3jähriger hat angefangen zu stottern

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jack

3jähriger hat angefangen zu stottern

Beitrag von jack » 11. Februar 2007 20:36

Hallo zusammen,

leider müssen wir uns wohl auch zum Kreis derjenigen Eltern zählen, die ein Kind haben, das stottert.

Jetzt ist nur die Frage was tun. Und damit wäre ich bei meiner Bitte:

1. Wie verhalten wir Eltern uns am besten?

2. Wie sollte sich der ältere, siebenjährige Bruder verhalten, der seit seinem dritten Lebensjahr ausgesprochen eloquent und flüssig spricht?

3. Wo finde ich einen sehr guten(!) Therapeuten(in) im Raum München.

Ich bin für alles, was uns weiter hilft dankbar.

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Roland Pauli
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kindliches Stottern

Beitrag von Roland Pauli » 11. Februar 2007 22:51

Hallo Jack,
hier ist ein guter Text des BUNDESVERBANDES DIPLOMIERTE LOGOPÄDINNEN ÖSTERREICH

Die Störung des Redeflusses – Stottern
Sprechunflüssigkeiten treten am häufigsten genau zu dem Zeitpunkt auf, an dem die Sprachentwicklung des Kindes ihren Höhepunkt erreicht hat (2½ - 3½ Jahre). Der Wortschatz erweitert sich, Sätze werden länger und komplexer – das Kind denkt schneller als es sprechen kann. Die motorische Ungeschicklichkeit bewirkt häufig Verzögerungen oder Unterbrechungen im Redefluss. Es kommt zu Wiederholungen von Lauten, Silben und Wörtern. Diese Sprechunflüssigkeiten kommen bei ca. 80% aller Kinder vor und verschwinden normalerweise wieder, wenn das Kind seine Sprachentwicklung abgeschlossen hat (mit ca. 4 Jahren). Es bleiben dann nur jene Unflüssigkeiten, die Sie von sich selbst kennen, zum Beispiel bei Aufregung, bei Unkonzentriertheit, bei Müdigkeit, etc.
Aus diesen entwicklungsbedingten Sprechunflüssigkeiten kann allerdings ein richtiges Stottern entstehen. Richtiges Stottern ist u.a. gekennzeichnet durch Anzeichen körperlicher Anspannung bei den Wiederholungen und durch sprachlichen Rückzug des Kindes (d.h. es erzählt nicht mehr spontan und freudig oder bricht das Erzählen ab).

Wie entwickelt sich Stottern?

Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Im Zusammenhang gesehen ist Stottern kein einheitliches Krankheitsbild, sondern ein Störungskomplex. Bei der Entstehung wirken organische Ursachen und familiäre Veranlagungen in individuell unterschiedlicher Weise mit äußeren Einwirkungen und seelischen Belastungen (z.B. Geschwisterkonflikte, Versagensgefühle, Überforderung, ...) zusammen.

Versetzen Sie sich doch kurz in die Lage Ihres Kindes!
Bis jetzt hat ihr Kind zwar dann und wann Schwierigkeiten mit dem Sprechen gehabt, doch das hat es nicht weiter gestört. Allmählich merkt es aber, dass es damit etwas auf sich hat. Vielleicht wurde es von seinen Spielkameraden gehänselt. Oder Sie haben ihm gesagt, es soll langsam und ordentlich sprechen. Das Kind merkt nun, dass etwas mit seinem Sprechen nicht stimmt, die Sprechstörung wird dem Kind bewusst.
Dieses „Störungsbewusstsein“ ist der erste Schritt zu Verstärkung des Stotterns. Von nun an wird das Kind vermehrt auf sein Sprechen achten. Es könnte merken, dass bestimmte Wörter besonders große Schwierigkeiten machen und diese durch „leichtere“ ersetzen. Gibt man ihm Ratschläge, langsamer zu sprechen oder vor dem Sprechen tief Luft zu holen, und gelingt das Sprechen dann immer noch nicht besser, so kann dies zu noch mehr Verkrampfung führen.

Stottern ist mit sehr vielen Vorurteilen und Tabus behaftet, so dass es nicht verwunderlich ist, wenn Ihr Kind bei Ihnen Gefühle wie Angst und Unsicherheit, Scham, Mitleid und Ungeduld auslöst. Wie Sie über das Stottern denken und was Sie beim Stottern Ihres Kindes fühlen, spielt eine wichtige Rolle, da es Ihr Verhalten beeinflusst. Ihr Kind wird auch ohne Worte Ihre Gefühle und Gedanken verstehen.

Für die weitere Entwicklung ist also die Umgebung – Eltern, Geschwister, Freunde, Kindergarten, Schule wichtig. Es geht darum, die Umwelt des Kindes so zu gestalten, dass das Sprechen so gut wie möglich unterstützt wird.

Wie können Sie Ihrem Kind flüssiges Sprechen erleichtern?
· Versuchen Sie, langsam zu sprechen!
Beobachten Sie Ihr eigenes Sprechverhalten, denn Sie sind das wichtigste Sprachvorbild für Ihr Kind. Sprechen Sie sehr schnell? Ein hohes Sprechtempo kann ein stotterndes Kind unter Druck setzen, indem es genauso schnell sprechen will, wie Sie. Langsames Sprechen können Sie trainieren, wenn Sie Ihrem Kind vorlesen.
Wir sprechen am schnellsten, wenn wir es eilig haben, d.h. unser „Lebenstempo“ bestimmt unser Sprechtempo. Sollten Ihre Familie und Sie ihr „Lebenstempo“ senken?
· Versuchen Sie, einfach zu sprechen!
Sprechen Sie mit Ihrem Kind altersgemäß? Wenn Sie mit Ihrem Kind wie mit einem Erwachsenen sprechen, kann es passieren, dass es auch z.B. lange komplexe Sätze bilden will. Auch hier kann es unter einen Anforderungsdruck geraten, dem es noch nicht gewachsen ist. Ihr Sprachvorbild sollte so sein, dass es für Ihr Kind erreichbar ist.
· Fragen Sie so wenig wie möglich!
Dadurch soll nicht der Umfang einer Unterhaltung verkürzt werden. Lassen Sie Ihr Kind aus eigener Initiative sprechen. Erzählen Sie selber! Wenn Sie etwas über Ihren Tag erzählen, so erzählt Ihr Kind wahrscheinlich etwas über seinen Tag. Bedenken Sie, dass gewisse Fragestellungen hohe sprachliche Anforderungen an das Kind bedeuten. (z.B. Was hast Du gemacht? Erzähle! ...)
· Lassen Sie Ihr Kind aussprechen!
Geben Sie Ihrem Kind genügend Zeit, sich zu äußern und unterliegen Sie nicht der Versuchung, seine Sätze zu vervollständigen, wenn es hängen bleibt.
In Familien mit mehreren Kindern ist es wichtig, darauf zu achten, dass jeder die Zeit bekommt, die er für seine Äußerungen benötigt.
· Versuchen Sie ruhig und gelassen zu bleiben, wenn Ihr Kind stottert!
Vielen Eltern fällt es schwer, ihrem stotternden Kind ruhig und gelassen zuzuhören. Vielleicht passiert es auch Ihnen, dass Sie die Luft anhalten oder einzelne Körperbereiche anspannen (z.B. Schulterbereich), wenn Ihr Kind stottert. Damit sich diese Anspannung nicht auf das Kind überträgt, sollten Sie versuchen ruhig weiterzuatmen und sich bewusst zu entspannen. Konzentrieren Sie sich insgesamt auf das, was das Kind sagt, und nicht so darauf, wie es das tut.
· Schauen Sie nicht weg, wenn Ihr Kind stottert!
Das Halten des Blickkontaktes ist ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation – er zeigt dem Gesprächspartner, dass man zuhört und Interesse am Gesagten hat. Ein natürlicher Blickkontakt schließt ein gelegentliches Abschweifen des Blickes jedoch nicht aus. Allerdings sollten Sie auch vermeiden, erst beim Auftreten von Symptomen den Blickkontakt herzustellen.
· Hören Sie aktiv zu!
Hierzu gehört der bereits erwähnte Blickkontakt während eines Gesprächs, aber auch ein zustimmendes Nicken, ein kurzes bestätigendes „Mhm“, ... Durch diese Verhaltensweisen zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie an dem, was es sagt, interessiert sind, und dass das Stottern kein Problem ist. Wiederholen Sie am Ende einer Aussage kurz mit eigenen Worten, was es Ihnen gesagt hat. So zeigen Sie, dass Sie verstanden haben, worum es ihm geht.
· Sprechen Sie offen über das Stottern!
Sobald Ihr Kind sich seines Stotterns bewusst ist, können Sie mit ihm über sein Stottern sprechen. Ein Gespräch könnten Sie beginnen, indem Sie z.B. „Das war aber ein schwieriges Wort!“ sagen. Ein Kind, dem sein Stottern bewusst ist, mit dem Sie jedoch noch nie darüber gesprochen haben, könnte das Gefühl bekommen, dass Stottern etwas ganz besonders Schlimmes sein muss.

Was beinhaltet die logopädische Therapie bei einer Störung des Redeflusses?

Wenn sich Ihr Kind beim Aussprechen von Wörtern nicht anstrengt und das Sprechen nicht auf irgendeine Art und Weise vermeidet, gibt es keinen Grund für eine logopädische Therapie. Aber es kann wichtig sein, sich eine Meinung einzuholen und mit einer Fachperson zu sprechen, wenn Sie sich Sorgen machen.
Wenn Ihr Kind begonnen hat, mit den Wörtern zu ringen und Sie vielleicht sogar schon ein Vermeideverhalten bemerkt haben, dann braucht Ihr Kind Hilfe:

Man unterscheidet in der Therapie des kindlichen Stotterns direkte und indirekte Therapieformen:

Bei direkten Therapieverfahren wird mit dem Kind am Stottern gearbeitet.

Zu den indirekten Therapieverfahren gehören Elternberatungen und Therapieformen, bei denen mit dem Kind gearbeitet wird, wobei jedoch nicht das Stottern im Vordergrund steht, sondern Sprach- und Sprechauffälligkeiten, die zusätzlich vorhanden sind oder eine Folge des Stotterns sind.

Nach Erhebung der anamnestischen Daten und einer Abklärung der sprachlichen Fähigkeiten bzw. des Stotterns des Kindes, entscheidet die Diplomierte LogopädIn über die adäquate Therapieform.

Literatur

Ratgeber
· Wenn Ihr Kind stottert: Ein Elternratgeber: Baumgartner, Krifka; BV Stotterer
Selbsthilfe e.V.
· Therapieratgeber Stottern: Demosthenes Institut der BV Stotterer
Selbsthilfe e.V.
· Wenn mein Kind stottert: Ein Ratgeber für Eltern: Heap, Ruth; Demosthenes
Verlag der BV Stotterer Selbsthilfe e.V.
· Mein Kind fängt an zu stottern: Irwin, Ann; Trias Verlag
· Wenn ein Kind anfängt zu stottern: Richter, Erwin; Ernst Reinhardt Verlag


Geschichten
· Manchmal stotter ich eben: Ein Buch für stotternde Kinder von 7 bis 12
Jahren: De Geus, Elco Stotterzentrum Zwolle
· Benni – U-und? Wwwwo ist das P-problem? (Comic): Demostenes Institut der
BV Stotterer Selbsthilfe e.V.
· Märchen, die Kindern helfen: Geschichten gegen Angst und Aggression, und
was man beim Vorlesen wissen sollte: Ortner, Gerlinde; dtv

Internetadressen
· http://www.stotter-infoseiten.de
· http://www.stotter-foren.de
· http://www.sprachheilpaedagogik.de/stot ... teratu.htm
· http://www.infowerk.co.at/oesis
· http://www.stottern.de
·
Weitere Informationen erhalten Sie beim: Bundesverband Diplomierte LogopädInnen Österreich
Wienerstraße 165, 4020 Linz
Tel / Fax: 0699 / 126 967 34
Office@dla.at oder http://www.dla.at

Zugunsten der einfacheren Lesbarkeit wurde im Text auf eine geschlechtergerechte Formulierung entsprechend der deutschen Rechtschreibregeln verzichtet.

Dieses Informationsblatt vermittelt Grundlegendes über die Störung des Redeflusses, individuelle Beratung bzw. spezifische logopädische Therapie erhalten Sie bei einer Diplomierten LogopädIn und Ihrer behandelnden ÄrztIn.

Liebe Grüße aus Erlangen

Roland

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