Stottern und Medikamente: Candesartan, Ritalin,Venlafaxin

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Sprotte
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Stottern und Medikamente: Candesartan, Ritalin,Venlafaxin

Beitrag von Sprotte » 24. September 2014 15:19

Hallo Leute,
da diese Informationen hier vielleicht für manche hilfreich sind und ich gerade Lust habe etwas zu schreiben, möchte ich meine Erfahrung mit drei Medikamenten (Candesartan, Methylphenidat und Venlafaxin) im Zusammenhang mit dem Stottern weitergeben.

Nur kurz vorweg:
Ich bin/war seit meiner Kindheit Stotterer. Mit Beginn der Pubertät wurde dies immer mehr zum Problem, was dazu führte, dass ich mich immer mehr sozial isolierte. Mit Ende der Pubertät besserten sich meine Lebensumstände wieder und nach einer Therapie beim Greifenhofer-Institut in Paderborn habe ich für einige Zeit gar nicht mehr gestottert. Das Stottern kam in den folgenden Jahren (z.B. während des Studiums) immer mal wieder, aber war längst nicht mehr so schlimm wie in meiner Jugendzeit.
Heute bin ich 32 Jahre alt und stottere fast gar nicht mehr - zumindest bekommen die Menschen um mich herum nicht mit, dass ich dieses Problem habe. Ich neige manchmal noch dazu, "um den heißen Brei herumzureden", weil ich ein Wort nicht herausbekomme. Das wirkt dann auf andere wie Wortfindungsstörungen.
Eigentlich halte ich es für besser, mich mit dem Thema gar nicht mehr so viel zu beschäftigen - denn ich habe das Gefühl, dass Stottern eigentlich nur dann auftritt, wenn man sich dem Problem bewusst ist. Man sollte es wohl einfach "vergessen", dass man stottert - aber das ist natürlich leichter als getan. Die Hypnosetherapie schlägt ja auch in diese Kerbe, dass man verinnerlicht, dass man eigentlich normal sprechen kann.
Falls Interesse besteht, kann ich noch ausführlicher was zu meinem Stottern und wie ich es weitgehend losgeworden bin, schreiben. Das würde hier jetzt aber den Rahmen sprengen.

Ich beschreibe hier nun die Wirkung der Medikamentd auf das Stottern, wie ich es erlebt habe. Ich möchte aber vorweg davor warnen, sich diese (illegalerweise) zu beschaffen und einfach eigenständig etwas auszuprobieren. Ich möchte nur anregen, mal einen Arzt darauf anzusprechen, ob das Medikament sinnvoll und verträglich sei.

Zum Medikament Candesartan (positive Erfahrung):
Da vor ca. 2 Jahren festgestellt worden ist, dass ich einen erhöhten Blutdruck habe, wurde mir Candesartan verschrieben. Das sorgt für ein Absenken des Blutdrucks und macht daher auch generell ruhiger. Ich merke, dass sich das positiv auf meine Sprechfähigkeit auswirkt. Wenn ich einmal vergessen habe es zu nehmen, dann merke ich innerlich wie die Wahrscheinlichkeit zu Stottern steigt. Das ist dann auch schon ein paar mal vorgekommen, so dass ich es bereut habe, es an diesem Tag nicht eingenommen zu haben.
Ich vermute (ist nur eine Hypothese), dass Stottern bei manchen Menschen mit einem erhöhten Blutdruck zusammenhängt. Ich würde daher Stotterern raten, den Blutdruck zu überprüfen bzw. einen Arzt darauf anzusprechen, ob es sinnvoll sei, Candesartan einzunehmen. Aber Vorsicht: Bei normalem oder niedrigem Blutdruck darf man es nicht nehmen, weil der dann logischerweise zu niedrig werden kann.

Zu Methylphenidat, bekannt als Ritalin (negative Erfahrung):
Aufgrund von depressiven Phasen suchte ich vor etwas über einem Jahr einen Psychiater/Neurologen auf. Er diagnostizierte bei mir AD(H)S. Deshalb verschrieb er mir Methylphenidat, das erst seit kurzem auch Erwachsenen gegeben wird (gab man zuvor nur an Kinder). Ich habe das Medikament nur wenige Tage genommen und merkte eine Verschlechterung meines Zustandes: Ich war noch antriebsloser als zuvor und - besonders unangenehm - ich fing wieder an, relativ stark zu stottern. Ich fühlte mich an meine Jugend erinnert, als ich mich fast nicht mehr traute aus Angst vor dem Stottern an das Telefon zu gehen.
Ich habe Methylphenidat dann nicht weiter genommen. Generell sehe ich das ADS auch nicht als Problem an, sondern die depressiven Episoden und die Antriebslosigkeit.
[Ergänzung dazu: Woanders hier im Forum werden positive Erfahrungen mit Methylphenidat (bzw. Ritalin) in Bezug auf das Stottern beschrieben. Mein Erfahrungsbericht ist rein subjektiv und, weil ich das nur ein paar Tage genommen habe, sicherlich nicht besonders aussagekräftig. Es kann auch sein, dass meine Unruhe in den genannten Tagen an anderen Dingen lag.]

Zu Venlafaxin (eher positive Erfahrung):
Da ich das diagnostizierte ADS nicht als mein Problem ansehe, sprach ich den Psychiater erneut auf die depressiven Phasen und die Antriebslosigkeit an. Er verschrieb mir dann Venlafaxin (gegen Depressionen und Angststörungen). Damit merke ich eine Verbesserung meines Wohlbefindens und meiner Aktivität. Da es auch Ängste verringert, habe ich den Eindruck, dass ich damit auch lockerer auf Menschen zugehen kann. Eine konkrete Wirkung auf die Sprechfähigkeit habe ich bei mir nicht beobachtet, da ich in der letzten Zeit sowieso fast gar nicht gestottert habe. Ich kann mir aber vorstellen, dass das Medikament aufgrund seiner angstlösenden Wirkung Stotterern helfen könnte.
Das ist nun auch wieder nur eine Vermutung von mir, aber ich kann mir vorstellen, dass Stottern und Depressionen häufig zusammen vorkommen - da man als Stotterer merkt, dass man aufgrund des sprachlichen Handicaps unter seinen Möglichkeiten bleibt. Also, falls das bei jemandem der Fall sein sollte, dann würde ein Gespräch mit einem Psychiater vielleicht helfen.


Wie gesagt, das sind nur persönliche Erfahrungen und sollen Anregungen sein, vielleicht mal einen Arzt darauf anzusprechen. Vielleicht kann ich so einen Beitrag dazu leisten, Möglichkeiten für eine Unterstützung einer Therapie durch Medikamente zu finden. Ich denke, derartiges ist möglich und kann vielen Stotterern helfen. Ich wäre als Jugendlicher froh gewesen, wenn ich ein Mittel wie Candesartan gehabt hätte und damit weniger vom Stottern betroffen worden wäre.

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