Sich durch jedes Wort durchkämpfen ohne zu vermeiden?

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Lazius
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Sich durch jedes Wort durchkämpfen ohne zu vermeiden?

Beitrag von Lazius » 28. September 2015 17:06

Guten Tag :)

Wenn man spürt, dass ein Stotterwort kommen wird, gibt es zwei Möglichkeiten:

-Das Wort vermeiden und austauschen (Dem Stottern aus dem Weg gehen)
-Trotzdem das Wort aussprechen auch wenn es schwer wird und lange dauert

Der offene, ehrliche und gerade Weg wäre es im Grunde sich nicht durchs Stottern beeinflussen zu lassen
und jedes Wort, egal welches, einfach zu sagen, egal, ob das Stottern dazwischen kommt, sich also
von den Blockaden nicht ängstigen zu lassen.

Die Frage ist: Wie wirkt das auf andere, wenn man keinem Wort mehr aus dem weg geht, das Stottern also
komplett akzeptiert und gar nicht mehr aus dem Weg geht?
Mir haben schon Leute gesagt, dass sie gar nicht bemerken würden, dass ich stottere.

Ja, weil ich ja bislang versuche die Stotterwörter und Sätze zu umkurven, zu umgehen.

Man hört ja immer: Stottern ist nichts schlimmes, es wird akzeptiert, toleriert, es macht überhaupt nichts.

Wie sieht das in der Praxis aus? Wenn man ganz einfach zu seinem Stottern steht und KEIN Wort mehr vermeidet
und jedes Wort bis zum "bitteren Ende" durchkämpft?

Oder zerstört das den sogennanten "guten Eindruck" bei anderen? §dup

paul.dest
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Re: Sich durch jedes Wort durchkämpfen ohne zu vermeiden?

Beitrag von paul.dest » 28. September 2015 22:03

Hallo Lazius,

Das Problem ist in Wirklichkeit viel facettenreicher als es auf den ersten Blick erscheint.

Denn die zweite von Dir angeführte Möglichkeit
Lazius hat geschrieben:-Trotzdem das Wort aussprechen auch wenn es schwer wird und lange dauert
kann auf verschiedene Weise ausgeführt werden. Ein Sprechhindernis/eine Sprecherschwernis kann auf verschiedene Arten überwunden werden, wobei ein einzelner (untherapierter) Stotterer oft nur eine Art kennt und zu nutzen pflegt. Deswegen haben viele Stotterer den Eindruck, dass das Sprechen-trotz-Stottern immer gleich ist. Doch von Stotterer zu Stotterer kann diese Art variieren. Außerdem kommt die Variation schon bei einem und demselben Stotterer ins Spiel - abhängig von der Schwere/der Hartnäckigkeit des Sprechhindernisses.

Es gibt daher nicht den einen Weg - "den offenen, ehrlichen und geraden" - , sondern ein ganzes Wegenetz: Du kannst Dich durch ein Sprechhindernis rammen, Du kannst über ein Sprechhindernis drübersteigen, Du kannst unter einem Sprechhindernis drunterkriegen oder aber auch abwarten, bis es (hoffentlich) verschwindet. Und Du kannst von einem dieser Wege auf den anderen wechseln, wenn Du merkst, dass der ursprünglich Gewählte doch nicht zum Ziel führt.

Die Begehung des einen Weges wirkt auf den Zuhörer/Zuschauer anders als die Begehung des anderen Weges.
Deswegen halte ich es für unmöglich, Deine folgende Frage pauschal zu beantworten:
Lazius hat geschrieben:Die Frage ist: Wie wirkt das auf andere, wenn man keinem Wort mehr aus dem weg geht, das Stottern also komplett akzeptiert und gar nicht mehr aus dem Weg geht?
...

Du kannst damit ganz einfach experimentieren. Dafür brauchst Du nicht mal das Stottern:
Baue in Deine Sätze unnötige Durchatmer ein und beobachte, wie Deine Zuhörer darauf reagieren. Manche reagieren gar nicht. Andere dagegen reagieren wie ein scheues Reh. Und das ist ihnen oft nicht mal bewusst: man merkt das am besten an der Mimik oder der körpersprachlichen Reaktion - etwa dem Weiten der Augen, dem Hochziehen der Augenbrauen oder einem erstaunten Gesichtsausdruck.

...

Experimentiere damit ruhig mal! Du wirst Deine eigenen Antworten finden!

...

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Re: Sich durch jedes Wort durchkämpfen ohne zu vermeiden?

Beitrag von PetraS » 2. Oktober 2015 10:31

Hallo Lazius,
ich kann Paul nur vollumfänglich zustimmen.
Habe mich auch - übrigens animiert durch Paul - auf einige Experimente mit dem eigenen Sprechen/Stottern eingelassen und merke, dass ich dadurch viel ausgeglichener und zufriedener geworden bin.
Das Schöne am Herumexperimentieren mit verschiedenen Optionen ist: man beobachtet sich selbst wie einen Untersuchungsgegenstand und kann daher Reaktionen von Zuhörern, die einen im Normalfall vielleicht verletzt oder beschämt hätten, nüchtern beurteilen.
Und was hält dich davon ab, einen Zuhörer auch mal anzusprechen und ihn zu fragen, wie er gerade dies oder jenes Stottereregnis empfunden hat?

Mir ist z.B. vor zwei Tagen etwas passiert, was mich total glücklich gemacht hat.
Ich arbeite in einem sehr stotterfeindlichen Beruf, nämlich als Dolmetscherin. Wenn ich dolmetsche, ist mein Stottern meistens FAST gar nicht präsent, zumindest wesentlich weniger als im Spontansprechen.

Meine Kollegin wusste lange Zeit nicht, dass ich stottere. Seit ich in letzter Zeit nach Möglichkeit eben den Weg beschreite, den du in deiner Frage aufgeworfen hast, nämlich die Stotterstellen einfach durchziehe, hat auch sie es bemerkt und wir haben mehrfach drüber geredet.

Ich war die letzten drei Tage mit einer Delegation aus dem Ausland unterwegs und auf der Fahrt zu einem unserer Ziele sagte unsere deutsche Koordinatorin etwas von Stottern, ohne einen tatsächlichen Bezug zu mir herzustellen. Ich sagte daraufhin, dass ich Stotterin sei und das ganz ohne Scheiß. Sie meinte, sie habe das noch gar nicht bemerkt. Ich sagte, ich hätte sie aber schon mehrfach angestottert.

Meine Kollegin mischte sich ein und pflichtete mir bei. Ich sagte zu der Koordinatorin, dass ich das lange Zeit versucht hätte zu verbergen, dass ich immer einfach abgebrochen hätte. Die Koordinatorin meinte, ob vielleicht die Pausen, die ich beim Sprechen machte, auch dem Stottern geschuldet seien.
Ich sagte, dass das gut sein könne, dass ich darüber oft gar nicht nachdenke. In jedem Falle würde ich mich heute nicht mehr verstecken, sondern es einfach durchziehen. Darauf meine Kollegin (und bedenke, wir sind Dolmetscherinnen, die oft vor großem, manchmal stocksteifem Publikum sprechen müssen): "Ich finde das so besser, wie du das jetzt machst."
Wenn das kein Kompliment ist :D
Aber solch ein Feedback kriegst du nur, wenn den Zuhörern gegenüber einen offenen Umgang präsentierst.

Gruß
Petra

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Re: Sich durch jedes Wort durchkämpfen + vermeiden ist Unfug.

Beitrag von F.J.Neffe » 26. Oktober 2016 15:57

Was wir nur immer mit dem Kämpfen haben!
Bei der Neugründung einer SSHG war ich eingeladen.
Der MNoderator hatte mit schwersten Sprechblockaden zu schaffen.
Ich bat ihn um 5 Minuten für ein COUÉ-Experiment mit ihm; sie wurden mir gewährt.
Ich zeigte ihm seine 3 c, Beinlängendifferenz; das bewirkte Staunen und Erheiterung.
Ich ließ ihn auf einfachste Weise die Differenz selbst im Augenblick durch Autosuggestion a) ausgleichen, b) wiederherstellen und c) endgültig ausgleichen.
Das bewirkte noch vielmehr Staunen und Heiterkeit. Er war gelöst und glücklich und wir im schönsten flüssigen Gespräch.
Er war glücklich. Glücklich macht frei und sprachflüssig. Glücklich stottert nicht.
Er brauchte danach etwa drei Minuten, bis er sich in seine alte, gewohnte Rolle zurückgearbeitet hatte und seine Selbstblockierung wieder funktionierte.
Er bräuchte nur GLÜCKLICH SEIN LERNEN.
Das ist den meisten aber nicht wichtig genug.
Franz Josef Neffe
[i]"Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns sondern die Vorstellungskraft." [/i] Émile Coué

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Re: Sich durch jedes Wort durchkämpfen ohne zu vermeiden?

Beitrag von Duddler89 » 11. November 2016 18:41

Gut gesagt, das hat mir zu recht sehr gefallen, es gibt nix zu ergänzen.

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