Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Fragen, Erklärungen, allgemeine Diskussionen und Erfahrungsberichte zu bestimmten Therapiekonzepten (reine Sprechtechniken, Non-Avoidance-Ansatz, ...). Für eine professionelle Beratung wende Dich bitte an die Fachberatung
AndreasStarke
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 20. April 2016 12:11

T_homas:

Kennen wir uns? Haben wir, ich meine Robert Richter und ich, Dich schon zurückgewiesen? Ich frage das deswegen, weil wir, jedenfalls ich, nur in sehr sehr seltenen Ausnahmefällen Hilfesuchende zurückweisen. Ein Fall, der tatsächlich immer mal wieder vorkommt, ist, dass jemand parpout eine Einzeltherapie machen will, obwohl in der Regel eine Gruppentherapie nach meiner Erfahrung sehr viel effektiver ist. Wenn also jemand nur deswegen eine Einzeltherapie machen will, weil er Angst hat vor den Angst-bezogenen Therapieteilen, kann es schon sein, dass ich einen Kandidaten zurückweise, und das ist auch schon geschehen. Ein türkisch-stämmiger Medizinstudent wollte mich im Vorgespräch dazu zwingen, mit ihm eine Einzeltherapie zu machen. Ich wollte das nicht, und er hatte keine ausreichenden Druckmittel zur Verfügung. So habe ich mit ihm keine Therapie gemacht, und ich weiß auch nicht, was aus ihm geworden ist.

Bitte melde Dich, gerne per E-Mail. Die Website unserer Therapie "Viermalfuenf" kennst Du sicher oder kannst sie mit Google leicht finden. Hoffnungslose Fälle in dem Sinne, dass der Hilfesuchende alle Hoffnungen verloren hat, sind sozusagen "mein Hobby", genau gesagt, Herausforderungen, die ich gerne annehme. Nicht, dass ich denke, dass ich alle mit Stottern verbundenen Probleme lösen kann, aber doch eine ganze Menge. Einen neuen Versuch ist es meistens schon wert. Ich bin gespannt.

Für unsere nächste Gruppe, TH51, die am 27.05.2016 beginnt, ist es allerdings jetzt zu spät. Die ist tatsächlich proppevoll.

Gruß aus dem Flughafen Venedig
Andreas
Zuletzt geändert von AndreasStarke am 28. April 2016 22:42, insgesamt 1-mal geändert.
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Eberhard
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von Eberhard » 21. April 2016 20:54

Der Weg weg vom Stottern geht über Akte der Selbstbefreiung. So wie Petra und Andreas die Praxis des Nicht-Vermeidungs-Ansatzes hier schildern, ist das ein Akt der Selbstbefreiung. Dass das Sich-outen als jemand, der stottert, das Stottern selbst reduziert, habe ich selbst erfahren. Und in der Schule war das Sich-selbst-melden immer die beste Voraussetzung, weniger oder auch mal gar nicht zu stottern.

Eine andere Art der Selbstbefreiung, die das Stottern reduziert, ist es, die Lust am eigenen, selbstständigen und unabhängigen Denken wiederzufinden. Umso mehr man aus zwanghaftem, abhängigem Denken heraus findet, lässt auch der Zwang zum Stottern nach.

Ein Akt der Selbstbefreiung wäre es auch, sich von einem Therapeuten zu trennen, der einen nur noch als dankbares Therapieobjekt ansieht, mit dem er ein Zubrot verdienen kann. Und es wäre auch ein Akt der Selbstbefreiung, Thomas, dich wieder am realen Leben zu beteiligen, indem du zum Beispiel zu einem Sportverein für asiatische Kampfsportarten gehst, dort sagst, dass du stotterst, aber gerne mitmachen möchtest, statt einen Panzerkrieg im Internet zu führen.

Ob du wirklich noch eine Therapie brauchst, Thomas? Du brauchst vor allem den Entschluss, dein Leben wieder (oder endlich mal?) in deine eigene Hand zu nehmen. Wenn du einen Therapeuten fändest, der dir dabei helfen kann, dann wäre eine neue Therapie vielleicht sinnvoll. Es können aber auch ganz einfach reale Menschen sein, die dir dabei helfen, wenn du es zulässt.

Es ist so einfach und zugleich so schwer.

Eberhard
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von T_homas » 22. April 2016 11:51

Das kam anscheinend falsch rüber,meinen Therapeuten stelle ich natürlich nicht infrage,ich hatte ja auch schon verschiedene.Bei mir scheint es wie bei vielen zu sein,dass ambulante Therapie nicht wirklich anschlägt.Vielen bringt ja erst eine Intensiv-Therapie wirklich etwas.

Andreas Starke hab ich nun auch angeschrieben,wollt ich nur erwähnen,nicht dass es aussieht als hätte ich nicht reagiert.
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von Eberhard » 22. April 2016 13:58

Es ist nur so, Thomas: Du darfst dich nicht der Vorstellung hingeben, du bräuchtest nur den Therapeuten zu finden, der das Richtige mit dir macht und dann ist das Stottern weg. Eine Stottertherapie kann immer nur Hilfe zur Selbsthilfe sein. Wenn du das nicht verstehst und nicht annimmst, dann wird dir auch der gute Andreas nicht helfen können. Und wenn ein Therapeut dieses Verständnis von Stottertherapie nicht hat, dann ist es der falsche. Es kommt mindestens genauso viel auf dich an, wie auf den Therapeuten.

Gutes Gelingen, Eberhard
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von T_homas » 22. April 2016 17:49

Nein das mache ich auch nicht.So dachte ich aber anfangs,natürlich habe ich das schon längst abgelegt,auch die Überzeugung,dass ich eines Tages mal normal reden werde.Ich werde es eventuell etwas verbessern und besser damit umgehen können.Aber in die Kiste werde ich wohl dennoch eines Tages damit steigen müssen.;-)
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von Emmet O'Connell » 22. April 2016 18:47

PetraS hat geschrieben: Ein weiteres Konzept, das mich sehr überzeugt, und das auch gerade die emotionale Komponente des Stotterns mit aufgreift, ist das McGuire-Programm, das ausschließlich von Stotternden für Stotternde angeboten wird.
http://forum.bvss.de/viewtopic.php?f=12&t=4315#p26436
Allerdings wird es in Deutschland nicht von Krankenkassen getragen, bietet jedoch durch den Konzeptaufbau eine ständige Nachsorge an und regelmäßige Auffrischungsmöglichkeiten (die freiwillig sind), weil jeder Teilnehmende und jeder Coach, die ja alle selber stottern, wissen, dass eine Stottertherapie nicht mit dem Verlassen des Therapieraumes abgeschlossen ist, nein, dass die Arbeit am Stottern eine lebenslange Aufgabe ist.

Gruß
Petra
Vielen Dank Petra! :D

Hallo Nina,
Wann Sie eine fragen zum McGuire Programm haben, können Sie mich gerne heir Kontakterin! :D

Emmet O'Connell - McGuire Programm Mitglied

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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 26. April 2016 15:47

Eberhard hat geschrieben:Es ist nur so, Thomas: Du darfst dich nicht der Vorstellung hingeben, du bräuchtest nur den Therapeuten zu finden, der das Richtige mit dir macht und dann ist das Stottern weg. Eine Stottertherapie kann immer nur Hilfe zur Selbsthilfe sein. Wenn du das nicht verstehst und nicht annimmst, dann wird dir auch der gute Andreas nicht helfen können. Und wenn ein Therapeut dieses Verständnis von Stottertherapie nicht hat, dann ist es der falsche. Es kommt mindestens genauso viel auf dich an, wie auf den Therapeuten.
Diese Ermahnung "kann immer nur Hilfe zur Selbsthilfe sein", ist gut und richtig, aber so allgemeingültig, dass sie fast schon wieder bedeutungsleer ist. Das Prinzip wird ja in dem schönen Bild deutlich: "Man gebe dem Hungernden nicht einen Fisch, mit dem er seinen Hunger stillen kann, sondern eine Angel oder ein Fischnetz, damit er sich selbst einen Fisch fangen kann." Ich drücke das bezogen auf die Stottertherapie so aus, dass ich schon lange den Verdacht habe, dass unsere Therapie eine Ausbildung in Selbsttherapie ist. Was kann eine gute Stottertherapie dazu beitragen, dass diese Selbsttherapie gelingt? Was versuchen wir den Teilnehmern zu vermitteln? Immer dasselbe: Erfahrungen und Kenntnisse. Mit "Erfahrungen" meine ich Schlüsselerlebnisse, die zu bestimmten Änderungen von Haltungen und Beurteilungen führen. Mit "Kenntnisse" meine ich Wissen über Fakten (z.B. die Prozesse des normalen Sprechens / die Struktur von Stotterereignissen), die es dem Patienten erlauben, wirksame Maßnahmen der Selbsttherapie zu entwickeln und anzuwenden. Natürlich gibt es auch jede Menge Faktenwissen, das zu Haltung- und Beurteilungsänderungen führen. Was ich noch vergessen hatte: Fertigkeiten. Ja, die Ausführung guter Nachbesserungen, Pullouts, die Benutzung guter Voreinstellungen (motor sets), überwachtes Sprechen, alles Dinge, die dazu führen, dass Stottern seltener (die Pat "werden flüssig") und das verbliebene Stottern weniger schwer wird. An dieser Stelle ist die Stottertherapie nicht viel anders als das Training in einer bestimmten Sportart. Die Sportart heißt hier, flüssiger stottern, was beinhaltet weniger stottern. Das Bild benutzt auch Dave McGuire: "Eine Heilung vom Stottern gibt es ebenso wenig wie eine Heilung vom schlechten Tennisspiel." Wer mit der Überzeugung, das wäre mein Zusatz, ein Tennistraining anfängt, dass er den Platz 1 auf der Weltrangliste erreicht, muss (mit größter Wahrscheinlichkeit) diese Überzeugung überprüfen und schließlich aufgeben. Besser Tennis zu spielen ist schon Ziel genug.

Deinen Schlusssatz halte ich für ganz selbstverständlich. Ein Patient, der nicht "mitzieht", kann das beste Therapiekonzept verunmöglichen, aber ein williger und eifriger Patient wird aus einem schlechten Konzept kein gutes Therapieergebnis machen. Dann müsste er schon besser als der Therapeut sein, aber dann bräuchte er ihn auch nicht mehr. Grundsätzlich hast Du natürlich recht: Stottertherapie ist keine Autoreparatur, wo einzig und allein die Werkstatt für das Ergebnis verantwortlich ist. Das Verhältnis von Therapeut und Patient ist ein komplementäres, d.h. ein sich ergänzendes. Die Rollen im Prozess sind verschieden, es kommt auf beide an, jeden in seiner Rolle. Die Frage, auf wen es "mehr ankommt", stellt sich nicht und braucht nicht beantwortet zu werden.
Zuletzt geändert von AndreasStarke am 27. April 2016 16:34, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 26. April 2016 16:09

T_homas hat geschrieben:Nein, das mache ich auch nicht. So dachte ich aber anfangs, natürlich habe ich das schon längst abgelegt, auch die Überzeugung, dass ich eines Tages mal normal reden werde. Ich werde es eventuell etwas verbessern und besser damit umgehen können. Aber in die Kiste werde ich wohl dennoch eines Tages damit steigen müssen.;-)
Es sind ja zwei Aspekte angesprochen: (1) Wie wichtig ist die "Mitarbeit" des Patienten? (2) Was kann man durch eine gute Stottertherapie erreichen?

Zum ersten habe ich je schon Eberhard etwas geschrieben, und im Pinzip ist klar, die Mitarbeit ist es sehr wichtig. Wenn Du es Dir zum Vorwurf machen müsstest, nicht ausreichend mitgearbeitet zu haben, bliebe immer noch die Frage, welche Umstände dazu geführt haben. Das Aufgeben der Überzeugung, "dass ich eines Tages mal normal reden werde", wie Du es ausdrückst, gehört meines Erachtens übrigens nicht zur gewünschen Mitarbeit.

Zum zweiten: Wer mit dieser Überzeugung eine Stottertherapie (gleich welche) antritt, muss sich fragen lassen, inwieweit er seine Überzeugungen mit bekannten Fakten verträglich halten möchte. Es ist bekannt, dass vollständige Heilungen vom Stottern (Stottern weg in allen Situationen bei spontanen Sprechen, ohne auf spezielle Techniken achten zu müssen) durch Therapie extrem selten sind. Heilungen ohne Therapie, sog. Spontanheilungen, kommen vor, auch noch, entgegen einer populären Expertenmeinung, im Erwachsenenalter. Was ist dem gegenüber ein sinnvolles, weil erreichbares, Therapieziel? So leben zu können, als würde man nicht stottern. Damit meine ich selbstverständlich nicht nur, dass man alles vorkommende Stottern "auf die leichte Schulter nimmt", "dazu steht ein Stotterer zu sein", oder wie man das auch immer nennen mag. Nein, das beinhaltet natürlich auch, dass das Stottern deutlich seltener und das verbleibende Stottern deutlich leichter wird. Und ob Du schließlich "als Stotterer" stirbst, wird sich im günstigen Fall als vollkommen bedeutungslos herausstellen. Auf Deinem Grabstein wird nicht stehen: "Er hat gestottert" und in Deinem Nachruf auch nicht.
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von Eberhard » 26. April 2016 21:31

Eins der bedeutendsten neurobiologischen Erkenntnisse ist, dass sich im Gehirn synaptische Strukturen verändern und erweitern müssen, wenn man etwas lernen will. Damit das geschieht, müssen im Gehirn Hormone ausgeschüttet werden, vor allem wohl Dopamin, die den Umbau und die Erweiterung möglich machen. Diese Voraussetzung wird erfüllt, wenn wir zu etwas richtig Lust haben, wenn wir uns für etwas begeistern können. Wir können dann körperlich spüren, wie die Hormone alle Glieder durchströmen.

Eine Fremdsprache kann man nicht lernen, wenn man keine Lust dazu hat. Gut Tennis spielen kann man auch nicht lernen, wenn man nicht ausgesprochene Lust dazu hat. Ein Musikinstrument lernt man nicht, wenn man keine Lust dazu hat. So geht es eigentlich mit allem, was man lernen will. Zum Autofahren hat wohl jeder Lust, deswegen lernt es auch jeder. Kreativität ohne Lust gibt es nicht. Beim Gestalten heißt das Wort schon gleich: Gestaltungslust.

Stotterfreies Sprechen muss einer, der stottert, auch lernen. Jetzt stelle ich hier mal einen Satz hin:

Ich habe Lust, stotterfrei zu sprechen oder: Ich habe Lust, stotterfreies Sprechen zu lernen.

Ich wette, jeder, der das liest, wird verdutzt gucken. Denn in der Regel denkt einer ja doch: Ich würde gerne ...; Es wäre schön, wenn ...; Ich möchte ...; vielleicht auch: Ich hätte ja gerne Lust, ... . Das ist aber eine völlig andere innere Einstellung, als zu etwas Lust zu haben. Und die dringend benötigten Hormone werden bei dieser defensiven Einstellung auch nicht ausgeschüttet, schon gar nicht, wenn jemand denkt: Ich zweifle, ob es mir jemals gelingt,... .

Ist das Leben von Stotternden nicht oft ein defensives, ein gedämpftes, ein deprimiertes, ein schicksalsergebenes Leben? Wenn eine Therapie damit nicht brechen kann, kann sie keinen dauerhaften Erfolg haben.

Wenn ich Stottertherapeut wäre, ich würde meinen Klienten zu Anfang eine innere Einstellung einimpfen wie: Ich stottere jetzt, aber ich habe große Lust, das stotterfreie Sprechen zu lernen. Das wäre eben dann die selbstaktive Einstellung, ohne die es nicht geht. Es wäre ein wirklicher Akt der Selbstbefreiung von all der Hoffnungslosigkeit, die einen gefangen hält. Ein Ende der dauernden Beschwichtigungs-, Beruhigungs- und Tröstungsversuche. Ein Aufbruch eben. Mit dieser Einstellung merkt man dann auch sehr schnell, ob ein Therapeut einem helfen kann oder nicht und zur Selbsttherapie eignet sich dies Einstellung auch sehr gut.
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von AndreasStarke » 1. Mai 2016 11:34

Dass Begeisterung und Lust auf etwas eine Voraussetzung für Lernen ist, ist entweder eine Trivialität (wenn man nämlich unter Lernen etwas versteht, das durch Begeisterung und Lust auf etwas begünstigt wird) oder müsste für verschiedene Arten von Lernen jeweils getrennt betrachtet werden. Eine Fremdsprache lernen, ein Musikinstrument lernen oder eine Geschicklichkeitssportart lernen würde ich zu dieser Gruppe zählen. Aber selbst da ist die eigentlich interessante Frage, wodurch man die offenbar notwendige Begeisterung oder Lust auf etwas weckt und, was noch schwieriger ist, aufrecht erhält. Dazu würde ich gerne einen Beitrag aus der neurobiologischen Forschung hören. Wie kommt es dazu, wie das zwei Töchter meines Cousins gemacht haben, dass ein Mensch viele lange Jahre lang beginnend ab dem (spätestens 10.) Lebensjahr täglich 4 bis 6 Stunden ein Streichinstrument übt? Sicherlich nicht dadurch, dass der Vater (Musiklehrer an einer Schule) oder der jeweilige Instrumentallehrer den Kindern "eingeimpft" hat, dass sie große Lust haben sollten, ihr Instrument zu lernen. So funktioniert das nicht.

Dazu kommt noch, dass es gar nicht klar ist, ob es das Ziel der Stottertherapie sein sollte, "stotterfreies Sprechen" zu lernen. Menschen, die nicht stottern, stottern nämlich nicht deswegen nicht, weil sie einmal "stotterfreies Sprechen" gelernt haben. Das ist ein bedeutender Unterschied zum Klavier- oder Tennisspielen. Van Riper hat dazu einen klugen Spruch geprägt: "Wir (die Therapeuten) brauchen unseren stotternden Patienten nicht beizubringen, wie man ohne Stottern spricht. Das können sie nämlich schon. (Jeder Stotterer kann nämlich jedes Wort der eigenen Sprache ohne zu stottern sagen, aber leider nicht immer. Manchmal erlebt er Kontrollverluste, die man als Stotterereignisse bezeichnet). Was wir ihnen beibringen sollten, ist: besser zu stottern."

Kurz und gut: Die Sache mit dem Lernen und dessen Voraussetzungen ist, allgemein gesprochen, sehr viel komplizierter. Auch der Verweis auf die moderne Hirnforschung lässt Deinen Beitrag nur wohlbegründet erscheinen, bringt aber eigentlich nichts.
Zuletzt geändert von AndreasStarke am 9. Mai 2016 11:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Hallo/Erfahrungen mit dem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz?!"

Beitrag von PetraS » 1. Mai 2016 19:27

Andreas, du sprichst mir aus der Seele!
Ich hatte selbst schon gedacht, dass das, was Eberhard schreibt, Binsenweisheiten sind, anwendbar auf jede Form des Lernens und ganz einfach das, was wir Motivation nennen...
Viel wichtiger allerdings erscheint mir der zweite Teil...
AndreasStarke hat geschrieben: Dazu kommt noch, dass es gar nicht klar ist, ob es das Ziel der Stottertherapie sein sollte, "stotterfreies Sprechen" zu lernen. Menschen, die nicht stottern, stottern nämlich nicht deswegen nicht, weil sie einmal "stotterfreies Sprechen" gelernt haben. Das ist ein bedeutender Unterschied zum Klavier- oder Tennisspielen. Van Riper hat dazu einen klugen Spruch geprägt: "Wir (die Therapeuten) brauchen unseren stotternden Patienten nicht beizubringen, wie man ohne Stottern spricht. Das können sie nämlich schon. (Jeder Stotterer kann nämlich jedes Wort der eigenen Sprache ohne zu stottern sagen, aber leider nicht immer. Manchmal erlebt er Kontrollverluste, die man als Stotterereignisse bezeichnet). Was wir ihnen beibringen sollten, ist: besser zu stottern."
Dazu fällt mir ein Werbeslogan ein, der mir neulich mal wieder durch den Kopf ging, den ich allerdings gerne umgewandelt hätte:
Stottern?! Die Freiheit nehm' ich mir!
Wäre doch mal ein schönes Motto für einen Buko!
Schönen 1.-Mai-Abend
Petra

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