Logopädie hilft nicht!

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Liamnoa
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Logopädie hilft nicht!

Beitrag von Liamnoa » 15. November 2016 21:04

Bin ich der einzige der das Gefühl hat, dass Logopäden einen gar nicht helfen können. Das ist jetzt die dritte logopädische Behandlung die ich mitmache (stottern), und ich spüre keine Verbesserung!

turnschuh
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Re: Logopädie hilft nicht!

Beitrag von turnschuh » 15. November 2016 21:50

Ein Logopäde kann das stottern vielleicht nicht kurieren. Aber die Unterstützung kann durchaus auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Man hat einen Experten und Vertrauten mit dem man sich mal über das Stottern aussprechen kann, der einem Hilfestellung im Umgang mit dem Stottern gibt. Das Selbstbewusstsein im Umgang mit dem eigenen Stottern kann verbessert werden durch positive Erlebnisse bei Übungen.
Man bekommt technische Tipps und Übungen, die " manchmal" tatsächlich helfen. 8)

Was würdest du dir denn wünschen, was bisher nicht so gut war?

P.s. Ich gehe mit meinem Sohn zu einem Logopäden. Für mich selber gab es damals keinen Logopäden.

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T_homas
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Re: Logopädie hilft nicht!

Beitrag von T_homas » 16. November 2016 11:21

Der Ansicht sind viele,ich kann das auch nur von meiner Seite bestätigen.
7 Jahre Logopädie,verschiedene Ansätze,van Riper usw. 4 Firmen,glaub 6 oder 7 verschiedene Logopäden.
War alles für die Katz.
„Das Leben ist wie ein Fluss! Mal schnell, mal langsam, mal klar, mal dreckig, mal niedrig, mal hoch, immer in Bewegung und jeden Moment anders!“ Quelle: -asiatische Weisheit-

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Re: Logopädie hilft nicht!

Beitrag von Ralf_D. » 16. November 2016 12:02

Der Logopäde kann Dir letztlich auch nur Wege aufzeigen, die möglich sind, um seine Sprechweise zu verändern und/oder Dich mit Deinem Stottern mal näher auseinander zu setzen. Oft resultiert daraus eine Abnahme des Stotterns, die - vor allem bei Kindern - im günstigsten Falle bis zur Symptomfreiheit führen kann. Dies sind aber absolute Ausnahmen.

Zusätzlich kann eine begleitende psychotherapeutische Behandlung sinnvoll sein (Desensibilisierung, "offensives" Stottern/Pseudostottern, Stärkung des Selbstbewussteins, usw.) Oft wird allein dadurch schon eine bemerkenswerte Besserung erzielt, nämlich dann, wenn man die ANGST vor dem Stottern verliert.

Der für mich am logischsten erscheinende Ansatz ist der nach Van Riper. Wer den noch nicht kennt, sollte sich unbedingt mal an Andreas Starke in Hamburg wenden. Ich weiß nicht, ob der überhaupt noch therapiert, er ist ja nicht mehr der Jüngste, aber ich halte ihn nach wie vor für den besten VanRiper Therapeuten überhaupt. Ihm zum Thema Stottern zuzuhören, ist eine Wohltat, der Mann weiß, wie kein zweiter, wovon er spricht.

Natürlich kann auch eine (grundsätzliche) Veränderung der Sprechweise zu guten bis sehr guten Erfolgen führen (Hausdörfer/Naturmethode).
Der Knackpunkt bei sowas ist halt immer, inwiefern der Stotternde bereit ist, diese neue Sprech-Weise auch NACH der Therapie in der Praxis umzusetzen.

Das Thema "Atmung" bei stotternden Menschen halte ich hingegen für ziemlich überbewertet. Ich glaube nicht daran, dass der Stotternde "falsch" atmet und dadurch Stottern begünstigt, wie es uns Greifenhofer oder DelFerro weißmachen wollen, sondern allenfalls genau umgekehrt, dass aus einem Stotterereignis eine kurzzeitige Veränderung der Atmung resultiert, was ja auch logisch ist.

Greifenhofer und Del Ferro erzählen aber auch noch mehr solchen Quatsch, wie zB. dass man beim Singen nur deshalb nicht stottert, weil man da die Zwerchfellatmung anwendet und deshalb solle man beim Sprechen grundsätzlich nur noch durch das Zwerchfell atmen.
Lustig auch, wie er während der Therapie die Probanden - während sie stotterten - immer wieder kritisierte, dass sie nur deshalb gerade blockieren, weil sie durch die Brust eingeatmet haben. §xlol
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Re: Logopädie hilft nicht!

Beitrag von dosi » 16. November 2016 12:26

Logopädie kann helfen - muß aber nicht.
Was erwartest du von logopädischer Behandlung? Eine Heilung, absolute Symptomfreiheit? Da hilft Logopädie definitiv nicht!
Wichtig ist sicher auch wer dein Logopäde / Therapeut ist. Logopädie ist ein weites Feld und nicht jeder Logopäde kennt sich wirklich mit Stottern aus. Da sollte man schon vorher die Bundesvereinigung befragen, wer in Wohnortnähe ein zertifizierter Stottertherapeut ist oder was für Therapiemöglichkeiten es überhaupt gibt. Setze dir realistische Ziele! Das kann man mit einem Logopäden, der wirklich Ahnung hat, machen. Oft ist es wirklich schon hilfreich, wenn sich der Umgang mit dem eigenen Stottern ändert. Damit nimmt man sich viel Druck und das Stottern wird allein schon dadurch weniger bzw. entspannter.
Ich bin ja auch so ein Van-Riper-Fan. Da gibt es viel zu lernen und zu begreifen. Einmal erfahre ich, was ich tun kann, wenn ich in einem massiven Block hänge und ich lerne ein Leben mit dem Stottern. Letzteres hört sich vielleicht nicht so erstrebenswert an, ist aber eine wichtige Geschichte. Das Stottern verschwindet nicht, nur weil man es nicht mag. Man sollte eine "friedliche Koexistenz" anstreben.
@ Ralf_D. - Andreas therapiert noch gemeinsam mit Robert Richter. Ich halte übrigens Robert für den besten Van-Riper-Therapeuten bzw. Stottertherapeuten überhaupt!!!
Nicht jeder Zwerg wird ein Feldherr und nicht jeder Stotterer ein Großmeister der Sprache. Aber Stotterer und Zwerge sind stärker als Schöne und Gesunde motiviert, eine geniale Begabung in die geniale Leistung umzusetzen.“

Wolf Schneider

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Re: Logopädie hilft nicht!

Beitrag von PetraS » 16. November 2016 12:53

Hallo Liamnoa,

Ralf_D. und Dosi haben dir bereits die besten Tipps gegeben. Es ist definitiv nicht jeder Logopäde Stottertherapeut. Darum ist es wirklich sinnvoll, sich bei http://www.bvss.de nach der Therapeutenliste zu erkundigen und vielleicht auch die Fachberatung anzurufen.

Ich selber halte ebenfalls die Van-Riper-Therapie für das logischste Modell in unseren Breiten, selbst wenn mich auch McGuire in seinen Ansätzen sehr überzeugt.
Entscheidend bei beiden Modellen ist, dass sie die Gefühlswelt des Stotternden ernst nehmen und systematisch durch Desensibilisierung behandeln und nicht etwa wie bei den Fluency Shaping-Modellen (dem globalen Verändern des Sprechens hin zu einer künstlichen, stotterfreien Sprechweise) lapidar sagen, "wenn du erst stotterfrei sprichst, dann gehen auch deine Ängste zurück".

Wichtig ist also tatsächlich das Stecken realistischer Ziele, wozu natürlich gehört, dass der Therapeut dich auch darüber aufklärt, was realistisch ist!
Darum solltest du auch vorsichtig sein vor Therapeuten oder solchen, die sich gerne so nennen, die dir völlige Symptomfreiheit garantieren wollen und dann dir den schwarzen Peter zuschieben, wenn du dies nicht dauerhaft erreichst. (Angeblich zu wenig geübt, falsche Technik benutzt etc.).

Wie Ralf und Dosi bereits gesagt haben, ist die Therapie http://viermalfuenf.de von Andreas Starke und Robert Richter, die bis auf einige Unterbringungskosten von der Krankenkasse übernommen wird, ein sehr erfolgsversprechendes Modell. Anschließend besteht die Möglichkeit, weitere Seminare mit den Therapeuten zu belegen, bei denen die erlernten Techniken immer wieder aufgefrischt werden können. Denn mit Ende einer Therapie endet niemals auch das Arbeiten am Sprechen. Dessen solltest du dir bewusst sein.

Was ich dir ebenfalls empfehlen kann, ist der Besuch einer Selbsthilfegruppe oder der Flow-Gruppen, das sind sozusagen die Jugendvereinigungen derselben. Im Gespräch mit anderen Stotternden kann man sehr viel voneinander lernen, und zum Beispiel bei uns In der Kölner Gruppe, wo keine gesonderte Jugendgruppe besteht, profitieren auch die ganz jungen Stotternden sehr von den älteren und ihren Erfahrungen.

Auch ein Verzeichnis der Selbsthilfe- und FLow-Gruppen erhältst du bei der Bundesvereinigung (Link s. oben)

Ich wünsche dir viel Erfolg
Petra

Nina 1999
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Re: Logopädie hilft nicht!

Beitrag von Nina 1999 » 20. Mai 2017 11:23

Hallo,

leider weiß ich nicht, ob das Thema noch aktiv ist. Dennoch möchte auch ich meine Erfahrungen einbringen:

Seit Januar 2016 absolviere ich eine logopädische Behandlung nach Charles Van Riper. Mittlerweile schon über 50 Stunden, also über die im Heilmittelkatalog stehende Gesamtverordnungsmenge. Für die Ausstellung solcher Verordnungen ist eine medizinsche Begründung notwendig, in der das Ziel absehbar ist. (Sorry, für die kleine Abschweifung vom eigentlichen Thema). :)

Logopädie kann nur helfen, wenn der Patient auch außerhalb der Behandlungen an seinem Sprechen arbeitet und versucht, die Übungen, später hauptsächlich Sprechtechnik, mit in den Alltag zu nehmen. Durch das (konsequente) Anwenden wird man sicher. Nur so kann z. B. während der Desensibilisierungsphase das Pseudostottern (erst auf Wortebene bis hin zum Transfer in Realsituationen) erfolgen und die vorhandenen Scham- und Angstgefühle beim Stottern abgebaut werden. Dieses Prinzip gilt für jede Modifikation bzw. Technik...

Die Desensibilisierung sollte regelmäßig bzw. auch parallel beim Erlernen von Techniken wiederholt werden. Damit mache ich zurzeit gute Erfahrungen. Meine Logopädin baut ab und an auch Übungen zum Pseudostottern ein. So gerät es nicht in Vergessenheit. §dup

In der Therapie beschäftigen wir uns momentan intensiv mit einem Vortrag, diesen ich Ende Juni in der Berufsschule halten muss. Im Vordergrund steht das Preparatory-Set (= "Vorbereitete Einstellung", um besser auf erwartbares Stottern reagieren zu können).

Durch viel Übung gelingt mir das Anwenden, bei vorher gekennzeichneten Stellen im Text, recht gut. Letzte Stunde gingen die Logopädin und ich noch einen Schritt weiter: ich versuchte (ohne Markierungen) beim freien Formulieren die Technik zu benutzen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang mir erstmals der beginnende Übertrag in die Spontansprache. Dazu gehört natürlich noch weitere Übung - aber, ein Grundstein ist gelegt...

Gruß

Nina 1999
Jedes Problem durchläuft bis zu seiner Anerkennung drei Stufen:
In der ersten wird es lächerlich gemacht.
In der zweiten bekämpft,
in der dritten gilt es als selbstverständlich.
(Arthur Schopenhauer)

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