Meine ganz persönliche Therapie

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Mac1973
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Meine ganz persönliche Therapie

Beitrag von Mac1973 » 11. Januar 2015 14:51

Meine ganz persönliche Therapie :

Ich bin 41 Jahre alt und stottere seit dem dritten Lebensjahr .

In den ersten Jahren war ich bei einem dutzend Logopäden , Psychologen und Wunderheilern !
Wie vielen erging es auch mir : Kurzzeitiger Erfolg , danach wieder alles beim Alten .
Heftige Mitbewegungen im Gesicht und Körper gehörten zu meinem Sprechen .
Schweigen , Sprechen vermeiden , Angst vorm Sprechen , depressive Phasen u.s.w. !

Meine letzte anerkannte Therapie war mit 17 Jahren ein Jahr Vollzeit in einem Sprachheilzentrum .
Nach anfänglich sehr großen Erfolgen und ein Sprechen ohne Stottern verfiel ich nach einem Schicksalsschlag wieder in mein altes Sprechverhalten .
Danach der normale Horror für einen Stotterer : Ausbildung , Berufsschule , Arbeiten .

Mitte 30 dann die Frage : Was will ich noch machen in meinem Leben ?
Fallschirmspringen war eine Sache auf meiner Liste .
Nach drei Tandem Sprüngen 2008 entschied ich mich 2009 , eine Ausbildung zu machen .
Der Tag kam und ich freute mich , hatte aber auch die Hose voll .
Fremde Menschen , sprechen in der Gruppe !
Nach der Theorie in der man einen Tag lang erzählt bekommt was alles schief gehen kann ,
war das Sprechen mein kleinstes Problem .
Aber ich musste und wollte mich meiner Angst stellen und habe die Ausbildung durchgezogen .
Extreme Anspannung vor dem einsteigen in das Flugzeug bis zur sicheren Landung .
Danach eine Entspannung wie ich sie noch nie erlebt habe .
Nach fünf Tagen sprach mich mein Lehrer an und fragte mich , ob ich bemerken würde , das ich kaum noch stottere !

Da war meine Therapie : Extreme Anspannung , tiefe Entspannung .
Fallschirmspringen kann süchtig machen . Für mich war es eine besondere Sucht .
Adrenalin und Therapie gegen das Stottern .
Mit Angst schaute ich dem Saisonende im Oktober entgegen .
Die Pause habe ich aber ganz gut überstanden und freute mich auf den Frühling wo ich wieder aus dem Flieger hüpfen konnte .

Dann kam es zu einigen Schlüsselmomenten in kürzester Zeit :
Fehlöffnung des Hauptschirms und Auslösung des Reserveschirms ( letzte und einzige Möglichkeit den Sprung zu überleben )
Der Tot mir nahestehenden Menschen .
Das Lied von Unheilig : Geboren um zu Leben .

Alles zusammen hat meine Einstellung zum Leben verändert .
Ich gebe meinem Stottern nicht mehr den Raum den es viele Jahre eingenommen hat .

Stotter ich noch ? JA !

Aber lange nicht mehr so wie vor April 2009 !

Nach über 600 Fallschirmsprüngen ist der Effekt leider nicht mehr wie am Anfang , aber auch noch nicht ganz verschwunden .
Aber die veränderte Einstellung zum Leben ist geblieben !

Schlechtes Englisch und stottern in einem fremden Land : Egal !
Beim Bäcker an der Theke und 10 fremde Menschen um mich herum .
Früher blanker Horror und undenkbar .
Heute : Egal !


Beruflich habe ich heute viel mit Menschen zu tun . Ich telefoniere mit Kunden und Zulieferer die ich nicht kenne ( die mich nicht kennen ) und gehe keiner Situation aus dem Weg .

Nach nun fast sechs Jahren habe ich die Hoffnung das sich mein jetziges Sprechen gefestigt hat und ich meinen persönlichen Weg gefunden habe mit dem Stottern umzugehen .

Warum ich dies hier geschrieben habe ?

Für mich ist Fallschirmspringen ein Teil meiner Therapie .
Vielleicht gibt es ja noch andere bei denen es die selbe Wirkung hat wie bei mir !

In diesem Sinne ….................................

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Re: Meine ganz persönliche Therapie

Beitrag von Frankie » 11. Januar 2015 19:50

Hallo,

eine interessante Geschichte. Schön, dass es geklappt hat, und du zu diesen Ergebnissen gekommen bist:
Mac1973 hat geschrieben: Alles zusammen hat meine Einstellung zum Leben verändert .
Ich gebe meinem Stottern nicht mehr den Raum den es viele Jahre eingenommen hat .
...
Schlechtes Englisch und stottern in einem fremden Land : Egal !
Beim Bäcker an der Theke und 10 fremde Menschen um mich herum .
Früher blanker Horror und undenkbar .
Heute : Egal !

Beruflich habe ich heute viel mit Menschen zu tun . Ich telefoniere mit Kunden und Zulieferer die ich nicht kenne ( die mich nicht kennen ) und gehe keiner Situation aus dem Weg .
Genau diese Einstellung ist es, die an sich schon die Symptome reduziert, einen auch mit dem Stottern gut leben lässt und eine gute Basis für weitere Verbesserungen bietet!

Grüße
Frank

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Re: Meine ganz persönliche Therapie

Beitrag von PetraS » 13. Januar 2015 14:18

Hallo Mac1973
ich finde deine Geschichte äußerst interessant. Sie zeigt, wie eine Person für sich den "Stein der Weisen" gefunden hat.
Mac1973 hat geschrieben: Alles zusammen hat meine Einstellung zum Leben verändert .
Ich gebe meinem Stottern nicht mehr den Raum den es viele Jahre eingenommen hat .

Stotter ich noch ? JA !
Aber lange nicht mehr so wie vor April 2009 !
Ich glaube, dass da sehr viel dran ist, was du sagst. Ich glaube auch, dass viele Stotterer ihr Stottern völlig überbewerten.
(Bevor ich hier missverstanden werde: ich kann hier nur für Leute sprechen, die leicht bis mittelmäßig stottern)
Ich war früher gefangen in der Meinung, dass es nichts Wichtigeres im Leben gibt als flüssig zu reden und nichts Schlimmeres als Stottern. Völlig bescheuerte Sichtweise, die mir viel Spaß im Leben genommen und viele Ängste mit sich gebracht hat, und die ich nur durch eine 180-Grad-Wende ablegen konnte, nachdem ich einen Stotterer kennen lernte, der mit seinem Stottern - das viel stärker war als meins - offensiv umging und TROTZDEM von allen gemocht wurde. Und der nicht herumdruckste und versuchte zu leugnen, wenn er aufs Stottern angesprochen wurde.
Das öffnete mir die Augen und ich sah, dass Stottern kein Weltuntergang ist und es Wichtigeres im Leben gibt.
Mir erging es dann ähnlich wie dir mit deinem Fallschirmspringen: ich stotterte sehr viel weniger, nachdem ich die Angst davor abgelegt hatte. Vor allem diese heftigen Totalausfälle, wo ich eine gefühlte Ewigkeit gar nicht weiterkam, verloren sich fast völlig.
Ich kann aber nicht behaupten, dass ich GAR NICHT mehr stottere. Aber auf einem Level, mit dem es sich gut leben lässt. Und mit dem man einen Sprechberuf ausüben kann, bei dem man ggf. von morgens bis abends vor Leuten reden muss.
Gruß
Petra

Mac1973
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Re: Meine ganz persönliche Therapie

Beitrag von Mac1973 » 13. Januar 2015 19:17

Danke für die Kommentare .

Das Schwere ist , aus dieser Spirale heraus zu kommen .
Stottern , Angst , noch mehr stottern , kein Selbstwertgefühl , kein Selbstbewusstsein …........ u.s.w. !
Für mich kann ich sagen , das ich es ohne den Grundstein "Fallschirmspringen" nicht geschafft hätte .

Wie kurz das Leben sein kann , das es wichtigeres im Leben gibt auf das man sich konzentrieren sollte und die ganzen anderen Sachen , wusste ich auch schon vorher .
An der Umsetzung ist es immer gescheitert . Die konnte ich nicht erzwingen !

Und dann kam es ohne das ich es sofort bemerkt hatte …................!

Gestottert habe ich schon ziemlich stark . Krämpfe , Mitbewegungen bis hin zur Atemnot !
Jetzt fällt es mir zum Teil nicht mal mehr auf !
An guten Tagen bleibe ich mal hängen …........ an schlechten etwas öfters .

Unterm Strich kann ich sagen :
Egal was man gegen das Stottern macht , man braucht die richtige Einstellung zum Leben inklusive Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl .

Gerne hätte ich das schon früher erlebt -------------------

Mut
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Re: Meine ganz persönliche Therapie

Beitrag von Mut » 13. Januar 2015 22:20

Motivation pur!!!

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