Individuelle Diagnostik und dazugehörige Therapieempfehlung

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Heiko Bräuer
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Individuelle Diagnostik und dazugehörige Therapieempfehlung

Beitrag von Heiko Bräuer » 10. August 2015 23:39

Hallo zusammen,

Ich persönlich war ja schon in Bonn und die Stottertherapie dort, hat für mich nur zur Hälfte Erfolg gehabt. Genauer ist es für mich im Rückblick nur entscheidend gewesen, dass ich mit meinem Stottern offener umgehe und es tolleriere. Deswegen kann es doch möglich sein, dass man mir hätte diagnostizieren können, dass eine Stottermodifikation große Ergebnisse hinsichtlich der Sprechflüssigkeit erzielen wird und daher nur eine Therapie nötig wäre, welche dieses Hauptthema hat.
Denn eigentlich hat mir die Krankenkasse im übertragenden Sinne damals einen Mercedes bezahlt, welchen ich hätte nutzen können, nur wollte ich dies aus unterschiedlichen Gründen nicht und fahre nun Fiat. Wenn die Diagnose meiner Logopädin oder auch der Therapeuten in Bonn präziser gewesen wäre, dann hätte die Krankenkasse Geld sparen können.


Daher frage ich mich, ob es seitens der BVSS, von Srachtherapeuten oder vom Logopädenverband allgemeine Richtlinen für die Diagnostik des individuellen Stotterns eines Patienten und darauf aufbauende Therapieempfehlungen gibt?

Oder ist die Frage überflüssig, weil es in den meisten von der BVSS empfohlenen Therapien im Prinzip nur um den offenen Umgang mit Stottern ( Nicht-Vermeidungs-Ansatz) und / oder das erlernen einer Sprechtechnik geht?
Und man daher den Stotternden lieber beides bietet, auch wenn die Sprechtechniken meist nur mit viel Konsequenz zum Ziel führen und man nicht genau weiß, ob die Patienten diese Konsequenz auch aufbringen können?
Ich weiß auch nicht mehr genau wie ich es in die Phase des Erlernens der Sprechtechnik geschafft habe oder warum man mich damals nicht "rausgeworfen" hat, jedenfalls war ich nach der Phase der Stottermodifikation schon so flüssig und ich war auch kurz davor, dass man mich mangels Konsequenz gebeten hat, an diesem Punkt die Therapie zu beenden. Auch weiß ich nicht ob meine Sprechflüssigkeit dann so geblieben wäre oder ob das zeitweillige erlernen der Sprechtechnik zu meiner damaligen und auch jetzigen Sprechfüssigkeit beigetragen hat.


Gruß Heiko

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Torsten
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Re: Individuelle Diagnostik und dazugehörige Therapieempfehl

Beitrag von Torsten » 11. August 2015 11:23

Hallo Heiko,
das ist ein wichtiges, aber schwieriges Thema.
Heiko Bräuer hat geschrieben:Ich persönlich war ja schon in Bonn und die Stottertherapie dort, hat für mich nur zur Hälfte Erfolg gehabt. Genauer ist es für mich im Rückblick nur entscheidend gewesen, dass ich mit meinem Stottern offener umgehe und es toleriere. Deswegen kann es doch möglich sein, dass man mir hätte diagnostizieren können, dass eine Stottermodifikation große Ergebnisse hinsichtlich der Sprechflüssigkeit erzielen wird und daher nur eine Therapie nötig wäre, welche dieses Hauptthema hat.
Hast du denn schon mal eine Stottermodifikations-Therapie gemacht, also z.B. bei Andreas Starke? Das Ziel der Modifikation ist nicht allein, dass man sein Stottern annimmt und offen damit umgeht. Diese sogenannte „Desensibilisierung“ ist nur der erste Schritt. Auch bei der Stottermodifikation erlernt man Techniken, mit deren Hilfe das Stottern zwar nicht von vornherein unterbunden wird (wie bei Fluency Shaping), mit deren Hilfe man aber besser mit den Symptomen, z.B. Blocks, klarkommt. Das Stottern wird also tatsächlich modifiziert, also verändert, sodass es die Kommunikation weniger beeinträchtigt.
Heiko Bräuer hat geschrieben:Denn eigentlich hat mir die Krankenkasse im übertragenden Sinne damals einen Mercedes bezahlt
Nicht dir – den Bonner Therapeuten. :D
Heiko Bräuer hat geschrieben:Wenn die Diagnose meiner Logopädin oder auch der Therapeuten in Bonn präziser gewesen wäre, dann hätte die Krankenkasse Geld sparen können.
Das Problem ist: Es gibt dafür keine Diagnose-Kriterien. Man kann bislang nicht vorhersagen, wie jemand auf eine Stottertherapie ansprechen wird.

Das Einzige, was man vielleicht sagen kann, ist, dass die Stottermodifikation weniger geeignet ist für Menschen, die eine große Symptomhäufigkeit haben, die also fast bei jedem Wort steckenbleiben – denn wie will man diese vielen Symptome modifizieren? Modifizieren bedeutet, dass jedes einzelne Stottersymptom gewissermaßen „bearbeitet“ wird. Für Viel-Stotterer scheint mir Fluency-Shaping daher besser geeignet.

Dagegen dürfte die Stottermodifikation sich gut eignen für Menschen, die relativ wenige, aber schwere Symptome, also vor allem Blocks haben –-- falls man überhaupt nur zwischen Fluency Shaping und Stottermodifikation wählen will oder muss (z.B., weil die Krankenkasse nichts anderes bezahlt).

Das ist aber meine ganz persönliche Ansicht, sie ist mit Vorsicht zu genießen. Und für diejenigen, die ein bisschen Geld ausgeben können und wollen, gibt es glücklicherweise noch mehr Möglichkeiten, z.B. die Naturmethode- / Hausdörfer-Seminare der BVSS, Ropana, McGuire …

Gruß, Torsten
www.stottertheorie.de

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Heiko Bräuer
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Re: Individuelle Diagnostik und dazugehörige Therapieempfehl

Beitrag von Heiko Bräuer » 11. August 2015 13:42

Hallo,

das Prinzip der Bonner-Stottertherapie basiert ja auch auf der Stottermodifikation und Fluency shaping.
Auf deren Internetseite werben sie auch damit, dass sie die einzige Stationäre Therapie sind, welche beides anbietet.

Es ist damals auch so gewesen, dass ich vor der Therapie lange lautlose Blocks hatte, wo ich nix raus bekommen habe.Die Häufigkeit war auch hoch, aber relativ zu dem gesagten und das war zum damaligen Zeitpunkt nicht viel.
Und je mehr ich meine Angst,Scham usw. dem Stottern gegenüber abgebaut hatte, desto flüssiger wurde mein Sprechen und ich Stottere seit dem auch mehr mit hörbaren Blokaden. Obwohl ich bei einigen Blockaden irgendwie drüber komme, da beobachte ich mich zu wenig und möchte da auch nicht bewusst Stottern, da ich mich dann nicht mehr so auf den Inhalt des gesagten konzentrieren kann.
Ob die Häufigkeit der Blockaden in der Relation zu dem gesagten zugenommen hat, kann ich schwer objektiv beurteilen. Jedoch würde ich sagen, dass es meist auch auf die Situation ankommt, in welcher ich mich befinde bzw. auf den Gesprächspartner.
Aber dies nur am Rande...

Die Therapie war bei mir vor 12Jahren, ich war also 15/16. Und heute würde ich Rückblickend vielleicht auch sagen, dass man mir anhand meiner damaligen Persönlichkeit diese Therapie nicht hätte unbedingt empfehlen müssen, denn ich war in der Pupertät und hatte noch lange nicht die Konsequenz Dingen gegenüber, welche ich heute als Erwachsener habe.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass es vielen so geht, dass man von einer Therapie viel erwartet und sich am Ende nur selbst überschätzt bzw. die eigene Persönlichkeit / der eigene Charakter einfach stärker ist als der eigene Willen.
Ein für mich auch wichtiger Aspekt bei der Suche nach einer geeigneten Therapie wäre auch der effektive Nutzen einer Sprechtechnik, für die eigene Lebensqualität. Da hat ja jeder auch unterschiedliche Ansichten...
Und am Ende einer Therapie vielleicht einges für das weitere Leben umsonst war und man damit Kraft und auch Zeit "vergeudet" hat.
Aus diesen Gründen wäre es doch hilfreich, wenn man anhand von der Persönlichkeit eines Stotterers und seines individuellen Stottern, die geeignete Therapie findet.

Weiß vielleicht auch jemand ob das Diagnostizieren des individuellen Stotterns und die eventuelle Empfehlung einer bestimmten Therapie zu den Lerninhalten der Logopädenausbildung gehört?

Gruß Heiko

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