Therapie durch anderen Namen

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darabouka
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Therapie durch anderen Namen

Beitrag von darabouka » 6. Januar 2014 16:05

Hi liebe Forenteilnehmer,

ich stottere ja nun auch schon 20 Jahre, allerdings wie in einem anderen Thread schon erwähnt, mittlerweile nur noch über meinen Namen. Das ist natürlich schlimm genug denn das öffentliche Leben funktioniert nicht ohne Namen ;-)
Ich habe mir eine Sache zu Nutze gemacht, die zumindest ein bisschen hilft. Funktioniert allerdings nur als Künstler. Und zwar gibt es im Personalausweis auf der Rückseite ein Feld namens Pseudonym. Wer nachweisen kann dass er unter einem Künstlernamen Einnahmen erzielt ( Nachweise sind Rechnungen, Quittungen, Werbekram, Webseite etc.. man muss schon einiges beim Amt vorlegen :| ) der darf sich seinen selbstausgedachten Künstlernamen im Personalausweis eintragen lassen und damit ist man auch mit diesem neuen Namen voll geschäftstüchtig, d.h. man ist berechtigt Verträge zu unterzeichnen und sich in der Öffentlichkeit unter diesem Namen auszugeben. Ich habe das selbst 2005 gemacht. Der Anreiz dazu war ganz klar dass ich als Stotterer und Künstler in der Öffentlichkeit ein großes Problem gehabt hätte. Deshalb dachte ich mir, ein Künstlername wäre eigentlich perfekt. Jedermann kann sich zwar einfach einen Künstlernamen zulegen ohne zum Amt zu gehen, allerdings hat eben der Eintrag im Pass den entscheidenen Vorteil dass man geschäftstüchtig wird :-)

Wenn ich als Künstler unterwegs bin, dann benutze ich ganz eisern immer nur meinen Künstlernamen. Meine ganze Fangemeinde bei Facebook weiß z.B. gar nicht dass mein Künstlername nicht mein richtiger Name ist :lol:
Dieser schlichte Eintrag bringt mir seit 2005 schon wahnsinnige Erleichterung in mein Leben - naja....in mein Künstlerleben. Aber ich bin sicher dass ich die Leistung und den Status den ich heute habe als Künstler, mit meinem bürgerlichen Namen niemals erreicht hätte. Insofern zum einen ein riesen Teilerfolg und zweitens eine Sache, die nur 30 Euro gekostet hat plus die Dinge die ich sammeln und vorlegen musste. Da ist eine offizielle Namensänderung schon ein ganz anderer Brocken und kosten tut´s wahrscheinlich das 100- fache ;-)

Wer also Künstler ist von Euch und mit dem Namen Probleme hat, sich dadurch wiederum nicht mehr frei und kreativ in seiner Kunst entfalten kann, dem kann ich nur dazu raten diese lächerlichen 30 Euro auszugeben. Ihr dürft dann mit einem schönen neuen Namen Verträge unterzeichnen, dürft euch Werbeschilder drucken und diese öffentlich verwenden und wenn ihr wolltet, könntet ihr euch sogar von Institutionen wie Krankenkasse z.B. eine neue Karte mit dem neuen Namen ausstellen lassen. Soweit bin ich allerdings nicht gegangen. Eine erhebliche Erleichterung ist es für jemanden der stottert. Man bekommt von jetzt auf gleich ein ganz neues Lebensgefühl und sprüht vor Kreativität wenn der Name auf einmal flutscht wie geschmiert und das sogar jedesmal auf Verlangen einer fremden Person :-) :-)

Das einzige Manko was man hat, dass ein Künstlerleben eben nur einen beruflichen Bereich abdeckt. Seine private Identität kann man eben nicht verleugnen und sie wird einem natürlich im sozialen Umfeld immer wieder begegnen. Ich z.B. bin froh im Künstlerischen anders zu heißen aber wenn es um Bewerbungen, Behördenkram etc... geht, dann bin ich nun mal der als der ich geboren bin. Und da setzt das Problem dann natürlich wieder an, was man vorher in seiner Kunst so gut umgehen konnte ;-)

Trotzdem ist es eine enorme Hilfe, die wenig kostet und schon allerlei Vorteile bringt. Ich leide zwar immer noch unter Depressionen und Ängsten im Privaten, aber wenn ich auf die Bühne gehe und meine geniale neue Identität überstreife, dann bin ich ein ganz neuer Mensch und auf einmal bin ich solange komplett stotterfrei bis ich mir wieder meine bürgerliche Identität überstreife......

Ich probiere gerade alles um auch die letzten ( sagen wir 25 % ) Sprachblockaden aus meiner bürgerlichen Identität abzubauen mit Autogenem Training, Hypnose, Psychiatrie, Psychopharmaka, etc.... ( eine krasse Wunderheilung vor 20 Jahren hab ich ja schon erlebt -- anderer Thread ! " viewtopic.php?f=12&t=4155 " )

Wenn mir auch der letzte Schritt noch gelingen sollte, dann werde ich es geschafft haben nach 20 Jahren mein Stottern endgültig loszuwerden. Noch bin ich aber nicht so optimistisch sondern warte erstmal ab was passiert. Ich halte Euch auf dem Laufenden ......

Wie gesagt: Die Sache mit dem neuen Namen im Pass ist etwas was nicht viele wissen. Wenn ihr beweisen könnt dass ihr nen Ruf unter dem Namen in der Öffentlichkeit besitzt, dann trägt die Behörde euch diesen Namen sofort im Pass ein ! Also nutzt die Chance - es macht vieles angenehmer :-)

Beste Grooves .....

Chris

Stolperstein
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Re: Therapie durch anderen Namen

Beitrag von Stolperstein » 11. März 2014 08:14

Hallo Chris, nun ist nicht jeder ein Künstler. Doch vielen Dank, dass du diese sehr persönliche Erfahrung mit uns teilst. Ich selber habe mir keinen Künstlernamen (dafür reichts nicht), sondern einfach einen Spitznamen zugelegt. Er ist verwandt mit meinem "Klarnamen". Manche hatten mich schon so angesprochen, aber ich habs irgendwann selbst forciert. Damit geht es mir sehr gut! Der Hintergrund ist, ich habe an meinem "Klarnamen" nicht so gute Erinnerungen, wurde oft "geschimpft". Mein "Spitzname" ist selbstbestimmt und unbelastet. Von daher kann ich sehr gut nachvollziehen, was du schreibst. Es hat für mich mit Selbst(wert)gefühl zu tun.

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