Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

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PetraS
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Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von PetraS » 16. Januar 2017 13:19

Hallo,
aufgrund der verschiedenen Themenstränge in der Anne Deener-Debatte eröffne ich hiermit einen neuen Thread zum Thema "spektakuläre Kurzzeiterfolge" und bringe die bereits vorhandenen Erfahrungen und Argumente hier als Zitat ein:
julius hat geschrieben: Spektakuläre Kurzzeiterfolge sind ein Thema, dass mich sehr interessiert, und das glaube ich noch unzureichend verstanden ist. Ich habe so etwas selbst vor 25 Jahren, als Jugendlicher, in Amsterdam erlebt. Nach den 10 Tagen war habe ich im Prinzip flüssig gesprochen, und zwar ohne dabei ständig an die Technik zu denken, soweit ich mich erinnere. Dann wurde es langsam wieder schlechter, was sehr frustrierend und mit Schuldgefühlen verbunden war. Meine Versuche, auf mich gestellt, den Therapieerfolg wiederherzustellen, scheiterten, und als ich dann ein paar Monate später noch einmal in Amsterdam zur "Nachbehandlung" war, wurde ich vor der versammelten (neuen) Gruppe kritisiert, ich würde alles falsch machen und sei selber schuld. Das hat mir natürlich nicht weitergeholfen. Dennoch hatte die Therapie in Amsterdam letztlich einen positiven Einfluss auf mein Sprechen - es war vermutlich nur ein bisschen flüssiger als vorher, aber die kurzzeitige starke Verbesserung (in einer Phase, in der ich in den meisten Situationen kaum einen Satz am Stück sagen konnte) hat mir geholfen, aus der (teilweise selbstgewählten) Isolation herauszukommen.

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass diese "wundersame" Wirkung nur auf ein einem Verfremdungseffekt basiert. Und frage mich immer wieder, ob dieser Therapieansatz zusammen mit einer vernünftigen Begleitung beim Transfer in den Alltag, nicht doch eine gute Idee ist. Allerdings glaube ich nicht, dass das Dogma des "100%ig stotterfreien Sprechens" hilfreich ist - im Gegenteil.
PetraS hat geschrieben:Hallo Julius, hallo Andreas und wer sonst noch mitliest!
julius hat geschrieben: Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass diese "wundersame" Wirkung nur auf ein einem Verfremdungseffekt basiert. Und frage mich immer wieder, ob dieser Therapieansatz zusammen mit einer vernünftigen Begleitung beim Transfer in den Alltag, nicht doch eine gute Idee ist. Allerdings glaube ich nicht, dass das Dogma des "100%ig stotterfreien Sprechens" hilfreich ist - im Gegenteil.

Vieleicht starte ich hierzu mal eine (separate) Diskussion hier, oder vielleicht gibt es auch schon eine.
Eine solche Diskussion würde auch mich und sicher viele andere interessieren, wir sollten das aber unter einem neuen Thread machen.
AndreasStarke hat geschrieben: Die Vermutung, dass bei der Anwendung der Atemkontrolle nach Del Ferro noch etwas anderes wirkt, als der bekannte Verfremdungseffekt scheint mir so abwegig nicht. Das Andere kann man daran erkennen, dass nach dem DF-Kurs und Durchführung der empfohlenen Übungen bei einigen (wievielen kann ich nicht ansatzweise abschätzen) Teilnehmern ein Nachwirkungseffekt (carry-over effect) eintritt, der darin besteht, dass die Abschnitte des Sprechens in Zustand A (siehe mein Youtube-Interview "Heldentaten") viel länger werden und teils über Tage und sogar Wochen anhalten. Zustand A bedeutet: Der Proband spricht, ohne das Stottern auftritt und ohne, dass er etwas dafür (bzw. gegen das Stottern) tut. Das ist natürlich das ideale Ergebnis einer Stottertherapie, das im Übrigen in meiner Therapie VIERMALFÜNF auch sehr oft eintritt, leider nicht bei allen Patienten und so gut wie nie auf Dauer. Wir empfehlen dann immer den betreffenden Patienten, dieses "Kippen in die Flüssigkeit" nicht zu ernst zu nehmen. Es kann ja auch mit einem Hochgefühl, einer Euphorie, zusammenhängen.

Als ich im Jahre 1976, nach ein paar Wochen treuen Legato-Sprechens (ganz langsam) vom zweiten überregionalen Stotterertreffen (für mich das erste) in Bielefeld zurückkam, rief ich von der Autobahnraststätte meine Frau an und stotterte überhaupt nicht. Sie war sehr überrascht, weil sie mich zum ersten Mal überhaupt normal sprechen hörte. Sie sagte: "Andreas, hör mal, was ist denn los? Du stotterst ja gar nicht. Bleibt das jetzt für immer so?" Seit dem Beginn meines Legato-Sprechens war sie schon auf allerhand Verrücktheiten meinerseits gefasst, und war ganz verblüfft, dass die Rechnung jetzt aufzugehen schien. Ich antwortete: "Weiß ich auch nicht. Wär ja schön!" Ich war tatsächlich ziemlich euphorisch. Ich hatte bei dem Treffen viel gesprochen (immer in Legato) und war von der positiven Gesamtstimmung des Treffens angetörnt.

Ich glaube übrigens, dass sehr viele Methoden der Stottertherapie solche Nachwirkungseffekte produzieren. Ich habe mir dazu auch schon ein Experiment ausgedacht, dass einmal ein/e Bachelor- oder Masterstudent/in für eine Abschlussthesis durchführen könnte. Sie/Er könnte damit wirklich berühmt werden. [Wer dies liest und Interesse hat, möge mir schreiben.] Eine meiner Patientinnen, eine Opernsängerin, hatte vor der Therapie bei mir eine Therapie nach der Tomatis-Methode gemacht. Tomatis ist ein frz. Mediziner, der eine Art Gehörtraining entwickelt hat, das er für allerhand Probleme einsetzt, u.a. gegen Stottern. Auch sie berichtete, dass sie mehrere Wochen nach dem Training nicht gestottert hat. Nach einer Wiederholung/Auffrischung trat der Effekt aber nicht wieder ein. Man sieht, dass nicht nur Übungen, die die Sprechbewegung verändern, dazu würde ich DF auch zählen, diesen Nachwirkungseffekt auslösen, sondern auch andere Konstellationen, die noch schwieriger zu interpretieren sind.

Noch ein Wort zu "Wer heilt hat Recht". Ich finde, das Argument ist unschlagbar. Es kommt nicht darauf an, ob man einen Heilvorgang erklären kann. Dass er funktioniert, reicht schon. Aber daran hapert es halt meistens. Noch eine Anekdote dazu: Ich habe mal in einer Stitzungspause vor dem Landgericht in Paderborn mit dem Vater Greifenhofer gesprochen. Das Verfahren ging gegen seinen Sohn Roman wegen unerlaubter Ausübung der Heilkunde. Wir kamen auf Alfons zu sprechen, einem Pat. seines Sohnes, den der kurz vorher im Fernsehen präsentiert hatte. Ich sagte: "Aber der Alfons, den Roman im Fernsehen vorgeführt hat, ist doch nicht vom Stottern geheilt, oder?" Da lachte der Vater nur und sagte: "Der Alfons? Meine Güte, Sie können sich nicht vorstellen, wie der vorher gesprochen hat!" Das ist die Krux mit den "Heilern". Sie berichten von Heilungen, meinen aber "deutliche Verbesserung", "klare Steigerung der Lebensqualität" oder "Lösung des Stotterproblems". Aber, das mag der Leser glauben, können wir schon lange, leider nicht bei allen Pat. in derselben Stärke. Die Greifenhofers haben ein Verfahren entwickelt, dass die Pat. davon überzeugen soll, dass sie normal sprechen können. Das ist die Kernidee seiner Therapie: Wenn sie das glauben (O-Ton Greifenhofer: "Und ich kann's ihnen beweisen!"), dann stottern sie nicht mehr. Die Sache sei also sehr einfach.
Dies ist die Grundlage für eine weitere Diskussion!
Petra

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Re: Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von Roland Pauli » 16. Januar 2017 14:29

Hallo Julius,

1997 hatte ich auch den 10-Tages Kurs bei Del Ferro mitgemacht. Im Therapieraum konnte ich mit hoher Konzentration tatsächlich völlig flüssig sprechen. Außerhalb nur in einfacheren Situationen.

Zuhause konnte ich in leichten Situationen zum größten Teil sehr flüssig sprechen, aber nur mit bewusster Vorbereitung und Kontrolle. Das war allerdings nicht zufriedenstellend für mich. Also ging ich noch 2 Mal zur Nachbehandlung und erlebte bei Anderen der Nachbehandlungsgruppe eine unfreundliche Schuldzuweisung von Ingrid Del Ferro. Mich ließ sie in Ruhe, weil ich mit Konzentration immer flüssig sagen konnte, dass ich Fortschritte mache, aber noch weiter an mir arbeiten werde.

Ich konnte zuhause und im beruflichen Alltag aber nie regelmäßig symptomfrei oder wenigstens symptomarm sprechen. Ich dachte, ich bin wohl einer der angeblich ganz wenigen Loosern, die es einfach mit dieser Methode nicht schaffen.
Zum 3. Termin bin ich nicht mehr hin, weil ich bei den vorherigen Nachbehandlungen keine neuen Informationen erhielt, die mich weiterbrachten. Stattdessen erinnerte ich mich an 2 Vorträge im mentalen Bereich, die mir als Tennislehrer auf unseren Fortbildungskongressen begegneten.

Da ich durch Del Ferro schon einmal die Erfahrung gemacht habe, in besonderen Situationen störungsfrei sprechen zu können, war ich zuversichtlich, durch die erfahrenen Strategien im mentalen Bereich das auch in anspruchsvollen Situationen zu schaffen. Nach 4 Monaten intensivem Training hatte ich endlich den Durchbruch geschafft. Es gab zwar noch einige Schwankungen in sehr anspruchsvollen Sprechsituationen für mich, aber ich ließ mich davon nicht beeindrucken.

Ich spürte, dass ich jetzt auf einem guten Weg für mich war. Mein mentales Training brauchte ich mit der Zeit immer weniger und freute mich, dass mein Sprechen immer stabiler wurde.

Jetzt 18 Jahre später genieße ich immer noch meine hohe Sprechqualität, und nehme kleine Symptome gelassen hin. Und mit dem Anspruch, nicht in allen Situationen 100%ig flüssig sein zu wollen, lässt es sich prima leben.

LG

Roland

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Re: Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von julius » 17. Januar 2017 00:26

Vielen Dank, Petra, dass du einen eigenen Thread zum Thema eröffnet hast, und für deinen Bericht, Roland. Meine Erfahrung ist ja oben schon kurz beschrieben, und auch Andreas beschreibt Kurzzeiteffekte. Mir war, auch in Bezug auf Del Ferro, bekannt, dass der Ansatz (bzw. die so eindimensionale Umsetzung) von den meisten Sprechtherapeuten/Logopäden als unseriös angesehen wird, weil es viele Rückfälle gebe. Dass ich kein "Einzelfall" bin, wurde mir trotzdem erst bei der Lektüre mehrere Biographien von Stotternden so richtig deutlich:
  • * Katherine Preston: Out with it (Kurzbeschreibung)
    * Marty Jezer: Stuttering: A life bound up in words
    * Frederick Murray: a stutterer's story
Alle drei waren/sind ziemlich stark Stotternde, und alle drei beschreiben Phasen, in denen sie nach einer bestimmten Therapie (z.B. "coastal breating", mit DF verwandt) kurze Zeit völlig oder zumindest sehr flüssig gesprochen haben, mitsamt der von Andreas beschriebenen Euphorie. Beim Lesen von Prestons Buch (das war das erste der drei, das ich gelesen habe) wurde mir zum ersten Mal klar, dass andere das auch gefühlsmäßig sehr ähnlich erlebt haben. An sich ist das gar nicht so erstaunlich, aber mich hat es in dem Moment emotional ziemlich "erwischt". Letztlich hatten diese Berichte aber eine befreiende Wirkung, da bei allen dreien der Schlüssel zu einem "besseren" Sprechen darin lag, das Stottern als Teil ihres Sprechens (und ihrer Person) zu akzeptieren und letztlich "besser zu stottern" (hat van Riper das gesagt?).

Die Lektüre und die Erkenntnis sind jetzt ein paar Monate her. In der Zeit danach hatte ich den Eindruck, dass mir das "besser Stottern" - wie von selbst - auch gelänge. Dass ich zum mit Blockaden viel lockerer und eleganter umgehen konnte, als früher, und sie mich dadurch viel weniger störten, als sonst. Dieses Video, in dem Katherin Preston über ihr Buch spricht, und dabei so offen mit ihren (sehr auffälligen) Blockaden und Repetitionen umgeht, wie ich es noch bei niemandem gesehen habe, finde ich in der Hinsicht beeindruckend. Allein sie so offen stottern zu sehen, hatte glaube ich einen positiven Effekt auf mein Sprechen (das wäre auch mal ein interessantes Thema für eine Studie :-)).

In den letzten Wochen ist mir aber auch deutlich geworden, dass das noch kein stabiler Zustand ist, und ich in Stressphasen, oder mit starken Hintergrundgeräuschen (Restaurant/Kneipe) oder in einer nicht mehr so vertrauten Fremdsprache wieder in die frühere, "unelegante" Art verfalle, mit dem Stottern umzugehen. Es bleibt also noch was zu tun!

Vielleicht bin ich jetzt ein bisschen vom Thema abgewichen, sorry. Zum Thread-Thema finde ich im Buch "Stottern" von Ulrich Natke (2005, 2. Auflage, S. 102)
Bloodstein (1995) beschreibt den herrschenden Konflikt in der Stottertherapie folgendermaßen: einerseits gilt Stottern, zumindest bei Erwachsenen, als schwer behandelbar, andererseits besteht der Eindrcuk, dass so gut wie jede Art von Therapie einzelnen stotternden Personen helfen kann: "...somewhere, at some time, almost any therapy can achieve a remarkable results for some stutterers". Bloodstein führt dies zu einem Großteil auf die Suggestibilität des Stotterns zurück.
Aber die Grundfrage bleibt weiterhin (wie von Petra gestellt): Wie kommt es zu diesen Kurzzeiteffekten? Wenn man das besser verstünde, würde man vermutlich auch das Phänomen Stottern selbst besser verstehen. Angesichts der Vielfalt von Methoden, die solche Kurzzeiteffekte hervorrufen können, ist es aber vermutlich eine ziemlich schwierige Frage...

(Pragmatisch könnte man auch fragen: Sollte man zwischen reinen "Suggestibilitätseffekten" (Natke/Bloodstein) und sinnvollen Ansätzen, die nur zu kurz greifen (z.B. eine isolierte Behandlung von Artikulation oder Atmung) unterscheiden? Oder könnte jeder Ansatz, der kurzzeitig flüssigeres Sprechen ermöglicht - egal wie abwegig der Ansatz sein mag -, einen hilfreichen Einstieg in eine seriöse Therapie darstellen?)

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Re: Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von AndreasStarke » 19. Januar 2017 12:39

Roland: Du blamierst Dich nicht. Dieser Rechtschreibfehler ist recht "beliebt". Du bist ein Loser, nicht ein Looser!
"To lose" ist ein unregelmäßiges Verb: to lose, lost, lost. Ich hatte gehofft, dass der alte Beates-Song "I'm a Loser" es gebracht hätten, aber deutsche Schreiber fallen immer noch auf diese Falle der englischen Orthographie herein: Weil das "o" aus /u:/ ausgesprochen wird, sollte des als "oo" geschrieben werden. It ain't necessarily so!
https://dict.leo.org/englisch-deutsch/loser

Das Wort "loose" gibt es auch. Es bedeutet aber "locker" im Sinne von "nicht fest". Man beachte den Unterschied in der Aussprache. Beide /u/ sind lang, aber das /s/ ist einmal stimmhaft, nämlich in "loser", und das andere Mal stimmlos, nämlich in "loose".

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Re: Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von AndreasStarke » 19. Januar 2017 13:30

julius hat geschrieben:Pragmatisch könnte man auch fragen: Sollte man zwischen reinen "Suggestibilitätseffekten" (Natke/Bloodstein) und sinnvollen Ansätzen, die nur zu kurz greifen (z.B. eine isolierte Behandlung von Artikulation oder Atmung) unterscheiden? Oder könnte jeder Ansatz, der kurzzeitig flüssigeres Sprechen ermöglicht - egal wie abwegig der Ansatz sein mag -, einen hilfreichen Einstieg in eine seriöse Therapie darstellen?
Ich mache mal einen Versuch. Ich glaube, dass das Stotterproblem im Kern ein Problem ist, bei einem Wort, in dessen Aussprache ein Stotterereignis (SE) (motorische Fehlleistung & sprechmotorische und andere Reaktionen darauf) vorkommt, kurz: bei einem Stotterwort die korrekte Sprechbewegung durchzuführen. Mit "korrekt" meine ich nicht korrekt im Sinne eines sprachlichen Standards, sondern korrekt für die normale Sprechweise der betreffenden Person. Meine These ist, dass die Nachwirkungseffekte (carry-over effects) entweder emotionaler oder motorischer Natur sind oder eine Kombination von beidem.

Die motorischen Nachwirkungseffekte gehen m.E. (ich spare mir in den folgenden Sätzen das "m.E.", denn es ist sowieso nur meine Meinung) auf die häufige Durchführung der korrekten Sprechbewegung zurück. In der Therapie werden deswegen Bedingungen geschaffen bzw. Aufgaben gestellt, die die Durchführung der korrekten Sprechbewegung möglich machen. Dabei kommt es nicht darauf an, dass dies in normaler Geschwindigkeit oder mit wenig Konzentration geschieht. Wenn also DF Recht hätte und das Atemtraining nur die Wirkung hätte, das Sprechatemmuster zu verbessern, und das deswegen der Stotterer flüssig spricht, dann müsste man das ja messen können. Man müsste sein Sprechatemmuster beim flüssigen Sprechen vor der Therapie (ja, nennen wir die "Kurse" ruhig mal so) mit dem Sprechatemmuster nach der Therapie vergleichen und Unterschiede feststellen. Wenn diese Unterschiede einhergehen mit einer Verminderung des Stotterns, wäre das ein sehr starkes Argument für die DL-Therapie. Solche Untersuchungen sind aber meines Wissens nie gemacht worden. In der Unterschung mit DF als Sechstautor von Peter Macklem, dem kanadischen Wissenschaftler, auf den sich der DF-Institut immer beruft, wurde nur gemessen, wie abnorm die Sprechatmung von Stotterern beim Stottern ist, aber das ist trivial und höchstens interessant, um zu zeigen, wie man so etwas messen kann. Der motorische Nachwirkungseffekt der DF-Therapie kommt vor allem daher, dass der Teilnehmer in den 10 Tagen viele Wörter (egal wie, einzelne Wörter oder längere Antworten auf einfache Fragen, beim Lesen, bei in-vivo-Übungen) unter der Atemkontrolle korrekt artikuliert. Die Frage wäre, wie der Nachwirkungseffekt aussähe, wenn man jemanden zwingen könnte, bei normaler täglicher Sprechleistung (sagen wir zusammenggezählt 30 Minuten) alle Wörter, die er sagt, ohne Ausnahme unter Atemkontrolle normal-korrekt auszusprechen. Ich glaube, der Effekt wäre überwältigend. Meine Erfahrung mit der Legato-Technik war allerdings, dass ich zwar unter "Überwachung" (monitored speech) 100%-ig korrekt und prosodisch einigermaßen erträglich, für mich und den/die Gesprächspartner, aber eben nicht normal im Sinne von spontan. Deswegen habe ich den Versuch nach ca. 8 Monaten aufgegeben zugunsten des Zieles, besser zu stottern (ja, der Ausdruck ist von Van Riper und ist die kürzeste Form, seine Therapie zu erklären).

Jetzt müsste man mal andere Therapieverfahren, die einen Nachwirkungseffekt produzieren, sich daraufhin anschauen, ob dort ebenfalls das korrekte Aussprechen von vielen Wörtern eine Rolle spielt. Ich nehme an, dass ja. Die Kasseler Stottertherapie hat in der Hinsicht einen Konstruktionsfehler, weil die Wortanfänge, die mit dem Computer-Programm trainiert werden, ja schwerwiegende Fehler enthalten, wie (1) überweiche Stimmeinsätze, (2) Auslassungen von Konsonanten im Anlaut und (3) Verstimmlichung des ganzen Wortes. Mit (3) meine ich die Anweisung, bei der Aussprache eines Wortes die Stimme immer eingeschaltet zu lassen. Das ist hochgradig abnorm! Beim normalen Sprechen schaltet man die Stimme mehrmals pro Sekunde an und aus (ich schätze max. 6 Mal). Ich finde es beeindruckend, dass die Bezeichnung "Fluency Shaping" auf Ronald Webster zurückgeht, der sein Therapieprogramm "Precision Fluency Shaping Program" (PFSP) nannte. Jetzt nennt Euler das ja auch "Sprechrestrukturierung", was ebenso problematisch ist. Ich würde als Ziel der Restrukturierung jedenfalls die korrekte Sprechbewegungbevorzugen. Die kann man genau so trainieren, wie die "Kasseler Kompensationen" (mein Ausdruck).
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Re: Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von julius » 19. Januar 2017 15:12

Wenn deine Überlegungen stimmen, Andreas, müsste dann nicht auch schon Sprechen oder Vorlesen (ohne menschliche Zuhörer) starke positive Nachwirkungseffekte haben? Die meisten Stotternden scheinen flüssig sprechen zu können, wenn niemand anderes dabei ist, und eine (Selbst-)Therapie, bei der man einfach jeden Tag morgens und abends eine halbe Stunde mit sich selbst spricht, wäre sehr einfach umzusetzen... Das wäre extrem interessant, aber ich bezweifle, dass das wirklich eine starke Wirkung hätte. Weißt du, ob das schon einmal jemand systematisch untersucht hat?

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Re: Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von julius » 19. Januar 2017 15:14

An alle Forumsnutzer/innen: Ich wäre sehr neugierig auf weitere Erfahrungen, mit kurzzeitigen Therapieerfolgen. Gibt es Erfahrungen mit DAF (verzögertem auditorischem Feedback), Hypnose, Del Ferro & Co, ...?

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Re: Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von AndreasStarke » 20. Januar 2017 00:14

Einfaches Herunterlesen bringst's nach meiner Einschätzung nicht, vielleicht mehr als nicht's, aber nicht viel. Es müsste schon etwas dazukommen, was den Nachwirkunseffekt antreibt. Am besten "übt" man die korrekte Sprechbewegung in Situationen, in denen man üblicherweise stottert, so wie ich das mit dem Legato gemacht habe. Aber Übungen allein bringen doch etwas, und ich empfehle sie auch. Das wird von Leuten bezweifelt, die meinen, das Stottern eine nur soziale Störung ist, und die ihre Therapie als "ganzheitlich" bezeichnen. Das meine ich nicht. Was Stottern auch immer für eine Störung sein mag, es ist zumindest auch ein Bewegungsstörung. Es tritt nur beim Sprechen auf und Sprechen ist eine Bewegung. "Stottern Sie eigentlich immer?", fragt der neugierige Beobachter. "Nein", sagt der Angesprochene, "nur wenn ich spreche."
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Re: Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von Torsten » 20. Januar 2017 14:50

julius hat geschrieben:Aber die Grundfrage bleibt weiterhin (wie von Petra gestellt): Wie kommt es zu diesen Kurzzeiteffekten? Wenn man das besser verstünde, würde man vermutlich auch das Phänomen Stottern selbst besser verstehen.
Ja, ich glaube auch, dass wir das Stottern dann verstehen, wenn wir verstehen, warum wir unter bestimmten Bedingungen nicht stottern – z.B. beim lauten Selbstgespräch, beim Lesen im Chor, mit DAF, oder nach einer Therapie. Alle diese Erfahrungen zeigen ja, dass die eigentliche Sprechsteuerung im Gehirn (wenn man sie sich als eine Art Funktionsmodul denkt) durchaus funktionstüchtig ist. Aber die Funktion wird oft durch etwas gestört – wenn wir wüssten, was das ist, dann wären wir viel schlauer. Es kann ein Zuviel oder ein Zuwenig an Input sein, oder beides zugleich.

Leseübungen / Sprechübungen ohne Zuhörer:

Leseübungen sind vermutlich für diejenigen nützlich, die sich angewöhnt haben, Wörter mit bestimmten Anfangslauten zu vermeiden. Denen, die diese Gewohnheit nicht haben, würde ich eher empfehlen, frei zu sprechen, z.B. sich selbst eine Geschichte oder ein Märchen zu erzählen oder mit sich selbst eine laute Diskussion zu führen. Nach meiner Erfahrung ist das flüssige Sprechen dabei nicht selbstverständlich.

AndreasStarke hat geschrieben:Meine These ist, dass die Nachwirkungseffekte (carry-over effects) entweder emotionaler oder motorischer Natur sind oder eine Kombination von beidem.
Eine weitere Möglichkeit ist, dass es sich um Aufmerksamkeitseffekte handelt – also eine Veränderung der (bewussten oder unbewussten) Ausrichtung und Verteilung der Aufmerksamkeit während des Sprechens. Damit meine ich nicht so sehr die Ablenkung vom Stottern (oder von der Furcht vorm Stottern), sondern die Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf gewisse Dinge – sodass das Funktionsmodul ein anderes Input bekommt.

Sowohl die emotionale als auch die motorische Nachwirkung könnten letztlich mit einer Aufmerksamkeits-Veränderung zusammenhängen (motorisch ist immer irgendwie sensomotorisch), und die Dauer der Nachwirkung damit, ob sich das veränderte Aufmerksamkeits-Verhalten automatisiert oder nicht.
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Re: Spektakuläre Kurzzeiterfolge und wie sie zustande kommen?

Beitrag von PetraS » 21. Januar 2017 19:15

Hallo Leute,
ich möchte zunächst einmal auf die Aussage von Andreas eingehen
AndreasStarke hat geschrieben: Ich glaube, dass das Stotterproblem im Kern ein Problem ist, bei einem Wort, in dessen Aussprache ein Stotterereignis (SE) (motorische Fehlleistung & sprechmotorische und andere Reaktionen darauf) vorkommt, kurz: bei einem Stotterwort die korrekte Sprechbewegung durchzuführen. Mit "korrekt" meine ich nicht korrekt im Sinne eines sprachlichen Standards, sondern korrekt für die normale Sprechweise der betreffenden Person. Meine These ist, dass die Nachwirkungseffekte (carry-over effects) entweder emotionaler oder motorischer Natur sind oder eine Kombination von beidem.
Das Problem ist doch aber, dass der Stotterer die sprechmotorischen Abfolgen für ein bestimmtes Wort ganz genau kennt, und dass er sie auch ohne bewusste Kontrolle wie jeder Normalsprecher durchführen kann, wenn er sich nicht in einer kommunikativen Situation befindet.

Ich sehe ja ein, dass die Kenntnis der Sprechbewegungen jemand in die Realität zurückholen kann, der zum Beispiel (als Stotterreaktion) den Mund weit aufreißt und sich verkrampft, obwohl er "Paris" sagen will. Da ist die genaue Kenntnis, dass das P ein bilabialer Laut ist und daher die Lippen aneinander geführt werden müssen (nur vielleicht nicht zu fest, damit kein Block entsteht) sicher hilfreich. Nichtsdestotrotz entsteht das Stottern ja nicht, weil er gerade die Lippen nicht aneinander führen kann, denn das könnte er rein mechanisch... ES blockiert ihn aber, nicht ER blockiert. Er kämpft gegen einen Widerstand, der nicht einfach so verschwindet, nur weil er jetzt weiß, dass man bei Paris die Lippen aneinander führen muss.

Ist dann die Konzentration auf die Sprechbewegung nicht auch so etwas wie das Richten der Aufmerksamkeit auf andere Dinge, was ja auch kurzzeitig bei der Zwerchfellatmung oder beim Richten der Aufmerksamkeit auf das Gehörte funktioniert?

Und noch eine Frage: ist die "Lucky fluency", die manchmal bereits eintritt, wenn man nur den Therapieraum eines Logopäden betritt, oder vielleicht sogar der Hübingen-Effekt nicht auch so ein spektakulärer Kurzzeiterfolg? Wie kommt es, dass Stotterer, die im "wirklichen" Leben sich von Block zu Block kämpfen, in diesen Situationen oftmals gar keine Blocks haben! (Also ihre erlernten Pull-outs oder Sprechtechniken gar nicht anzuwenden brauchen?)

Kann es denn allein damit zusammenhängen, dass in dieser Umgebung "Stottern erlaubt" ist?
Gruß
Petra

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