Unser Sohn 4 1/2 stottert

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Irina
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Unser Sohn 4 1/2 stottert

Beitrag von Irina » 20. November 2007 23:08

Hallo,

unser Sohn 4 1/2 Jahre hat mit seinen paar Jährchen schon einiges hinter sich. Er war vor ca. 2 Jahren schwer krank gewesen und hatte über ein halbes Jahr lang einen Luftröhrenschnitt mit Kanüle. Der Luftröhrenschnitt wurde letztes Jahr im Sommer verschlossen. Es war eine schwere Zeit, die enorm viel Kraft gekostet hatte. Mein Sohn ist ein wunderbares Kind, er hatte uns gezeigt, dass egal wie schlimm es auch ist, man nicht aufhören sollte zu lächeln und das Leben zu nehmen, so wie es ist. Meine Güte, wir können so viel von unseren Kindern lernen.
Letztes Jahr im Winter (also mit 3 1/2) traten hin und wieder Wiederholungen auf, wenn er sprach. Im Sommer diesen Jahres traten die Wiederholungen immer öfter auf, z.B. Ma-ma-ma-ma-mama, wo-wo-wollen wir spielen.
Da ich bei meinem Sohn generell schon stark sensibilisiert bin aufgrund der Vorgeschichte fing ich an mir Sorgen zu machen und zumal auch Stotterer in der Familie gibt. Wir waren im Sommer beim Logopäden, aber da mein Sohn keine Verkrampfungen oder Sonstiges hatte, sondern ganz entspannt die Silben wiederholte, machten wir nach 10 Therapiestunden Pause und verblieben mit dem Logopäden so, dass wir uns bei ihm wieder melden, wenn unser Sohn Anzeichen macht, dass es ihn stört oder er sich verspannt oder anstrengt beim sprechen.
Ich habe mich ab da angefangen mit diesem Thema ausführlicher zu befassen, denn ich bin mir sicher auch wenn ich noch so locker tue, mein Kind spürt meine Angst. Ich versuchte also indem ich viel über das Stottern las meine Angst zu minimieren.
Seit einigen Wochen ist es nun so, dass er weniger wiederholt, aber dafür ganz oft "ähm...ähm...ähm" macht, als würde er nach den Worten suchen. Und manchmal scheint es fast so als wüsste er gar nicht mehr so recht was er eigentlich sagen wollte und dann regt er sich auf. Ich sage dann, dass es nicht schlimm ist und wenn er möchte kann er es mir vielleicht später erzählen.
Er ist ein Kind dass sich gerne unterhält und sehr viel lacht. Ich wünsche mir sehr, dass er diese Eigenschaften nicht verliert.
Natürlich gehen wir wieder zum Logopäden, den mein Sohn übrigens sehr mag und üben dort spielerisch entspanntes Stottern, z.B. es gibt Ball-Worte : T-T-T-Treppe und Schnecken-Worte : Schschsch-Schiff .
Der Logopäde sagte mir auch, dass er uns unterstützt und begleitet, aber wir eben auch was Zuhause tun müssten, wie z.B. singen, entspanntes Stottern üben.
Ich würde einfach gerne wissen, gibt es Bücher die ich mir ans Herz legen sollte? Bücher die man als Eltern gelesen haben sollte? Besonders empfehlenswerte Bücher zum Thema Stottern bei Kindern?
Ich gebe zu, die Sorgen sind wieder da: wird es schlimmer? wie mache ich mein Kind stark? Was soll ich sagen, wenn er mich auf einmal darauf anspricht? Ich möchte auch lernen, dass das Stottern nicht mehr soviel Raum einnimmt, den in erster Linie liebe ich mein Kind so oder so!

Claudia Tasch
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Beitrag von Claudia Tasch » 6. März 2008 22:59

Hallo Irina,

Ihr Beitrag ist jetzt schon länger her – trotzdem sollte er noch beantwortet werden.

Wenn ein Kind beginnt zu stottern, ist es nur natürlich, dass man sich als Eltern sorgt. Ihr Sohn hat bereits viel durchgemacht, Sie als Eltern haben ihn begleitet. Umso verständlicher, dass Sie noch genauer darauf schauen, wie es ihm geht, dass Sie „generell stark sensibilisiert“ sind.

Auf die Frage „Wird es schlimmer?“ gibt es so, wie Sie sie wahrscheinlich meinen, meiner Meinung nach keine passende Antwort. Wie Sie selbst bemerkt haben werden, hat Ihr Sohn flüssigere und unflüssigere Phasen, was bei (fast) allen Stotternden der Fall ist. Zum Zeitpunkt Ihres Beitrages befand sich Ihr Sohn in einer Phase stärkeren Stotterns und zeigte darauf Reaktionen wie das „ähm...ähm...ähm“. Der behandelnde Logopäde ist darauf eingegangen, hat mit Ihrem Sohn das lockere Stottern geübt und auch Sie als Eltern dazu angeleitet. Und genau das ist der richtige Weg. Sowohl Sie als auch Ihr Sohn müssen sich mit dem Stottern auseinander setzen. Wenn man dem Stottern den Schrecken nimmt, ist es auch in einer Phase stärkeren Stotterns nicht mehr so schlimm. Das hört sich lapidar an, ist aber so. Denn Stottern ist für den Betroffenen besonders dann schlimm, wenn er sich hilflos fühlt. Und für Sie als Eltern ist es schlimm, Ihr Kind hilflos zu sehen und wenn es sich offensichtlich aufgrund des Stotterns verändert. Wenn es nicht mehr so viel und fröhlich erzählt, wenn es beginnt sich zurückzuziehen, Sprechsituationen und / oder Wörter zu vermeiden, wenn es gegen auftretende Stottersymptome kämpft, Mitbewegungen zeigt usw.
Mit Hilfe des absichtlichen, lockeren Stotterns nun erfährt Ihr Sohn, dass er über das Stottern bestimmen kann – wann es anfängt, wann es aufhört, wie lange es dauert etc. Und er erfährt, dass es gar nicht so anstrengend sein muss. Und das soll im weiteren Verlauf der Therapie auf das echte Stottern übertragen werden. Nach meiner Erfahrung werden Kinder (und auch Erwachsene) oft schon durch diese Erfahrung flüssiger. Natürlich gibt es noch viele andere Therapiebausteine, auf die ich jetzt hier nicht noch näher eingehen möchte. Aber ich hoffe, ich habe Ihnen gezeigt, dass das Stottern nicht schlimmer werden muss, wenn man mit „schlimmer“ die negativen Emotionen beim Stottern meint. Selbstverständlich können und werden mit ziemlicher Sicherheit immer wieder Phasen flüssigeren und unflüssigeren Sprechens auftreten. Und damit gilt es so locker wie möglich umzugehen.
Gibt es in Ihrer Nähe eine Selbsthilfegruppe? Vielleicht sogar eine Elterngruppe? Informationen dazu finden Sie bei der BVSS.
Vielleicht haben Sie und ihr Sohn irgendwann auch einmal Lust, auf ein von der BVSS angebotenes (Seminar-)Wochenende für Eltern und Kinder zu fahren? Über den Kontakt lernt Ihr Sohn, dass es nicht nur ihm so geht, sondern auch anderen. Das ist ganz oft ein großes Aha-Erlebnis. Auch für Sie als Eltern.

Sie fragen: “Wie mache ich mein Kind stark?”. Und: “Was soll ich sagen, wenn er mich auf einmal darauf anspricht?”.
Sie kennen Ihren Sohn besser als jeder andere. Nehmen Sie ihn so, wie er ist (und ich denke, das tun Sie bereits). Lassen Sie ihn aussprechen. Wenn er mal ein besonders starkes, lang anhaltendes Stottersymptom hat und Sie meinen, es ist okay, ihm zu helfen, dann tun Sie es. Vielleicht fragen Sie ihn hinterher, ob es auch okay für ihn war. Machen Sie ihm Mut, wenn er sich schlecht fühlt (Das machen Eltern ja eigentlich automatisch, oder?). Sie können auch mal mit ihm leiden, wenn es er gerade besonders mit sich hadert, und ihm auch zu verstehen geben, dass das ganz schön anstrengend für ihn sein muss, was da gerade passiert ist. Vielleicht fragen Sie ihn einmal, was da eigentlich passiert beim Stottern? Viele Kinder können erstaunlich genau in Worte fassen, was abläuft, können sagen, wo es klemmt oder was genau da gerade so schwierig war. So geben Sie ihm das Gefühl, ihn ernst zu nehmen und dass Sie verstehen wollen, was passiert. Auch über solche Gespräche kann Stottern ein Stück weit seinen Schrecken verlieren. Ihr Sohn weiß, dass Sie ihn verstehen, dass es Sie interessiert, dass Stottern kein Tabu ist sondern etwas, worüber man immer sprechen kann und dass er damit nicht allein ist.
Und – das ist natürlich das Wichtigste (Sie schrieben es ja auch schon) – sehen Sie Ihren Sohn als den Jungen, der so tolle Fähigkeiten hat (malen, rennen, basteln, singen ... ), denn das macht ihn aus. Und, ja, er stottert eben auch.
Sensibilisieren Sie (vielleicht mit Hilfe Ihres Logopäden) das nähere Umfeld Ihres Sohnes. Sprechen Sie mit den Erzieherinnen im Kindergarten, vielleicht auch mit den Eltern seiner engeren Freunde. Informieren Sie Ihre Familie über Stottern und darüber, dass man ihn aussprechen lassen sollte usw. Viele trauen sich nicht, nachzufragen, obwohl sie immer wieder unsicher sind im Umgang mit einem Menschen, der stottert. Stottern ist eben leider immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft.
Über die Aufklärung des näheren Umfeldes Ihres Sohnes können Sie zu einem angenehmeren, positiv auf ihn und sein Stottern wirkenden Klima beitragen.
Übrigens: Aus solchen Gesprächen im Kindergarten / in der Schule entstehen gar nicht so selten Fortbildungen für Erzieher / Lehrer zum Thema Stottern. Fragen Sie doch bei Bedarf Ihren Logopäden, ob er solche Fortbildungen anbietet.

Viel in meinen Augen lohnenswerte Literatur für Eltern gibt es leider (noch?) nicht. Deshalb kann ich Ihnen nur folgende empfehlen:

- Kommunikation zwischen Partnern – Stottern Band 205 von der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte ist am aktuellsten.
- Wenn mein Kind stottert – Ein Ratgeber für Eltern vom Demosthenes-Verlag
- die Flyer der BVSS.


Für weitere Fragen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung!
Claudia Tasch, Logopädin
Fachberatung der BVSS

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