurden. Das sind 17 Prozent mehr als durch die intensive, stationäre Förderbehandlung kombiniert mit Schlaftherapie. Nur 'geheilte' und 'stark gebesserte' Fälle wurden als erfolgreich eingeordnet. Es sollte erwähnt werden, dass einer unserer ungebesserten Fälle schwachsinnig war (IQ 58).

Die Nachfolge-Bewertungen zeigen, dass die Behandlungserfolge auffallend stabil sind. Nur einer der neun 'geheilten' Patienten zeigte 2 Jahre und 5 Monate nach dem Ende der Behandlung einen leichten Rückfall. Er führte ihn auf die übermäßige Furcht vor einem Klassenlehrer an seiner Berufsschule zurück. Ein Fall aus der 'stark gebesserten' Gruppe erfuhr 10 Monate nach der Behandlung eine Verschlechterung, durch eine weitere einmonatige Behandlung wurde eine vorübergehende Besserung erreicht. Der Fall des Universitätsstudenten ist in einer Hinsicht interessant: Er schloss sein Studium ab, wobei er flüssig sprach außer wenn er Wein getrunken hatte – dies wurde nicht als Rückfall angesehen. In der gesamten Gruppe traten bei 12 Prozent der Patienten Rückfälle auf, während Zahálková-Pavlová und Zima (1965) einen Rückfall kurz nach Ende der Behandlung, noch im Krankenhaus, erwähnen.

Die Gruppe der drei kleinen Kinder, die mit einer modifizierten Form des Schattensprechens behandelt wurden, wurden nach nur 3 – 5 Sitzungen mit dem Therapeuten und 3 – 6 Wochen häuslichen Übens sehr stark gebessert oder geheilt. Ihre Sprache war ganz flüssig [quite fluent] und ist unverändert nach einer Zeitspanne von 1 bis 3 Jahren nach der Behandlung.
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soweit die Übersetzung.
Gruß

Torsten
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Re: Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 10. August 2013 20:02

Hallo,

nach dem ich hier lange nichts geschrieben habe (ich war mit anderen Dingen beschäftigt), will ich nun diesen Thread fortsetzen, denn ich halte das Schattensprechen (Shadowing) für eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Therapiemethode.

Als nächstes stelle ich eine weitere Studie zu diesem Thema vor:

R. Kelham and A. McHale (1966) The application of learning theory to the treatment of stammering. International Journal of Language and Communication Disorders, Volume 1, Issue 2, pp. 114–118.

Der etwas verwirrende Titel erklärt sich daraus, dass damals gerade die Theorie in Mode war, Stottern sei ein erlerntes Verhalten und könne daher auch durch Umlernen oder Umerziehung (re-education) behoben werden. Die Verwirrung wird noch dadurch gesteigert, dass es einen Aufsatz mit genau demselben Titel von Walton und Black aus dem Jahr 1958 gibt, in dem es ebenfalls um Schattensprechen geht (siehe Fußnote im Anschluss an die Übersetzung).

Die verschiedenen Theorien, wie und warum das Shadowing sehr schnell zu fließendem Sprechen verhilft, sollen hier vorläufig nicht interessieren – darüber werde ich später schreiben. Worum es mir zunächst geht, ist die Frage: Ist das Schattensprechen eine wirksame Methode für die Therapie?

Hier nun die Teilübersetzung des Aufsatzes von Kelham und McHale über die Anwendung des Schattensprechens in einem Therapieprogramm in der englischen Grafschaft Leicestershire in der Mitte der 60er Jahre. Ich verzichte auf die Einleitung und die abschließende Zusammenfassung.

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Die Anwendung der Lerntheorie auf die Therapie des Stotterns

R. Kelham und A. McHale (1966)


In Leicestershire wurde beschlossen, diese Methode [das Schattensprechen] auf Fälle von Stottern anzuwenden, die von Schulen und Gesundheitsämtern aus der Grafschaft überwiesen worden waren. Eine auf der Lerntheorie basierende Behandlungsmethode wurde als der Versuch eines gemeinsamen Experimentes des Schulpsychologen [educational psychologist] und des Fachbereichs Sprachtherapie unternommen.

Der Plan war, die Technik des „Shadowing“ und ein stufenweises Umlernprogramm [re-education programme] in einer großen Zahl von Fällen anzuwenden, um die Behandlungsmethode zu überprüfen, wenn die Fälle von verschiedenen Therapeuten behandelt werden, und den Einfluss der Persönlichkeit des Therapeuten auf den Behandlungserfolg festzustellen.

Die Behandlungsmethode wurde zunächst durch den Psychologen und die Therapeutinnen ausführlich und detailiert besprochen. Gelegentliche Treffen wurden auch für die Zeit des Durchführung des Experiments vereinbart, um die Einheitlichkeit der Methode und die Genauigkeit in ihrer Anwendung zu sichern. Die Behandlung wurde von den drei Sprachtherapeutinnen durchgeführt; jede von ihnen arbeitete unabhängig, ohne Zugriff auf die Fallgeschichten und Ergebnisse der anderen. Die Ergebnisse wurden durch den Psychologen gesammelt und ausgewertet. Er gab keine Informationen über die Quote der Erfolge oder Misserfolge an die Therapeutinnen, solange das Experiment andauerte.

Drei der Fälle waren Erwachsene, der Rest waren Kinder bis zum Alter von 16 Jahren. Alle Fälle wurden in der Reihenfolge der Überweisung angenommen und behandelt; es fand keine Auswahl der Fälle statt. Die Behandlung wurde nach den üblichen Bedingungen des Schulgesungheitsdienstes durchgeführt.

Insgesamt wurden 38 Fälle in einem Zeitraum von insgesant 3 Jahren behandelt. Einige Patienten waren zuvor mit verschiedenen anderen Methoden behandelt worden, andere hatten vorher noch keine Therapie erhalten. Die Zahl der Therapiesitzungen schwankte zwischen 5 und 70, bei einem Durchschnitt von 34 Sitzungen. Das Alter der Patienten reichte von 4 bis 43 Jahre, mit einem Durchschnitt von 11,4 Jahren.

Die Technik des „Schattensprechens“ wurde folgendermaßen durchgeführt: Die Therapeutin las laut eine Passage eines einfachen Prosatextes, die für den Patienten nicht sichtbar war. Der Patient wiederholte die Worte unmittelbar nach dem die Therapeutin sie gesprochen hatte und ließ dabei so wenig Zeit wie möglich zwischen dem Hören und Sprechen jedes Wortes verstreichen. Um dies erfolgreich zu tun, musste der Patient sich auf den Sprechrhythmus der Therapeutin konzentrieren und diesen imitieren. Sein eigener gewohnter Rhythmus wurde dabei unterdrückt und die neue Gewohnheit an dessen Stelle gesetzt.

Die Länge der einzelnen Therapiesitzungen wurde allmählich gesteigert: von 2 Minuten am Anfang des Behandlungsprogramms auf 10 Minuten an dessen Ende. Die Steigerungsrate wurde bestimmt durch die Fähigkeit des Patienten, sich zu konzentrieren, ohne Unruhe oder Ermüdung zu zeigen.

Das „Schattensprechen“ wurde in Verbindung mit einem stufenweisen Umlernprogramm durchgeführt, das die Einladung von Zuhörern zu den Therapiesitzungen beinhaltete. Zuerst wurde eine Person eingeladen, mit der der Patient sich gewöhnlich wohlfühlte. Später wurde die Größe und der „Schwierigkeitsgrad“ der Zuhörerschaft gesteigert, mit dem Ziel, dass der Patient schließlich in Gegenwart derjenigen Personen fließend „schattensprechen“ sollte, mit denen er die größten Sprechschwierigkeiten erwartete und deren Anwesenheit normalerweise Stottern hervorrufen würde. So könnte das „Schattensprechen“ zuletzt im Büro des Direktors und in Anwesenheit des Direktors und des Lehrers durchgeführt werden, unter Leitung der Person, die der Patient am wenigsten mag oder am meisten fürchtet, in der Wohnung des Patienten mit der ringsherum versammelten Familie, und in der Schule vor der gesamten Klasse des Patienten.

Im Verlauf des Programmes wurde auch die Benutzung des Telefons einbezogen. Das geschah auf zwei Arten: (a) Die Therapeutin rief eine dritte Person an, am Anfang gewöhnlich eine mitfühlende, und las dann laut vor, während der Patient in das Telefon „schattieren“ musste. Der Zuhörer berichtete danach über die Sprechflüssigkeit des Patienten. (b) Die Therapeutin rief den Patienten an und las ihm über das Telefon vor, während der Patient „schattierte“, zuerst allein, später mit Zuhörern.

Die Behandlung wurde beendet, wenn sicher war, dass der Patient in keiner der beschriebenen Situationen mehr stotterte, oder wenn klar wurde, dass keine Verbesserung eintrat oder keine weitere Verbesserung des Sprechens erreichbar erschien. Jeder Fall wurde dann durch die Therapeutin anhand einer dreistufigen Skala bewertet als „stark gebessert“ [much improved], „gebessert“ [improved] oder „nicht gebessert“ [not improved]. Diese Bewertung wurde in ein Protokollformular eingetragen und dem Psychologen vorgelegt. Die Anzahl der Fälle, das Durchschnittsalter, die durchschnittliche Zahl der Therapiesitzungen und die Resultate sind in der folgenden Tabelle ausgewiesen:

RESULTATE
Tabelle.jpg
Tabelle.jpg (55.54 KiB) 6819 mal betrachtet
++ = stark gebessert [much improved]
+ = gebessert [improved]
An dem Experiment nahmen 5 Mädchen teil, und zwar so, dass sie, der Zahl der Fälle entsprechend, gleichmäßig auf die Therapeutinnen verteilt waren.

DISKUSSION

Die von den drei Therapeutinnen erzielten Resultate stimmten weitgehend überein, obwohl jede von den anderen getrennt gearbeitet hatte. Der Anteil der Erfolge war in allen Fällen nahe der Gesamterfolgsquote von 74 %, Keiner der Unterschiede im Durchschnittsalter, der durchschnittlichen Zahl der Therapiesitzungen und der Erfolgsquote war statistisch signifikant.

Aus der Ergebnistabelle sind womöglich einige interessante Trends ablesbar. K's Patienten hatten das niedrigste Durchschnittsalter, die meisten Therapiesitzungen und die hächste Erfolgsquote. P's Patienten hatten das höchste Durchschnittsalter, die wenigsten Therapiesitzungen und die geringste Erfolgsquote. Es könnte also sein, dass die Erfolgsquote vom Alter abhängig ist – die Jüngeren haben die höhere Erfolgsquote – und von der Zahl der Therapiesitzungen – mehr Sitzungen bringen mehr Erfolg. Von diesen beiden Möglichkeiten wurde die letztere als diejenige empfunden, die mit größerer Wahrscheinlichkeit den Erfolg beeinflusst. In diesem Zusammenhang sollte darauf hingewiesen werden, dass Walton und Black* ebenfalls die Ansicht äußerten, dass mehr Sitzungen den Grad des Erfolgs verbessern könnten.

Wir hatten nicht das Gefühl, dass der Intelligenzgrad einen wesentlichen Einfluss auf den Erfolg hatte, und obwohl die IQs in einigen Fällen ermittelt wurden und von IQ 77 bis IQ 130 reichten, empfanden wir es nicht als notwendig, und es war auch nicht möglich, die gesamte Gruppe zu testen. Die Beziehung der Erfolgsquote zum Alter, zur Anzahl der Therapiesitzungen und zum Intelligenzgrad kann jedoch erst durch weitere Forschung bestimmt werden.

Keine Therapeutin berichtete irgendeinen Fall von Symptom-Substitution**. Im Gegenteil, mehrere Patienten zeigten Verbesserungen anderer Art zusätzlich zur Verbesserung des Sprechens. Mehr noch, jede Therapeutin berichtete, dass bei ihr die Zahl der Erfolge mit dieser Methode größer war als mit irgendeiner zuvor angewandten. Obwohl die in dieser vorläufigen Untersuchung erzielten Ergebnisse nur als Hinweise auf Trends betrachtet werden können, so scheint es doch einigermaßen erwiesen zu sein, dass als Folge eines sorgfältig ausgerichteten Behandlungsprogramms eine deutliche Besserung in ca. 74 % der Fälle zu verzeichnen war. Außerdem scheinen die Fakten darauf hinzudeuten, dass die Persönlichkeit des Therapeuten den Behandlungserfog nur minimal beeinflusst.

.....................................................................................................

*) Walton, D. and Black, M. A. (1958). The application of learning theory to the treatment of stammering. Journal of Psychosomatic Research, 3,170. Abgedruckt auch in Eysenck, H.J. (Ed.): Behaviour therapy and the neuroses. Oxford: Pergamon 1960, 123-134. In dieser Studie wird über die Behandlung eines erwachsenen Stotterers mit ausgeprägter Telefonangst berichtet. Der Patient wird mit einer Kombination aus Telefontraining und Schattensprechen, ähnlich wie bei Kelham u. McHale beschrieben, behandelt; seine Probleme sind nach einigen Wochen stationärer Intensivtherapie behoben.

**) Gemeint ist, dass das Stottern durch irgendein anderes Störungsbild ersetzt wird. Dem liegt die Hypothese zugrunde, Stotterm sei nur der oberflächliche Ausdruck einer tiefer liegenden seelischen Störung, die sich, wenn das Stottern durch eine Therapie beseitigt wird, eben durch andere Symptome äußern würde.


In der Zusammenfassung heißt es noch über das Schattensprechen: "Patienten, die die Anwendung anderer Therapiemethoden als peinlich empfunden hatten oder die die Erfahrung des Ausbleibens von Verbesserung nach langer Behandlungszeit mit anderen Mitteln gemacht hatten, akzeptierten diese Methode ohne Probleme und profitierten davon."

Torsten
Zuletzt geändert von Torsten am 11. August 2013 20:50, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: R. Kelham und A. McHale

Beitrag von paul.dest » 11. August 2013 20:39

Hallo Torsten,

Danke Dir für diesen Beitrag!

Wenn ich mir das konkrete Therapie-Szenario durchlese, so sehe die Therapie weniger als eine Schattensprechen-Therapie, sondern als Desensibilisierung, die durch den Einsatz des Schattensprechens barrierefrei gemacht und sehr feinstufig justiert werden konnte. Insbesondere wurden hierbei nicht nur die stotternden Personen desensibilisiert, sondern auch die Personen aus der persönlichen Umgebung des Stotternden. Alles mit der erleichternden Zuhilfenahme des Schattensprechens. - Das ist eine ganz schön pfiffige Idee! Ich bin begeistert!

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Der vollständige Inhalt dieses Beitrages ist ab jetzt nur noch unter http://www.stottern-verstehen.de verfügbar.
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Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 13. August 2013 12:24

paul.dest hat geschrieben:Wenn ich mir das konkrete Therapie-Szenario durchlese, so sehe die Therapie weniger als eine Schattensprechen-Therapie, sondern als Desensibilisierung ...
Kommt drauf an, was man im Zusammenhang mit Stottern unter Desensibilisierung versteht. Ich habe das immer so verstanden, dass jemand dadurch die Furcht vor dem Sprechen / Stottern verliert, dass er das Stottern weniger wichtig nimmt: Vielleicht stottert er genau so stark wie zuvor, aber es ist ihm nun egal (er reagiert nicht mehr sensibel darauf), und deshalb geht es ihm besser. Vielleicht stottert er in der Folge auch weniger, weil er entspannter in Sprechsituationen hineingeht.

Darum ging es in dem von Kelham und McHale beschriebenen Therapieprogramm aber nicht. Nehmen wir an, ein Junge stottert immer stark, wenn er mit dem Schuldirektor spricht. Wir wissen nicht genau: Ist es mehr die Angst vor dem Direktor (weil der ein furchteinflößender Mann ist) oder ist es die Angst vor dem Stottern, speziell beim Reden mit dem Direktor. Beim Shadowing macht der Junge nun die Erfahrung, dass er in Gegenwart des Direktors fließend spricht. Was für eine Angst wird hier abgebaut? Nicht die Angst vor dem Direktor – der ist so furchteinflößend wie vorher – sondern die Angst vor dem Stottern. Und die verschwindet nicht durch Desensibilisierung, also weil dem Jungen sein Stottern gleichgültig geworden ist, sondern sie verschwindet, weil er die Erfahrung gemacht hat. dass das Stottern nicht mehr auftritt – noch nicht einmal beim Reden mit dem furchtbaren Direktor.

Eine andere Frage ist, welche Rolle das Schattensprechen in den beschriebenen Therapien spielt. Fiedler und Standop schreiben: „ Allerdings läßt sich anhand dieser Studien [gemeint sind die von Kondas und von Kelham & McHale] beurteilen, inwieweit die mitgeteilten, recht bemerkenswerten Erfolgsquoten auf die Wirksamkeit dieser Sprechhilfe zurückgeführt werden können.“ Was in den Aufsätzen m.E. fehlt, sind Beschreibungen von Methoden, mit deren Hilfe das fließende Sprechen beim Shadowing, das in den meisten Fällen schon in der ersten Therapiesitzung erreicht werden dürfte, in ein fließendes freies Sprechen überführt wurde. Man gewinnt beim Lesen der Berichte den Eindruck, dass sich das fließende freie Sprechen von selbst eingestellt hat, wenn lange genug Schattensprechen geübt wurde. Wenn das tatsächlich so war, dann wäre das höchst erstaunlich!

Hier nun ein weiterer Bericht von damals: Pauline Marland hat zusammen mit Joyce MacLaren die Experimente im St. Mary's Hospital in London durchgeführt, die in dem Aufsatz von Cherry & Sayers (1956) beschrieben sind; von Pauline Marland stammt auch der Anhang mit den Fallbeschreibungen (Übersetzung im ersten Beitrag dieses Threads). Sie hat auf dem X. Kongress der Internationalen Gesellschaft der Logopäden und Phoniater 1956 in Barcelona einen Vortrag gehalten, der in der Zeitschrift Folia Phoniatrica abgedruckt wurde:

Marland, P. M. (1957). ''Shadowing'' – A contribution to the treatment of stammering. Folia Phoniat., 9, 242–254.

Ich bringe wieder eine Teilübersetzung, in dem ich zwei mehr theoretische Passagen am Anfang und in der Mitte auslasse:
....................................................................................................

Pauline Marland:

„Shadowing“ – ein Beitrag zur Behandlung des Stotterns


Am St. Mary's-Krankenhaus in London sind meine Kollegin Joyce MacLaren und ich dabei, drei- oder vierjährige Kinder mit dieser Methode [dem Schattensprechen] zu behandeln, ohne irgendwelche Angst auf das Sprechen zu lenken, so dass es ihnen wie ein Spiel erscheint. Doch es ist kein Spiel. Es geht geradewegs an die Wurzel der Schwierigkeiten der Kinder; sie lernen dabei auf natürliche und automatische Weise durch Einüben neuer Gewohnheiten der auditiven Wahrnehmung und neuer Gewohnheiten des motorischen Sprechens. Um unseren kleinen Stotterern beim Sprechen zu helfen, müssen wir sie lehren zu hören [im Original kursiv]. Ich habe keine Zeit, auf die Hypothese einzugehen, die dieser Arbeit zugrunde liegt. Wir stehen am Beginn und erheben nicht den Anspruch, von einem neurophysiologischen Gesichtspunkt aus zu verstehen, warum solche guten Resultate erreicht werden. […]

Mit dem Schattensprechen können wir eine Methode für das häusliche Üben anbieten, die keine Gefahren birgt und die die Patienten gern anwenden. Doch es hat auch den großen Vorzug, dass es den Bedingungen des täglichen Lebens viel näher kommt. Es ermöglicht dem Stotterer, sich selbst zu hören während er korrekt spricht, denn er hört sich wirklich selbst [he does hear himself] ebensogut wie seinen Helfer und muss lernen, durch Zuhören die rhythmischen Details zu korrigieren, die bei seinem Schattieren nicht stimmen. Es liefert eine Verbindung zwischen dem alltäglichen Sprechen und der gut bekannten Fähigkeit der Stotterer, im Chor (unisono) zu lesen.

Ich habe jetzt einen Punkt erreicht, an dem ich beginnen sollte, zu beschreiben, was Mrs. MacLaren und ich aus unseren Erfahrungen mit dieser Methode gelernt haben, doch ich habe kaum Zeit. dies zu tun. Ich muss Sie jedoch darauf hinweisen, dass es, besonders bei sehr kleinen Kindern, unbedingt nötig ist, für das häusliche Üben Grammophonplatten auszuleihen. Denn wenn sie üben, indem ihre Eltern ihnen Geschichten vorlesen, kann ein psychischer Druck entstehen, der das Kind daran hindert, vom Schattensprechen zu profitieren, und der die Situation sogar verschlimmern kann. Außerdem: Wie langsam und kurzphrasig wir das Material für das Nachsprechen oder Schattensprechen auch machen, wir achten immer auf einen normalen Rhythmus und normale Intonation, und das ist für durchschnittliche Eltern unmöglich zu realisieren. Bei unseren Forschungen an St. Mary's haben wir für jedes Kind individuelle Schallplatten entsprechend seinen Bedürfnissen hergestellt, die es Woche für Woche mit nach Haus nehmen konnte. Doch um Kosten zu sparen, und damit auch andere, die keine Plattenschneidemaschine* haben, das Schattensprechen anwenden können, bieten wir an, eine Serie von Schallplatten, die für die Anwendung bei sehr kleinen Kindern gemacht sind, von uns zu beziehen.

Das Vorschulkind lernt das Schattensprechen, in dem es zunächst lernt, eine Geschichte Phrase für Phrase zu wiederholen. Dies ist eine verbreitetere Fähigkeit in der frühen Kindheit, sogar unter Stotterern, als das Schattensprechen, denn letzteres erfordert ein gefestigteres Sprechmuster als das Wiederholen. So können sehr junge Stotterer zuerst wiederholen und dann schattieren, während ältere Stotterer gewöhnlich schattieren, aber nicht so häufig wiederholen können. Ich habe weder die Zeit, Ihnen von den üblichen Fehlern zu berichten, die beim Schattensprechen korrigiert werden müssen, noch von der Nutzung anderer Mittel, die wir anwenden, um die auditive Wahrnehmung zu trainieren, wie etwa dem Flüstern in schweren Fällen, oder dem oftmaligen Wiederholen einer Phrase im selben Rhythmus, um das genaue Zuhören zu trainieren. Wir machen auch Gebrauch von dem, was ich „Zwei Texte Lesen“ [''two text reading''] nenne: Der Stotterer und der Therapeut lesen zwei verschiedene Textpassagen zur gleichen Zeit.

Ebenso wenig habe ich die Zeit, das enorm wichtige Prinzip zu erläutern, den Patienten beim Voranschreiten der Behandlung vor Schocks zu bewahren: Am Anfang macht man es ihm auf jede erdenkliche Weise leicht, und baut dann allmählich eine immer höhere Schwelle der Toleranz auf hinsichtlich Umgebung, Beunruhigung durch andere Personen, aufregendes Schattensprech-Material, zuletzt auch gegenüber plötzlichen und kritischen Fragen durch den Therapeuten, nach dem die Periode des Schattensprechen-Lernens vorüber ist. Dabei, und in dem wir den Patienten auffordern, keine Wörter oder Situationen zu vermeiden, folgen wir den Prinzipien von Van Riper und finden, dass sich dieser Ansatz sehr gut mit der Technik des Schattensprechens verbinden lässt. Ich empfehle das Schattensprechen wirklich als ein ergänzendes Verfahren, das im Prinzip grundlegend ist, das aber gut mit anderen ausgewählten Behandlungsformen kombiniert werden kann, sofern diese den Stotterer nicht zum Gebrauch künstlicher Atem-, Stimm- oder Sprechtricks verleiten.

....................................................................................................

*) Seit den 30er Jahren gab es Maschinen, mit denen man Grammophonplatten in Rohlinge aus Kunststoff selbst schneiden konnte. Das Verfahren wurde auch von Rundfunkstationen benutzt, um Tonaufnahmen herzustellen, und war bis in die 50er Jahre in Gebrauch, als die ersten Tonbandgeräte auf den Markt kamen.

Am Schluss gibt es sogar noch eine deutsche Zusammenfassung:
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Re: Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 15. August 2013 12:57

Auch Joyce MacLaren, Pauline Marlands Kollegin am St. Mary's Hospital, hat einen Artikel über das Shadowing-Experiment veröffentlicht. Der Aufsatz spiegelt anschaulich die damalige Praxis und die „Philosophie“ dahinter – die Vermischung zweier Denkansätze:
  • des physiologischen Ansatzes von Cherry und Sayers, nach der das Stottern durch eine Störung der auditiven Wahrnehmung der eigenen Sprache ausgelöst wird, und zwar speziell der Wahrnehmung der tiefen Frequenzen. Beim Shadowing, so glaubte man, würde die Aufmerksamkeit von den tiefen Frequenzen der eigenen Sprache abgelenkt, mit der Folge, dass kein Stottern auftritt.

    des damals verbreiteten lerntheoretischen Ansatzes, dem zufolge das Stottern insgesamt (nicht nur das Sekundärverhalten) ein erlerntes falsches Sprechmuster, sozusagen eine falsche Gewohnheit sei und dass man es durch Umlernen, also durch Einüben korrekter Muster, beseitigen könne.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich halte beide Theorien für falsch und finde manches von dem, was damals gemacht wurde, zumindest überflüssig – besonders das exakte Kopieren vorgegebener Sprechmuster. Aber auch in MacLarens Aufsatz wird deutlich, dass das Training der auditiven Aufmerksamkeit im Zentrum der Behandlung stand. Hier die komplette Übersetzung:
....................................................................................................

Joyce MacLaren:

Die Behandlung des Stotterns mit der Cherry-Sayers-Methode.
Eindrücke aus der klinischen Praxis


Es ist nun 3 Jahre her, seit die Experimente am Londoner St. Mary's Krankenhaus begannen, mit der Behandlung des Stotterns durch eine neue Technik, angeregt durch die Experimente von Cherry, Sayers und Marland. Ich gebe im folgenden einige der Beobachtungen wieder, die in der Klinik während dieser Periode gemacht wurden.

Ein sehr kleines Kind lauscht auf Sprechmuster mit einer Qualität der Aufmerksamkeit, die nicht mehr nötig ist, wenn es diese Muster selbst reproduzieren kann. Sobald es diese Fähigkeit erlangt, hört es auf, in dieser Weise zu lauschen; es praktiziert eine Art von „stenographischem“ Zuhören, das in Wirklichkeit ein schnelles Wiedererkennen der eigenen erinnerten Sprechmuster ist [a quick referring back to his own remembered speech pattern]. Es spricht jetzt nicht nach einem äußeren Muster, sondern nach einem inneren, einer Erinnerung daran, wie es etwas zuvor gesagt hat – ein legitimer und Aufwand sparender Vorgang, bei dem sich natürlich die normale Sprachfähigkeit ausbildet, doch gerade durch diese Effektivität kann bei unnormalen Verhaltensgewohnheiten schnell ein Teufelskreis entstehen.

Es ist interessant, bei unserer Arbeit in der Klinik zu beobachten, wie rasch Sprechgewohnheiten geformt werden, und, einmal geformt, wie hartnäckig sie bestehen bleiben. Oft wird von einem Patienten ein grober Fehler beim Nachsprechen einer einfachen Passage gemacht; beim Wiederholen dieser Passage passiert dieser Fehler immer aufs Neue, obwohl der Patient beteuert, er würde „wirklich zuhören“. Manchmal wird schließlich mit erhöhter Aufmerksamkeit die Passage korrekt nachgesprochen – oft ohne dass die Person sich irgendeiner Veränderung bewusst ist.

Ein intelligenter Sechsjähriger ersetzte beim Nachsprechen einfacher Phrasen „we shall be going“ durch ein deutlich gesprochenes „we'll be going“. Er wurde aufgefordert, sorgfältiger hinzuhören und es exakt so wiederzugeben, wie er es gehört hat, doch jedesmal, wenn die Passage wiederholt wurde, machte er genau dieselbe Substitution. Seine Aufmerksamkeit wurde für einige Minuten abgelenkt, dann wurden ihm dieselben Phrasen noch einmal präsentiert, und auch diesmal wiederholte er seine ursprüngliche Version.

Ein erwachsener Patient schaffte es irgendwie, beim Schattensprechen das Wort „beautiful“ durch „lovely“ zu ersetzen und beharrte auf diesem Fehler, als er mehrmals diese Passage wiederholen musste, bis ihm gesagt wurde, dass er gerade dabei ist, ein Wort auszutauschen. Er konnte es kaum fassen, doch durch den Schock in höhere Aufmerksamkeit versetzt, lauschte und schattierte er nun korrekt.

Die Beobachtung solcher Phänomene, die allen Sprechern vertraut sind, zeigen deutlich, in welchem Ausmaß wir in unseren Gewohnheiten gefangen sind, wenn wir reden wie in einem geschlossenen Zirkel unserer eigenen Art und Weise, die Dinge zu sagen. Wenn, wie bei den Stotterern, abnorme Sprechgewohnheiten mit Angst verknüpft sind, dann reagiert die Person auf ihre Schwierigkeiten in ihrer eigenen, individuellen Weise, und andere abnorme Verhaltensmuster werden hinzugefügt, die dann in einen Teufelskreis zwanghafter Gewohnheiten einbezogen und aufrechterhalten werden. Unsere Aufgabe ist es, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, die Aufmerksamkeit von ihrer zwanghaften Bindung an defensive Muster zu befreien und sie auf normale zu richten.

Bei unseren jungen Patienten wird die erhöhte Aufmerksamkeit im Zuhören, die erforderlich ist, durch verschiedene Methoden erreicht – wir spielen Laut-Spiele in der Art von „Folge dem Anführer“ [bei dem die Mitspieler alles genau nachmachen müssen, was der „Anführer“ vormacht] und überprüfen mit dem Tonbandgerät, wie getreu dem Anführer gefolgt wurde. Kopfhörer helfen dabei, Ablenkungen auszuschalten und der Sprache einen direkteren Einfluss auf die Aufmerksamkeit zu verleihen, und den Kindern gefällt das. Gewöhnlich dauert es nicht lange, bis das Kind normale Phrasen ohne Schwierigkeiten nachspricht. Dann können Geschichten wiedergegeben werden, in einer Mischung aus Nachsprechen und Schattensprechen – wir nennen das „auf den Fersen hereinkommen“. Manchmal, wenn ein Kind einen Text nachspricht, den es über Kopfhörer von einer Schallplatte hört, sind wir in der Lage, die natürlich fließende Sprache des Kindes mit dem Tonbandgerät aufzunehmen und sie ihm dann vorzuspielen. Die eigene Stimme normal sprechen zu hören und die Erfahrung, die normalen Sprechbewegungen zu spüren hilft ihm dabei, sich von den defensiven Mustern zu lösen.

Es ist klar, dass die Umgebung des Patienten, besonders des kleinen Kindes, mit größter Sorgfalt auf Ursachen für Angst hin untersucht werden muss. Neulich wurde ein kleines Mädchen von 3 3/4 Jahren mit einem ausgeprägten sekundären Stottern in die Klinik gebracht. Es war bemerkenswert, dass das Kind rot wurde, wenn es stockte, und ängstlich zu seiner Mutter blickte. obwohl sonst das Verhältnis zwischen beiden ganz unbeschwert zu sein schien. Die Vorgeschichte ihres Falles brachte folgende Tatsachen ans Licht: Das Stottern hatte sich erst in den letzten zwei Monaten entwickelt. Das Kind war ein Spätstarter in der Sprachentwicklung, und sein Sprechen war noch ungefestigt mit manchen kindlichen Substituten und mangelhaft artikulierten Lauten. Es gab nur ein weiteres Kind in der Familie, eine fünf Jahre ältere Schwester, deren Sprachentwicklung ungewöhnlich weit fortgeschritten war. Die Eltern hatten plötzlich Angst bekommen wegen der Sprache der Jüngeren, als sie sie mit der des größeren Mädchens in jenem Alter verglichen, was dazu führte, dass unsere kleine Patientin seit 2 Monaten Gegenstand permanenter Kontrolle und Korrektur war – gut gemeint und gütig durchgeführt, aber vollkommen frustrierend für das intensive Kommunikationsbedürfnis des Kindes.

Die Eltern waren äußerst kooperativ, und nachdem sie die Sache begriffen hatten, unterließen sie das Kritisieren vollständig. Nach zwei Monaten auditiven Umlernens [auditory retraining] war das Stottern völlig beseitigt. Man könnte einwenden, das Sprechen dieser Patientin hätte sich auch von selbst, ohne weitere Behandlung normalisiert, nachdem der Angst auslösende Faktor beseitigt war, und es ist unmöglich, dies auf anderem Wege zu prüfen. Doch nach unserer Erfahrung mit dem sich selbst aufrechterhaltenden [self-perpetrating] Charakter des Stotterns wäre das wahrscheinlich nicht so gewesen. Es ist hinzuzufügen, dass in dem Prozess des sorgfältigeren Hinhörens, der in der Behandlung gefordert ist, viele der artikulatorischen Schwächen des Kindes beseitigt wurden, ohne die Aufmerksamkeit irgendwie direkt darauf zu fokussieren.

Bei den meisten älteren Stotterern entspringen Ängste aus negativen Einstellungen im Zusammenhang mit ihrer Behinderung, und es ist höchst interessant zu beobachten, wie ihre subjektiven Reaktionen, die oft die Ursache für viel Kummer in ihrem Leben sind, allmählich ans Licht kommen und aus einer anderen Perspektive gesehen werden, wenn der Patient während der Behandlung wahrzunehmen beginnt, was es ist, das ihn daran hindert, zu hören und auf die normalen Sprechmuster zu achten.

Bei einem reiferen Patienten starten wir mit dem Schattensprechen, nehmen es auf Band auf und spielen es ihm vor, um die Genauigkeit zu überprüfen. Gewöhnlich wird ohne Probleme ein recht ordentlicher Grad an Sprechflüssigkeit erreicht – allerdings bei großer Ungenauigkeit in der Geschwindigkeit und im Rhythmus. Unserem Patienten wird gezeigt, wie solche Ungenauigkeiten in Passagen vorherrschen, die gefürchtete Laute enthalten. Er beginnt wahrzunehmen, dass er in den Momenten, in denen seine Aufmerksamkeit auf die eigenen Muster zurückschaltet, „reagiert“. Er wird darin bestärkt, die Aufmerksamkeit auf das ihm präsentierte äußere Muster gerichtet zu halten und immer „der Linie der Klanges entlang“ [all along the line of sound] zu lauschen. Wenn er darin erfolgreicher wird, macht er die Erfahrung eines angenehmen Gefühls von Freiheit und Normalität, und er beginnt, sich um die notwendige Unterdrückung der alten defensiven Gewohnheiten zu bemühen und normale aufzubauen. Selbst mit diesen scheinbar simplen und sehr praktischen Übungen wird unser Patient dahin gebracht, etwas von den Gründen seiner Versklavung durch das Stottern zu erkennen, und die Möglichkeit, zumindest in ersten Anzeichen, von etwas anderem.

Wenn er begonnen hat, die Aufmerksamkeit entspannt auf den Text zu richten und dem Zurückfallen in seine eigenen defensiven Muster widersteht, machen wir die Übung auf verschiedene Weise schwieriger: durch Unterbrechung, Änderung der Geschwindigkeit und der Lautstärke usw. Wiederum setzen wir unsere Technik mit einem zweifachen Ziel ein: Der Patient muss nicht nur erhöhte auditive Aufmerksamkeit aufwenden, um die Störung zu überwinden, sondern bestimmte, unter Stotterern verbreitete Einstellungen werden unter diesen Bedingungen sichtbar, können beobachtet und allmählich abgelegt werden. Der Stotterer ist gewohnheitsmäßig in der Verteidigungsposition, was das Sprechen betrifft, allzu leicht bereit, seine Fehler zu rechtfertigen, und sogar intelligente und kooperative Patienten haben außerordentliche Probleme damit, äußere Unterbrechungen ohne Verunsicherung und Verlegenheit zu akzeptieren. Ein großer Schritt vorwärts ist getan, wenn solche Unterbrechungen und Störungen ohne subjektive Reaktionen akzeptiert werden können – der Patient hört beim Schattensprechen auf den Text, wenn etwas zu hören ist, und bleibt ruhig und passiv, wenn nichts zu hören ist.

Neue Techniken, die entwickelt wurden, um das Verständnis des Patienten dafür zu schärfen, dass die Phrase die natürliche Einheit der Sprache ist, spielen eine wichtige Rolle in der Behandlung. Häufige und abwechslungsreiche Übungen im Wiederholen von Phrasen bewirken, ähnlich wie die Übungen beim Schattensprechen, den Aufbau einer Widerstandskraft gegen subjektive Reaktionen; die Aufmerksamkeit des Patienten wird allmählich von der desintegrierenden Voraus-Fixierung auf einzelne Laute abgelenkt und zurückgeführt zur sensiblen Einheit der Phrase.

Eine Übung, die wir in diesem Zusammenhang unseren Patienten abverlangen, besteht darin, ein lockeres repetitives „vorgetäuschtes“ Stottern an den Beginn jeder Phrase anzufügen, dabei die Aufmerksamkeit weiter auf die Muster gerichtet zu halten, die ihnen im Rest der Phrase präsentiert werden, und, während sie sprechen, dem Therapeuten ruhig in die Augen zu schauen. Einmal besichtigte eine Gruppe von Studenten die Klinik und beobachtete, wie ein
9 Jahre alter stotternder Junge diese Übung absolvierte, ohne mit der Wimper zu zucken, Die Studenten wurden danach dem gleichen Test unterzogen. Nur einer von den sieben bewältigte die Aufgabe mit Erfolg. Alle anderen zeigten offensichtliche Verlegenheit, wandten beim vorgetäuschten Stottern die Augen ab, veränderten den Rhythmus der Phrase vollständig, und in zwei Fällen produzierten sie tatsächlich ein unwillkürliches Stottern – sehr zur Belustigung unseres jungen Patienten. Wenn man begreift, wie empfindlich sogar der Normalsprecher dieser Art von Sprechsituationen gegenüber ist, wird der Wert einer solchen Übung klar, die in dem Stotterer eine objektivere Einstellung entwickelt.

Das Problem des Stotterns ist kein Problem des Sprechens, sondern des Sprechens in einem Akt der Kommunikation. Es ist ein Problem der menschlichen Beziehungen, und, als solches, unendlich komplex. Keine einzelne Herangehensweise kann als die einzig Richtige angesehen werden – es muss viele Wege geben, dem Stotterer zu helfen. Doch in der letzten drei Jahren unserer Arbeit im St. Mary's war es uns möglich, auf dieser die Wahrnehmung ins Zentrum stellenden Herangehensweise [perceptual approach] eine dynamische und interessante Technik aufzubauen, die an alle Altersgruppen und Typen von Stotterern angepasst werden kann.

Die jungen Patienten – vorausgesetzt, Spannungen in der Umgebung können vermindert werden – reagieren gut auf ein direktes auditives Umlernen [auditory retraining]. Bei den älteren Patienten beeinflussen die den Sprechsituationen anhaftenden Ängste oft das gesamte Verhalten. Es wäre absurd, zu erwarten, das auditive Umlernen allein könnte für solche Patienten eine echte Erleichterung bringen. Doch hier hat sich unsere Technik als sehr wertvoll erwiesen, weil sie nicht nur dazu dient, die Erinnerung an die Normalität zu stärken und zu stabilisieren, sondern sie kann auch als ein Instrument genutzt werden, mit dem der Stotterer auf ganz praktische Art dazu gebracht werden kann, durch das aktuelle Erleben, die Natur seiner Schwierigkeiten zu begreifen und die Prinzipien, die befolgt werden müssen, wenn er sich davon befreien will.

..................................................................................................
MacLaren, J. (1960), The treatment of stammering by the Cherry-Sayers-Method. Clinical impressions. In: Eysenck, H. J.(Ed,), Behaviour therapy and the neuroses, pp. 457–460. Oxford: Pergamon

Einen Kommentar muss ich noch anfügen: MacLarens These, Stottern sei „kein Problem des Sprechens, sondern des Sprechens in einem Akt der Kommunikation“ ist selbstverständlich falsch. Stottern ist sehr wohl eine Störung des Sprechens und tritt auch im Selbstgespräch auf – da ich sehr gern und häufig „laut denke“, kann ich das gut an mir beobachten. Natürlich können aus dem Stottern Probleme in der Kommunikation resultieren – müssen aber nicht: Ein milder Stotterer hat kein Kommunikationsproblem, solange er selbst und seine Gesprächspartner das Stottern nicht wichtig nehmen und sich davon nicht irritieren lassen. Aber er hat trotzdem eine Sprechstörung. -- Eine andere Frage ist, ob Beziehungsprobleme, die die Kommunikation belasten, zum Ausbruch des Stotterns beitragen oder dieses verstärken können. Das scheint der Fall zu sein.

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Re: Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 29. November 2013 23:07

Hallo,

nach längerer Pause – ich hatte anderes zu tun – nun die Fortsetzung dieses „stotterhistorischen“ Threads über das Schattensprechen oder Shadowing. Nachdem ich in den vorangegangenen Beitragen alle die Aufsätze vorgestellt habe, die über den erfolgreichen Einsatz des Schattensprechens in der Stottertherapie berichten, will ich nun die kritischen Stimmen zu Wort kommen lassen. Fiedler und Standop (siehe den ersten Beitrag in diesem Thread) erwähnen vier kritische Quellen:
  • Meyer & Mair (1963)
  • Yates (1970)
  • Ingham & Andrews (1973)
  • Öst, Götestam & Melin (1976)
Ich werde die Texte in dieser Reihenfolge vorstellen und beginne heute mit

Meyer & Mair:
Eine neue Technik, das Stottern zu kontrollieren. Ein vorläufiger Bericht.


Der Artikel fängt so an:
  • ''In our limited experience, the use of shadowing (Cherry et al., 1956), negative practice (Lehner, 1954) and hypnosis in the treatment of stammering, produced improvements in clinical sessions that were not maintained in everyday life where anxiety was aroused. Indeed, all the methods which are used to treat stammering seem to encounter the same difficulty.'' (251)
Frei übersetzt:
  • „Soweit wir sehen, hat der Einsatz von Schattensprechen, Pseudostottern und Hypnose in der Behandlung des Stotterns Verbesserungen in therapeutischen Sitzungen bewirkt, die im Alltag nicht aufrechterhalten werden, wenn Ängste auftreten. Tatsächlich scheinen alle zur Behandlung des Stotterns angewandten Methoden an derselben Schwierigkeit zu scheitern.“

Nachweise für diese These werden nicht geliefert; statt dessen wird im gesamten weiteren Text eine Sprechhilfe vorgestellt, eine Art transportables, individuell einstellbares Metronom. das ein rhythmisches und dadurch stotterfreies Sprechen im Alltag erlauben soll. Kein Wort weiter über Shadowing.

Hier noch die vollständige Quellenangabe:
Meyer, V. & Mair, J. M. (1963): A new technique to control stammering: A preliminary report. Behaviour Research and Therapy, 1, S. 251–254.

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Re: Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 1. Dezember 2013 18:40

Ich ändere diesen Beitrag heute (2. 12.) noch mal total, weil ich gemerkt habe, dass mir ein Fehler passiert ist. Fiedler und Standop führen Yates (1970) gar nicht als Kritiker des Shadowings an. sondern sie schreiben: "Vergleichbare Sprechverbesserungen können auch erzielt werden, wenn der Stotternde versucht, einer Bandaufnahme oder der Stimme eines Radiosprechers zu folgen (Yates 1963b)". Ich bin dann wohl in der Literaturliste in die falsche Zeile gerutscht.

Trotzdem ist diese Quelle von einem gewissen Interesse: Yates widmet ein Kapitel seines 1970 erschienenen Buches "Behavior Therapy" (Verhaltenstherapie) dem Stottern und seiner Behandlung. Darin berichtet er über das Schattensprechen als Methode zur Reduktion des Stotterns und, in insgesamt einem Absatz, über die Studien von Cherry & Sayers, MacLaren, Kondas sowie Kelham & McHale (siehe dazu die Beiträge in diesem Thread). Dieser Absatz beginnt folgendermaßen:
  • „Sowohl Cherry und Sayers (1956) als auch MacLaren (1960) verwendeten die Shadowing-Technik für therapeutische Zwecke, mit anscheinend ermutigenden Resultaten. Die nachfolgenden pessimistischen Schlussfolgerungen von Meyer and Mair (1962) hinsichtlich dieser Technik werden einigermaßen aufgewogen [have been somewhat offset] durch zwei jüngere Studien …“
Warum Yates diesen letzten Satz geschrieben hat, ist mir unklar, da die "pessimistic conclusions" von Meier & Mair - siehe vorigen Beitrag - völlig substanzlos sind. Aber vielleicht haben Fiedler und Standop diesen Satz bei Yates gelesen und aufgrund des Titels der Quelle ("Eine neue Technik, das Stottern zu kontrollieren") angenommen, dass es da wirklich um das Schattensprechen geht.

Yates selbst äußert sich nicht kritisch über das Shadowing, ich habe im Gegenteil den Eindruck, dass er der Methode positiv-neutral-beobachtend gegenüberstand.

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Re: Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 3. Dezember 2013 21:33

Hier nun wieder einen Aufsatz vor, der sich tatsächlich kritisch über das Schattensprechen äußert - mit welchem Recht, werden wir sehen:

Roger Ingham und Gavin Andrews (1973):
Verhaltenstherapie und Stottern: Eine Übersicht.


Das Anliegen des Artikels ist das Vergleichen der damals verbreiteten verhaltenstherapeutischen Methoden in der Stottertherapie, mit besonderem Augenmerk auf Messverfahren, speziell der Messung der Behandlungsresultate. In der Zusammenfassung wird folgendes Urteil abgegeben:
  • „Künstliche Vertäubung [masking] und Schattensprechen erscheinen nun in ihren therapeutischen Erfolgsaussichten begrenzt [now seem limited in therapeutic promise], und Pseudostottern [negative practice] und Angstabbau müssen ihr kraftvolles therapeutisches Potential erst noch beweisen. Rhythmisches Sprechen und gedehntes Sprechen scheinen größeren therapeutischen Erfolg zu versprechen …“ (405)
Wie kommen die Autoren zu ihrem negativen Urteil über das Schattensprechen? In dem betreffenden Abschnitt (S. 414–416) werden die Studien von Cherry & Sayers (1956), Kelham & McHale (1966), Kondas (1967), der Artikel von MacLaren (1960), sowie die beiden Einzelfallstudien Walton & Black (1958) und Walton & Mather (1963) behandelt bzw. erwähnt. Kritisiert wird, dass die Daten nicht ausreichend sind, um die Resultate zu beurteilen (keine Messung der Stotterhäufigkeit vor und nach der Therapie; nur verbale Bewertungen wie „stark gebessert“ oder „gebessert“). Weiterhin wird zu Recht bemängelt, dass in einigen Studien (u.a. Kelham & McHale) keine Nachuntersuchungen durchgeführt wurden. In der Studie von Kondas wird der Gebrauch des Wortes „geheilt“ (cured) kritisiert und das Fehlen exakter Angaben über die Stotterschwere vor der Therapie. Außerdem wird darauf verwiesen, dass bei den sehr jungen Patienten Spontanremissionen die Ergebnisse der Nachuntersuchungen verfälscht haben könnten. Das Fazit lautet:
  • „Insgesamt vermitteln die betrachteten Studien den Eindruck, dass das Schattensprechen mit anderen Verfahren kombiniert werden muss, wenn es in der Therapie eingesetzt wird. Doch diese Studien sind gekennzeichnet durch methodische Unzulänglichkeiten und Versäumnisse, die es schwer machen, irgendwelche eindeutigen Rückschlüsse über die Effektivität des Schatten-sprechens in der Stottertherapie zu ziehen.“ (416)
Ich frage mich nur, wie die Autoren von hier zu ihrem Urteil in der Zusammenfassung kommen, dass das Schattensprechen „in seinen therapeutischen Erfolgsaussichten begrenzt erscheint“. Oder wollen sie damit sagen, dass es nicht unbegrenzt ist? Welche therapeutische Methode hat nicht irgendwo ihre Grenzen?

Also auch dieser Artikel sagt nichts über die Wirksamkeit des Schattensprechens aus, sondern kritisiert nur, teilweise sicher zu Recht, die Qualität der durchgeführten Studien bzw. der Berichte darüber.

Torsten

Quellenangabe: Ingham, R. J. & Andrews, G. (1973) Behavior therapy and stuttering: A review. Journal of Speech and Hearing Disorders, 38, 405–441.
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Re: Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 8. Dezember 2013 22:00

Hier nun der dritte und letzte von Fiedler u. Standop aufgeführte Artikel, in dem ein negatives Urteil über das Schattensprechen als Therapiemethode abgegeben wird - es ist die einzige empirische Studie, durchgeführt 1976 an der Universität Uppsala:

Lars-Göran Öst, Gunnar Götestam und Lennart Melin:
Kontrollierte Untersuchung zweier verhaltenstherapeutischer Methoden in der Behandlung des Stotterns.


Ich gebe eine Zusammenfassung der Studie:

Ziel war, die Effektivität des Sprechens mit Metronom und des Schattensprechens bei der Behandlung des Stotterns zu vergleichen, Dazu wurden drei Gruppen zu je 5 Personen gebildet, jeweils bestehend aus 2 milderen und 3 schwereren Stotterern: eine Metronom-Gruppe, eine Shadowing-Gruppe und eine Kontrollgruppe ohne Behandlung (diesen Personen wurde gesagt, dass sie später behandelt würden, sie wussten nicht, dass sie als Kontrollgruppe dienten). Das Alter der insgesamt 15 Versuchspersonen lag zwischen 14 und 46 Jahren, bei einem Durchschnitt von 25,1 Jahren.

Die Behandlung in den beiden Therapiegruppen wurde von zwei Studenten (undergraduates) durchgeführt, die ein halbes Jahr Erfahrung in Verhaltenstherapie, aber keine Erfahrung in Stottertherapie hatten. Einer behandelte drei Personen in der Shadowing-Gruppe und zwei in der Metronom-Gruppe, der andere die übrigen. Die Behandlungsdauer war auf 3 Monate festgesetzt und bestand aus 20 Sitzungen von 30 – 40 min Dauer. .Die Durchführung der beiden Therapien wird im Abschnitt „Methoden“ folgendermaßen beschrieben (Übersetzung von mir):
  • „Metronom-Training [metronome-conditioned speech retraining]:

    Die Vorgehensweise folgte Bradys Beschreibung von 1971. Die Behandlung war in vier Phasen geteilt, von denen jede ein spezifisches Ziel hatte, das erreicht werden musste, bevor die nächste Phase beginnen konnte. Am Anfang war es das Ziel, der Versuchsperson zu zeigen, dass sie fließend sprechen kann, wenn sie ihr Sprechen dem Tischmetronom anpasst.

    Wenn die Person fließend sprechen konnte, allerdings mit geringer Geschwindigkeit, begann die zweite Phase. Hier war es das Ziel, mit normaler Geschwindigkeit (100 – 160 Wörter pro Minute) und mit weniger als 20 % der Unflüssigkeitsrate zu sprechen, die vor der Therapie gemessen worden war. Dieses Ziel wurde durch allmähliche Erhöhung der Metronomrate und der Zahl der Silben oder Wörter, die auf jeden Schlag gesprochen wurden.

    In der dritten Phase wurde das Tischmetronom durch ein elektronisches Metronom ersetzt, sowohl in den Therapiesitzungen als auch in der normalen Umgebung der Person. Vor dem Eintritt in diese Phase hatte die Versuchsperson eine Rangfolge der Situationen aufgestellt, in denen sie Sprechschwierigkeiten hat. Das Training begann mit der am wenigsten schwierigen Situation, und wenn die Person damit angstfrei umgehen konnte, folgte die nächste. Das Ziel der dritten Phase war fließendes Sprechen in allen Situationen mit Hilfe des elektronischen Metronoms.

    War dies erreicht, trat die Person in die vierte Phase ein mit dem Ziel, ohne Metronom fließend zu sprechen. Das wurde dadurch erreicht, dass der Gebrauch der Sprechhilfe immer häufiger unterbrochen wurde, zunächst mit den einfachsten Situationen in der Rangfolge und dann fortschreitend, bis die Person in allen Situationen ohne Metronom fließend sprechen konnte.

    Shadowing:

    Shadowing ist der Name für verschiedene Techniken, beschrieben von Cherry und Sayers (1956), die alle das Ziel haben, die Wahrnehmungsrückmeldung [perceptual feedback] der Person zu verändern, und dadurch das Sprechen selbst zu verändern. Die in dieser Untersuchung benutzten Techniken waren:

    (1) gemeinsames lautes Lesen: Therapeut und Versuchsperson lesen laut denselben Text. Dabei kann der Therapeut das Lesen stoppen oder zu einem anderen Text wechseln, während die Versuchsperson weiter den ursprünglichen Text liest.

    (2) Schattensprechen: Der Therapeut liest einen Text oder spricht frei, während die Versuchsperson wiederholt, was der Therapeut sagt, mit einer so kurzen Verzögerung wie möglich. Der Versuchsperson ist nicht erlaubt, den Therapeuten anzublicken, sondern sie soll vollkommen davon abhängig sein, ihn zu hören. Die Versuchsperson ist angehalten, das Schattensprechen auch zu Hause mit Hilfe des Radios oder eines Tonbandgerätes zu üben.

    (3) Nachsprechen: Die Versuchsperson wiederholt, was der Therapeut sagt, mit einer Verzögerung von etwa zwei Wörtern oder einem halben Satz.

    (4) Flüstern: Die Versuchsperson lernt, fließend zu flüstern und dann allmählich die Lautstärke der Stimme zu steigern.

    Die vier beschriebenen Techniken wurden in der obigen Reihenfolge eingeführt und danach entsprechend den Bedürfnissen jeder Versuchsperson eingesetzt. Während der Therapiesitzungen wurden die Sprechgeschwindigkeit, die Stimmlautstärke, die verwendeten Texte, die Situationen und die Zahl der anwesenden Personen variiert.“ (588 – 89)
Vor, unmittelbar nach und in einer Nachuntersuchung 14 Monate nach der Therapie wurde der Grad des Stotterns anhand von Tonbandaufnahmen ermittelt, und zwar vom spontanen Sprechen und vom lauten Vorlesen.

Resultate:

Beim spontanen Sprechen gab es eine signifikante Verminderung des Stotterns (im Vergleich zur Kontrollgruppe) nur in der Metronomgruppe. Auch in der Kontrollgruppe war – ohne Behandlung – die Stotterrate ziemlich deutlich, von 22,3 % auf 10,3 % gesunken. Beim lauten Lesen gab es keine singifikanten Gruppenunterschiede in der Veränderung der Stotterrate; in der Shadowing-Gruppe wurde eine signifikante Erhöhung des Sprechtempos (Wörter pro Minute) festgestellt. Ein Fragebogen zur „Selbstbewertung der Reaktionen in Sprechsituationen“, der von allen Probanden ausgefüllt wurde, ergab keine signifikanten Unterschiede zwischen den drei Gruppen.

Zur Erklärung der mageren Ergebnisse heißt es in der abschließenden Diskussion:
  • „Ein generelles Problem bestand darin, Versuchspersonen mit einem hinreichend starken Stottern zu bekommen. Acht hatten weniger als 10 % Unflüssigkeiten, und das mag ihre Motivation, zwischen den Therapiesitzungen zu üben, vermindert haben. Das war besonders auffällig bei den Probanden, die mit Shadowing behandelt wurden.“
Außerdem wird von den Autoren vermutet, dass die Behandlungszeit von 3 Monaten zu kurz war. Aus meiner Sicht sind noch einige Kritikpunkte anzufügen:
  • Die beiden Therapeuten waren in der Stottertherapie unerfahren.
  • Während es für die Metronomgruppe ein durchdachtes Therapiekonzept gab, das in Behandlungsabschnitte mit klar definierten Zielen gegliedert war, scheint es für die Behandlung in der Shadowing-Gruppe kein vergleichbares Konzept gegeben zu haben.
  • Auch ethisch ist die Studie fragwürdig: Das Ziel war hier anscheinend nicht, die Betroffenen optimal zu behandeln – das hätte z.B. erfordert, die Behandlungsdauer den individuellen Bedürfnissen der Patienten anzupassen – sondern statistisch verwertbare Daten zu gewinnen.

Meiner Ansicht nach sagt diese Studie über die Eignung des Schattensprechens als Methode in der Stottertherapie absolut nichts aus.

Torsten

Hier noch die Quelle: Öst, L.-G., Götestam, K. G., & Melin, L. (1976). Controlled study of two behavioral methods in the treatment of stuttering. Behavior Therapy, 7, 587–592.
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Re: Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 19. Dezember 2013 11:54

Nachdem ich die vorhandene Literatur über das Schattensprechen / Shadowing ziemlich komplett vorgestellt habe – es fehlen nur die beiden Einzelfallstudien, in denen über zwei erfolgreiche Behandlungen berichtet wird – will ich nun ein Fazit versuchen. Ich denke, die Quellen sprechen dafür, dass das Shadowing eine brauchbare Methode für die Stottertherapie sein kann, wenn es in Kombination mit anderen Methoden sinnvoll eingesetzt wird. Um so mehr wundert man sich, dass die Methode in Vergessenheit und sogar in Misskredit geraten ist.

So ordnet Nan Bernstein Ratner in der aktuellen Auflage des ''Handbook on Stuttering'' das Shadowing unter ''new ways of altering speech production patterns to treat stuttering'' (neue Arten, das Sprachproduktionsmuster zu verändern, um Stottern zu behandeln) ein. Das wäre nur dann richtig, wenn man, vom lerntheoretischen Ansatz ausgehend, annimmt, dass beim Schattieren eine richtige Sprechweise eingeübt und eine falsche verlernt wird. Aber das ist Unfug. Erstens ist Stottern kein erlerntes falsches Sprechmuster, und zweitens verschwindet das Stottern beim Schattensprechen auch dann, wenn man seine eigene Art zu sprechen, z.B. seinen Dialekt, nicht ändert. Das Stottern verschwindet sogar beim Simultandolmetschen, also beim Schattieren in einer anderen Sprache (siehe den Bericht von Paul Dest am 16. 12. 20012 im Thread "Simulgantechnik" und den Beitrag von PetraS vom 26. 11. 2013 im Thread "Antizipation").

Nan Ratner behandelt das Shadowing zusammen mit Froeschels' ''chewing method'' (1943; Sprechen mit Kaubewegungen) und seinem ''ventriloquism'' (1950; wörtl. „Bauchreden“, Sprechen mit einem Minimum an Lippenbewegungen) und kommt zu dem Schluss: „Solche Methoden haben keine akzeptable Nachweis-Basis, um irgendein Vertrauen in sie zu setzen und ihre therapeutische Anwendung in der heutigen Zeit zu rechtfertigen“ ("Such methods do not have a reasonable evidence-basis to justify their therapeutic use with any confidence at this time.'' Oliver Bloodstein & Nan Bernstein Ratner: A Handbook on Stuttering, 6. Aufl., S. 344).

Das ist sozusagen der aktuelle Stand. Über die Gründe, warum das Shadowing nach der anfänglichen Begeisterung so schnell in Vergessenheit geraten ist, kann ich nur spekulieren. In den USA hat es anscheinend nie eine Rolle gespielt – vielleicht, weil gerade andere neue Therapieansätze in Mode gekommen waren. Für normale Stottertherapeuten war das Shadowing möglicherweise zu schwierig in der Anwendung: Man braucht für das häusliche Üben entweder einen geeigneten Vorsprecher oder spezielle Audio-Aufnahmen (das Radio ist für viele zu schnell, billige Kassettenrekorder kamen erst Ende der 70er Jahre auf den Markt – und natürlich nur im Westen).

Für normale Therapeuten war das Schattensprechen also vielleicht nicht praktikabel genug. und für die Wissenschaft wurde es vermutlich uninteressant, weil man nicht verstanden hat, worauf seine Wirkung beruht. Die Lerntheorien des Stotterns wurden bald als falsch erkannt. Auch Cherrys Hypothese des fehlerhaften knochengeleiteten auditiven Feedbacks konnte nie experimentell bestätigt werden. Und wenn Stotterer irgendein quasi physikalisches Problem mit der auditiven Rückmeldung hätten, so hätten sie es ständig, und es wäre kaum zu erklären, warum Stottern situationsabhängig ist, warum es häufig am Wortanfang und bei bestimmten Lauten auftritt, und warum es beim Singen – bei dem man besonders auf das Hören der eigenen Stimme angewiesen ist – keine Probleme gibt.

Man hat also damals, in den50er, 60er und 70er Jahren, nicht verstanden, worauf die Wirkung des Schattensprechens beruht – wie es kommt, dass auch schwere Stotterer dabei kaum Symptome haben. Und zumindest Nan Ratner hat es auch 2008 nicht verstanden. Ich glaube aber, dass Martin Sommer und seine Kollegen auf der richtigen Spur waren, als sie einen Zusammenhang zwischen dem Shadowing und den Faserverbindungen im linken Sprachnetzwerk vermutet haben:
  • ''Fluency-inducing techniques such as chorus reading or shadowing have a powerful effect in stuttering. Chorus reading and shadowing might induce fluency by providing an external clock. Through projections from periauditory areas, this external clock might be able to functionally compensate the disconnection between frontal speech planning areas and motor areas by synchronizing their activity via a common input.'' (382*)
Übersetzung von mir:
  • „Sprechflüssigkeit herbeiführende Techniken wie das Lesen im Chor oder das Schattensprechen haben eine machtvolle Wirkung beim Stottern. Im-Chor-Lesen und Schattensprechen dürften das flüssige Sprechen dadurch bewirken, dass sie einen äußeren Takt liefern. Durch Übertragung von periauditorischen Arealen [Bereiche der Hirnrinde, in denen Höreindrücke weiterverarbeitet werden] könnte dieser externe Takt in der Lage sein, die Unterbrechung der Verbindung zwischen den frontalen Sprechplanungs-Arealen und den motorischen Arealen funktionell zu kompensieren, und zwar durch die Synchronisation ihrer Aktivität durch ein gemeinsames Input.“
Allerdings liefert das Schattensprechen nicht wirklich einen äußeren Takt, sondern nur die Wörter die nachzusprechen sind - der Sprechrhythmus des Nachsprechers unterscheidet sich meist deutlich von dem des Vorsprechers. Auch das Im-Chor-Lesen liefert keinen Takt, sondern gibt nur die Sprechgeschwindigkeit vor. Man kann nicht warten, bis man die anderen eine Silbe sprechen hört, und sie erst dann selbst sprechen – dann wäre man infolge der Reaktionszeit viel zu spät. Vielmehr erfasst man das Sprechtempo der Gruppe und passt sein eigenes Tempo an – indem man ständig sowohl die Stimmen der anderen als auch die eigene Stimme hört und bei Asynchronität entweder schneller oder langsamer spricht. Das gilt übrigens sogar für das Sprechen nach Metronom: Hier wird tatsächlich von außen ein Takt vorgegeben, doch wenn man die Silben erst spricht, nachdem man jeweils den Taktschlag gehört hat, ist man viel zu spät. Um synchron zu sein, muss man den Rhythmus erfassen, ihn selbst produzieren und über das Hören das Tempo kontrollieren.

Und beim Schattensprechen? Man hört auf den Vorsprecher. hört aber zugleich auch das eigene Sprechen, denn man muss kontrollieren, ob man eine Wortgruppe korrekt und vollständig nachgesprochen hat, bevor man mit dem Sprechen der nächsten Wortgruppe, die man inzwischen gehört und im Gedächtnis bewhrt hat, beginnt**. Dasselbe gilt für das Simultandolmetschen: Man muss auch die eigene Stimme wahrnehmen, denn man muss kontrollieren, ob man eine Wortgruppe korrekt und vollständig übersetzt hat, bevor man die nächste beginnt.

Das ist das Gemeinsame von Schattensprechen, Simultandolmetschen, Lesen im Chor und Sprechen mit Metronom: Man muss beim Sprechen auf eine äußere Vorgabe hören und zugleich hörend kontrollieren, ob die eigene Sprache der Vorgabe folgt – sei es im Inhalt, im Tempo oder im Takt.

Torsten

*) Sommer et al. (2002). Disconnection of speech-relevant brain areas in persistent developmental stuttering. Lancet, 360, 380–383.

**) Damit ist nicht gemeint, dass wir bewusst die Richtigkeit und Vollständigkeit der gesprochenen Wortgruppe feststellen und erst danach weitersprechen. Das würde viel zu lange dauern. Es ist vielmehr so, dass das Monitoring, die "begleitende Qualitätskontrolle" beim Sprechen, ein parallel laufender, automatischer, unbewusster Vorgang ist. Auch beim gewöhnlichen Sprechen bemerken wir Versprecher, ohne ständig bewusst darauf zu achten, und stoppen (nach einer Reqktionszeit) spontan die Rede, um uns zu korrigieren. Vergl. Willem Levelts "Main Interruption Rule" (Levelt, W.: Speaking, 4. Aufl. 1995, S. 478).
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Re: Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 27. Dezember 2013 19:30

Wenn es richtig ist, dass das ist das Gemeinsame von Schattensprechen, Simultandolmetschen, Lesen im Chor und Sprechen mit Metronom darin besteht, dass man während des Sprechens die Aufmerksamkeit auf das Hören richten muss – auf das Hören einer äußeren Vorgabe und der eigenen Stimme – dann ist es plausibel, anzunehmen, dass es diese gemeinsame Eigenschaft ist, die in all diesen Fällen das Stottern verschwinden lässt.

Und damit bin ich wieder bei den Verbindungsfasern des linken Sprechnetzwerkes im Gehirn, die bei Stotterern schwächer entwickelt sind (siehe letzten Beitrag). Diese Fasern verbinden die Bereiche des Sprachverstehens (Wernicke-Areal) mit denen der Sprechsteuerung, nämlich dem für die Sprechplanung „zuständigen“ Broca-Areal und dem motorischen Kortex, von dem aus die Sprechbewegungen gesteuert werden. Zwar liegt der Schwachpunkt in den Fasern zwischen Broca-Areal und Motorkortex, aber ein entscheidender Input kommt offenbar vom Wernicke-Areal (d.h. vom hinteren oberen Temporalkortex). So schreiben Kate Watkins und Kollegen, die 2008 die Befunde von M. Sommer bestätigen konnten:
  • ''...the integrity of the white matter underlying the underactive areas in ventral premotor cortex was reduced in people who stutter. The white matter tracts in this area via connections with posterior superior temporal and inferior parietal cortex provide a substrate for the integration of articulatory planning and sensory feedback, and via connections with primary motor cortex, a substrate for execution of articulatory movements.''
auf deutsch etwa:
  • „... die Integrität (Intaktheit, Vollständigkeit) der weißen Hirnmasse unterhalb der minderaktivierten Gebiete im unteren prämotorischen Kortex war bei den Stotterern vermindert. Die weißen Faserbahnen in diesem Bereich stellen – über die Verbindung mit dem hinteren oberen Temporal- und dem unteren Parietalkortex (Hirnregionen, die mit dem Sprachverstehen und dem verbalen Arbeitsgedächtnis zu tun haben) – ein Substrat (= eine materielle Basis) für die Integration von artikulatorischer Planung und sensorischer Rückmeldung sowie – über die Verbindung zum primären Motorkortex – ein Substrat für die Ausführung der Artikulationsbewegungen dar.“
Wie das aussehen kann, zeigt das folgende Modell von Bernal & Adrila (2009):
Bernal & Adrila.jpg
Bernal & Adrila.jpg (13.01 KiB) 6023 mal betrachtet
SMA = supplementäres motorisches Areal (Planung willkürlicher Bewegungen)
BA45, BA47 = vordere Sprechplanungsareale
BA6 = seitliches prämotorisches Areal (Bewegungsplanung in Abhängigkeit von äußeren Reizen)
BA4 = primärer motorischer Kortex (Bewegungssteuerung)


Ich glaube nicht, dass das Schattensprechen oder das Synchronsprechen (im Chor oder mit Metronom) einen äußeren Takt an die motorischen Areale liefern, mit dem fehlende Signale von den Sprechplanungs-Arealen kompensiert werden (siehe letzten Beitrag). Ich denke vielmehr, dass die Einbeziehung der auditiven Rückmeldung in die Sprechplanung notwendig für die effektive Steuerung der Artikulation ist. Dafür ist es aber nötig, dass die auditive Rückmeldung angemessen verarbeitet und an die Sprechplanungsareale weitergeleitet wird. Das wiederum ist von der Aufmerksamkeit auf den auditiven Kanal abhängig – also davon, ob man beim Sprechen auf seine eigene Stimme hört (siehe den ersten Beitrag auf dieser Seite).

Beim Schattensprechen, Simultanübersetzen und Synchronsprechen ist man gezwungen, die Aufmerksamkeit auf das Hören zu richten - und genau das dürfte der Grund sein, warum auch Stotterer unter diesen Bedingungen flüssig sprechen. Ansonsten scheinen Stotterer zu wenig auf ihre eigene Sprache zu hören, denn ihre auditorischen Hirnareale sind beim normalen Sprechen typischerweise minderaktiviert (siehe den zweiten Beitrag auf dieser Seite). Beim Synchronsprechen steigen die Aktivierungen deutlich an – und übrigens auch beim Singen, bei dem man ebenfalls auf seine Stimme hören muss, um die Melodie zu kontrollieren (siehe den 2. - 5, Beitrag auf dieser Seite). Für das Schattensprechen gibt es keine Messergebnisse.

Ich denke also, dass das Stottern beim Schattensprechen verschwindet, weil der Sprecher gezwungen ist, nicht nur auf den Vorsprecher, sondern auch auf seine eigene Sprache zu hören; dadurch wird die auditive Rückmeldung ordentlich verarbeitet, weitergeleitet und in die Sprechplanung/motorische Steuerung einbezogen.

Damit ist allerdings noch nicht die Frage nach Sinn oder Unsinn des Schattensprechens in der Therapie beantwortet. Diese Frage hängt m.E. mit einer anderen Frage zusammen – der Frage, welche Bedeutung die verminderte Integrität der weißen Fasern für das Stottern hat: Ist sie Ursache oder Folge des Stotterns? Oder beides? Oder keins von beidem? Mehr dazu im neuen Jahr. Kommt gut rein!
§prost
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Re: Schattensprechen

Beitrag von Torsten » 28. Januar 2014 18:49

Am Ende des letzten Beitrages hatte ich eine Frage formuliert: Welche Bedeutung hat die verminderte Integrität der weißen Fasern für das Stottern? Die Beantwortung der Frage, habe ich in die Rubrik „Wissenschaft und Forschung“ verlegt, siehe den letzten Beitrag (vom 16. 1.) auf dieser Seite und die dort folgenden.vom 20. und 26. 1. 2014.

Ich kann mich deshalb hier kurz fassen: Meiner Ansicht nach ist die mangelnde Faserreifung eine Folge der geringen Aktivität dieser Fasern. Und ich denke, Stottern ist ebenfalls eine Folge der zu geringen Aktivität dieser Fasern
– nämlich einer mangelhaften Einbeziehung der auditiven Rückmeldung in die Sprechsteuerung. Allerdings hat die mangelnde Faserreifung eine Rückwirkung: Die Erregungsleitung in diesen Fasern ist langsamer, mit der Folge, dass konkurrierende Fasern, wahrscheinlich die des Sprachnetzwerkes der rechten (d.h. der eigentlich nicht sprachdominanten) Hirnhälfte schneller aktiviert werden und das Geschehen bestimmen.

Die mangelnde Faserreifung ist m.E. also weder die Ursache noch im eigentlichen Sinn eine Folge des Stotterns, sondern eine Folge dessen, was ich für die Ursache Stotterns halte: eine Folge der mangelnden Einbeziehung der auditiven Rückmeldung in die Sprechsteuerung. Ist der Rückstand in der Faserreifung aber erst einmal eingetreten, dann trägt er zu Aufrechterhaltung des Stotterns bei. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Man kann die weißen Fasern trainieren, indem man sie aktiviert. Das muss aber regelmäßig, am besten täglich, über längere Zeit geschehen – zumindest einige Wochen, wahrscheinlich aber mehrere Monate lang (siehe den Bericht über die Studie von Scholz und Koll., Beitrag vom 26. 1. auf dieser Seite).

Die praktikabelste Methode, diejenigen Fasern zu trainieren, die das Sprechen mit dem Hören verknüpfen, scheint das Schattensprechen zu sein. Man kann ein Hörbuch als Vorlage nehmen. Wem das zu schnell ist, der kann von mir MP3-Dateien mit betont langsam gelesenem Text bekommen, natürlich kostenlos. Schickt mir bei Bedarf eine PN!

Ich denke also, dass sich durch regelmäßiges Schattensprechen-Üben (täglich 5 – 10 Minuten) die Fasern trainieren lassen. Allerdings sollte man sich auch angewöhnen, beim Sprechen im Alltag auf die eigene Sprache zu hören, denn das einzuüben ist das eigentlich Wichtige für das fließende Sprechen – und dadurch werden die Fasern natürlich auch trainiert. Man sollte sich angewöhnen, beim Sprechen immer „seine Stimme im Ohr zu haben“. Am besten lässt sich das in Situationen üben, in denen man über nichts Wichtiges redet und in denen man sich auch nicht vor Stottern fürchtet - also z.B. beim Smalltalk mit Freunden, in der Familie oder in der Selbsthilfegruppe. In solchen einfachen Sprechsituationen ist es leichter, auf das Hören zu achten, als in Situationen, in denen man sich sehr auf den Inhalt dessen, was man sagt, oder auf das Vermeiden von Stottern konzentriert.

Torsten
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