Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

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AndreasStarke
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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von AndreasStarke » 13. Juni 2017 14:00

Petra hat ihre ursprüngliche Frage auf die Facebook-Seite "VIERMALFÜNF Intensive Intervalltherapie Stottern" gepostet.
Dort habe ich Folgendes geantwortet:
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Der Ausdruck "in vivo" bezeichnet im Zusammenhang mit einer Therapie eine Aktivität, die "im wirklichen Leben" stattfindet. Das ist abgeleitet aus dem lateinischen "vivus" = lebendig. Es geht also um Aktivitäten, die in einer Situation aus dem wirklichen Leben stattfinden oder einer solchen Situation sehr ähnlich sind. In der realen Therapie arrangiert man ja meist solche Situationen: "Du (Patient) gehst jetzt zum Verkäufer und fragst nach einer Landkarte, und ich (Therapeut) halte mich im Hintergrund."

Therapien, in denen kein besonderer Wert auf Desensibilisierung gelegt wird, betreiben natürlich "In-vivo-Arbeit" in diesem Sinne, aber nicht, um die Empfindlichkeit gegenüber dem Stottern zu vermindern, sondern um etwas, das in der Therapie gelernt wurde, im wirklichen Leben anzuwenden. Das erfordert in der Regel besonderen Mut und wirkt deswegen an sich schon desensibilisierend. Diese In-vivo-Arbeit dient nicht der Desensibilisierung gegenüber dem Stottern, sondern dem "Transfer" einer neuen Fertigkeit.

Die Frage bleibt, wie der Patient, der noch unvermindert empfindlich gegenüber dem Stottern ist, mit möglichen und wahrscheinlichen Fehlschlägen umgeht. Ich halte es für wirkungsvoller, wenn man die Phase "Desensibilisierung" durchführt, bevor man sich an die Veränderung der Sprechweise bzw. des Stotterns macht.

Das Gegenteil von "in vivo" ist im Zusammenhang mit Therapie übrigens "in situ", abgeleitet von lateinisch "situs" = Ort, Stelle, Platz. Da geht es um Aktivitäten, die "am Platz der Therapie", d.h. in den Therapieräumen, stattfinden.

Ich halte übrigens eine Stottertherapie, in der nicht, gleich zu welchem Zweck, in vivo gearbeitet wird, für fachwidrig und damit ungültig. Der Grund ist, dass viele Stotterer in situ wesentlich leichter oder auch gar nicht stottern, was ein Anfänger (nicht der Stotterer, aber der Therapeut) leicht auf die Wirksamkeit der Therapie zurückführen könnte.
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Ich hoffe, dass dadurch ein bisschen Ordnung in den Begriffssalat kommt.

Gruß
Andreas Starke
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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von Carposept » 10. August 2017 18:44

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass dies eine gute Therapie

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