Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

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Nina 1999
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von Nina 1999 » 16. April 2016 12:06

Hallo Herr Starke,

danke für Ihre Antwort.

Leider fielen krankheitsbedingt zwei Therapiestunden aus, sodass die nächste voraussichtlich am Freitag, den 22. April stattfinden kann.

Kommenden Dienstag muss ich einen Vortrag in der Berufsschule halten, dieser anschließend benotet wird. Sicherlich wäre die Logopädin bei der Vorbereitung eine große Hilfe gewesen. Jetzt mache ich das Beste aus der Situation und hoffe, dass mir das Halten (fehlerfrei) gelingt.

Langsam aber sicher neigt sich die Erstverordnung dem Ende entgegen. Frau Lippert als auch ich möchten, dass ich weiter die Therapie besuche und Fortschritte erzielen kann. Die Logopädin schreibt nun einen Therapiebericht - in diesem sie den jetzigen Stand erläutert - an meine Hausärztin. Dieser beinhaltet auch in diesem Fall die Bitte um eine Folgeverordnung. Vor der Ausstellung erkundigte ich mich bereits bei meiner Ärztin, wie es mit einer erneuten Verordnung vonstattengeht. Sie meinte, dies sei nicht so einfach und müsse erst von einem "Gutachter" (Psychologen) befürwortet werden.

Meine Logopädin allerdings ist der Meinung, dass dies bereits mit dem Schreiben des Berichts abgegolten sei. Dahingehend wäre die erneute Ausstellung des Rezepts problemlos möglich. Ich weiß nicht, ob Sie mir weiterhelfen können. Wissen Sie, wer recht hat oder ist es ganz anders?

Im Internet liest man immer wieder, dass der Arzt - anhand eines Anamnesegesprächs - die Notwendigkeit der erneuten Ausstellung "überprüfen" muss... Der Heilmittelkatalog schreibt vor, dass es bis fünf Folgeverordnungen (á 10 Einheiten) geben kann, ohne dass die Vorschrift "außerhalb des Regelfalls" in Kraft tritt. Insofern müsste die Fortsetzung der Therapie ohne Probleme möglich sein, oder?

Mit freundlichen Grüßen

Nina 1999
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 16. April 2016 15:02

Die Ärztin soll mal im Heilmittelkatalog nachschauen. Danach sind 5 Verordnungen zu 10 Sitzungen für einen Behandlungsfall ohne Weiteres möglich. Dann müsste,ganz formalistisch gesehen, eine Therapiepause von 12 Wochen gemacht werden, bevor ein "neuer Behandlungsfall" mit (wiederum 5 x 10 Sitzungen) beginnen kann. Das wird natürlich irgendwann sinnlos. Die Ärztin muss bei jeder einzelnen Verordnung die Weiterführung der Therapie für notwendig und förderlich erachten - aus ihrer Kenntnis des Falles. Da nur wenige Ärzte das beurteilen können, muss sie sich auf die Berichte der behandelnden Logopädin verlassen.

Deine Logopädin müsste das alles wissen. Wenn das nicht der Fall ist, soll sie sich beim DBL (Deutscher Bundesverband für Logopädie) erkundigen, wenn sie dort - was ich vermute - Mitglied ist.
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 16. April 2016 15:07

Du schreibst:
Kommenden Dienstag muss ich einen Vortrag in der Berufsschule halten, dieser anschließend benotet wird. Sicherlich wäre die Logopädin bei der Vorbereitung eine große Hilfe gewesen. Jetzt mache ich das Beste aus der Situation und hoffe, dass mir das Halten (fehlerfrei) gelingt.

Wie darf ich "fehlerfrei" verstehen? "Ohne zu stottern?" Und das, was Du gerade machst, ist eine Therapie nach dem sog. "Nichtvermeidungs-Ansatz", oder? Ich verstehe es, ehrlich gesagt, nicht.
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von Nina 1999 » 16. April 2016 20:20

Hallo Herr Starke,

danke für Ihre schnelle Antwort.

Mit "fehlerfrei" meine ich, ohne zu stottern. Ich absolviere zwar eine Therapie, wobei der öffentliche und vor allem lockere Umgang mit der Störung im Mittelpunkt steht, jedoch wissen meine Mitschüler und die Lehrer nicht, dass ich Stotterer bin und mich in logopädischer Behandlung befinde.

Mir ist bewusst, dass diesbezüglich ein Gespräch - mit den Mitschülern und Lehrern - von großer Wichtigkeit ist. Wenn ich nicht "reinen Tisch mache" kann keiner wissen, warum ich soviel Angst vor solchen Vorträgen habe. Dadurch bin ich unsicher, weil ich mich verstellen muss und nicht "losstottern" kann. Die Logopädin sagt, wenn wir eine Übung (beispielsweise zur Auflösung von Vermeidungs-Strategien durchführen), "so wie´s kommt, so kommt´s. Bei ihr darf ich stottern und muss mich nicht verstecken, denn sie weiß Bescheid.

Mit freundlichen Grüßen

Nina 1999
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 17. April 2016 09:54

Meine dringende Empfehlung: Mache Deine Stottertherapie zu einem "öffentlichen Projekt". Das bedeutet, dass Du Deine Lehrer und Mitschüler in das Projekt einbeziehst. Schon der Versuch, Dein Stottern (und Deine Ängste vor dem Sprechen) an Deiner Umwelt vorbei, d.h. ohne deren Wissen, zu bewältigen, grenzt an Harakiri, d.h. rituellen Selbstmord. Es wird nicht gelingen, jedenfalls nicht mit der Sicherheit des "öffentlichen Projekts". Ich würde als Therapeut diese Therapie nicht mit Dir machen. "Dein Stottern ist mein Feind, und ich verlier' nicht gern", sagte einmal ein Kollege, den ich nicht sehr schätze. Aber der Spruch passt in diesem Fall ganz und gar.

Trotzdem, alles Gute.
Andreas
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 17. April 2016 10:24

Übrigens ist die Sache mit dem "öffentlichen Projekt" einer, nicht der einzige, aber einer der wichtigen Vorteile einer Gruppentherapie. In der Gruppe entsteht ein "Corpsgeist", der dazu führt, dass sich die Teilnehmer "gegenseitig Mut leihen", wie ich das nenne. Das ist aus vielen psychologischen Experimenten und aus kriegerischen Kampfhandlungen bekannt, dass Menschen in Gruppen mutiger sind als alleine, d.h. als Einzelkämpfer. Eine weitere Voraussetzung für mutiges Handeln von Soldaten ist die Überzeugung, dass die eigene Seite alles tun wird, um die negativen Folgen des Kampfes, z.B. durch Verletzungen, zu minimieren. Dafür sorgt im Falle der Therapie der Therapeut, wenn er gut ist. Wenn er nicht gut ist, bleibt er Teil der Bedrohung.

Gruß
Andreas
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von Nina 1999 » 17. April 2016 10:39

Hallo Herr Starke,

danke für Ihre Antwort.

In diesem Forum gibt es die Rubrik "Stottern und Schule/Studium". Einige Mitglieder haben interessante Berichte verfasst. In diesen ich mich - in gewisser Art und Weise - wiederfinden kann...

Schön wäre es, wenn ich mich (kurz vor dem Vortrag) trauen würde, mein Stottern mit Folgendem Text zu offenbaren:

"Ich möchte vorweg gerne etwas sehr Persönliches sagen. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Ich habe eine Schwäche, die ich bisher vor euch relativ gut verbergen konnte: Ich stottere! Einen Vortrag zu halten, das ist daher für mich eine besonders schwierige Situation. Ich bin jetzt sehr nervös, aber ich versuche es trotzdem!"

... Aber, ob ich den erforderlichen Mut wirklich aufbringen kann?

Ferner könnte ich zuvor auch mit meinem Lehrer sprechen, sodass wir gemeinsam den Mitschülern von meinem Stottern und der damit verbundenen Angst, Vorträge zu halten, erzählen könnten.

Mit freundlichen Grüßen

Nina 1999
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 17. April 2016 11:22

Oh, da habe ich eine schöne Geschichte. Einer meiner Patienten war ein paar Wochen in New York City und hat dort einen Sprachkurs gemacht. Sein Stottern war damals noch sehr stark und er hat sich (kurz nach seiner Gruppentherapie) an mich um Hilfe gewandt. Ich habe ihm einen Text geschrieben und ihn aufgefordert, von diesem Text so viele Kopien zu machen, wie Teilnehmer in seiner Gruppe waren, den Text zu Beginn einer Unterrichtsstunde an alle Teilnehmer zu verteilen und laut vorzulesen. Der Text lautete:

"As you all know I stutter, at the moment quite severly. I have made contact with my therapist and he wants me to repeat every word on which I stutter again and again until I can say it fluently. He predicts that when I do that my stuttering will improve quickly." (Wie Ihr alle wisst, stottere ich, im Moment sogar sehr stark. Ich habe mit meinem Therapeuten Kontakt aufgenommen. Er möchte, dass ich jedes Wort, bei dem ich stottere, so oft wiederhole, bis ich es flüssig sagen kann. Er ist sicher, dass sich mein Stottern schnell verbessert, wenn ich das tue.)

Der Patient hat mich noch in der Nacht (NYC time) angerufen, d.h. am frühen Morgen (MEZ). "Andreas, die Idee finde ich ganz toll, super, das ist genau das, was ich brauche!" Er war und ist immer noch ein sehr begeisterungsfähiger Mensch. Aber er wollte auch auf das Kopieren und Verteilen verzichten. "Das muss ja sicher nicht unbedingt sein". Aber, ich habe darauf bestanden: "Wenn Du das nicht machst, garantiere ich für nichts, und ich werde nie mehr etwas machen, um Dich aus einer Notlage zu befreien." Er hat dann aufgegeben und hat meinen Vorschlag genau befolgt mit dem Ergebnis, dass ... er den Text ganz flüssig, d.h. ohne einmal zu stottern, vorgelesen hat. Aber darauf kam es nicht an. Wichtig war, (1) zu dem Problem zu stehen, d.h. eine öffentliche Botschaft dazu zu senden, und (2) eine (etwas kuriose, aber effektive) selbsttherapeutische Maßnahme anzukündigen.

Die Sache hat 100-prozentig geklappt. Wir haben uns jetzt im März beim Ehemaligentreffen in Hübingen nach vielen Jahren wiedergesehen. Er ist jetzt in Wien Leiter einer HTL (Höhere Technische Lehranstalt). Ich vermittle gerne den Kontakt. Vielleicht hat er noch den Originalttext.

Gruß
Andreas
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von Nina 1999 » 17. April 2016 14:01

Hallo Herr Starke,

danke für die interessante Geschichte.

Es war eine gute Idee, anhand eines Textes den Mitschülern sein Stottern zu erklären. Ich glaube, nach diesem "Geständnis" fällt es leichter, einen Vortrag zu halten. Man ist locker und muss nicht ständig überlegen, welche Wörter einem flüssig über die Lippen kommen, denn es soll so wenig wie möglich auffallen. Weil das Vermeiden anstrengend ist, kann man sich nicht 100-prozentig auf den eigentlichen Vortrag konzentrieren. Jetzt kann man frei nach dem Motto "so wie´s kommt, so kommt´s" sprechen.

Ich denke oft darüber nach, welche Reaktionen ich von den Gesprächspartnern zu erwarten hätte, wenn ich ohne jegliche Anmerkung (zum Beispiel das in der Therapie erlernte Pseudostottern) anwenden würde. Gäbe es negative Bemerkungen oder würde vielleicht sogar darüber gelacht werden?

Die eben angesprochene Technik verwende ich (bis jetzt) nur im Behandlungsraum. vor einigen Wochen wurde meine Mutter als "Testperson" mit einbezogen. Auch sie wurde spielerisch damit vertraut gemacht. Es kostete mir viel Mut vor - beziehungsweise mit ihr zusammen - pseudo zu stottern. Dabei war die Logopädin "die helfende Hand" und ging mit gutem Beispiel voran. Nun besteht meine Aufgabe darin, auch zu Hause an dieses Erfolgserlebnis anzuknüpfen und das "andere Sprechen" mit meiner Mutter weiter auszubauen. - Übung macht den Meister.

Natürlich ist die In-Vivo-Arbeit ein wesentlicher Bestandteil. Ein Protokollbogen soll mir helfen, das Pseudostottern in der Familie, bei Freunden, Arbeitskollegen oder Fremden anzuwenden. Anschließend beschreibe ich (anhand von Smilies) meine Gefühle vor, während und nach der Übung. Leider gelingt mir dies (vorerst) nur in der Familie und bei Freunden. Mein nächstes Ziel ist (beispielsweise beim Kauf einer neuen Fahrkarte für den Bus) also bei Fremden, diese Sprechweise auszuprobieren. Ich bin auf die Reaktionen gespannt...

Mit freundlichen Grüßen

Nina 1999
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 17. April 2016 16:29

Du wirst erstaunt sein, dass viele Leute die Pseudostottern hören und sehen, gar nicht reagieren, zumal dann, wenn das Pseudostottern eher leicht und unauffällig ist. Dann klingt es oft, wie eine normale Unflüssigkeit, von denen auch Nichtstotterer jede Menge produzieren.

Der Einstieg über geringwertiges Pseudostottern ist übrigens sehr günstig. Der Übende macht es (das ist wichtig und viel besser als nur daran zu denken und unter dem unangenehmen Gefühl der Angst zu leiden) und macht die Erfahrung, das etwas, das er selbst als sehr wichtig erlebt, von der Umwelt (fast) nicht wahrgenommen wird. Fang also mit Leuten an, die Du nicht kennst und vermutlich nie wieder treffen wirst. Steigere die Deutlichkeit des Pseudostotterns allmählich. Und bleib dran, Du wirst nach und nach immer mutiger, wetten dass?

Die "Königsübung" ist natürlich, dass Pseudostottern so krass zu machen, dass der Gesprächspartner es nicht ignorieren kann. Auch dazu habe ich eine wahre Geschichte:

Der stotternde schwedische Psychologe Anders Lundberg, dem ich hiermit ein Denkmal setze, hat mir 1976 in Göteborg das Folgende vorgeführt. Wir waren mit einer Gruppe von 5 bis 6 Leuten in einem Restaurant, in dem man am Ausgang an der Kasse bezahlte. Wir standen in einer Reihe hintereinander, Anders direkt vor mir. Da sagte er mir über die Schulter: "Ich stottere jetzt so lange, bis die (gemeint war die Kellnerin / Kassiererin) auf den Boden guckt." Ich habe eine Riesenschrecken bekommen, was da wohl passieren könnte. Aber dann habe ich mich beruhigt, weil ich mir sagte, dass ja er das machen will und ich so tun könnte, als hätte ich nichts damit zu tun. Und so geschah es auch. Als er dran war, fing er an: "Ich hatte zwa-zwa-zzzwwa- (sie schaut ihn an) za-za-... Ich hatte (sie schaut auf den Tisch) ha-ha-tte (sie schaut wieder ihn an) zwwwa-zwwwa-za-zww (da schaut sie auf den Boden) zwei Bier." Das Ganze dauerte sicher 10 bis 15 Sekunden.

Für mich war das ein sehr starkes Erlebnis. Es zuckte mir wie ein Blitz durch den Kopf: "Wenn ich nicht lerne, diese Lockerheit im Umgang mit meinem Stottern zu entwickeln, werde ich in der Sackgasse stecken bleiben," in der ich mich damals befand. Diese war die folgende: Angst vor und Scham wegen des Stotterns, stotterfreies Sprechen durch eine Sprechtechnik erzwingen. Anders hat mir gezeigt, dass es auch anders geht, ganz anders.

Alles Gute für Dein Projekt Pseudostottern. Bewege Dich vorwärts, allmählich, aber zügig. Es sollte gelingen. Und wenn einmal nicht, fang an einem leichteren Punkt noch einmal an, und suche Dir Verbündete. Am besten andere Stotterer, die das Ganze schon hinter sich haben. Von denen gibt es eine ganze Menge und es werden ständig mehr.

Gruß aus Athen
Andreas
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von PetraS » 17. April 2016 20:48

Hallo Nina,
Ich freue mich darüber, dass Andreas dich gerade trotz Urlaub so gut an die Hand nimmt.
Von mir ebenfalls nochmals die Erinnerung: Nicht-Vermeiden ist kein hohler Name, sondern der Kern der Therapie.
Dazu gehört, jedem jederzeit sagen zu können,
a) dass du stotterst
b) dass du gerade eine Therapie machst
c) das Stottern auch mal öffentlich zuzulassen.
Ist übrigens viel einfacher als das Stottern verbergen zu wollen.

Ich persönlich handhabe das heute so, dass ich relaxt in einen Vortrag reingehe, indem ich mir sage: mal gucken, wie es läuft. Wenn ich stottern sollte, dann mache ich einen kurzen Cut und erkläre kurz, dass so etwas passieren kann, weil ich stottere.
Dann mache ich einfach weiter. Oft ist es dann gar nicht mehr nötig, weil ich überhaupt nicht stottere während des Vortrags.
Ich komme aber niemals auf die Idee, das Stottern verheimlichen zu wollen.

Meine Devise: es jederzeit jedem sachlich erklären können. Nicht schambehaftet oder unter tausend Ausreden. Einfach als eine Tatsache, die mir auch nicht peinlich ist.
Gruß aus dem sonnigen Italien
Petra

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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von T_homas » 18. April 2016 11:27

Hab mir jetzt nicht alles durchgelesen.Aber zu den Rezepten kann ich sagen,da ich selbst seit Jahren in Behandlung bin,dass man nach 5 Verordnungen keine Therapiepause machen muss,dein Arzt muss die nur außerhalb des Regelfalls verschreiben.Ich mach das seit knapp 7 Jahren so ohne irgendwelche Probleme.

Das kommt aber auch auf den Arzt drauf an,manche verschreiben so,andere so.Meiner ist da sehr unproblematisch und kulant.

Die Behandlungsberichte sind nur der Form halber,mein Arzt verlangt die schon gar nicht mehr. §dup
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von PetraS » 20. April 2016 09:13

Hallo T_homas,
T_homas hat geschrieben:Ich mach das seit knapp 7 Jahren so ohne irgendwelche Probleme.
Das kommt aber auch auf den Arzt drauf an,manche verschreiben so,andere so.Meiner ist da sehr unproblematisch und kulant.
Die Behandlungsberichte sind nur der Form halber,mein Arzt verlangt die schon gar nicht mehr. §dup
Ich bin etwas ratlos.

Muss es nicht eine berechtigte Indikation geben, wenn eine Therapie ständig fortgesetzt wird?
Du schreibst ja auch an anderer Stelle, dass du schon häufig den/die Logopädin/Logopäden gewechselt hast.

Wäre es da nicht einmal Zeit für eine Intensivtherapie zum Beispiel nach dem Nicht-Vermeidungs-Ansatz (wo wir gerade beim Thema sind?)
Also mich würde es jedenfalls nicht befriedigen, wenn ich dauerhaft nur zur Therapie rennen und keine Fortschritte sehen würde. Für mich hören sich deine Beiträge so nämlich an.

Gruß
Petra

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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 20. April 2016 10:31

Damit kann T_homas und sein Arzt durchkommen. Der Arzt müsste, strenggenommen, für jeder VO eine ausreichend genaue Begründung schreiben und dürfte sich dabei auf einen ausreichend genauen Bericht des / der behandelnden Therapeuten stützen. Hier gibt es oft eine große Distanz zwischen der idealen und der realen Welt.

Kontinierliche VO über einen Zeitraum von 7 Jahren erscheinen natürlich zunächst als missbräuchlich und sind es wahrscheinlich auch. Aber es gibt immer Ausnahmefälle, und vielleicht ist T_homas so einer. Das kann ich nicht beurteilen und T_homas' Arzt vielleicht auch nicht. Für Stottern sachverständige Ärzte sind leider seltene Ausnahmen.

Stottertherapien sind im gesamten Leistungsspektrum der ges. Krankenkassen ein so geringer Posten, dass das Interesse an einer wirklichen Verbesserung der Effektivität sehr gering ist. Vorschläge gäbe es genug.
Zuletzt geändert von AndreasStarke am 20. April 2016 20:45, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von T_homas » 20. April 2016 11:17

Die Lust zur Therapie zu gehen ist bei mir schon lange weg,aber ich habe damals so eine Art Auflage vom Amt bekommen,mich diesbezüglich behandeln zu lassen.
In geraumer Zeit stelle ich das sowieso ganz ein,da das wirklich keinen Zweck hat.
Welche Intensivtherapie denn?Mich will ja niemand.:-D

Bin jetzt seit geraumer Zeit dran wegen Hypnose was bei der Kasse durchzukriegen,mittlerweile bin ich beim 2. Widerspruch,aber ich denke mal da werde ich auch auf Granit beißen.
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