Isolierung durchs Stottern

Austausch und Kontaktsuche für Eltern und Angehörige - untereinander und mit Betroffenen. Für eine professionelle Beratung wende Dich bitte an die Fachberatung
Camilla68
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 9
Registriert: 22. Juni 2007 20:51

Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Camilla68 » 26. Juni 2007 23:05

Liebe Teilnehmer,
leider habe ich auf meine Anfrage zum Sprachheilzentrum noch keine Nachricht erhalten.
Aber vielleicht könnt Ihr mir zu folgendem Problem einen Rat geben.
Meine beiden Söhne sind 5 und fast 8 Jahre alt.
Der Jüngere stottert seid etwa 8 Monaten, bei ihm bringt die ambulante Therapie beim Logopäden zur Zeit Besserung. Er fühlt sich auch wohl in seiner Haut.
Großen Sorgen bereitet mir mein älteres Kind. Er stottert seid fast 6 Jahren. Wir haben in den vergangenen Jahren mit verschiedenen Sachen versucht ihm zu helfen (längere ambulante Therapie beim Sozialpädiatrischen Zentrum, mehrere Sitzung bei Psychologen, Besuch eines Intensivkurses bei DF in Amsterdam, den wir jedoch am Ende des ersten Tages abgebrochen haben).
Geholfen hat nichts, und mein Mann und ich hatten uns deswegen entschlossen, ihn die letzten Monate vor der Einschulung "in Ruhe zu lassen". Da sich sein Stottern daraufhin besserte, haben wir ihn in der Regelschule eingeschult. Ich hatte zuvor Gespräche mit der Lehrerin und mit dem Rektor, die mir zusicherten, die Mitschüler über seine Sprechbehinderung aufzuklären. In den ersten Monaten klagte er kaum über Probleme mit Mitschülern, wir waren erleichtert.

Nach Ostern begannen jedoch die Sticheleien und Hänseleien. Da nutzten auch weitere Lehrergespräche kaum etwas. Hinzu kommt, dass viele seiner Klassenkameraden auch in der Nachbarschaft wohnen.
Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass sich ein Kind von knapp acht Jahren derart zurückziehen kann. Er geht seid Wochen so gut wie nicht mehr allein nach draußen zum Spielen, schon gar nicht auf den Spielplatz. Die meisten Kinder grenzen ihn aus, sie schicken ihn weg, wenn er sich wirklich mal überwindet, bei jemandem zu Klingeln, um zu spielen.
Sie ahmen sein Stottern nach, er wird dann aggressiv und droht mit Prügel.
Wenn er dann immer noch nicht von allein geht, laufen die Kinder vor ihm weg.
Ich weiß, dass ich das eigentlich nicht sollte, aber es hat mir so wehgetan, dass ich vor Kurzem zwei der Kinder angesprochen habe, warum sie ihn so ärgern. Ich bekam keine Antwort.
Mittlerweile hat er keinen einzigen Freund mehr, an manchen TAgen ist er völlig frustriert.
Wenn wir in ein Geschäft gehen, muss ich für ihn sprechen. Er schämt sich oft so sehr wegen seiner Sprechweise. Sein Stottern hat auch in den letzten Wochen massiv zugenommen.
Wir haben ihm dann verschiedene Tipps gegeben, was er bei Hänseleien am besten sagen soll.
Aber im Moment schafft er es einfach nicht (richtig), sich mit Worten zu wehren.
Natürlich gibt es auch in der Schule Schwierigkeiten, weil er manchmal rabiat wird, wenn er geärgert wird.
Wir haben versucht, ihm durch zwei Sportvereine zu helfen. Er geht zwar gerne und regelmäßig dort hin, aber zwei Stunden Sport pro Woche helfen ihm zur Zeit nicht aus seiner Isolierung.

Ich würde mich sehr freuen, wenn uns vielleicht jemand Tipps geben könnte, was er am besten bei Hänseleien sagen oder tun könnte.
Wir wissen im Moment nicht, wie wir ihm aus seiner Ausgrenzung helfen können. Auch aus diesem Grund wurde uns zu einer stationären Therapie im Sprachheilzentrum geraten.

Vielen Dank.

Benutzeravatar
Ernst-Martin
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 988
Registriert: 12. August 2006 10:41
PLZ: 86343
Ort: Augsburg
Land: Bayern
BVSS-Mitglied: nein

Re: Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Ernst-Martin » 27. Juni 2007 01:39

Camilla68 hat geschrieben:Liebe Teilnehmer,
leider habe ich auf meine Anfrage zum Sprachheilzentrum noch keine Nachricht erhalten.
Auch aus diesem Grund wurde uns zu einer stationären Therapie im Sprachheilzentrum geraten.

Vielen Dank.
Liebe Camilla 68,
:lol:
1)
ich könnte mir vorstellen, daß er wieder Freunde findet, wenn er sie nicht mehr bedroht z.B. über Spiele: Fußball, Schach ...

2)
Hast Du schon einmal an ein Ferienlager gedacht mit lauter sprachbehinderten Kindern?

Mir hat es damals gut gefallen, obwohl ich der einzige Sprachbehinderte in einem Pfadfinderlager am Walchensee/Loisach war ..

a)
der bvss bietet über die nördlichen Landesverbände Ferienmaßnahmen an, bei denen das Spiel im Vordergrund steht;
ich erinnere mich an den vornehmen Aasee im vorigen Jahr und heuer soll es etwas ähnliches geben; schau doch bitte mal in der Seminar-Übersicht 2007 nach.

b)
auch das Ravensburger Sprachheilzentrum (privat) bietet jährlich 14 Tage am Stück an; Du kannst ihn auch über unsere Mitgliederliste erreichen.

Ich fürchte, durch dieses Tief (wohl mehr für Euren Sohn) muß er einfach durch und die Zeit heilt Wunden (besonders in den Ferien)!

Ich bin nur Leie - die Fachleute werden sich wohl auch noch melden.

Das Ferienlager ist nur ein Einstieg und ersetzt keine fachliche Behandlung!

Alles Gute für Dich und die Deinen!
:wink:
Ernst-Martin,
der Lechgeist
--------------------------------
... die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere -
ja, wenn man sie läßt!
Peter Alexander

Camilla68
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 9
Registriert: 22. Juni 2007 20:51

Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Camilla68 » 27. Juni 2007 21:15

Lieber Ernst-Martin,

vielen Dank für deine Nachricht.

Über das von dir angesprochene Sommercamp habe ich mich schon vor ein paar Wochen informiert. Wir haben hier in Rheinland-Pfalz zwar eine andere Ferienregelung, aber das ist auch nicht so das Problem.

Ich hatte heute nochmal eine ausführliche Beratung im Sprachheilzentrum, und die sind der Ansicht, dass ein Sommercamp bei meinem Kind nicht ausreicht. Ich habe nochmals die Empfehlung erhalten, ihn zur stationären Therapie anzumelden.
DAs habe ich dann auch getan.

Ich weiß zwar im Moment noch nicht, wie ich den Tag durchstehen werde, an dem er die Therapie antritt ( er kann dann nur am Wochenende nach Hause), aber ich denke, ich muss und werde alles tun, um ihm zu helfen.

Nochmals vielen Dank für deine Tipps, es tut gut zu wissen, dass man mit seinen Sorgen nicht allein ist.

Viele Grüße Camilla 68

Gast

Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Gast » 27. Juni 2007 21:42

Liebe Camilla 68,

zum Thema Therapie - welche? wo? wann? - kann ich leider nicht viel beitragen, denn der große 'Durchbruch' kam bei mir erst mit ca. 50 Jahren.

An die von Dir geschilderten Grausamkeiten meiner Mitschüler erinnere ich mich aber noch sehr gut. Auch an viele erfolglose Therapien bei anerkannten und auch selbsternannten Fachleuten. Die Sorgen meiner Eltern blieben mir zum Glück verborgen aber das Erleben der eigenen Hilflosigkeit war schlimm genug.

Jedoch: Jedes meiner drei - inzwischen erwachsenen Kinder, die nicht stottern sind immer wieder durch Phasen der Einsamkeit gegangen. Da wurden plötzlich die Mitschüler doof oder auch aggressiv und es kam monatelang niemand zum Spielen. War seehr besorgniserregend.

Zum Thema helfen: Meine Tochter (22) hat mir vor kurzen ein unerwartetes Lob ausgesprochen: Sie erinnert sich noch heute daran, wie ich vor über 18 Jahren einen Kirchweihhelfer zur Rede gestellt habe, der sie benachteiligt hatte. Ich denke, da sind insbesondere die Väter gefordert zu zeigen, wie man solche Dinge regelt. Was soll falsch daran sein, wenn sich der 'Grosse' hinter seinen Sohn stellt? Es geht hier vorläufig nicht ums Stottern, das gehört in die Hände von Profis sondern um den Selbstwert Eures Sohnes.

Vor einigen Jahren hat mal ein Vater aus dem Saarland den Vorgänger dieser Liste wochenlang in Atem gehalten, weil er nicht mit ansehen konnte, wie sein Sohn benachteiligt wurde. Daraus entstand eine Initiative, die genau dort ansetzt, wo ihr verzweifelt: Es nützt nichts, wenn Eltern sich von Lehrern die Zusage abholen, aufs Stottern eines einzelnen Schülers einzugehen, es passiert dann aber nichts! Das hat mit Interesselosigkeit der Lehrer weniger zu tun als mit der Unfähigkeit der Kultus- und Finanzbürokraten, die Schule nachhaltig den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen. Stattdessen wird das 'Personal' mit unsinnigen Schnellschüssen frustiert. Weitere Informationen gibt es beim Vorstand der bssv.

Im 6. 7. und 8. Schuljahr habe ich übrigens eine Sprachheilschule besucht, die mir sehr gut getan hat. Das Lernklima hat meine Leistungen sprunghaft verbessert.

Weiterhin viel Erfolg und viele Grüsse an Eure beiden von mir:

Helmut

Camilla68
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 9
Registriert: 22. Juni 2007 20:51

Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Camilla68 » 28. Juni 2007 09:05

Lieber Helmut,

vielen Dank für deine Mail.
Ich werde mich auf jeden Fall weiterhin- entsprechend deinem Tipp- schlau machen zum Thema Benachteiligung in der Schule.
Ich habe auch schon Informationen von der BVSS erhalten.

Mein Sohn macht es sich zur Zeit auch nicht gerade leicht in der Schule, durch sein - leider in der letzten Zeit - häufig aggressives Verhalten. Das macht die Lehrergespräche für mich nicht gerade leichter.

Ich bin wirklich erleichtert, dass Ende nächster Woche die Sommerferien beginnen.

Wir haben in unserer Nähe auch eine Sprachheilschule, allerdings nur für die Klassen 1 und 2. Spätestens nach dem 2. Schuljahr müssen die Kinder wieder die Regelschule besuchen.
Ich hatte mich auch schon im letzten Jahr erkundigt. Reine "Stotterkinder" waren dort bisher nur selten, es werden in der Regel Kinder aufgenommen, die sonstige Sprachprobleme haben (z. B. mit der Grammatik oder die bestimmte Buchstaben nicht sprechen können). Es wurde mir dann signalisiert, dass mein Kind wohl besser im Sprachheilzentrum aufgehoben ist.

Besonders gerührt hat mich, was du über deine Kinder geschrieben hast.

Nochmals herzlichen Dank an dich.

Viele Grüße Camilla68

Benutzeravatar
djub
kompetent
kompetent
Beiträge: 422
Registriert: 10. November 2006 08:57

Beitrag von djub » 29. Juni 2007 09:38

Kinder (und Erwachsene) benötigen kein "Stottern", um andere auszugrenzen. Ich habe erst letztens erfahren, wie einsam und ausgestoßen sich eine ehemalige Mitschülerin gefühlt hat - und die war weder hässlich, noch dumm, noch hat sie gestottert, noch hatte sie sonst irgendwelche auffälligen Merkmale.
Kinder sind meist genau so grausam wie ihre Eltern oder eben genau so einfühlsam wie ihre Eltern.

Bei deinem Sohn ist das Problem wohl, dass bei ihm alles auf sein Stottern projiziert wird. Dabei brauchen Menschen einfach irgend jemanden, über den sie sich stellen können, damit sie sich besser fühlen. Sie vergessen das mitunter schnell wieder, aber beim "Auserwählten" bleibt die Erniedrigung und die Hilflosigkeit ein Leben lang hängen.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, damit das Hänseln aufhört: Entweder ihr schafft es, euren Sohn dazu zu bringen darüber zu stehen (was wohl sehr schwer werden kann) oder ihr gebt ihm etwas, was ihm bei den anderen Respekt verschafft - die Sportvereine sind schon mal ein guter Anfang.

Ich war ohne großen Aufwand immer sehr gut in der Schule. Das war mein Ticket zu Anerkennung - die Kinder haben mich irgendwann weitgehend akzeptiert so wie ich war und mich sogar vor von außen kommenden Attacken "geschützt". Ich war einer von ihnen.

Was ich sagen will: Gebt ihm Selbstvertrauen. Er darf sich nicht sein ganzes Selbstwertgefühl aus seinem Sprechen ziehen, denn da läuft es nunmal nicht so gut.
Ich ziehe mein Selbstvertrauen auch nicht aus Eiskunstlaufen, bei dem ich vermutlich ständig auf den Allerwertesten fallen würde, sondern suche mir etwas, das ich kann, das ich mag, das mir ein gutes Gefühl gibt.

Daneben kann immer noch etwas FÜR sein Sprechen (und nicht GEGEN sein Stottern) getan werden - und es wird wesentlich effektiver sein.

Schönen Gruß,
djub
Verlierer suchen Bestätigung. Gewinner suchen Entwicklung.

Camilla68
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 9
Registriert: 22. Juni 2007 20:51

Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Camilla68 » 1. Juli 2007 20:13

Hallo Djub,

über deine Mail habe ich länger Gedanken gemacht.
Du hast Recht, Ausgrenzung muss nicht immer etwas mit Besonderheiten zu tun haben.

Meine Schulzeit liegt zwar einige Zeit länger zurück als deine, aber ich erinnere mich, dass ich mich manchmal einsam fühlte, vor allem in der Pubertät. Und ich hatte nichts Außergewöhnliches an mir. Aber das gab sich irgendwann wieder.

Du schreibst, dass dich deine Mitschüler irgendwann so akzeptiert haben, wie du warst.
Nichts anderes wünsche ich mir für mein Kind.
Aber ich gehe ganz stark davon aus, dass du ansonsten ein im Verhalten unauffälliger und - wie du geschrieben hast- guter Schüler warst.

Mein Sohn liegt im guten Durchschnitt (manchmal mit einiger Übung), aber er fällt dauernd unangenehm auf durch sein Verhalten.
Und das macht es eben besonders schwierig für ihn.

Aber egal, was auch passiert: ich werde immer auf seiner Seite stehen und ihn unterstützen, wo ich nur kann.
Es ist mir auch klar geworden, dass ich sein Selbstwertgefühl weiter aufbauen muss.

Auch an dich: vielen Dank für deine Antwort. Die hat mich sicher ein kleines Stückchen " weitergebracht".

Viele Grüße Camilla68

Camilla68
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 9
Registriert: 22. Juni 2007 20:51

Re: Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Camilla68 » 14. April 2010 09:14

Hallo zusammen,

ich hoffe, es ist ok, wenn ich hier weiterschreibe?

Meine Jungs sind mittlerweile 10 und 8 Jahre alt.

Der Ältere war 5 Monate in einem Sprachheilzentrum, danach war sein Stottern kurzzeitig geringer, nach einer Woche stotterte er leider genauso stark wie vor seiner Zeit im Sprachheilzentrum.
Er besucht jetzt noch bis zum Sommer die Regelgrundschule und wechselt dann auf die weiterführende Schule.

Den Kleineren haben wir auf einer Sprachförderschule einschulen lassen, die er jetzt im Sommer nach zwei Schuljahren verlassen wird. Er muss dann die Regelschule im Ort besuchen.
Die Lehrer der Sprachförderschule sind engagiert und machen ihre Arbeit wirklich gut, bei seinem Stottern konnte man ihm aber leider nicht helfen.

Vielleicht könntet ihr mir etwas helfen bei den folgenden Problemen:

Beide Kinder werden wegen ihrer Sprachbehinderung von anderen Kinder gehänselt, zwar bei dem Kleineren in geringerem Maß, aber nicht weniger verletzend.

Wie macht ihr eure Kinder stark gegen diese Hänseleien? Was geben sie am besten zur Antwort, wenn Mitschüler oder andere Kinder hänseln oder anfangen zu lachen?
Beide leiden sehr darunter und haben Angst wegen der Schulwechsel im Sommer.
Ich bemühe mich zwar, den beiden so gut wie mögllich die Schultern zu stärken, aber auch für mich ist es belastend, weil ich merke, dass ich nicht wirklich helfen kann.

Mein zweites Hauptproblem: kennt ihr einen Formbrief für den Nachteilsausgleich in der Schule?

Bei meinem Großen hatte ich den Nachteilsausgleich formlos beantragt und er wurde mündlich genehmigt.

Da jedoch nicht immer drauf geachtet wurde von den Lehrern, möchte ich es -für beide- ab dem nächsten Schuljahr schriftlich machen, gerade auch wegen der weiterführenden Schule.

Danke.

Chris_
neu
neu
Beiträge: 3
Registriert: 20. September 2010 23:49

Re: Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Chris_ » 21. September 2010 00:01

Ich hoffe ich antworte nicht auf ein "totes " Thema. =)
Mir hat der Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium beim Umgang mit meinem Stottern sehr gut getan. Ich besuche nun die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Baden-Württemberg.
In meiner neuen Klasse stellte ich mich direkt als Stotterer vor, was dann von meinen Mitschülern wunderbar akzeptiert wurde. Ich will nicht rabiat sein, aber ich bin mir nicht sicher ob ich die gleiche Toleranz in der Haupt- oder Realschule erfahren hätte.
Meine Eltern klärten die Situation mit meiner Klassenlehrerin ab und seit diesem Gespräch ging die Information über einen Stotterer durchs Lehrerzimmer :wink: .
Bei dem Wechsel zu einer weiterführenden Schule würde ich dir daher empfehlen, gleich "reinen Tisch" zu machen. So muss das "Getuschele" hinter dem Rücken erst gar nicht aufkommen, da schon alles geklärt ist.
Liebe Grüße

2412

Re: Isolierung durchs Stottern

Beitrag von 2412 » 21. September 2010 00:30

Alles genau richtig, was du schreibst, Chris.

Allerdings stellt es für die meisten stotternden Schüler (und nicht nur für die) eine unüberwindbare Hürde dar, über Stottern überhaupt zu reden, geschweige denn, sich vor die Klasse zu stellen und sich zu "outen". Stottern ist stark verbunden mit Scham und Minderwertigkeitsdenken, was ja nicht nur durch die Gesellschaft und Eltern, sondern selbst durch andere Betroffene befeuert wird.

Chris_
neu
neu
Beiträge: 3
Registriert: 20. September 2010 23:49

Re: Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Chris_ » 21. September 2010 01:04

Danke für die schnelle Antwort, JonnyHell.
Ich hatte im damaligen Zeitraum der fünften Klasse bis zum Halbjahr einen Aufenthalt in der HIST ( Herziger-Intensiv-Stottertherapie) in Ravensburg und hatte mich im Rahmen von dieser dann vor meiner Klasse vorgestellt. Natürlich kostete es viel Nerven, einen Vortrag in der fünften Klasse zu halten =]
Im Rückblick muss ich bemerken, dass ich zu jung für die HIST war und vermutlich zu wenig von dieser mitgenommen habe. Es ist nunmal ziemlich schwierig irgendwo im Schuljahr ein halbes Jahr Ravensburg einzuschieben . Jedoch konnte ich eine bleibende Verbesserung feststellen.

transit
nicht mehr wegzudenken
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 812
Registriert: 24. September 2006 01:03

Re: Isolierung durchs Stottern

Beitrag von transit » 21. September 2010 09:26

Ein halbes Jahr aus dem Klassenverband genommen zu werden kann die Integration auch zusätzlich erschweren.
Es zeigt sich in den Beiträgen jedoch, wie wichtig ein wertschätzendes soziales Klima auch für die Leistungen ist. Egal ob Schule, Ausbildung, Berufstätigkeit.

Sich Outen in Form eines Vortrages in der fünften Klasse, heftig. Hätte ich nicht leisten können.
Diesbzgl frage ich mich persönlich, ob in der Situation die Therapie wirklich auf die entsprechende Altersgruppe angepasst ist/war. Während der Schulzeit sollten ruhig die Eltern unterstützen dürfen und die Kommunikation mit dem Lehrkörper führen. Schliesslich sind sie die Erziehungsberechtigten - und dadurch die Erziehungsverpflichteten. Schwer haben es bzgl Schule und eigene Kinder dann wiederum auch stotternde oder sprechängstliche Eltern, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Dieser Thread wurde von der Threadstarterin vor ca 3 Jahren "Isolierung durchs Stottern" betitelt, mit Bezug auf die Schulsituation.
Sie schrieb über Hänseleien, welchen ihre Kinder ausgesetzt sind.
Isolierung kann sowohl Auslöser als auch Folge von Hänseleien oder in der Steigerung von Mobbing sein.
Schützt ein Sich-Outen auch davor ?
Habt ihr bzgl Stottern Erfahrungen in Form von Hänseleien, Mobbing, Ausgrenzung, Isolierung seitens der Mitschüler durchleben müssen ? Hat sich dies nach einem offensiven Umgang mit dem Stottern eurerseits verändert ? In welche Richtung ?

Chris, du schreibst :
aber ich bin mir nicht sicher ob ich die gleiche Toleranz in der Haupt- oder Realschule erfahren hätte.
Lässt sich diese Vermutung durch Erfahrungen bestätigen oder entkräften ?

Gruß

Camilla68
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 9
Registriert: 22. Juni 2007 20:51

Re: Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Camilla68 » 21. September 2010 11:42

Hallo zusammen,

mein älterer Sohn ist seit ein paar Wochen auf der weiterführenden Schule im 5. Schuljahr.

Bereits vor Beginn des Schuljahres habe ich die Schule schriftlich informiert über sein Stottern und einen Nachteilsausgleich für ihn beantragt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass man meinem Sohn wirklich helfen möchte von Lehrer seite aus bzw. das ich "gehört" wurde mit unseren Sorgen!

Dieses Gefühl hatte ich in der Grundschule, auf der mein Sohn vorher war, nie.

Der Klassenleiter schlug mir vor Kurzem vor, dass er das Thema im Unterricht offen ansprechen möchte, damit die Fragerei der Mitschüler ("Warum stotterst du?") aufhört.
Mein Sohn möchte das allerdings zur Zeit nicht, es ist ihm peinlich. Er meint, es ginge "im Moment einigermaßen" und die meisten Schüler, die fragten, meinen es nicht böse oder wollen ihn ärgern.
Das muss ich akzeptieren.

Mein jüngerer Sohn, der ebenfalls stottert, musste jetzt nach zwei Jahren Sprachförderschule ins 3. Schuljahr an die "Regel-Grundschule" wechseln. Er kommt zu Recht, die Lehrer haben die Schüler vorher aufgeklärt.
Auch für ihn habe ich- schriftlich- einen Nachteilsausgleich beantragt.

Da er nun die gleiche Grundschule wie mein älterer Sohn besuchen muss, werde ich ganz sicher darauf achten, wie es sich für ihn entwickelt und ob sein Stottern bei der Leistungsfeststellung berücksichtigt wird.

2412

Re: Isolierung durchs Stottern

Beitrag von 2412 » 21. September 2010 15:24

@ Camilla:

Du schreibst, deine beiden Söhne würden stottern. Mich würde interessieren, wer noch in deiner Familie alles stottert?

Chris_
neu
neu
Beiträge: 3
Registriert: 20. September 2010 23:49

Re: Isolierung durchs Stottern

Beitrag von Chris_ » 21. September 2010 23:49

@transit
Dies kann ich persönlich bestätigen.
In meiner Grundschule, welche eine weiterführende Hauptschule beinhaltete wurde ich stark von Mitschülern und älteren Stufen veräppelt. Ich darf mir heute noch Spott von ehemaligen Mitschülern anhören, wenn ich ihnen im Dorf auf der Straße begegne. Natürlich kann und darf man das nicht auf alle Haupt-oder Realschulen pauschalisieren.

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste