Stottern & Schule mal anders - Maurice Nicoll

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Michael13
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Stottern & Schule mal anders - Maurice Nicoll

Beitrag von Michael13 » 22. Februar 2009 18:21

Ein Hallo an alle,

kürzlich stolperte ich wieder mal über ein paar Zeilen aus E.F. Schumachers Buch "Rat für die Ratlosen" (im Original "A Guide for the Perplexed). Schumacher, deutsch-britischer Wirtschaftsökonom, beschreibt darin auf den Seiten 14 und 15 eine sehr interessante Erfahrung von Maurice Nicoll (engl. Wikipedia-Eintrag), die hier mal wiedergeben möchte. Es handelt sich um eine Erfahrung in der Schule, deshalb auch unter "Stottern und Schule" :)

"Einmal wagte ich, in einer der am Sonntag stattfindenden Unterrichtsstunden, in denen wir uns unter der Anleitung des Schulleiters mit dem griechischen Neuen Testament beschäftigten, trotz meines Stotterns nach der Bedeutung eines bestimmten Gleichnisses zu fragen. Die Antwort war so verworren, daß ich den ersten Augenblick von Bewußtheit erlebte - das heißt, mir wurde plötzlich klar, daß niemand etwas wußte ... und von dem Augenblick an begann ich, für mich selbst zu denken, oder vielmehr, ich begriff, daß ich es konnte ... Ich sehe dieses Klassenzimmer noch deutlich vor mir, die hohen Fenster, die so angelegt waren, daß wir nicht hinaussehen konnten, die Schulbänke, das Podest, auf dem der Schulleiter saß, sein schmales Gelehrtengesicht, seine Angewohnheit, zu gestikulieren und nervös mit den Mundwinkeln zu zucken - und plötzlich diese Enthüllung in meinem Innern, ich wußte, daß er nichts wußte - das heißt, nichts von den Dingen, auf die es wirklich ankam. Das war meine erste innere Befreiung von der Macht des äußeren Lebens. Von da an wußte ich bestimmt - und das bedeutete stets durch wahrhaft eigene innere Wahrnehmung, die die einzige Quelle wirklichen Wissens darstellt -, daß all mein Abscheu gegen die Religion, so wie man sie mich gelehrt hatte, berechtigt war."
(Original aus M. Nicoll, "Psychological Commentaries, London, 1952, Bd. 1)

Ich habe die kursiven Worte aus Schumachers Buch so übernommen ... ebenso die "alte Rechtschreibung" :)

Ich denke, diese Zeilen bedürfen momentan keiner weiteren Erläuterung, sondern können auch mal so für sich selbst stehen.

In diesem Sinne ... Alles Gute, Micha.

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Re: Stottern & Schule mal anders - Maurice Nicoll

Beitrag von F.J.Neffe » 22. April 2009 11:37

Ja! Im Grunde müssten doch ziemlich viele Schüler irgendwann gemerkt haben, dass zumindest der eine oder andere Pädagoge nichts Wesentliches weiß und dass auch sie selbst etwas so Wesentliches erkennen können! Ich habe mich immer gefragt, warum wir dieses Genie in uns so wenig achten und wertschätzen und - da Achtung Wertschätzung ja seine Nahrung wären - es folglich verhungern lassen.
Wir kriegen immer Prügel, wenn wir uns erlauben groß von und für uns und unsere Möglichkeiten zu denken. Und wenn wir uns unterwerfen und einfügen und unsere eigene Entwicklung zurücknehmen, dann lobt man uns. Und wir tun dann alles für diesen "Nahrungsersatz für unsere Seele"; irendwann ist es auch soviel, dass uns gar nicht mehr bewusst wird, was wir tun und wie abhängig wir dadurch permanent sind.
Wir funktionieren dann lebenslang nach dem Grundmuster der Du-musst-Schule, in die wir gehen müssen: Wir geben uns Mühe und bekommen sie, wir strengen uns an und sind angestrengt, wir überwinden uns und sind (von uns!) überwunden usw. Maurice Nicoll hat sich erlaubt, über sich selbst hinauszuwachsen indem er sich selbst die Bestätigung und Anerkennung und somit Seelen- und Geistnahrung gab, die ihm andere vorenthielten. Das war auch mein Ansporn für die neue Ich-kann-Schule: Jeder kann selbst erkennen, dass er seine von anderen vernachlässigten Kräfte vernachlässigt hat, jeder kann sich mit seinen Kräften aussöhnen, ihnen ihre Güte bestätigen, sie wieder stärken und aufrichten, damit sie endlich das tun können, wofür sie auf der Welt sind: Alle unsere Kräfte sind doch nur für eines da: alles für uns zu tun! Es kann eine echte Hilfe sein, wenn man durch ein Beispiel wie das von Maurice Nicoll dazu ermuntigt wird, sich selbst doch noch zu enfalten. Ich wünsche jedem, dass er seinen Weg gehen und über sein altes Bewusstsein hinauswachsen kann.
Franz Josef Neffe
[i]"Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns sondern die Vorstellungskraft." [/i] Émile Coué

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