Referate UND der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung

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trey91
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Referate UND der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung

Beitrag von trey91 » 31. Juli 2016 15:07

Hallo Leute,

seit nunmehr sechs Jahren studiere ich an der Uni und habe in diesen Jahren bisher keinen einzigen Vortrag gehalten. Nun, ich belege eine ingenieurwissenschaftliche Studienrichtung, weshalb die meisten Prüfungen schriftlich abgehalten werden. Wenn dann mal ein Referat oder eine mündliche Prüfung anstand, habe ich mich mit einem Nachteilsausgleich beholfen, sodass dann nur meine schriftliche Leistung bewertet wurde.

Im Rahmen meiner Therapie habe ich vor einigen Monaten einen Vortrag vor meiner Therapiegruppe gehalten, der auch ziemlich gut ankam. Angetrieben durch dieses positive Feedback habe ich mich dazu entschieden, in diesem Semester auch an der Uni meine ersten Vorträge zu halten.

Die erste Präsentation hielt ich vor fast zweieinhalb Wochen, als ich gemeinsam mit zwei anderen Studenten die Ergebnisse unserer Gruppenarbeit vorstellte. Es fühlte sich unfassbar schwierig an. Zum Glück hatte ich vorher mit der Seminarleitung gesprochen, sodass mein Vortrag an kein Zeitlimit gebunden war.

Überraschenderweise war das Feedback der Seminarleitung sehr positiv. Zunächst aufgrund des Inhalts, dann auch aufgrund der Art des Vortrags. Es wurde sogar gesagt, dass ich flüssiger gesprochen hätte als sonst. Meine Wahrnehmung war jedoch deutlich anders, weswegen ich zugegebenermaßen auch ein wenig irritiert war.

Am letzten Dienstag habe ich im Rahmen eines Blockseminars gleich zwei Vorträge halten müssen. Mein Gefühl währenddessen war sogar noch schlechter als beim ersten Mal, auch weil ich für die Vorbereitung dieser Präsentationen jeweils nur ein paar Stunden Zeit gehabt habe. Dennoch war auch hier das Feedback der anderen Studenten sehr positiv. Mir wurde ein ruhiger und souveräner Vortrag attestiert, obwohl ich das komplett anders empfunden hatte. Die Studentin, mit der ich gemeinsam die Präsentation gehalten habe, konnte gar nicht so recht verstehen, warum ich so unzufrieden mit mir war.

Kann der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung wirklich so groß sein?

Und: Welche Erfahrungen macht Ihr mit Referaten an der Schule, Uni und im Beruf?

Das interessiert mich augenblicklich sehr, da die beschriebenen Vorträge nicht meine letzten bleiben sollen.

Liebe Grüße,
trey91

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Re: Referate UND der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung

Beitrag von dosi » 31. Juli 2016 18:41

Erst einmal finde ich es sehr erfreulich, dass du endlich den Mut gefunden hast, Vorträge zu halten. Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung und ein Therapieerfolg. Ich denke schon, dass Eigen-und Fremdwahrnehmung sehr verschieden ausfallen können. Wir Stotternde sind geübt darin auf unser Sprechen / Stottern zu achten. Wir nehmen jede minimale Störung dabei wahr. Unser Gegenüber bemerkt die kleinen Unflüssigkeiten manchmal gar nicht, weil das auch mitunter den Normalsprechenden passiert.
Wenn ich Vorträge halte ist es immer ein Unterschied über welches Thema ich rede und ob meine Zuhörer über mein Stottern Bescheid wissen. Wenn ich z.B. vor Lehramtsstudenten etwas über den Umgang mit stotternden Schülern erzähle, ist mir mein Stottern nur minimal peinlich. Das gehört dazu, damit die Leute wissen, dass ich aus Erfahrung berichte und keine trockene Theorie vermittle. Muß ich im Rahmen einer Weiterbildung ein Kurzreferat halten, sterbe ich manchmal noch tausend Tode. Da hilft nur, wenn ich gleich bei der Vorstellung sage, dass ich stottere.
Übrigens haben auch Normalsprechende oftmals große Angst vor Vorträgen. Damit sind wir also nicht allein.
Nicht nachlassen! Dosi
Nicht jeder Zwerg wird ein Feldherr und nicht jeder Stotterer ein Großmeister der Sprache. Aber Stotterer und Zwerge sind stärker als Schöne und Gesunde motiviert, eine geniale Begabung in die geniale Leistung umzusetzen.“

Wolf Schneider

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Re: Referate UND der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung

Beitrag von PetraS » 7. August 2016 19:27

Hallo trey91,
ich freue mich über deinen Beitrag. Da wir uns ja bereits persönlich kennen, kann ich auch nachvollziehen, dass du dich ein wenig zurückgehalten hast, Vorträge zu halten. Umso erfreulicher finde ich es, dass du nun diesen Schritt gewagt hast.

Und was Dosi sagt, möchte ich auch unterstreichen. Nicht nur einige, sondern die meisten Normalsprecher, die ich so kenne, haben unwahrscheinliche Ängste, Vorträge zu halten, obwohl sie überhaupt keinen Anlass zur Furcht haben müssen, weil ihre Sprache stets stabil ist. Etwas, was ich früher schon nicht verstehen konnte und heute beim besten Willen immer noch nicht verstehen kann. Ich muss es wohl als Tatsache betrachten.
trey91 hat geschrieben:Kann der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung wirklich so groß sein?
Ob der Unterschied so groß sein kann, ist gar nicht die Frage. Er ist es einfach!
trey91 hat geschrieben:Und: Welche Erfahrungen macht Ihr mit Referaten an der Schule, Uni und im Beruf?
Du kennst mich und weißt, dass ich viel weniger stottere als du. Bei Vorträgen brauche ich mir überhaupt keine Sorge zu machen zu stottern, da ist das Stottern wie weggeblasen. Aber ich habe nach meinen Vorträgen stets die Empfindung, inhaltlich das reinste Chaos produziert und alle Themen völlig durcheinander geworfen zu haben.
Das Feedback des Publikums ist aber immer entgegengesetzt. Es sei gut strukturiert und verständlich gewesen, und vor allem sagen die immer, "bei dir merkt man, du lebst das Thema."
Und so habe ich beim letzten Mal einfach einen kleinen Trick angewandt. Ich habe meinen eigenen Vortrag auf meinem Handy mitgeschnitten. Ich wollte mal überprüfen, ob nur die Eigen- und die Fremdwahrnehmung unterschiedlich sind, oder ob vielleicht nur meine Ansprüche höher sind als die meines Publikums.

Und das Ergebnis: Auch ich fand beim Durchhören meines Vortrags, dass er gar nicht so chaotisch war, wie ich ihn empfunden hatte. Und dass ich die Kommentare der Power-Point-Folien teilweise schon vorweggenommen hatte, ehe ich die nächste Folie anklickte (was bei mir das Empfinden einer chaotischen Struktur noch verstärkt hatte), kriegt man ja bei einer Audio-Aufnahme nicht mit.

Also mein Tipp: schneide deinen Vortrag einfach mit und höre ihn hinterher an. Oder macht ihr in eurer SHG auch Video-Training? Dann film doch einfach mal einen Übungsvortrag und betrachte dich selber. Du wirst sehen, dass die Eigenwahrnehmung während des Vortrages oft viel negativer ist, als die Filmaufnahme zeigt (und du wirst ja dann auch von deinen SHG-Freunden Feedback bekommen.)

Wünsche dir viel Erfolg bei deinen zukünftigen Vorträgen.
Gruß
Petra

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Re: Referate UND der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung

Beitrag von PetraS » 8. September 2016 16:19

Hallo trey91,
wie ich dir berichtet hatte, habe ich deine Frage auch den türkischen Stotternden gestellt und eine Antwort erhalten, die ich - mit deiner Erlaubnis - hier wiedergeben möchte:
okidoki84 hat geschrieben: Das, was Sie von dem Freund mit dem Nicknamen trey91 geschrieben haben, ist auch für mich sehr interessant..
Er scheint wie ich gerade ein Doktorandenstudium zu machen.
Als Antwort auf seine Frage:
Kann der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung wirklich so groß sein?
Weißt du, trey91, ich erlebe dieses Gefühl selber sehr häufig.. Ich habe niemals so ein Selbstvertrauen entwickelt.. Eines Tages hat einer meiner Kommilitonen zu mir gesagt, "Mensch Oktay, lass uns mal einen Vortrag halten und dann schauen wir, wie das mit deinem Stottern sein wird." Eigentlich war ich sehr unvorbereitet, da meinte der, "ist egal, du liest nur das vor, was da steht"... Ich wurde dann unfassbar aufgeregt, mir schlotterten Arme und Beine.. Da meinte der, "es ist niemand da, fang einfach an".. Da bin ich ans Rednerpult getreten, und weil es sich um einen Hörsaal handelte, hallte auch meine Stimme wider... Ich hatte sehr viele Blocks, die Laute wollten nicht rauskommen, ich hing dauernd und hing und hing... Ich war natürlich völlig fertig, ich hätte heulen können. Ich versuchte es mir aber nicht anmerken zu lassen. Ich sagte "siehst du, guck mal du hast mich so sehr gedrängt und ich habe es nicht hingekriegt." Er hatte eigentlich beabsichtigt, dass ich meine Angst überwinde... Aber ich habe es nicht geschafft... Jeder in meiner Umgebung sagt, "es ist nicht richtig, dich einen Stotterer zu nennen, Stotterer stottern viel schwerer, du hast diese Blocks immer nur, wenn du so aufgeregt bist und dir Stress machst..." Wenn ich mich im Grunde genommen selbst kritisch betrachte, dann stottere ich manche Tage sehr wenig und manche Tage sehr heftig... Zum Beispiel zurzeit, wo ich meine Abschlussarbeit schreibe, es ist nur noch unglaublich wenig Zeit hin, ich stehe unter extremem Stress und Druck... Und meine Sorgen wirken sich direkt auf mein Sprechen aus... Während ich normalerweise bei einem von 6 Wörtern einen Block habe, ist es derzeit bei 4 von 6 Wörtern.. Stress beeinträchtigt mein Sprechen sehr stark, und so sehr ich auch Techniken erlernt habe, mit dem Stress besser fertig zu werden, so nützen die bei mir nicht, ehrlich gesagt...

Ich hatte aber auch einige Fragen an dich zu dem dortigen Studium; was für Probleme erlebt ihr doch an der Uni während des Doktorandenstudiums? Ich meine das so, kann ein stotternder Akademiker dort Vorlesungen und Seminare geben oder habt ihr dort an der Uni niemals einen stotternden Dozenten oder Akademiker getroffen?

Wie betrachten die dort an der Uni einen Stotterer, das heißt werdet ihr dort behandelt wie Menschen zweiter Klasse? Zum Beispiel kann ich hier kein Lehrbeauftragter werden, das heißt niemand, der als Lehrkraft arbeitet, aber ich habe die Möglichkeit, Forschungsbeauftragter oder Akademiker, der Bücher und Artikel schreibt oder Forschung betreibt, zu werden... Aber natürlich nehmen einen viele Unis auch nicht an und schieben wieder mal das Stottern vor..
Dies so viel von Oktay, dessen Geschichte ich ja schon gesondert dargestellt habe.
Gruß
Petra

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Re: Referate UND der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung

Beitrag von trey91 » 13. September 2016 10:48

Hallo Oktay,

ich bin froh, dass Dich mein Beitrag aufgrund Deiner eigenen Situation interessiert hat.
okidoki84 hat geschrieben: Ich hatte aber auch einige Fragen an dich zu dem dortigen Studium; was für Probleme erlebt ihr doch an der Uni während des Doktorandenstudiums?
Damit keine weiteren Missverständnisse aufkommen: Ich bin Master-Student. Erst wenn ich den Master-Abschluss habe, darf ich eine Stelle als Doktorand annehmen.

Ich persönlich habe während des Studiums wenige Probleme wegen des Stotterns gehabt, d.h. mir wurden keine Steine in den Weg gelegt. Das hat bestimmt auch mit meinem ingenieurwissenschaftlichen Studiengang zu tun. Die meisten meiner Prüfungen sind schriftlich und selbst wenn es mal eine mündliche Prüfung gab, durfte ich diese aufgrund eines Nachteilsausgleich auch schriftlich ableisten. Die Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter waren in der Hinsicht sehr kulant.
okidoki84 hat geschrieben: Ich meine das so, kann ein stotternder Akademiker dort Vorlesungen und Seminare geben oder habt ihr dort an der Uni niemals einen stotternden Dozenten oder Akademiker getroffen?
Ja, ich habe im Verlauf meines Studiums tatsächlich Vorlesungen bei zwei stotternden Professoren gehabt. Bei einem der beiden fiel das Stottern nur dann auf, wenn er ab und zu hängenblieb. Das Stottern von dem anderen Dozenten war deutlich stärker und durchgehend. Gerade von Letzterem war ich sehr beeindruckt, weil er seine Vorlesungen komplett stotternd durchgezogen hat.
okidoki84 hat geschrieben: Wie betrachten die dort an der Uni einen Stotterer, das heißt werdet ihr dort behandelt wie Menschen zweiter Klasse?
Das Gefühl habe ich eigentlich nicht. Bis Ende August habe ich etwa neun Monate als studentische Hilfskraft an der Uni gearbeitet. Da spielte mein Stottern gar keine Rolle. Ich möchte aber nicht verschweigen, dass ich mich vor etwa vier Jahren an einem anderen Lehrstuhl beworben hatte, da dieser damals Hilfskräfte suchte. Ich überstand aufgrund meiner Noten die Vorauswahl, aber ein paar Stunden nach dem Vorstellungsgespräch wurde mir abgesagt, da man mir nicht zutraute, notwendige Telefongespräche führen zu können.

Es ist also - wie häufig - schwierig, zu verallgemeinern. Insgesamt würde ich aber sagen, dass ich immer mit Respekt behandelt worden bin. Jedoch kann ich nicht für andere Stotternde sprechen, die womöglich an derselben Uni studieren und womöglich Studiengänge belegen, die deutlich "kommunikationslastiger" sind als meiner.

An unserer Uni gibt es auch eine Stele zur Inklusion behinderter Menschen. Diese berät Studenten mit jeglichen Einschränkungen bezüglich des Nachteilsausgleichs.

Habt Ihr an Eurer Uni auch so eine Beratungsstelle? Gibt es bei Euch etwas wie einen Nachteilsausgleich, auf den jeder Student mit Einschränkungen, Anspruch hat? Das würde mich sehr interessieren.

Viele Grüße,
trey91

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Re: Referate UND der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung

Beitrag von esche » 19. September 2016 20:13

Ich meine das so, kann ein stotternder Akademiker dort Vorlesungen und Seminare geben oder habt ihr dort an der Uni niemals einen stotternden Dozenten oder Akademiker getroffen?
Hallo Oktay, dies ist vielleicht interessant für dich: ein Video von Maaike Meijer, Professorin für Geschlechterforschung an der Universität Maastricht und Direktorin des Zentrums für Gender und Diversität.
http://www.maaikemeijer.nl/video/video_01_nl.html

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Re: Referate UND der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung

Beitrag von Duddler89 » 14. November 2016 13:05

Sehr vielen Dank für den Link, habe sehr viel erfahren...

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