Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Austausch speziell zum Thema Schule (Noten, Mobbing usw.) für stotternde Mädchen und Jungen, deren Eltern, Lehrer und alle Interessierten. Für eine professionelle Beratung wende Dich bitte an die Fachberatung
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Nina 1999
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Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von Nina 1999 » 20. August 2017 17:13

Hallo liebe Mitglieder!

Ich bin 18 Jahre alt und besuche die 11. Klasse einer Berufsschule. Mein (situationsabhängiges) Stottern begleitet mich schon seit einigen Jahren. Was der Auslöser war, kann ich nur vermuten:

Am Ende der 4. Klasse fand ein Schulwechsel, von der Grund- zur Mittelschule einer anderen Gemeinde, statt. Das war eine große Umstellung. Der erste Schultag bzw. die ersten Wochen und Monate in der neuen Klasse waren furchtbar. Die Mitschüler kannten sich alle schon größtenteils von den Vorjahren und ich fühlte mich wie das "fünfte Rad am Wagen". :(

Hänseleien blieben da auch nicht aus. Als "die Neue" ist man eine leichte Zielscheibe. Freunde, die in solchen Situationen hinter einem stehen, hatte ich zu dieser Zeit auch noch nicht gefunden. Ich wusste nicht, warum mich die MitschülerInnen nicht mochten und begann, mich nicht am Unterricht zu beteiligen. Anstatt zu versuchen, Anschluss zu finden, zog ich mich immer mehr zurück.

Das änderte sich erst, als es in der 6. Klasse ein Gespräch mit der Klasse und der Lehrerin gab. Von diesem Tag an hörten die Hänseleien schlagartig auf und ich fand MitschülerInnen, mit diesen ich mich gut verstand. Alle Streitigkeiten waren geklärt. Doch plötzlich kam ich bei mündlichen Aufgaben (z. B. Vorlesen, Gedichte aufsagen oder Referate halten) immer öfter beim Sprechen ins Schwimmen. Zuerst dachte ich, das wäre ein einmaliger Vorgang, dieser sich nicht wiederholen würde - leider war das nicht der Fall.

Nur mit Mühe konnte ich die (sich anbahnenden) Stottersymptome vor den anderen verbergen. Ich wollte nicht, dass es die Lehrer oder gar die Klassenkammeraden merkten - das wäre mir mehr als peinlich gewesen. Damals wusste ich nicht, dass stotternde SchülerInnen das Recht auf einen Nachteilsausgleich haben. Ich konnte mit niemandem über das Problem sprechen - auch meine Eltern wussten lange nicht, wie schwer mir das Reden in stressigen Situationen fiel.

In der 7. Klasse empfand ich ein Gedicht als besonders schlimm. Das darin enthaltene Wort "Sonnenstrahlen" wollte mir schon beim Üben zu Hause einfach nicht flüssig über die Lippen kommen. Ich sprach vorher mit dem Lehrer, dass ich Schwierigkeiten habe, das Gedicht aufzusagen (erwähnte aber nichts vom Stottern). Er holte meine MitschülerInnen einzeln aus der Klasse und jeder sagte es - der Reihe nach - auf. Als letztes kam er auf mich zu und sagte, ich solle einen Stift und einen Zettel mitbringen. Ich war heilfroh, dass mir der mündliche Vortrag erspart blieb. Insofern musste ich es schriftlich abliefern. §dup

In der 8. Klasse gab es ein sogenanntes "Übungsprojekt" (zur Vorbereitung auf den ein Jahr später anstehenden Qualifizierenden Hauptschulabschluss). In Gruppenarbeit mussten wir ein Thema bearbeiten und unsere Ergebnisse anschließend in einer Präsentation darstellen. Den schriftlichen Teil meisterte ich mit Bravour. Bauchschmerzen bereitete mir (mal wieder) der mündliche in Form eines Referats. Nach einer guten Vorbereitung zum Thema "Wie feiert man auf der Welt Weihnachten?", stand ich mit zittrigen Knien, feuchten Händen und erhöhtem Puls, vor meinen Gruppenmitgliedern und den beiden Lehrern. Meine größte Angst: Wie werden sie reagieren, wenn du plötzlich stotterst und keinen Ton mehr sagen kannst? :shock:

Der Sprechbeginn war schwierig - und klappte erst beim zweiten Anlauf. Das Stocken und Stolpern zog sich durch den kompletten Vortrag. :grrr: Nach gefühlten fünf Minuten war ich noch immer beim ersten Absatz. Mir war klar, dass ich die Zeitvorgabe (von 10 Minuten) nicht einhalten könne und lies schon Abschnitte aus, damit ich schneller fertig war. Das war der schrecklichste Vortrag meiner bisherigen Schulzeit. Das gute Zureden der Lehrer (ich solle langsam sprechen und tief durchatmen) half nicht viel. Am Ende fragten sie mich, warum ich so lange gezögert habe. Da wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Mein Kopf war komplett leer, sodass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Dass ich stottere, habe ich ihnen verschwiegen.

Ein Jahr später stand der Abschluss an. Und wieder gehörte eine Projektarbeit mit anschließender Präsentation dazu. Die Zeit des Wartens, bis meine Gruppe (endlich) drankam, war kaum zum Aushalten. Natürlich dachte ich an den vermasselten Vortrag von vor einem Jahr - und hoffte inständig, dass sich dieses Szenario nicht wiederholten würde. Glücklicherweise meisterte ich mein Referat, trotz enormer Aufregung, ohne größere Symptome und wurde belohnt: Ich bestand den Qualifizierenden Hauptschulabschluss als Klassenbeste mit einem Notendurchschnitt von 2,0. :D Ich glaube, das hätten die Lehrer nie von mir gedacht. Aber, ich habe es allen gezeigt!

Seit September 2015 mache ich eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten und besuche einmal pro Woche eine kaufmännische Berufsschule. Der Klassenlehrer wusste fast zwei Jahre (!) nicht, dass ich stottere. Erst, als ein Referat anstand, ging ich - zusammen mit einer Freundin - den für mich schwersten Schritt seit langem und erzählte von meinem Problem und der (seit Januar 2016 laufenden) logopädischen Behandlung. Der Lehrer reagierte verständnisvoll und wir vereinbarten, dass der Vortrag eher nach dem Inhalt bewertet wurde und nicht danach, wie flüssig ich (in dieser Stresssituation) formulieren kann. Und dass ich nur vorlesen muss, wenn ich mich melde. Die rücksichtsvolle Bewertung des Referats fand ich sehr gut. Auch, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich vorlesen möchte, trägt zu einer Verflüssigung meines Sprechens bei. Mit Hilfe der Logopädie werde ich - die erlernte Sprechtechnik - demnächst sicher im privaten, schulischen und beruflichen Alltag, anwenden können.

Ich würde mich freuen, wenn hier vielleicht auch andere Mitglieder über den (offenen) Umgang mit Stottern in der Schule berichten und so ein Austausch entsteht.

Gruß

Nina 1999
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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von Mut » 27. August 2017 22:05

Hey,

also wenn ich deine Geschichte so lese, erinnere ich mich genau an meine Schulzeit.
Jeder wusste dass ich stottere, denn ich hatte wirklich sehr starke Symptome.
Und dennoch habe ich jedes Mal versucht, es zu verheimlichen.

An einen Vortrag werde ich mich wahrscheinlich mein ganzes Leben erinnern. So heftig gestottert habe ich vor einer so großen Gruppe noch nie. Ich habe mich so geschämt, wäre am liebsten im Boden versunken. Habe die Schule geschwänzt, weil ich genau wusste ich muss das Gedicht oder den Vortrag halten. Habe in Deutsch oder Englisch extra lange in der Tasche nach dem Text gekramt, um nicht dranzukommen. Einmal wurde ich drangenommen und ich habe gesagt ich habe den Text nicht mit, obwohl ich genau wusste wo er in der Tasche lag.

Wenn ich jetzt drandenke, könnte ich mir eine reinhauen für diese Aktionen.
Ich habe schon einige Therapien durch und eigentlich ohne Erfolg.

Meine Letzte ist knappe 1 1/2 Monate her und da habe ich zum ersten Mal meine Stimme gefühlt und gesehen wie ich mich flüssig anhöre. Habe einen Vortrag vor einer fremden Klasse gehalten, ohne einen einzigen Block. Es war der Wahnsinn, ich habe mich unbesiegbar gefühlt. Wir haben Vorträge in der Innenstadt gehalten, fremde Leute angesprochen, telefoniert... alles schien kein Problem mehr zu sein.

Hätte ich diese Therapie vor 14 Jahren gemacht, wäre meine Schulzeit sicherlich angenehmer geworden.

Liebe Grüße

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PetraS
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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von PetraS » 28. August 2017 11:14

Hallo Nina,

ich bin schon lange aus der Schule raus, erinnere mich aber lebhaft an die Zeit, da mir mein Stottern so richtig bewusst wurde.
In der Grundschule hatte ich überhaupt keine Probleme (nach eigenem Empfinden) und habe mich furchtbar verraten gefühlt, als mein Vater mir vorschlug, vor der weiterführenden Schule ein Jahr auf die Sprachheilschule zu gehen.

Im 6. Schuljahr begriff ich langsam, was er damit meinte, da mein Klassenlehrer mir bei jeder Gelegenheit aufs Brot schmierte, ich würde stottern, und das wäre eine schlechte Angewohnheit. Er wollte mir die Angewohnheit austreiben und ließ mich daher jeden gestotterten Satz wiederholen, bis er stotterfrei kam. Zum Glück geschah dies damals meistens gleich beim zweiten Versuch.

Er erreichte damit nicht, dass ich mit dem Stottern aufhörte, sondern nur, dass ich meine Unbefangenheit verlor und - weil ich das Stottern ja nicht ablegen konnte - ich mir Tricks suchte, es zu verschleiern.
Ich war ständig auf der Hut, nur keine stotterähnlichen Symptome von mir zu geben, weil für mich eine Welt zusammenbrach, wenn jemand sowas sagte wie: "Du sprichst aber komisch..." "Du stotterst doch..." "Sprich doch nicht so schnell..." Jede Kritik an meinem Sprechen empfand ich als persönlichen Angriff. Und da in der Familie das Thema komplett tabu war, hatte ich auch niemanden, an den ich mich wenden konnte.

Ich hatte damals enorme Schwierigkeiten beim Vorlesen in der Schule, und Französisch wurde für mich Horror, obwohl ich schriftlich eine der Besten war.
Ich hatte keinen Plan, wie ich da rauskommen sollte. Darüber sprechen: Ausgeschlossen! Nicht mal darüber nachzudenken erlaubte ich mir.

So ging das bis zur 10. Klasse. Wenn ich in einen schier endlosen Block geriet, war ich stets froh, wenn mich andere daraus erlösten, weil ich wusste, ich hatte keine Chance, aus eigenen Kräften da rauszukommen. So konnte ich aber auch nie die Erfahrung machen, dass sich Blocks irgendwann von selbst auflösen und hatte nur noch Angst davor.
Als dies in Französisch einmal so war und ich das Wort auch nach dem x-ten Versuch nicht sagen konnte, hatte ich Angst vor falscher Bewertung und ging zur Lehrerin nach der Stunde. Ich war kurz davor, ihr zu sagen, dass das an meinem Stottern liegt, brachte dann aber den Mut nicht auf, das böse Wort in den Mund zu nehmen. Ich sagte ihr nur, dass ich irgendwie Probleme mit dem Wort "IL" habe. Sie tat das dann ab, ich hätte einen IL-Komplex, und ich war so froh, dass sie nicht Stottern gesagt hatte.

Und dann lernte ich einen Stotterer kennen - meinen ersten Freund. Er stotterte frei von der Leber weg und schien sich gar nichts daraus zu machen. Das war die Wende in meinem Leben. Ich sprach mit ihm darüber, indem ich von meinem eigenen Stottern berichtete, und dann traf ich zwei Entscheidungen:
1. Wenn ich noch mal hängen bleibe, sage ich einfach, dass ich stottere.
2. Ich will mich nie wieder über mein Stottern ärgern.

Diese Entscheidungen halfen mir unheimlich in der Oberstufe. Ich sprach von Anfang an mit meinem Französisch-Lehrer darüber, dass ich Probleme mit meinem Stottern haben könnte und manchmal nicht so flüssig lesen oder sprechen kann. Ich sprach auch mit vertrauten Mitschülern über das Problem, was dazu führte, dass ich in der Oberstufe überhaupt keine merklichen Probleme mehr hatte. Es ging sogar so weit, dass einige Mitschüler meinten, ich hätte überhaupt kein Stotter-Problem, was für mich auch nicht so gut war, weil ich dann irgendwann wieder anfing zu vermeiden, denn ich hatte den Eindruck, sie glaubten mir nicht.

Meine heutige Strategie ist die: ich habe nie davor Angst zu stottern. Wenn ich stottere, beäuge ich die Reaktionen der Leute, und wenn ich den Eindruck habe, sie ordnen es falsch ein, sage ich ihnen, dass ich stottere. Das ist ganz einfach und für die meisten sehr erhellend. Wenn vor allem Symptomatik da ist, die jeder als Stottern einordnen kann, zeigen die Leute Verständnis. Macht man aber irgendwelchen Murks wie "äh äh äh" oder "wie war das doch gleich", um Wörter aufzuschieben oder ähnliches, dann denken die, du bist meschugge, würden aber nie auf die Idee kommen, dass es Stottern ist.

Ein stets offener Umgang war der Schlüssel für meinen Erfolg. Und da ich nicht die einzige bin, die dies erlebt hat, glaube ich schon, dass es der richtige Weg ist. Und immerhin: ich arbeite als Dolmetscherin und war nebenher jahrelang als Uni-Dozentin tätig.
Viel Erfolg
Petra

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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von teimo » 29. August 2017 11:14

Hallo Nina,

auch wenn meine Schulzeit nun schon ein paar Jahre zurück liegt, so kann ich mich eigentlich nur daran erinnern, dass mein Stottern damals nicht so dramatisch war. Bei Referaten u.ä. hatte ich - glücklicherweise - nie wirklich Probleme. Ich war meist einer der besten, die vor der Klasse sprechen konnten. Das ging aber nur bis zum Ende der 10. Klasse so. Danach kam die Oberstufe, viele neue Leute und wenig Verständnis.

Was ich aber auf jeden Fall heute weiß ist, dass ich mir für die Schulzeit ein ernormes Repertoire an Vermeidungsstrategien angeeignet hatte. Zwar habe ich damit die Blocks auffangen können und teils auch die Klasse zum Lachen gebracht, aber ein offener Umgang mit meinem Stottern wäre sicherlich hilfreicher gewesen. Heute versuche ich mein Stottern nicht zu meiden, sondern es zuzulassen, offen darüber zu sprechen und aufzuklären. Viele Mitmenschen interessieren sich auch für dieses "Phänomen", das ist - wie ich finde - wirklich hilfreich.

Daher kann ich wirklich nur empfehlen offen mit der Thematik umzugehen und die Blocks zuzulassen. Wenn man von Anfang an sich den Druck nimmt ("nicht stottern zu wollen") und es einfach zulässt, ist es oft sehr viel leichter.

Ich bin jetzt 25 und habe es leider auch erst vor ca. einem (1) Jahr verstanden. Also nur Mut dazu offen mit dem Problem umzugehen. Du wirst merken, dass es den Druck extrem nimmt und die Vermeidungsstrategien minimiert.
Wenn etwas nicht funktioniert, mache etwas Anderes! Milton Erickson (Psychiater und NLP-„Ahne“)

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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von Nina 1999 » 30. August 2017 17:50

Hallo Mut!

Danke für deine Antwort. :D
Mut hat geschrieben:
27. August 2017 22:05
(...) also wenn ich deine Geschichte so lese, erinnere ich mich genau an meine Schulzeit.
Jeder wusste dass ich stottere, denn ich hatte wirklich sehr starke Symptome.
Und dennoch habe ich jedes Mal versucht, es zu verheimlichen.
Vielleicht war es besser, wenn jeder - durch deine starke Symptomatik - wusste, dass du stotterst. Ich kann es gut verstehen, dass du aus Angst ein Vermeideverhalten entwickelt hast. Bei mir handelt es sich um ein relativ schwaches bzw. stressabhängiges Stottern. Aber auch ich versuche (bis auf mittlerweile wenige Ausnahmen auf der Arbeit) die Unflüssigkeiten zu verstecken. Das ist ein jahrelang "antrainierter" Reflex, den ich nur sehr schwer unterbinden kann.
Mut hat geschrieben:
27. August 2017 22:05
An einen Vortrag werde ich mich wahrscheinlich mein ganzes Leben erinnern. So heftig gestottert habe ich vor einer so großen Gruppe noch nie. Ich habe mich so geschämt, wäre am liebsten im Boden versunken. Habe die Schule geschwänzt, weil ich genau wusste ich muss das Gedicht oder den Vortrag halten. Habe in Deutsch oder Englisch extra lange in der Tasche nach dem Text gekramt, um nicht dranzukommen. Einmal wurde ich drangenommen und ich habe gesagt ich habe den Text nicht mit, obwohl ich genau wusste wo er in der Tasche lag.
Meine Horrorvorstellung sind auch Referate und lautes Lesen. Ich bin Tage vorher schon so nervös, dass ich wenig Appetit und Schlafstörungen habe, weil ich ständig nur an das eine Thema denken muss. Die Schule schwänze ich jedoch nicht. Da könne ich beim Vortragen noch so viel stottern und zur Folge dann eine schlechte Note bekommen, würde ich mich darauf nicht einlassen. Klar, ist eine schlechte Note nicht berauschend, aber allemal "besser", als eine Belehrung und eine (saftige) Strafe wegen der unentschuldigten Fehlzeiten. Das "extra lange Kramen in der Tasche, um nicht dranzukommen" kommt mir ebenso bekannt vor. Auch kurzentschlossen die Toilette aufzusuchen und dort solange zu bleiben, bis z. B. reihum vorgelesen wurde, sind auch beliebte Strategien.
Mut hat geschrieben:
27. August 2017 22:05
Meine Letzte ist knappe 1 1/2 Monate her und da habe ich zum ersten Mal meine Stimme gefühlt und gesehen wie ich mich flüssig anhöre. Habe einen Vortrag vor einer fremden Klasse gehalten, ohne einen einzigen Block. Es war der Wahnsinn, ich habe mich unbesiegbar gefühlt. Wir haben Vorträge in der Innenstadt gehalten, fremde Leute angesprochen, telefoniert... alles schien kein Problem mehr zu sein.
Schön, dass die Therapie bei dir so viel bewirkt hat. Wie lange hast du denn gebraucht, bis die Behandlung abgeschlossen war und nach welchem Konzept hat die Therapeutin mit dir gearbeitet? Ich bin mittlerweile schon eineinhalb Jahre bei einer Logopädin. Sie therapiert mich nach Charles Van Riper und macht ihre Sache wirklich sehr gut. Toll, dass dir die Stottertherapie dabei geholfen hat, einen flüssigen Vortrag zu halten. Gerade solche Situationen sind für uns Stotternde ja besonders "tricky"...

Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg!

Liebe Grüße

Nina 1999
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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von Nina 1999 » 31. August 2017 19:45

Hallo PetraS!

Ich danke dir für deine Antwort.
PetraS hat geschrieben:
28. August 2017 11:14
(...) ich bin schon lange aus der Schule raus, erinnere mich aber lebhaft an die Zeit, da mir mein Stottern so richtig bewusst wurde.
In der Grundschule hatte ich überhaupt keine Probleme (nach eigenem Empfinden) und habe mich furchtbar verraten gefühlt, als mein Vater mir vorschlug, vor der weiterführenden Schule ein Jahr auf die Sprachheilschule zu gehen.
Ich denke, fast allen Stotternden bleibt die Schulzeit lange im Gedächtnis. Denn da gibt es viele sprachliche Erlebnisse, bei diesen man sich wünscht, sie wären nie passiert. Aber, was einmal war, kann man nicht mehr rückgängig machen. Hätten das dann nicht viele von uns schon längst gemacht...? :wink: Das ist schon sehr hart, wenn du dich in der Grundschule gar nicht als "Stotternde" empfunden hast und erst durch deinen Vater wirklich damit konfrontiert wurdest.
PetraS hat geschrieben:
28. August 2017 11:14
Im 6. Schuljahr begriff ich langsam, was er damit meinte, da mein Klassenlehrer mir bei jeder Gelegenheit aufs Brot schmierte, ich würde stottern, und das wäre eine schlechte Angewohnheit. Er wollte mir die Angewohnheit austreiben und ließ mich daher jeden gestotterten Satz wiederholen, bis er stotterfrei kam. Zum Glück geschah dies damals meistens gleich beim zweiten Versuch.
Manche Menschen können wirklich sehr direkt sein, mit dem, was sie sagen. Das Schlimme daran: Sie merken dabei oft gar nicht, wie verletzend ihre Aussage für den anderen (in diesem Fall für dich) sein kann. Stottern ist "keine schlechte Angewohnheit", sondern eine motorische Störung beim Zusammenspiel von Denken und der Sprachproduktion - und: Eine anerkannte Behinderung! Den Grundsatz "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden", hättest du dem Lehrer damals zeigen sollen. Vielleicht hätte er dann eingesehen, dass er mit seiner Aussage vollkommen unrecht hatte und sich vielleicht bei dir für sein falsches Verhalten entschuldigt. Dass er dich jeden Satz, den du gestottert hast, wiederholen ließ, finde ich nicht richtig. Diese ( wahrscheinlich in seinen Augen gut gemeinte) "Hilfestellung" war für dich sicher sehr unangenehm, weil dich der Klassenlehrer jedes Mal bloßstellte. Solche Situationen zehren natürlich enorm am Selbstbewusstsein.
PetraS hat geschrieben:
28. August 2017 11:14
Er erreichte damit nicht, dass ich mit dem Stottern aufhörte, sondern nur, dass ich meine Unbefangenheit verlor und - weil ich das Stottern ja nicht ablegen konnte - ich mir Tricks suchte, es zu verschleiern.
Ich war ständig auf der Hut, nur keine stotterähnlichen Symptome von mir zu geben, weil für mich eine Welt zusammenbrach, wenn jemand sowas sagte wie: "Du sprichst aber komisch..." "Du stotterst doch..." "Sprich doch nicht so schnell..." Jede Kritik an meinem Sprechen empfand ich als persönlichen Angriff. Und da in der Familie das Thema komplett tabu war, hatte ich auch niemanden, an den ich mich wenden konnte.
Ich kann mir sehr schwer vorstellen, dass man - wie aus der Pistole geschossen - plötzlich mit dem Stottern aufhören kann. Wenn man stottert, stottert man weiterhin. Auch, wenn der Wunsch fließend zu sprechen noch so groß ist. Das Lernen von Sprechtechniken oder sonstigen modifizierenden Maßnahmen kann man nur durch konsequentes Üben in einer Therapie erlernen. Die Tricks, um nicht "aufzufallen", nutzen glaube ich fast alle Stotterer - ich gehöre leider auch (immer noch) dazu. Ich kann es genauso wenig wie du ausstehen, wenn jemand zu mir sagt "Sprich´ doch nicht so schnell." oder "Hol´ mal tief Luft und überlege, was du sagen willst." Bei solchen Sprüchen würde ich am liebsten an die Decke gehen. Wenn man mich darauf ansprechen würde, warum ich so spreche, wäre ich bereit dazu, es zu erklären. Aber so? Nein, auf keinen Fall. Dass das Thema im familiären Umfeld tabu ist, das kenne ich gut. Das ist sehr schade. Warum das so ist, weiß ich leider nicht. Ich traue mich auch nicht, meine Eltern darauf anzusprechen. Ich denke, ich weiß, was dann als erste Antwort kommt: "... aber, du stotterst doch nicht?! Warum behauptest du sowas?!" Ja, ich stottere zu Hause weniger, als auf der Arbeit oder in der Schule, das stimmt. Weniger heißt nicht, dass es gar nicht vorkommt. Das muss man erst einmal verstehen und ich glaube, das ist für Außenstehende gar nicht so einfach.
PetraS hat geschrieben:
28. August 2017 11:14
Ich hatte damals enorme Schwierigkeiten beim Vorlesen in der Schule, und Französisch wurde für mich Horror, obwohl ich schriftlich eine der Besten war.
Ich hatte keinen Plan, wie ich da rauskommen sollte. Darüber sprechen: Ausgeschlossen! Nicht mal darüber nachzudenken erlaubte ich mir.
Das Vorlesen in der Berufsschule ist mir immer noch nicht so ganz geheuer. Ich vermeide es, anstatt meine Angst zu überwinden und meinen MitschülerInnen "die kalte Schulter zu zeigen" und zu meinem Stottern zu stehen. Wöchentlich nehme ich mir vor, beim nächsten freiwilligen Lesen mal ganz mutig zu sein und sogar bewusst Symptome zuzulassen. Was fehlt mir bis jetzt? Genau, der Mut verlässt mich kurz davor. Das ständige Vermeiden macht die Seele krank, weil man immer krampfhaft überlegen muss, was sagt man und was nicht. Das geht beim Lesen natürlich weniger. Da muss man die Wörter ausssprechen, die auf dem Blatt oder am Overhead-Projektor stehen. Egal, ob man dabei stottert oder flüssig sprechen kann. Bei Fremdsprachen (z. B. Englisch) ist mein Stottern bzw. die Strategie, mit der ich vermeide, mehr im Einsatz. Zum Glück haben wir relativ wenig englischsprechende Patienten und auch nicht so viele Stunden in der Schule. :)
PetraS hat geschrieben:
28. August 2017 11:14
So ging das bis zur 10. Klasse. Wenn ich in einen schier endlosen Block geriet, war ich stets froh, wenn mich andere daraus erlösten, weil ich wusste, ich hatte keine Chance, aus eigenen Kräften da rauszukommen. So konnte ich aber auch nie die Erfahrung machen, dass sich Blocks irgendwann von selbst auflösen und hatte nur noch Angst davor.
Als dies in Französisch einmal so war und ich das Wort auch nach dem x-ten Versuch nicht sagen konnte, hatte ich Angst vor falscher Bewertung und ging zur Lehrerin nach der Stunde. Ich war kurz davor, ihr zu sagen, dass das an meinem Stottern liegt, brachte dann aber den Mut nicht auf, das böse Wort in den Mund zu nehmen. Ich sagte ihr nur, dass ich irgendwie Probleme mit dem Wort "IL" habe. Sie tat das dann ab, ich hätte einen IL-Komplex, und ich war so froh, dass sie nicht Stottern gesagt hatte.
Ich habe die Blocks, die ich ohne das Vermeiden hätte, noch nie gezählt. Im Durchschnitt verschleiere oder zögere ich Wörter aber vielleicht zwanzig - bis dreißigmal am Tag hinaus. Und das nur, um relativ flüssig weitersprechen zu können. Täte ich das nicht, würden sich Symptome bemerkbar machen. Ich finde es gut, dass du damals in Französisch nach der Stunde zur Lehrerin gegangen bist und ihr schon fast vom Stottern erzählen wolltest. Leider hat dich dabei der Mut verlassen, um es dann tatsächlich durchzuziehen. Dazu gehört eine große Portion Selbstbewusstsein - das auch mir lange gefehlt hat. Aber: Am Ende habe ich mich überwunden. Darauf bin ich mehr als stolz. §dup
PetraS hat geschrieben:
28. August 2017 11:14
Und dann lernte ich einen Stotterer kennen - meinen ersten Freund. Er stotterte frei von der Leber weg und schien sich gar nichts daraus zu machen. Das war die Wende in meinem Leben. Ich sprach mit ihm darüber, indem ich von meinem eigenen Stottern berichtete, und dann traf ich zwei Entscheidungen:
1. Wenn ich noch mal hängen bleibe, sage ich einfach, dass ich stottere.
2. Ich will mich nie wieder über mein Stottern ärgern.
Du erzählst von deinem ersten Freund, der auch gestottert hat. Das schien für ihn kein Problem zu sein. Schön, dass du dich getraut hast, mit ihm über dein Stottern zu reden. Mit Personen, die man gerade erst kennengelernt hat, bzw. noch nicht so gut kennt, spricht man gewöhnlich leichter über seine Probleme, als mit Menschen, die einem nahestehen. So ging es mir vor ein paar Jahren auch. Ich konnte mit niemandem über mein Stottern reden. Aus Verzweiflung suchte ich im Internet nach einem Fachmann, der früher selbst jahrelang betroffen war. Er erfand die "Naturmethode". Sein Ziel: Ein weicher Stimmeinsatz und das gezielte Reduzieren des Sprechtempos. In einem Interview mit einer Zeitung sagte er: "Sprechen ist wie Autofahren. Ist man unsicher, tritt man lieber auf die Bremse. Wenn man sich sicher fühlt, kann man aufs Gas treten und etwas schneller fahren." Ich nahm Kontakt zu ihm auf und beschrieb ihm Situationen, vor diesen ich Angst hatte. Bei ihm traf ich auf Verständnis - das tat sehr gut. Mit seinen mutmachenden Mails versuchte er mir zu helfen. Da sieht man erstmal, was wenige gute Worte in Schriftform bewirken können. Anfangs schrieben wir uns sehr viel - fast einmal in der Woche. Heute halte ich mit ihm immer noch Kontakt, zwar nicht mehr so oft wie früher, aber er steht mir jederzeit bei Fragen zur Seite.
PetraS hat geschrieben:
28. August 2017 11:14
Ein stets offener Umgang war der Schlüssel für meinen Erfolg. Und da ich nicht die einzige bin, die dies erlebt hat, glaube ich schon, dass es der richtige Weg ist. Und immerhin: ich arbeite als Dolmetscherin und war nebenher jahrelang als Uni-Dozentin tätig.
Petra, es ist gut, dass du für dich diese Entscheidungen getroffen hast. Es zeigt, dass du dich von deinem Stottern nicht beeinflussen lässt. Es gehört eben zu dir und du kannst damit gut leben. "Nobody is perfect!" :D :D

Liebe Grüße

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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von Nina 1999 » 1. September 2017 18:12

Hallo teimo!

Danke für deine Antwort.
teimo hat geschrieben:
29. August 2017 11:14
(...) auch wenn meine Schulzeit nun schon ein paar Jahre zurück liegt, so kann ich mich eigentlich nur daran erinnern, dass mein Stottern damals nicht so dramatisch war. Bei Referaten u.ä. hatte ich - glücklicherweise - nie wirklich Probleme. Ich war meist einer der besten, die vor der Klasse sprechen konnten. Das ging aber nur bis zum Ende der 10. Klasse so. Danach kam die Oberstufe, viele neue Leute und wenig Verständnis.
Schön, dass du mit dem Stottern am Anfang der Schulzeit nicht so große Probleme hattest. Referate bzw. mündliche Leistungen sind für die Meisten mit einer Redeflussstörung der blanke Horror. Du scheinst das ja gut gemeistert zu haben... Du schreibst, dass deine "Glückssträhne" nur bis zum Ende der 10. Klasse anhielt, weil dann neue MitschülerInnen hinzukamen. Schade finde ich, dass man von dort an nur wenig Verständnis für dein Stottern hatte.
teimo hat geschrieben:
29. August 2017 11:14
Was ich aber auf jeden Fall heute weiß ist, dass ich mir für die Schulzeit ein ernormes Repertoire an Vermeidungsstrategien angeeignet hatte. Zwar habe ich damit die Blocks auffangen können und teils auch die Klasse zum Lachen gebracht, aber ein offener Umgang mit meinem Stottern wäre sicherlich hilfreicher gewesen. Heute versuche ich mein Stottern nicht zu meiden, sondern es zuzulassen, offen darüber zu sprechen und aufzuklären. Viele Mitmenschen interessieren sich auch für dieses "Phänomen", das ist - wie ich finde - wirklich hilfreich.
Wenn man auf solche Leute trifft und vielleicht nicht einmal der Lehrer zum Vereinfachen der Situation beitragen kann, ist man größtenteils auf sich alleine gestellt, das Beste daraus zu machen - was manchmal nicht leicht ist. Ich kann gut verstehen, dass deine Kiste mit Vermeidungsstrategien immer prall gefüllt war, weil du nicht auffallen wolltest. Das ist auf Dauer sehr belastend. Ich finde es prima, dass du heute dein Stottern nicht mehr vermeidest und bewundere deinen Mut. §dup

Viel Erfolg weiterhin!

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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von turnschuh » 2. September 2017 20:44

Bin zwar auch schon lange aus der Schule raus, aber ich halte oft beruflich bedingt Vorträge.
Meistens behindert mich mein Stottern nur wenig bei Vorträgen, weil ich sowieso dann eher langsamer und lauter rede.
Ich habe zumindest den Eindruck, dass ich dann weniger stottere (zugegeben Selbstdiagnose...).

Neulich habe ich aber einen Vortrag mit rund 50 Zuhörern gehalten, bei dem ich dreimal wirklich heftig gestottert habe und sogar die Worte richtig rausgepresst habe mit verzerrtem angestrengtem Gesicht.
Ich war etwas erschrocken über mich selbst. Weil das so "heftig" war, bin ich kurz darauf eingegangen und habe gesagt, dass ich stotter und deswegen gerade so hängengeblieben bin.

Die Leute haben mich dann ziemlich aufmerksam angeschaut habe nachdem ich das gesagt habe.

Ich kann zwar nicht in die Köpfe der Menschen sehen, aber ich bin mir recht sicher, dass viele Menschen regelrecht erleichtert sind, wenn mal einer eine Schwäche offen zugibt. Die aller aller meisten Menschen sind wegen irgendwas selber unsicher.

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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von PetraS » 3. September 2017 14:34

Hallo Nina,
zunächst einmal danke für die ausführliche Antwort.
Nina 1999 hat geschrieben:
31. August 2017 19:45
Manche Menschen können wirklich sehr direkt sein, mit dem, was sie sagen. Das Schlimme daran: Sie merken dabei oft gar nicht, wie verletzend ihre Aussage für den anderen (in diesem Fall für dich) sein kann. Stottern ist "keine schlechte Angewohnheit", sondern eine motorische Störung beim Zusammenspiel von Denken und der Sprachproduktion - und: Eine anerkannte Behinderung! Den Grundsatz "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden", hättest du dem Lehrer damals zeigen sollen. Vielleicht hätte er dann eingesehen, dass er mit seiner Aussage vollkommen unrecht hatte und sich vielleicht bei dir für sein falsches Verhalten entschuldigt.
Das Jahr, von dem die Rede ist, ist das Schuljahr 1974-1975, und zu der Zeit gab es weder anerkannte Rechte für Behinderte, noch war Stottern als eine solche Behinderung anerkannt. Der Lehrer war einer, der gar keiner mehr hätte sein dürfen, da er mit 74 Lebensjahren (!!!) längst in Rente gehörte, jedoch aufgrund des akuten Lehrermangels freiwillig ein paar Jahre drangehängt hatte.
Ein paar Jahre, in denen er ein paar Schüler mehr gepiesackt hat mit Methoden, die aus der Vorkriegszeit stammten.
Nein, er wäre unverbesserlich gewesen, auch meine Eltern haben bei ihm auf Granit gebissen.
Nina 1999 hat geschrieben:
31. August 2017 19:45
Dass er dich jeden Satz, den du gestottert hast, wiederholen ließ, finde ich nicht richtig. Diese ( wahrscheinlich in seinen Augen gut gemeinte) "Hilfestellung" war für dich sicher sehr unangenehm, weil dich der Klassenlehrer jedes Mal bloßstellte. Solche Situationen zehren natürlich enorm am Selbstbewusstsein.
Er hat noch mehr gebracht, z.B. hat er sich öffentlich hingestellt und behauptet, jeder Mensch würde gelegentlich stottern (was im pathologischen Sinne eben nicht richtig ist, da das sogenannte Stottern nicht stotternder Menschen nichts damit zu tun hat, dass sie etwas nicht sagen können, sondern nur damit, dass sie gerade nicht wissen, was sie sagen sollen)
Nina 1999 hat geschrieben:
31. August 2017 19:45
Die Tricks, um nicht "aufzufallen", nutzen glaube ich fast alle Stotterer - ich gehöre leider auch (immer noch) dazu. Ich kann es genauso wenig wie du ausstehen, wenn jemand zu mir sagt "Sprich´ doch nicht so schnell." oder "Hol´ mal tief Luft und überlege, was du sagen willst." Bei solchen Sprüchen würde ich am liebsten an die Decke gehen. Wenn man mich darauf ansprechen würde, warum ich so spreche, wäre ich bereit dazu, es zu erklären. Aber so? Nein, auf keinen Fall.
Dass du immer noch so darauf reagierst, wundert mich ein wenig, wenn du schon so lange nach Van Riper arbeitest. Du solltest vielleicht etwas verkopfter an die Sache rangehen. Nicht: "meine Therapeutin hat gesagt, es wäre gut, wenn ich..." sondern "ich will jetzt..."

Hierzu fällt mir wiederum eine Geschichte aus unserer Schule ein. Wir sollten nach Zensuren lesen, obwohl wir schon im 7. oder 8. Schuljahr waren. Ich hatte höllisch Schiss zu versagen. Ich bin an jedem Vokal hängen geblieben, habe die Augen geschlossen und wenn ich endlich weiter konnte, wusste ich nicht mehr, wo ich war, da ich ja die Augen zuvor zu hatte. Ein Mitschüler, unser Klassenclown, hatte vor mir gelesen und war dabei die Gelassenheit selbst. Er las mit einem ironischen Unterton, sodass man eigentlich nicht anders konnte als zu kichern. Ich klebte förmlich an seinen Lippen und dachte: Wenn ich diese Coolness besitzen würde, dann könnte ich auch flüssig lesen. Also nahm ich mir vor, mich zu zwingen, so cool wie der Typ zu sein.
Warum funktionierte mein Unterfangen nicht? Weil ich mich zwingen wollte, cool zu sein. Man kann sich nicht zwingen, cool zu sein. Entweder man IST cool oder man ist es nicht. Ich war es nicht. Erst als ich alle Scheu abgelegt hatte und bereit war, auch als Stotternde aufzufallen, da konnte ich cool sein. Und da konnte ich jederzeit zu meinen sprachlichen Defiziten stehen, sie verteidigen, als Teil von mir erklären. Solange ich das nicht konnte, nützte auch das Vorhaben nicht, cool zu erscheinen.
Nina 1999 hat geschrieben:
31. August 2017 19:45
Dass das Thema im familiären Umfeld tabu ist, das kenne ich gut. Das ist sehr schade. Warum das so ist, weiß ich leider nicht. Ich traue mich auch nicht, meine Eltern darauf anzusprechen. Ich denke, ich weiß, was dann als erste Antwort kommt: "... aber, du stotterst doch nicht?! Warum behauptest du sowas?!" Ja, ich stottere zu Hause weniger, als auf der Arbeit oder in der Schule, das stimmt. Weniger heißt nicht, dass es gar nicht vorkommt. Das muss man erst einmal verstehen und ich glaube, das ist für Außenstehende gar nicht so einfach.
Du machst eine Therapie - hat deine Therapeutin denn nie mit deinen Eltern gesprochen?
Dass meine Mutter, die Volksschulabsolventin war, nicht die Bereitschaft hatte, sich darauf einzulassen, verstehe ich heute. Aber in der heutigen Zeit, wo es ZIG Bücher zum Stottern gibt, wo die BV einen eigenen Verlag nur zu diesem Thema betreibt, da müsstest du doch die Möglichkeit haben, dir deine Eltern einmal vorzuknöpfen und Tacheles zu reden.
Zumal die Eltern heutzutage ja auch viel aufgeklärter sind, es viel mehr Möglichkeiten gibt, für alle möglichen Dinge Therapien in Anspruch zu nehmen. Ich würde diese Chance unbedingt nutzen, solange es noch möglich ist.
Ich habe mit meinem Vater Jahre später einmal ausführlich gesprochen, und es tat soooo gut. Meiner Mutter war die Sache bis zum bitteren Ende nur peinlich.
Nina 1999 hat geschrieben:
31. August 2017 19:45
Das Vorlesen in der Berufsschule ist mir immer noch nicht so ganz geheuer. Ich vermeide es, anstatt meine Angst zu überwinden und meinen MitschülerInnen "die kalte Schulter zu zeigen" und zu meinem Stottern zu stehen. Wöchentlich nehme ich mir vor, beim nächsten freiwilligen Lesen mal ganz mutig zu sein und sogar bewusst Symptome zuzulassen. Was fehlt mir bis jetzt? Genau, der Mut verlässt mich kurz davor. Das ständige Vermeiden macht die Seele krank, weil man immer krampfhaft überlegen muss, was sagt man und was nicht.
Hast du deinen Lehrern denn bis heute - trotz Therapie - nie von deinem Stottern erzählt? Ich weiß selber, dass es das erste Mal große Überwindung kostet, aber danach fühlt man eine Erleichterung, die ist unbeschreiblich. Und dies soll keine Kritik an deiner Therapeutin sein, aber hat sie dir denn nicht mal die Aufgabe erteilt, offen mit den Lehrern und Freunden das Stottern anzusprechen? Ich dachte, dies gehörte bereits zu den Anfängen der Desensibilisierungsphase einer Van-Riper-Therapie.
Nina 1999 hat geschrieben:
31. August 2017 19:45
Das geht beim Lesen natürlich weniger. Da muss man die Wörter ausssprechen, die auf dem Blatt oder am Overhead-Projektor stehen. Egal, ob man dabei stottert oder flüssig sprechen kann.
Genau das ist es. Und dazu muss man die Bereitschaft zeigen. Das bedingt aber auch, dass man zu seinem Stottern steht und es nicht als Makel, sondern einfach als gegeben sieht. Nichts Negatives, nichts Positives. Nur eine Eigenschaft.
Nina 1999 hat geschrieben:
31. August 2017 19:45
Ich habe die Blocks, die ich ohne das Vermeiden hätte, noch nie gezählt. Im Durchschnitt verschleiere oder zögere ich Wörter aber vielleicht zwanzig - bis dreißigmal am Tag hinaus. Und das nur, um relativ flüssig weitersprechen zu können. Täte ich das nicht, würden sich Symptome bemerkbar machen.
Was würde passieren, wenn sich Symptome bemerkbar machen? Würde es dich emotional immer noch sehr treffen? Genau das ist das Ziel einer Desensibilisierung, dass dich das eben NICHT mehr trifft. Und es tut gut, wenn man das gefühllos aushalten kann. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Früher erging es mir immer so, als gieße jemand einen Eimer mit Wasser über mich. Heute passiert rein gar nichts.
Nina 1999 hat geschrieben:
31. August 2017 19:45
Du erzählst von deinem ersten Freund, der auch gestottert hat. (...) Mit Personen, die man gerade erst kennengelernt hat, bzw. noch nicht so gut kennt, spricht man gewöhnlich leichter über seine Probleme, als mit Menschen, die einem nahestehen.
Grundsätzlich stimme ich zu, dass man mit nicht so vertrauten Personen leichter über Dinge sprechen kann, die einen bewegen. Aber im Falle meines Freundes war es eine Person, die mir gefühlsmäßig näher stand als jeder andere auf der Welt. Und es hat mindestens 3 Monate gedauert, bis ich den Mut zusammenbrachte, ihn darauf anzusprechen. Es war der Schlüssel für ein erfolgreiches Leben, das kann ich mit 54 Jahren zurecht sagen.

Ich denke, du solltest mit deiner Therapeutin mal über die Dinge sprechen, die wir hier so geschrieben haben. Vielleicht hat sie einige Tipps oder weiß gar nicht, dass es dir immer noch so schwer fällt.
Viel Erfolg
Petra

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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von PetraS » 3. September 2017 14:39

Hallo Turnschuh,
turnschuh hat geschrieben:
2. September 2017 20:44
Die Leute haben mich dann ziemlich aufmerksam angeschaut habe nachdem ich das gesagt habe.

Ich kann zwar nicht in die Köpfe der Menschen sehen, aber ich bin mir recht sicher, dass viele Menschen regelrecht erleichtert sind, wenn mal einer eine Schwäche offen zugibt.
Ich kann dein Erleben voll und ganz nachvollziehen, weil ich dieselbe Erfahrung gemacht habe. Offenheit führt zu Verständnis, verschleierte Symptome dagegen zu Fragezeichen bei den Zuhörern, was bis hin zu Missmut gehen kann (wieso redet der so komisch, was sind das denn für Allüren?)

Wogegen ich widersprechen möchte, ist, das Stottern als eine "Schwäche" zu charakterisieren. In meinen Augen ist Stottern einfach nur eine Eigenschaft, die weder positiv, noch negativ bewertet werden darf. Da sie keiner Freiwilligkeit unterliegt.
Menschen haben es zu akzeptieren, dass du stotterst, ob sie wollen oder nicht. Dass man da mit einigen nicht auf einen Nenner kommt, mag sein. Aber aufgeklärte Menschen sollten es nicht als Schwäche betrachten, sondern als eine Eigenschaft, die nicht der Freiwilligkeit des Betroffenen unterliegen, genau wie eine Sehstörung, eine Gehbehinderung oder ein fehlender Arm.
Schönen Sonntag
Petra

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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von turnschuh » 4. September 2017 22:12

Ja da hast du natürlich recht, ich habe mich da nicht gut ausgedrückt.
Mir ging es gar nicht so spezifisch um das Stottern.

Nina 1999
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Re: Wie (offen) geht ihr mit dem Stottern in der Schule um?

Beitrag von Nina 1999 » 10. September 2017 12:06

Hallo Petra!

Danke, für deine Antwort.
PetraS hat geschrieben:
3. September 2017 14:34
Das Jahr, von dem die Rede ist, ist das Schuljahr 1974-1975, und zu der Zeit gab es weder anerkannte Rechte für Behinderte, noch war Stottern als eine solche Behinderung anerkannt. Der Lehrer war einer, der gar keiner mehr hätte sein dürfen, da er mit 74 Lebensjahren (!!!) längst in Rente gehörte, jedoch aufgrund des akuten Lehrermangels freiwillig ein paar Jahre drangehängt hatte. Ein paar Jahre, in denen er ein paar Schüler mehr gepiesackt hat mit Methoden, die aus der Vorkriegszeit stammten.
Nein, er wäre unverbesserlich gewesen, auch meine Eltern haben bei ihm auf Granit gebissen.
Ich bin mir gar nicht sicher, wie lange es den Nachteilsausgleich an Schulen überhaupt schon gibt. Dass der Lehrer eigentlich schon in Rente gewesen wäre, aber trotzdem noch unterrichtet hatte, überrascht mich etwas. Heutzutage kenne ich es nicht, dass bei Lehrkräftemangel ein 74-jähriger noch immer beschäftigt wird. Früher tickte die Uhr noch etwas anders.
PetraS hat geschrieben:
3. September 2017 14:34
Er hat noch mehr gebracht, z.B. hat er sich öffentlich hingestellt und behauptet, jeder Mensch würde gelegentlich stottern (was im pathologischen Sinne eben nicht richtig ist, da das sogenannte Stottern nicht stotternder Menschen nichts damit zu tun hat, dass sie etwas nicht sagen können, sondern nur damit, dass sie gerade nicht wissen, was sie sagen sollen)
Dein Lehrer nahm wirklich kein Blatt vor den Mund. Dass jeder Mensch gelegentlich stottert, ist richtig. Jedoch ist das - wie du schon schreibst, ein "anderes Stottern", als bei Menschen, die von der Sprechstörung betroffen sind. Im Gegensatz zu normalsprechenden wissen wir ganz genau, was wir sagen möchten, sind nur nicht in der Lage, unsere Gedanken flüssig über die Lippen zu bringen.
PetraS hat geschrieben:
3. September 2017 14:34
Dass du immer noch so darauf reagierst, wundert mich ein wenig, wenn du schon so lange nach Van Riper arbeitest. Du solltest vielleicht etwas verkopfter an die Sache rangehen. Nicht: "meine Therapeutin hat gesagt, es wäre gut, wenn ich..." sondern "ich will jetzt..."
Letzte Stunde habe ich meiner Logopädin erzählt, dass ich - besonders auf der Arbeit - immer noch mit Vermeidung arbeite, weil ich die Technik noch nicht konsequent in der Öffentlichkeit anwenden kann. Im Therapieraum bzw. bei In-Vivo-Situationen ist das kein Problem. Für mich ist das sehr ernüchternd. Zudem weiß ich nicht, ob wir von meiner Ärztin noch eine Verordnung bekommen und die Behandlung weitergehen kann. Wenn ja, arbeiten wir auf jeden Fall noch weiter an der Desensibilisierung und dem spontanen Sprechen bzw. dem Lesen (ein wichtiges Ziel für die Berufsschule).
PetraS hat geschrieben:
3. September 2017 14:34
Hierzu fällt mir wiederum eine Geschichte aus unserer Schule ein. Wir sollten nach Zensuren lesen, obwohl wir schon im 7. oder 8. Schuljahr waren. Ich hatte höllisch Schiss zu versagen. Ich bin an jedem Vokal hängen geblieben, habe die Augen geschlossen und wenn ich endlich weiter konnte, wusste ich nicht mehr, wo ich war, da ich ja die Augen zuvor zu hatte. Ein Mitschüler, unser Klassenclown, hatte vor mir gelesen und war dabei die Gelassenheit selbst. Er las mit einem ironischen Unterton, sodass man eigentlich nicht anders konnte als zu kichern. Ich klebte förmlich an seinen Lippen und dachte: Wenn ich diese Coolness besitzen würde, dann könnte ich auch flüssig lesen. Also nahm ich mir vor, mich zu zwingen, so cool wie der Typ zu sein.
Warum funktionierte mein Unterfangen nicht? Weil ich mich zwingen wollte, cool zu sein. Man kann sich nicht zwingen, cool zu sein. Entweder man IST cool oder man ist es nicht. Ich war es nicht. Erst als ich alle Scheu abgelegt hatte und bereit war, auch als Stotternde aufzufallen, da konnte ich cool sein. Und da konnte ich jederzeit zu meinen sprachlichen Defiziten stehen, sie verteidigen, als Teil von mir erklären. Solange ich das nicht konnte, nützte auch das Vorhaben nicht, cool zu erscheinen.
Nach Noten mussten wir in der Mittelschule auch einmal lesen. Ich war zuvor sehr nervös und obwohl wir den Text zu Hause üben konnten, kam er mir dann in der Schule völlig fremd vor. Ich stolperte durch den Absatz, als wäre ich in der ersten Klasse. Aus Angst zu stottern, schob ich fast vor jedes zweite Wort ein nachdenkliches "äh...". Das machte die Situation natürlich alles andere als entspannt, da ich krampfhaft versuchte, die Symptome zu umgehen. Ich schämte mich so, weil ich nicht flüssig lesen konnte. Der Lehrer war damals auch nicht der Beste und lies mich voll auflaufen. Anstatt die peinliche Situation aufzulösen und mich unter vier Augen darauf anzusprechen, musste ich mir Sprüche wie: "Hol´ doch mal Luft, bevor du sprichst." oder "Ganz ruhig, du schaffst das schon" anhören. Der Biologielehrer sagte immer: "Denken, melden, reden." Das war auch nicht besser, da er mich damit auch unter Druck setzte.
PetraS hat geschrieben:
3. September 2017 14:34
Du machst eine Therapie - hat deine Therapeutin denn nie mit deinen Eltern gesprochen?
Dass meine Mutter, die Volksschulabsolventin war, nicht die Bereitschaft hatte, sich darauf einzulassen, verstehe ich heute. Aber in der heutigen Zeit, wo es ZIG Bücher zum Stottern gibt, wo die BV einen eigenen Verlag nur zu diesem Thema betreibt, da müsstest du doch die Möglichkeit haben, dir deine Eltern einmal vorzuknöpfen und Tacheles zu reden.
Zumal die Eltern heutzutage ja auch viel aufgeklärter sind, es viel mehr Möglichkeiten gibt, für alle möglichen Dinge Therapien in Anspruch zu nehmen. Ich würde diese Chance unbedingt nutzen, solange es noch möglich ist.
Ich habe mit meinem Vater Jahre später einmal ausführlich gesprochen, und es tat soooo gut. Meiner Mutter war die Sache bis zum bitteren Ende nur peinlich.
Die Logopädin sprach ganz am Anfang mit meiner Mutter und erklärte ihr, was Stottern eigentlich ist, was man unter Kern- und Begleitsymptomen versteht, welche Arten es von Stottern gibt, ect. Sie war bis jetzt zweimal in den Stunden dabei und wir haben Übungen zum Pseudostottern gemacht. Für was das war, weiß ich bis heute nicht so ganz. Warum macht man mit Flüssigsprechenden Übungen zum absichtlichen Stottern? Das wäre eine gute Frage für die nächsten Wochen in der Therapie. Sinnvoller finde ich, wenn meine Mutter an die Sprechtechnik, die ich benutze, herangeführt würde. Ich würde mich freuen, wenn meine Eltern von sich aus mit mir über mein Stottern sprechen - aber es passiert nicht. Vielleicht wäre ich dann auch bereit, offener über das Thema zu sprechen.
PetraS hat geschrieben:
3. September 2017 14:34
Hast du deinen Lehrern denn bis heute - trotz Therapie - nie von deinem Stottern erzählt? Ich weiß selber, dass es das erste Mal große Überwindung kostet, aber danach fühlt man eine Erleichterung, die ist unbeschreiblich. Und dies soll keine Kritik an deiner Therapeutin sein, aber hat sie dir denn nicht mal die Aufgabe erteilt, offen mit den Lehrern und Freunden das Stottern anzusprechen? Ich dachte, dies gehörte bereits zu den Anfängen der Desensibilisierungsphase einer Van-Riper-Therapie.
Nein, tatsächlich habe ich den Lehrern sehr lange nicht erzählt, dass ich stottere. In den Zeugnissen stand immer: "... die ruhige und zurückhaltende Schülerin..." Auch den Abschluss bestand ich, ohne dass jemand darüber Bescheid wusste. Sicherlich wunderten sich die Lehrer, warum mir das Sprechen schwererfiel, als den MitschülerInnen. Reaktionen darauf kamen jedoch nie. Die Logopädin hatte mir sehr oft gesagt, dass ich mich endlich outen sollte. Bis vor wenigen Wochen fehlte mir aber einfach der Mut dazu. Petra, du hast recht. Das Gefühl, wenn man es gemacht hat, ist unbeschreiblich! Mir fielen tausend Felsbrocken von den Schultern.
PetraS hat geschrieben:
3. September 2017 14:34
Was würde passieren, wenn sich Symptome bemerkbar machen? Würde es dich emotional immer noch sehr treffen? Genau das ist das Ziel einer Desensibilisierung, dass dich das eben NICHT mehr trifft. Und es tut gut, wenn man das gefühllos aushalten kann. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Früher erging es mir immer so, als gieße jemand einen Eimer mit Wasser über mich. Heute passiert rein gar nichts.
Durch die Sprechtechnik, die ich gerade lerne, kann ich mögliche Symptome vorher erkennen und schwierig erscheinende Wörter "entmachten". Das klappt beim Lesen schon ganz gut. Unser Ziel ist, dass es beim spontanen Sprechen (mit der Familie oder Freunden) auch funtioniert und ich nicht mehr negativ bzw. mit Scham auf die Unflüssigkeiten reagiere.

Viele Grüße

Nina 1999
Jedes Problem durchläuft bis zu seiner Anerkennung drei Stufen:
In der ersten wird es lächerlich gemacht.
In der zweiten bekämpft,
in der dritten gilt es als selbstverständlich.
(Arthur Schopenhauer)

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