verzweifelt!!!!!!

Austausch speziell zum Thema Schule (Noten, Mobbing usw.) für stotternde Mädchen und Jungen, deren Eltern, Lehrer und alle Interessierten. Für eine professionelle Beratung wende Dich bitte an die Fachberatung
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Frankie
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Re: verzweifelt!!!!!!

Beitrag von Frankie » 11. Januar 2009 19:07

Hallo antoniolopez,

ich kann mich Jonny nur anschließen: Versuche nicht, Dir einen Beruf zu suchen, bei dem Du bis zur Rente den Mund nicht mehr aufmachen musst - Du wirst es bestimmt mal bereuen. Such Dir was aus, was Dich interessiert und was auch im späteren Berufsleben gefragt ist. Natürlich solltest Du dabei realistisch sein: Nachrichtensprecher oder Fluglotse wären wohl jetzt die falschen Ziele, aber die meisten Leute haben irgendwelche Eigenschaften, die sie für manche Berufe mehr und für andere weniger geeignet machen. Aber gerade wenn die Symptomatik nicht so stark ausgeprägt ist, kannst Du fast alles machen. Ich kenne viele Stotternde in interessanten Berufen. Wenn Du damit souverän umgehst, schaffst Du das auch.

Allerdings rate ich Dir dringend, eine vernünftige Therapie zu besuchen. Dort kannst Du lernen, mit dem Stottern gelassen umzugehen, die Angst davor abzubauen. Ich habe vom Lesen Deiner Beiträge das Gefühl, dass dies für Dich wichtig sein könnte.

Viele Grüße,
Frank
Zuletzt geändert von Frankie am 12. Januar 2009 18:01, insgesamt 1-mal geändert.

ulf321
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Re: verzweifelt!!!!!!

Beitrag von ulf321 » 12. Januar 2009 17:31

Hallo,
Ich stehe auch zur Zeit vor der Wahl einer Ausbildung. Ich denke, es gibt Berufe, die man als mittelgradiger Stotterer nicht machen kann. Das sind Berufe, bei denen das Sprechen sehr wichtig ist, wie zb Verkäufer,Callcenter,Anwalt, Bundeswehr oder Notarzt. Berufe, in denen man nicht ununterbrochen sprechen muss, kann man machen. Denkt ihr das auch so?
Ich würde am liebsten eine Ausbildung zum Bankkaufman machen. Aber das traue ich mir mit meinem mittelgradigen Stottern nicht zu. Deshalb mache ich wahrscheinlich etwas ähnliches. Das ist Industriekaufman. Hoffentlich klappt das.

Chefkoch
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Re: verzweifelt!!!!!!

Beitrag von Chefkoch » 19. März 2009 18:03

Keine Ahnung, ob das noch jemand liest, aber ich wollte meine Erfahrungen mit diesem Thema auch mal ausplaudern^^.
JonnyHell hat geschrieben: generell halte ich es für einen ganz großen Fehler, sich dem Diktat des Stotterns zu unterwerfen und sein Leben danach auszurichten.
Das stimmt natürlich. Allerdings ist es für die meisten nicht einfach, so stark und selbstbewusst zu sein, und seinem Stottern so ohne Weiteres zu trotzen. Nicht jeder kann sich seiner Angst stellen, so dass viele eben ihr Leben nach dem Stottern richten. Hätte ich nicht eine Therapie gefunden, die mir bei meiner Angstbewältigung geholfen hat, hätte ich das auch nie und nimmer geschafft.
Ohne Hilfe ist es schwer, sich dem zu stellen und daher kann ich dem Threadersteller nur Mut machen und dazu raten, sich Hilfe in der Angstbewältigung zu suchen. Die Angst vorm Sprechen kann man am besten durch Konfrontation bekämpfen, aber alleine, ohne therapeutische Unterstützung schaffen das die wenigsten.
Ansonsten kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen. Lass nicht zu, dass Dein Stottern Dein Leben beherrscht und suche Dir etwas aus, was Deinen Fähigkeiten, Wünschen und Vorstellungen entspricht. Nicht etwas, wo das Sprechen im Hintergrund steht und such Dir Unterstützung!
Mir persönlich ist eine Krankenschwester wie dosi, die zwar stottert, aber einem klipp und klar erklärt, was Sache ist, wesentlich lieber als eine "normalsprechende", die keinen Satz auf die Reihe kriegt. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass es den meisten so geht.
Ich habe 1,5 Jahre im Krankenhaus auf einer neurologischen Station gearbeitet (FSJ), weil ich die Wartezeit auf einen Medizinstudienplatz überbrücken wollte. Trotz meines starken Stotterns (hauptsächlich weil ich verdammt gut vermeiden konnte) kam ich gut zurecht und die Patienten hatten auch keinerlei Problem mit mir. Alle schätzten meine Arbeit.
Nach dieser positiven Erfahrung entschloss ich mich noch eine Krankenpflegerausbildung dranzuhängen. So bewarb ich mich also bei verschiedenen Schulen und wurde von allen abgelehnt. Alleiniger Grund dafür war mein Stottern. Einmal wurde mir dies direkt mitgeteilt, der Rest hatte versucht sich ziemlich ungeschickt herauszureden. Es war einfach offensichtlich.
Was ich damit sagen will ist: Die Angst, im Beruf nicht bestehen zu können ist durchaus berechtigt und manchmal ist man sogar gezwungen, sein Leben dem Stottern unterzuordnen, weil man keine Chance bekommt, sich zu beweisen, bzw. weil alle Fähigkeiten und Kenntnisse auf die man zurückgreifen kann, vom Stottern überdeckt werden.
Obiges Zitat klingt sehr schön, und entspricht theoretisch auch der Wahrheit, aber leider ist es im echten Leben oft wie in der Politik. Die Leute an der Spitze, also die, die Entscheidungsgewalt haben, denken miest nur sehr eindimensional (wenn sie überhaupt denken), und machen dadurch sehr viel kaputt...

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Micha136
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Verzweifelt ... Warum denn?

Beitrag von Micha136 » 21. März 2009 09:58

Ein Hallo an alle ...
Chefkoch hat geschrieben:Nach dieser positiven Erfahrung entschloss ich mich noch eine Krankenpflegerausbildung dranzuhängen. So bewarb ich mich also bei verschiedenen Schulen und wurde von allen abgelehnt. Alleiniger Grund dafür war mein Stottern. Einmal wurde mir dies direkt mitgeteilt, der Rest hatte versucht sich ziemlich ungeschickt herauszureden. Es war einfach offensichtlich.
Was ich damit sagen will ist: Die Angst, im Beruf nicht bestehen zu können ist durchaus berechtigt und manchmal ist man sogar gezwungen, sein Leben dem Stottern unterzuordnen, weil man keine Chance bekommt, sich zu beweisen, bzw. weil alle Fähigkeiten und Kenntnisse auf die man zurückgreifen kann, vom Stottern überdeckt werden.
Ich denke, dass solche Erfahrungen auch wichtig sind, auch wenn sie einen gewissen Frust hervorrufen (können) ...
Wenn Menschen sich an solchen Dingen "hochziehen" oder es mental nicht einschätzen können, dann ist das doch auch ein Zeichen für den Arbeitsplatz, auch wenn die Personaler etc. nur ein Bruchteil der Firma, des Unternehmens usw. sind.
Sind sie nicht wirklich objektiv, hat der oberste Chef sich noch nicht wirklich um die Auswahl der Arbeitskräfte gekümmert, sondern verlässt sich allein auf seine Mitarbeiter im Personalwesen. Ein Chef sollte - in meinen Augen - jedoch den Wunsch haben, seine ganze Firma zu kennen und auch einfach mal mit dabei zu sein. Nicht als Kontrolle, sondern als persönliche Einschätzung ...

Es kann andererseits auch daran liegen, dass man seinen eigenen Arbeitsplatz sichern möchte oder jenen der befreundeten Arbeitskollegin. Neue sind immer irgendwie potentielle Veränderer :) ... man muss sich auf sie persönlich einstellen, fachlich anlernen usw. ...
Mir sagte ein Redakteurin einer Dresdner Zeitung, die offenbar ebenso die Personalcheckung übernommen hat, bei einem Vorstellungsgespräch so ungefähr dieses "Arbeitstage: Montag bis Sonntag, Montag bis Sonntag ... 12-14 Stunden am Tag ... wir gehen 22 Uhr" ... Auf meine vorsichtige Anfrage nach dem Beginn der Arbeitszeit kam der Satz "Nach Hause gehen Sie, wenn wir es ihnen sagen" :) ... Damit waren die Fronten geklärt und ich schließe nicht aus, dass sie mir auch durch die Blume zu verstehen geben wollte "Wir wollen und brauchen sie hier auch nicht." ... kann auch sein, ich weiß es nicht.
Meine Intention war, als freier Journalist immer mal zu diesem oder jenem Thema einen Artikel zu schreiben und die Zeitung kann sich entscheiden, ob sie ihn haben möchte oder nicht. Das finanzielle hätte ich hinterher geregelt, je nach Zufriedenheit von Artikel zu Artikel ...
Es stellt sich auch immer die Frage:
Was suchen die Personaler? Was steht in der Stellenausschreibung? Was möchte ich? Habe ich meine Wünsche korrekt und konkret rüber gebracht?

Ich denke, gerade "Misserfolge" sind dazu da, zu sehen, was man denn nicht möchte ... das liegt nicht immer am Stottern, sondern vorher schon daran, was man denn eigentlich will. Und ich denke, wenn man eine Stufe erreicht hat, wo das Stottern vielleicht nicht weg ist, doch im Kopf keinen Hinderungsgrund für irgendetwas darstellt, dann ist der Rest wie bei Normalsprechenden ... manchmal hat man auf die Entscheidung keinen Einfluss. Und die Welt geht bei einer Absage auch nicht unter :)

Ich denke auch, dass die bevorstehende Berufswahl Anlass dafür gibt, sich seiner eigenen Interessen bewusster zu werden, sich seiner eigenen Ängste bewusst zu werden (nämlich immer genau dann, wenn es heißt "würde ich gern, doch wegen meines Stotterns ..." usw.) und ich vielleicht Möglichkeiten zu überlegen wie man mehrere Dinge miteinander kombinieren kann, z.B. ein Ingenieurstudium und nebenbei noch Nachhilfe in Mathe geben ...

Alles Gute, Micha.
Neues Leben - neues Glück :)

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Re: Verzweifelt ... Warum denn?

Beitrag von Chefkoch » 21. März 2009 16:50

Ich denke, gerade "Misserfolge" sind dazu da, zu sehen, was man denn nicht möchte ... das liegt nicht immer am Stottern, sondern vorher schon daran, was man denn eigentlich will. Und ich denke, wenn man eine Stufe erreicht hat, wo das Stottern vielleicht nicht weg ist, doch im Kopf keinen Hinderungsgrund für irgendetwas darstellt, dann ist der Rest wie bei Normalsprechenden ... manchmal hat man auf die Entscheidung keinen Einfluss. Und die Welt geht bei einer Absage auch nicht unter :)
Hm, vielleicht kannst etwas näher erläutern, was Du mit den ersten beiden Sätzen meinst, ich habe da nicht ganz verstanden, was du damit sagen möchtest.

Ich wollte eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolvieren. Zu dieser Zeit war das für mich die einzig mögliche Alternative, etwas Sinnvolles zu tun. Und ich wurde aufgrund meines Stotterns daran gehindert, obwohl ich ganz genau wusste, dass ich das machen möchte. Und in der Tat war es nicht nur eine einzige Absage, es waren mehrere. Da ist die Gefahr dann schon größer, dass "die Welt untergeht"...

Heute bin ich im Nachhinein froh, dass es nicht geklappt hatte, da sich mein Leben nun in eine andere, viel bessere Richtung entwickelt hat. Vor allem deshalb, weil ich mein Stottern nun weitgehend in den Griff bekommen habe.
Die Behauptung, dass man es leichter hat, wenn das Stottern im eigenen Kopf kein Problem mehr darstellt stimmt natürlich. Schließlich wirkt man ja ganz anders auf seine Umwelt, wenn dies der Fall ist. Dennoch bezweifle ich, dass der "Rest wie bei Normalsprechenden" ist. Denn wie Du schon richtig schreibst, muss man sich auf jeden neuen Arbeitnehmer einstellen und "befürchten", dass er evtl. für Veränderungen sorgen wird...
Bei einem Stotterer ist diese Wahrscheinlichkeit natürlich wesentlich höher als bei einem "Normalo", von daher wollen sich viele Arbeitgeber von vornherein nicht auf solche Leute einlassen.
Das das aber diskriminierend ist, steht denke ich außer Frage.
Ich denke auch, dass die bevorstehende Berufswahl Anlass dafür gibt, sich seiner eigenen Interessen bewusster zu werden, sich seiner eigenen Ängste bewusst zu werden (nämlich immer genau dann, wenn es heißt "würde ich gern, doch wegen meines Stotterns ..." usw.) und ich vielleicht Möglichkeiten zu überlegen wie man mehrere Dinge miteinander kombinieren kann, z.B. ein Ingenieurstudium und nebenbei noch Nachhilfe in Mathe geben ...
Richtig, aber wenn man nicht die Chance bekommt, seine Qualitäten zu beweisen, kann man noch so flexibel und einfallsreich sein. EIne Absage kam u.a. von dem Krankenhaus, in dem ich bereits 15 Monate gearbeitet hatte (das sich übrigens "Krankenhaus der Barmherzigen Brüder" nennt, und auch von diesem christlichen Orden quasi geleitet wird... Soviel zum Thema "nomen est omen").
Damit möchte ich nur ausdrücken, dass man sich manchmal auf den Kopf stellen kann und immernoch auf das Wohlwollen der Entscheidungsträger angewiesen ist, die sich eben in vielen Fällen nur in engen Bahnen bewegen, und sich von offensichtlichen Schwächen der Bewerber negativ beeinflussen lassen. Ganz gleich, was sie in der Vergangenheit bereits geleistet haben.

Viele Grüße,
Thilo

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Micha136
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Re: verzweifelt!!!!!!

Beitrag von Micha136 » 21. März 2009 17:29

Ich stimme dir natürlich zu, Thilo, dass es Diskriminierung in der Gesellschaft gibt und die selbsternannten Barmherzigen sind da nicht immer offener und toleranter, denn letztlich ist es nur ein Name ... schau dir die Christlich-Demokratische Partei an oder die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands ... da waren bzw. sind auch nicht alle wahre Christen oder Sozialisten - manchmal ganz im Gegenteil. Sie spielen selbst gern Gott oder sind "mehr" Lenin als Lenin selbst :)

Letztlich geht die Welt trotzdem nicht unter (sieht nur so aus :)), sondern das Leben eben auf anderen Wegen weiter ... und wie du selbst festgestellt hast, hat sich es ja in deinem Fall als wahrscheinlich günstiger erwiesen. Du hast Erfahrungen gesammelt und vielleicht hat dein Schicksal auch entschieden 'Nee, das reicht dem Thilo jetzt dort ...' :)

Ich habe auch Absagen bekommen und habe mich nicht so integrieren können, wie ich es vielleicht wollte ... mehr als einmal.
Und irgendwann - wenn man die Dinge so annehmen lernt, wie sie offenbar sind - weicht der Frust einem "Naja, vielleicht hat's einfach so sein sollen und wer weiß, wohin mich das Leben so führen wird." ... Schau mer mal ...

Dass man dabei durch einige Täler geht, steht außer Frage, doch ich denke, dass es immer zu meinem Vorteil war, auch wenn ich das nicht sofort so akzeptieren wollte. Dies betrifft sowohl persönliche als auch berufliche Dinge ...

Heute weiß ich, dass ich alles machen könnte ... doch manche Dinge eben lieber und irgendwie glaube ich an Berufung statt Beruf :)

Alles Gute, Micha.
Neues Leben - neues Glück :)

2412

Re: verzweifelt!!!!!!

Beitrag von 2412 » 22. März 2009 13:09

Hi Thilo,

schön, dass du dieses Forum gefunden hast - deine Beiträge finde ich sehr konstruktiv.

Mich würde vor allen Dingen interessieren, wie du in die Vorstellungsgespräche für die angestrebte Ausbildung gegangen bist? Hast du versucht, das Stottern auf Gedeih und Verderb zu verbergen oder hast du es offen angesprochen? Ich für mich schließe es vollkommen aus, dass ein Stotterer mit Abitur, der am Anfang des Gespräches sowas sagt wie "Wie Sie hören, stottere ich. Seit ich sprechen kann, lebe ich mit diesem Handicap. Wie Sie sich vorstellen können, war mein Leben deshalb auch stets ein Kampf - gegen alle möglichen Widerstände...(...)" für eine Krankenpflegerausbildung abgelehnt wird. Das wäre für mich ein riesiger Skandal, so dass man die barmherzigen Brüder, selbst, wenn es schon eine Weile her, ordentlich aufmischen müsste.

Ich habe negative Erfahrungen in Vorstellungsgesprächen immer dann gesammelt, wenn ich das Stottern totgeschwiegen und es zu vertuschen versucht habe. Früher habe ich ausschließlich so gelebt. Mein Hauptziel lag immer darin, nicht etwa inhaltlich zu überzeugen oder menschlich gut rüberzukommen, sondern mit allen möglichen Tricks darauf hinzuarbeiten, dass ich nicht als Stotterer entlarvt werde. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zu Beginn meines Studiums mich um einen Bürojob bewarb, um das karge Bafög etwas aufzubessern. Es war eine profane Tätigkeit, die sogar ein dressierter Affe hinbekommen hätte: Akten sortieren, laminieren, stempeln. Und ich war der einzige Bewerber. Mit der Chefin sprach ich an diesem Probetag nur das Nötigste und zwar immer dann, wenn sie mich etwas fragte. Ich versuchte mich dann so abgehakt wie möglich zu artikulieren und brach Sätze mittendrin ab, wenn ich spürte, dass ein Block kommt. Ich fühlte mich wie Piet Klocke, ich fühlte mich dreckig - aber mein Ziel schien erreicht: Als Stotterer wurde ich ziemlich sicher nicht wahrgenommen. Ich konnte jedoch förmlich antizipieren, wie sich die Chefin darüber Gedanken machte, was denn mit mir los sei. Plötzlich und unvermittelt fragte sie mich dann nach meinem Studentenausweis. Den schaute sie sich von allen Seiten an, drehte und wendete ihn und konnte wohl nicht fassen, dass er echt war. Etwa eine Woche nach dem Probetag bekam ich eine Absage: "Danke für Ihre Bewerbung, aber wir haben uns für eine interne Lösung entschieden".

Dann begann ich - und es fiel mir ungemein schwer - mein Stottern anzusprechen. Es fing alles damit an, dass eine Kommlitonin, deren jüngerer Cousin wegen Latein vor dem Durchfallen stand, auf mich zukam und mich fragte, ob ich nicht etwas helfen könnte. Das erste Mal war die Hölle. Ich überlegte mir schon Tage vorher, wie ich mein Stottern vor den Eltern verstecken könnte bzw. wie ich überhaupt der ganzen Sache ausweichen könnte. Letztlich stand ich dann doch vor der Klingel. Nach Minuten des Zögerns betätigte ich dieselbige. Die überfreundliche Mutter machte auf - und ich bekam kein einziges Wort heraus. Als ich mich dann gesammelt habe, sprach ich das Stottern direkt an und erzählte, dass Latein-Nachhilfe während der Schulzeit trotz des Handicaps relativ gut klappte. Die Eltern, wohlsituiert und mit sichtlich hohen Ansprüchen an ihre Kinder, waren derart verzweifelt und besorgt, dass ihr Kind das Gymnasium nicht schaffen könnte, dass sie einem Engagement zustimmten - ich war ihre letzte Hoffnung. Auch wenn ich nicht "trotz des Stotterns", sondern, weil sich mein Arbeitgeber in einer Notlage befand, genommen wurde, verbuchte ich das Ganze als ein kleines Erfolgserlebnis. Ich fing an, mir Gedanken darüber zu machen, ob Stottern von Menschen wirklich immer so negativ aufgenommen wird, wie ich es dachte. Der Junge ging mit meinen Blocks während des Unterrichts erstaunlich cool um, so dass ich mich ziemlich entlastet fühlte. In der entscheidenden Klausur schrieb er dann statt der üblichen 6 eine 3 und schaffte nicht nur das Schuljahr, sondern begann auch, die Systematik und Logik des Lateinischen zu verstehen. Das beflügelte mich dermaßen, dass ich mir eine ganze Reihe Nachhilfe-Schüler nahm und bis heute durch diesen für mich relativ leichten Nebenjob wesentlich mehr verdiene als die meisten meiner Kommilitonen mit ihrem Nebenerwerb. Ich mache das jedes Mal so, dass ich die Eltern gleich vorab über mein Handicap informiere und dadurch bislang durchwegs positive Resonanz bekommen habe. Würde ich das Stottern nicht zur Sprache bringen - da bin ich mir ziemlich sicher - bekäme ich keinen einzigen Schüler mehr. Die Leute wollen einfach wissen, was mit einem los ist, denn andernfalls wäre die Gefahr zu groß, jemanden für ihre Kinder einzustellen, der etwa eine geistige Behinderung hat.

Meinen absoluten Triumph erlebte ich allerdings dieses Jahr. Ich bewarb mich für ein sehr begehrtes Praktikum bei einem Staatsanwalt für politisch motivierte Straftaten (der Job, den ich später mal anstrebe). Im Flur, der blindlings zum bevorstehenden Assessment Center führte, saßen schon eine ganze Reihe Mitbewerber. Einer sprach über seinen Harvard-Aufenthalt, der andere darüber, dass er parallel Rhetorik studiert und die andere über ihren Vater, der anscheinend als Kollege und Freund eng mit demjenigen Staatsanwalt verbandelt war. Und ich saß da, mit meinem Stottern und der Gewissheit, dass ich die Stelle niemals kriegen würde, da ich höchstens notenmäßig mithalten konnte. Bis es allerdings so weit war, nahm ich mir vor, das Stottern offen anzusprechen und ich selbst zu sein - ich hatte nichts mehr zu verlieren. Als alles vorbei war, rechnete ich fest mit einer Absage. Doch es kam ganz anders. Ich bekam die Stelle und gleich am ersten Arbeitstag, sagte mir der Staatsanwalt: "Ihre Offenheit, Ihr Mut und Ihre Beharrlichkeit haben mich sehr beeindruckt. Ich könnte das an Ihrer Stelle wahrscheinlich nicht. Bewundernswert."

Das hat mich endgültig darin bestätigt, was der richtige Weg im Umgang mit Stottern ist. Natürlich gibt es nichtsdestoweniger Idioten, die sich trotz Offenheit und Mut über einen lustig machen, lästern, belächeln, aber die überwiegende Mehrheit der Normalsprechenden - und das ist meine Erfahrung - steht unserem Handicap sehr positiv gegenüber.


PS: Hast du eigentlich nunmehr den Medizinstudienplatz bekommen?

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Re: verzweifelt!!!!!!

Beitrag von Chefkoch » 22. März 2009 15:13

Hallo Jonny,
danke für die nette Begrüßung!
JonnyHell hat geschrieben:Mich würde vor allen Dingen interessieren, wie du in die Vorstellungsgespräche für die angestrebte Ausbildung gegangen bist? Hast du versucht, das Stottern auf Gedeih und Verderb zu verbergen oder hast du es offen angesprochen? Ich für mich schließe es vollkommen aus, dass ein Stotterer mit Abitur, der am Anfang des Gespräches sowas sagt wie "Wie Sie hören, stottere ich. Seit ich sprechen kann, lebe ich mit diesem Handicap. Wie Sie sich vorstellen können, war mein Leben deshalb auch stets ein Kampf - gegen alle möglichen Widerstände...(...)" für eine Krankenpflegerausbildung abgelehnt wird. Das wäre für mich ein riesiger Skandal, so dass man die barmherzigen Brüder, selbst, wenn es schon eine Weile her, ordentlich aufmischen müsste.
Ich konnte mein Stottern damals gar nicht verbergen... Im Prinzip stottere ich recht stark, da ich mir aber im Laufe der Jahre eine Vielzahl von Vermeidungsstrategien angeeignet hatte, kam ich im Alltag ganz gut um die Runden. Ein Vorstellungsgesräch ist jedoch eine Stressituation und bei solchen Gelegenheiten versagten so gut wie alle meine Strategien, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als die Blocks durchzustottern.
Außerdem wusste u.a. der Schulleiter sowieso schon bescheid, weil mein damaliger Stationsleiter und einige Schwestern ihn bereits über mich aufgeklärt hatten (und dabei auch erwähnten, dass ich quasi der "perfekte Mann" für so eine Ausbildung sei).
Dennoch will ich ehrlich sein und nichts beschönigen:
Ich hatte an diesem Tag starke Blockaden und natürlich wirkt so etwas in gewisser Hinsicht erstmal abschreckend. Andererseits denke ich mir, diese Idioten wollten sich gar nicht auf mich einlassen, obwohl sie bereits informiert waren und wussten, dass ich meine Fähigkeiten eigentlich schon während des Freiwilligen Sozialen Jahres unter Beweis gestellt hatte. Schließlich hatte ich schon erheblich mehr Routine und Praxiserfahrung als jeder Schüler im ersten Jahr...
Der Knaller kam allerdings eine Woche später, als von der Krankenhausleitung eine Broschüre zum AGG herausgegeben wurde, in der noch einmal ausdrücklich erwähnt wurde, dass Behinderte (zu denen wir ja laut diesem Gesetzestext auch zählen) in keinster Weise - besonders nicht was die Vergabe von Ausbildungsplätzen angeht - benachteiligt werden dürfen.
Das war für mich der blanke Hohn.
Von daher kann man schon sagen, dass das ein handfester Skandal gewesen ist. Als meine Eltern dann beim Schulleiter vorstellig wurden und von Diskriminierung sprachen, hatte er keine Argumente und wollte sie gleich aus seinem Büro schmeissen.
Heute habe ich mich zum Glück längst damit abgefunden. Erstens war ich um einige Erfahrungen reicher und zweitens wäre ich an dieser Schule ohnehin nicht glücklich geworden; und auch an keiner anderen, die mich in diesem und dem darauf folgenden Jahr abgelehnt hatte.
Ich habe negative Erfahrungen in Vorstellungsgesprächen immer dann gesammelt, wenn ich das Stottern totgeschwiegen und es zu vertuschen versucht habe. Früher habe ich ausschließlich so gelebt. Mein Hauptziel lag immer darin, nicht etwa inhaltlich zu überzeugen oder menschlich gut rüberzukommen, sondern mit allen möglichen Tricks darauf hinzuarbeiten, dass ich nicht als Stotterer entlarvt werde.


Ja, das kenne ich gut... Wenn man mich darauf ansprach, konnte ich eigentlich recht offen über das Thema sprechen, aber da war immer ein Gefühl der Scham und der Niederlage. Da kreisten mir immer Gedanken wie "Mist, du bist wiedermal enttarnt worden!" durch den Kopf. Der Wunsch, nicht als Stotterer erkannt zu werden, war unheimlich stark. Und wenn meine Vermeidungstricks dann versagten, blieb ja nichts anderes übrig als die Flucht nach vorne...
Plötzlich und unvermittelt fragte sie mich dann nach meinem Studentenausweis. Den schaute sie sich von allen Seiten an, drehte und wendete ihn und konnte wohl nicht fassen, dass er echt war. Etwa eine Woche nach dem Probetag bekam ich eine Absage: "Danke für Ihre Bewerbung, aber wir haben uns für eine interne Lösung entschieden".


Genau das kommt dabei heraus, wenn man versucht, sich zu verstellen. Es macht im Prinzip alles nur noch schlimmer, weil man dadurch sehr viel mehr Argwohn bei seinem Gegenüber erregt, als man es mit einem offenen Bekenntnis tun würde. Dann wissen die Leute wenigstens, was wirklich mit einem los ist, und denken nicht, sie hätten einen geistig Behinderten vor sich stehen. Auch ich habe eine Weile gebraucht, bis ich das verstanden hatte und es hat oft eine Menge Überwindung gekostet, stets von Anfang an die Karten auf den Tisch zu legen.
Meinen absoluten Triumph erlebte ich allerdings dieses Jahr. [...] Bis es allerdings so weit war, nahm ich mir vor, das Stottern offen anzusprechen und ich selbst zu sein - ich hatte nichts mehr zu verlieren. [...] Ich bekam die Stelle und gleich am ersten Arbeitstag, sagte mir der Staatsanwalt: "Ihre Offenheit, Ihr Mut und Ihre Beharrlichkeit haben mich sehr beeindruckt. Ich könnte das an Ihrer Stelle wahrscheinlich nicht. Bewundernswert."
Ich habe wirklich großen Respekt davor, dass Du Dir diesen Weg ausgesucht hast und außerdem freue ich mich sehr für Dich, dass Dein Mut und der Wille, zu Dir selbst zu stehen, so belohnt worden sind. Das ist wirklich der beste Beweis dafür, dass ein offener und ehrlicher Umgang mit unserem Handicap m.M.n. die Grundlage für eine erfolgreich(er)e Zukunft darstellt. Schade ist nur, dass dies eben (wie Du auch selbst schreibst) nicht von allen Menschen, denen wir begenen, ebenfalls erkannt wird.
Dennoch bin auch ich in den letzten Jahren zu dem Schluss gekommen, dass die überwiegende Mehrzahl unserer Mitmenschen einem "Outing" äußerst positiv gegenübersteht.
PS: Hast du eigentlich nunmehr den Medizinstudienplatz bekommen?


Nein, ich hätte damals immer noch mindestens 2 Jahre auf einen Studienplatz warten müssen (habe nur ein "popliges" 2er-Abitur :roll: ). Da ich vom Warten die Schnauze voll hatte, musste ich mich umorientieren. Ich studiere jetzt bald im 2. Semester Sprachtherapie in München. Dazu habe ich mich letztes Jahr nach einer stationären Therapie entschlossen, in der ich - sprachlich und auch persönlich - sehr viel erreicht habe... Trotz aller Misserfolge in den letzten Jahren habe nun wohl auch ich meinen Weg gefunden.

Viele Grüße,
T.

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Re: verzweifelt!!!!!!

Beitrag von Micha136 » 22. März 2009 17:49

Chefkoch hat geschrieben:Dennoch bin auch ich in den letzten Jahren zu dem Schluss gekommen, dass die überwiegende Mehrzahl unserer Mitmenschen einem "Outing" äußerst positiv gegenübersteht.
Sehe ich auch so, Thilo ... denn versucht man es zu verstecken, machen sich diejenigen Menschen, die eigentlich recht positiv damit umgehen, auch ihre Gedanken, doch du erfährst sie nie oder sehr selten. Und jene, die mit dir und deinem Stottern ein Problem haben, mögen dich trotzdem nicht mehr ... ganz im Gegenteil, sie haben ja auch einen Grund für ihre Vermutungen.

Es steht außer Frage, dass engstirnige Menschen, die selbst mehr Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein haben als sie je zugegeben würden, einem das Leben mitunter schwer machen können ... letztlich übersehen sie ihre Chance bei der ganzen Sache. Stotternde sind auch ein guter Spiegel für sie selbst ... insbesondere auf das Thema Sprache bezogen natürlich. Und wenn jemand diesen Spiegel nicht haben will, dann versucht er ihn loszuwerden :) ...

Ich habe mich manchmal früher gefragt, warum mich keiner bzgl. meines Stotterns fragt ... und irgendwann bemerkte ich, dass ich ja auch nie offen darüber geredet habe :) ... letztlich isoliert man sich ja selbst. Doch es ist einfacher erst mal die anderen zu "beschuldigen" ...
Und was deine Arbeitgeber anbetrifft, die dich nicht (so) wollten, so hast du ja auch schon den Schluss gezogen, dass es besser für dich war ... Stell dir mal vor, du bist bei den Barmherzigen Brüdern und wirst jeden Tag mit Scheinheiligkeiten konfrontiert? :)

Also, ich mach mal einen Sprung ... doch manche Beziehung hat günstigerweise gar nicht erst angefangen. Andernfalls hätte es viel mehr Anstrengungen bedürft (? schreibt man das so), da wieder möglichst reibungslos rauszukommen :) ...

Alles Gute, Micha.
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