MPI-Therapie in Deutschland

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Quadrix
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MPI-Therapie in Deutschland

Beitrag von Quadrix » 16. Juli 2016 20:18

Hallo zusammen,

Habe gesehen dass hier bereits Interesse an der MPI-Therapie und weiteren Forschungsergebnissen von Roger J. Ingham besteht, wie dieser Thread zeigt: viewtopic.php?f=4&t=4272&p=25316&hilit=mpi#p25316

In einer der Studien die dort referenziert wurden, wird die Wirksamkeit von MPI nachgewiesen: 11 von 17 Patienten waren nach der Therapie stotterfrei.

Vorher-/Nachhervideos und weitere Infos findet Ihr auf unserer Webseite: https://mpi-stuttering-treatment.com/be ... er-videos/

Mein Name ist Florian Student und ich habe vor knapp drei Jahren (u.a.) mit Roger Ingham zusammen die Firma Logera Solutions GmbH gegründet, mit dem Ziel seine Forschungsergebnisse zu kommerzialisieren.

Wir haben nun eine auf iPad und iPod touch lauffähige App für die MPI-Therapie, die das zuvor genutzte größere System mit analogem Vorverstärker und Laptop abgelöst hat.

In den USA wurden mit dieser, von mir programmierten Software schon zahlreiche Patienten erfolgreich behandelt.

Da unsere Firma in Stuttgart angesiedelt ist, haben wir nun das Ziel, MPI auch hierzulande anzubieten. Voraussetzung für die Nutzung der Therapie ist allerdings dass ein Logopäde, der speziell darin ausgebildet, ist diese durchführt. Und dass wir bisher keine derartigen Logopäden in Deutschland haben ist auch der Grund dafür dass es hier noch nicht angewendet wurde.

Ich wollte gerne hier mit Euch in Kontakt treten um zu erfahren wer von Euch als Logopäde oder auch als Patient Interesse hätte bei der Einführung von MPI in Deutschland mit dabei zu sein.

Auf Euer Feedback freue ich mich.

Schöne Grüße,

Florian
Zuletzt geändert von Quadrix am 26. Juli 2016 12:18, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: MPI-Therapie in Deutschland

Beitrag von PetraS » 17. Juli 2016 18:17

Hallo Quadrix,
erst einmal Danke für den Eintrag.
Auch wenn bereits über MPI geschrieben wurde, so war das doch eine sehr spezielle Diskussion. Daher wäre es sicher hilfreich, wenn du uns erst einmal erklären könntest, was dieses MPI überhaupt ist.

Handelt es sich um ein technisches Hilfsmittel wie ein DAF-Gerät zur "Überlistung" des Stotterns oder ist es wirklich eine Therapie, die man eine gewisse Phase lang durchläuft (und später in Eigenarbeit weiterführen kann)?

Aus den Vorher-Nachher-Videos geht für mich nicht hervor, wie die erhöhte Sprechflüssigkeit zustande gekommen ist.
Außerdem würde mich interessieren, ob DU selber diese Therapie gemacht hast (weil du selber stotterst), oder ob du sie nur promoten willst.
Vielen Dank
Petra

Edit: Hab den Beitrag angepasst, da Quadrier bereits geschrieben hatte.

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Re: MPI-Therapie in Deutschland

Beitrag von Quadrix » 18. Juli 2016 12:17

Hallo Petra,

"MPI" steht für Modifying Phonation Intervals also Modifizierung der Phonationsintervalle. Konkret wirst Du trainiert die Häufigkeit besonders kurzer Intervalle um 50% reduzieren. Ganz wichtig bei MPI ist bei jeder Übung dass die Sprache weiterhin natürlich klingen muss, dafür wird die Sprachnatürlichkeit auf einer Scala von 1-9 erfasst.

Konkret durchgeführt wird die Therapie über Bio-Feedback: ein am Kehlkopf getragenenes Accelerometer/Kontakmikrofon nimmt die Schwingungen der Stimmbänder auf und eine Software analysiert dann die Länge der Intervalle. Je nach Übung bekommst Du sofort ein Feedback (optisch und akustisch) wenn ein Interval zu kurz war oder erst durch Abbruch der Übung wenn es zuviele kurze Intervalle innerhalb einer Minute gab.

Der Effekt dass allein die Reduktion der kurzen Intervalle ausreichend ist, ist in dieser Veröffentlichung von Prof. Ingham beschrieben: http://mpi-stuttering-treatment.com/stu ... a-1983.pdf

Der Rest der Therapie zielt darauf ab, dass der Patient trainiert wird, das neue Sprechmuster in jeder Situation zu beherrschen. Es gibt hunderte Aufgaben, die immer schwieriger werden und erfolgsabhängig durchlaufen werden.

Im Gegensatz zu DAF ist MPI wirklich eine Therapie und nicht nur ein Hilfsmittel das seine Wirkung verliert sobald man es ausschaltet. Das heißt wenn der Patient einmal sein Sprechmuster umgestellt hat, kann er auch ohne Hilfsmittel flüssig sprechen.

Ich bin selbst nicht Stotterer (obwohl ich mich oft verhaspele) und bin eher zufällig zum Thema gekommen. 2011 habe ich eine DAF-App fürs iPhone entwickelt, habe damals auch schon hier gepostet. Paul Dest halft mir sie zu testen.

Schöne Grüße,

Florian

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Re: MPI-Therapie in Deutschland

Beitrag von PetraS » 20. Juli 2016 09:35

Hallo Florian,
ich stehe im Kontakt zu mehreren hundert!!! in Facebook-Gruppen zusammengeschlossenen Stotterern in der Türkei, die dringend, und zwar sehr dringend nach annehmbaren Lösungen suchen, da sie bislang nichts anderes angeboten bekommen haben als rhythmisches Sprechen, melodiöses Sprechen bzw. den Hinweis, sie atmen einfach nur falsch.

Ich habe deine Infos in diesen Gruppen geteilt und sofort Rückfragen erhalten. Ich möchte eine dieser Rückfragen gerne hier einbringen:
MPI stuttering treatment,videoları izledimde güzel bir yönteme benziyor,petra hanım bu merkez almanya stuttgarda gerçek terapi sonrası uzun dönemde akıcılık devam ediyormu, bilgi alabilirmisiniz bu kurumdan vede ücreti konusunda sizden ricamız
Übersetzt:
Als ich die Videos von MPI stuttering treatment gesehen habe, erschien es mir eine schöne Methode zu sein, Petra. Das Zentrum ist in Deutschland, in Stuttgart. Hält aber die Flüssigkeit nach der Therapie wirklich lange Zeit an, können Sie dazu Informationen erhalten, außerdem bitte ich Sie nach den Kosten (zu fragen)
Eine Antwort an dieser Stelle wird dafür sorgen, dass ich die Fragenstellerin unmittelbar über die dortigen Verteiler informiere. Dort lesen noch viele andere interessiert mit.

Und noch eine Frage von mir selbst:
Wie wäre das z.B., wenn Logopäden sich mit der Methode in Deutschland fortbilden lassen, wären dann die Kosten automatisch dadurch gedeckt, dass die Logopäden eine staatliche Anerkennung haben, oder müssten die Patienten die Kosten für die zusätzlichen Apparaturen selber aufwenden?

Für eine Antwort danke ich im Voraus.
Petra

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Re: MPI-Therapie in Deutschland

Beitrag von Torsten » 20. Juli 2016 11:48

Hallo Florian,
ich finde es gut, dass Ihr MPI auch in Deutschland bekannt machen wollt. Ihr braucht dazu Logopäden – ich fürchte, in diesem Forum hier lesen nicht viele mit. Aber es gibt die Interdisziplinäre Vereinigung der Stottertherapeuten – die wäre vielleicht ein guter Ansprechpartner, wenn es darum geht, die Therapie hierzulande bekannt zu machen. Sie führen immer im Herbst eine kleine Tagung durch, wo man die Therapie und die Technik präsentieren könnte. Außerdem gibt es den Bundesverband für Logopädie, der jeden Monat einen Newsletter herausgibt – das könnte auch eine gute Adresse sein.

Hallo Petra und andere Interessierte,

Die klinische Studie mit fünf Probanden zum Test der Wirksamkeit der Therapie (bis ein Jahr nach Therapie-Ende) ist hier:

Ingham et al. (2001). Evaluation of a stuttering treatment based on reduction of short phonation intervals.

Ich weiß nicht, ob danach noch eine größere Studie (über längere Zeit und mit mehr Teilnehmern) durchgeführt wurde.

Gruß, Torsten
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Re: MPI-Therapie in Deutschland

Beitrag von Quadrix » 21. Juli 2016 20:56

Hallo Petra und Torsten,

danke für das Interesse und Eure Antworten sowie die Tipps.

In der Türkei werden wir die Therapie leider zunächst nicht anbieten können. Neben englischsprachigen Ländern hat Deutschland die höchste Priorität.

Die Forschungsergebnisse könnt Ihr hier nachlesen:

https://mpi-stuttering-treatment.com/st ... -research/

Die Veröffentlichung von 2001 (die Du, Torsten, verlinkt hast) beschreibt dabei am besten wie die Therapie funktioniert.

Das Paper von 2015 vergleicht die Wirksamkeit von MPI mit Prolonged Speech (PS). Hauptergebnis: 11 von 17 Probanden in der MPI-Gruppe waren am Ende stotterfrei, während es bei PS nur 3 von 10 waren.

Gruß, Florian

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Re: MPI-Therapie in Deutschland

Beitrag von dosi » 21. Juli 2016 21:56

Wäre es möglich die Forschungsergebnisse auch in deutscher Sprache vorzustellen?

Dosi
Nicht jeder Zwerg wird ein Feldherr und nicht jeder Stotterer ein Großmeister der Sprache. Aber Stotterer und Zwerge sind stärker als Schöne und Gesunde motiviert, eine geniale Begabung in die geniale Leistung umzusetzen.“

Wolf Schneider

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Re: MPI-Therapie in Deutschland

Beitrag von Torsten » 22. Juli 2016 12:50

Hallo Dosi,

hier mal eine Übersetzung der Zusammenfassung der aktuellsten Studie von 2015 mit einigen Ergänzungen von mir in eckigen Klammern:

Wirksamkeit des "Modifying Phonation Intervals"
(MPI) Stottertherapieprogramms mit stotternden Erwachsenen.


Ziel: Diese Studie vergleicht ein neues Behandlungsprogramm für stotternde Erwachsene (Modifikation der Phonationsintervalle, MPI) mit der Standardbehandlung für die Verminderung des Stotterns bei Erwachsenen (gedehntes, verlangsamtes Sprechen).

Methode: 27 stotternde Erwachsene [22 Männer, 5 Frauen, 18-64 Jahre, Durchschnittsalter 35,9 Jahre] wurden entweder einer MPI-Therapie [17 Teilnehmer, wobei die Daten von 5 davon schon einmal in der Studie von 2001 veröffentlicht worden waren] oder einer Therapie mit gedehntem Sprechen [10 Teilnehmer] zugeteilt. Beide Behandlungsprogramme nutzten eine ähnliche Infrastruktur. Bei denjenigen Teilnehmern, die alle Behandlungsphasen erfolgreich abgeschlossen hatten, wurden das Sprechen [Stotterschwere, Natürlichkeit] und dazu in Beziehung stehende Variablen [Selbst-Identifikation] beurteilt, und zwar in 3 Sprechsituationen [Lesen, Erzählen, Telefonieren] in der Klinik und in 3 Folge-Untersuchungen [bis 1 Jahr nach Behandlungsende].

Resultate: Beim Übertragen [der Sprechtechnik in den Alltag - also nach der Einübungsphase], während der Aufrechterhaltungsphase und in den Folge-Untersuchungen war das Sprechen der 14 Teilnehmer, die die Behandlung erfolgreich abschlossen mit dem von normal sprechenden Erwachsenen vergleichbar. Die erfolgreichen Teilnehmer zeigten auch eine erhöhte Selbst-Identifikation als „Normalsprecher“ und eine geringere Selbst-Identifikation als „Stotterer“, weniger kurze Phonationsintervalle und einen etwas erhöhten Gebrauch von längeren Phonationsintervallen. Elf der erfolgreichen Teilnehmer erhielten die MPI-Behandlung und drei die Behandlung mit gedehntem Sprechen [d.h., von den 10 Teilnehmern. beim gedehnten Sprechen waren 3 erfolgreich, von den neuen 12 Teilnehmern. an MPI – die fünf erfolgreichen aus der Studie von 2001 abgezogen – waren 6 erfolgreich].

Schlussfolgerung: Die Resultate der beiden Behandlungs-Arten nach erfolgreichem Abschluss waren ähnlich. Der weit größere Anteil erfolgreicher Teilnehmer in der MPI-Gruppe, zusammen mit dem Voraussage-Wert spezifischer Änderungen in der Dauer der Phonationsintervalle lässt jedoch annehmen, dass das MPI-Programm effektiver war, weil es den Klienten dabei half, die spezifischen sprachlichen Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern, auf die es bei einer erfolgreichen Behandlung des Stotterns bei Erwachsenen ankommt.

************************************************************************************************************************

Nachbemerkung von mir: Die Untersuchungsgruppen der neuen Studie waren also ungefähr gleich groß: 12 Teilnehmer bei MPI, 10 Teilnehmer beim gedehnten Sprechen. Weil aber die Erfolgsrate in der MPI-Guuppe (6 von 12) auch nicht gerade berauschend war, haben sie die alten Daten aus 2001, wo die Erfolgsrate höher war (5 von 6) mit hinzugenommen, damit das Ganze schöner aussieht. Dabei haben sie den einen Abbrecher aus 2001 unter den Tisch fallen lassen, oder er ist in der Gesant-Teilnehmerzahl enthalten, und sie haben vergessen, das zu erwähnen. Das kann gut sein, denn man versteht auch nicht ganz, wieso von den 22 neuen Teilnehmern, die "randomly", also nach dem Zufallsprinzip, auf die beiden Therapiegruppen verteilt wurden, 10 in die eine und 12 in die andere Gruuppe gelangt sind. Wären es in Wahrheit nur 21 neue Teilnehmer gewesen, dann wäre die ungleiche Gruppengröße verständlich.

Trotzdem ist MPI ein interessanter Therapie-Ansatz.

Gruß, Torsten
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Re: MPI-Therapie in Deutschland

Beitrag von Duddler89 » 13. November 2016 23:15

Sehr vielen Dank für eine ausführliche Information, habe viel Neues erfahren.

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