Mein Sohn will nicht mehr in die Schule

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Anfra66

Mein Sohn will nicht mehr in die Schule

Beitrag von Anfra66 » 20. August 2008 17:23

Mein Sohn(14) stottert schon seit der Kindergartenzeit mal mehr, mal weniger. Logopädie-Erfahrung ist daher zur Genüge vorhanden. Nun pubertiert er und der Leidensdruck nimmt -genau wie die Stottersymptome- allmählich zu. Das Selbstbewußtsein läßt nach und er will am liebsten nicht mehr in die Schule gehen. Ist eine Psychotherapie angebracht (hat er selbst vorgeschlagen!) ? Sollen wir den Logopäden wechseln? Was ist mit DelFerro? Ich weiß mir momentan nicht zu helfen und suche auf diesem Wege Rat.

Claudia Tasch
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Re: Mein Sohn will nicht mehr in die Schule

Beitrag von Claudia Tasch » 23. August 2008 23:31

Hallo,

die Pubertät ist zweifellos eine schwierige Zeit. Das Mithalten, Konkurrieren mit anderen, das vielleicht erste ernsthaftere Interesse an einer Partnerschaft, all das wird Ihrem Sohn im Augenblick nur schwer oder gar unmöglich erreichbar erscheinen.
Gut ist, dass er selbst vorschlägt, etwas zu tun, um die Situation, in der er sich gerade befindet, zu ändern. Um eine Veränderung zu erreichen, gibt es nicht nur die von Ihnen genannten Möglichkeiten, die ich jedoch zuerst aufgreifen möchte:

Psychotherapie
Der Weg zum Psychotherapeuten kann sicher ein guter Schritt zu einem besseren Selbstwertgefühl sein. Mal alles loswerden, die Dinge von allen Seiten beleuchten, sich verstanden fühlen von jemand außen stehendem... Das kann einen aufbauen. Und mit einem größeren Selbstbewusstsein lebt es sich bestimmt auch besser mit dem Stottern. Die Frage ist allerdings, ob eine Psychotherapie mehr ausrichten kann als „nur“ eine Änderung der Sicht auf sich selbst. Ob sich die Symptomatik des Stotterns ändert, kann man nicht vorhersagen. Vielleicht tritt etwas mehr Flüssigkeit dadurch ein, dass Ihr Sohn lockerer, cooler mit seinem Stottern umgeht, dass er die mit dem Stottern einhergehende Angst verringert oder gar abbaut. Fällt diese Last von den Schultern, lässt es sich vielleicht auch „besser stottern“. Er sollte aber eine Psychotherapie m.E. nicht beginnen mit dem Ziel, sein Stottern damit grundlegend zu verändern, zu verringern oder gar eine Heilung erwartend.
Darauf sollten Sie und Ihr Sohn auch bei der Auswahl eines geeigneten Psychotherapeuten achten, wenn er sich für eine Psychotherapie entscheidet. Ein Heilungsversprechen bei Stottern sollte immer misstrauisch machen, da man eine Heilung nie vorhersagen kann (siehe auch andere Beiträge in diesem Forum). Sie macht unglaubwürdig.

Del Ferro
Die erfolgreiche Behandlung des Stotterns durch die Del Ferro- Methode ist noch immer zweifelhaft. Inhalt der Therapie ist eine veränderte Atmung (Zwerchfellatmung), durch die das Stottern geheilt(!) werden soll (s.o.).
Grundlegend gilt, dass die Atmung sicher einen Teil der Stottertherapie ausmachen sollte bei jemandem, dessen Sprechatmung mit betroffen ist. Aber allein die Veränderung der Atmung wird in den seltendsten Fällen zu einer anhaltenden positiven Veränderung des Stotterns führen. Hinzukommt, dass diese neu erlernte Zwerchfellatmung immer, d.h. Bei jedem Sprechen, angewendet werden muss, um nicht zu stottern.
Sie wurde noch nicht evaluiert und wird von den Krankenkassen nicht bezahlt..


Es gibt weitere Therapiemöglichkeiten, die Ihrem Sohn offen stehen. Er könnte eine Gruppentherapie für stotternde Jugendliche beginnen. Solche Therapien werden meist als Intensivtherapien angeboten. Bei der Geschäftsstelle der BVSS erhalten Sie unter der Telefonnummer 0221 – 139 11 06 oder 139 11 07 nähere Informationen zu Gruppentherapieangeboten.
Ein großer Vorteil einer Gruppentherapie ist die entstehende Gruppendynamik. Die Erkenntnis, dass man nicht allein mit dem Stottern dasteht, kann einen wahrhaftig beflügeln. Übungen in der Gruppe sind immer viel einfacher zu meistern, obwohl sie inhaltlich natürlich nicht einfacher sind als in der Einzeltherapie.
Dabei gibt es selbstverständlich die verschiedene Therapieansätze.
Die computergestützte Kasseler Stottertherapie (KST) beispielsweise bietet das Erlernen einer Sprechtechnik an, bei der mittels einer neuen, weichen Sprechweise eine dauerhafte Sprechflüssigkeit erreicht werden soll. Vorteil dieser Therapie ist, dass es neben der intensiven Gruppentherapie mit Einsatz des PCs auch eine gut strukturierte Nachsorge gibt, die für eine erfolgreiche Stottertherapie unabdingbar sein sollte. Außerdem liegen für die KST bereits Langzeitdaten zu Therapieerfolgen vor.
Eine weitere Möglichkeit ist die Therapie nach Charles Van Riper, bei der es um die Modifikation, also die Veränderung, des eigentlichen Stottersymptoms ist. Vorteil ist hier, dass man nicht wie bei einer Sprechtechnik immer in einem „veränderten Modus“ sprechen muss, um flüssig zu sein. Stattdessen wird auftretendes Stottern mit einem PullOut so verändert, dass es weit weniger Kraft kostet, weiter zu sprechen. Übersetzen lässt sich der PullOut mit „sich herausziehen. Auch diese Therapieform wird von Stottertherapeuten als Gruppentherapie angeboten. Bestandteil einer solchen ist auch immer die Nachsorge. Wichtig ist, dass im Verlauf der Therapie auch Basiswissen über Stottern vermittelt wird und der Umgang mit dem Stottern thematisiert wird.



Bevor Sie jedoch mit Ihrem Sohn zusammen überlegen, ob und welche Therapie in Frage kommen könnte, sollten Sie gemeinsam eine Art Bestandsaufnahme machen:
Ihrer Frage, ob ein Wechsel des Logopäden sinnvoll sei, entnehme ich, dass sich Ihr Sohn derzeit in logopädischer Therapie befindet. Finden Sie gemeinsam mit Ihrem Sohn und auch im Gespräch mit dem Therapeuten heraus, was Ihr Sohn in dieser Therapie bisher erreicht hat und welche Möglichkeiten sie ihm der Therapieansatz noch bieten kann. Bezeichnet sich der Logopäde als Stottertherapeut? Über die Geschäftsstelle der BVSS erhalten Sie die in Zusammenarbeit mit dem dbl erschienene Broschüre „Wenn Kinder stottern – Tipps zur Therapeutensuche“, der Sie wertvolle Hinweise entnehmen können, was ein Stottertherapeut anbieten bzw. verkörpern sollte.
Wird Ihr Sohn gehänselt? Fühlt er sich im Unterricht aufgrund seines Stotterns benachteiligt? Ist die mündliche Mitarbeit für Ihren Sohn im Moment nur eingeschränkt oder gar nicht möglich? Wäre ein Gespräch mit den Lehrern evtl. hilfreich? Ihrem Sohn steht an der allgemein bildenden Schule ein Nachteilsausgleich zu. Fragen Sie den Logopäden Ihres Sohnes, ob er Sie dabei unterstützt. Auch ein Projekt in der Schulklasse zum Thema Stottern mit Hilfe des Logopäden kann sehr hilfreich sein.

Abschließend möchte ich noch anregen, es doch einmal mit dem Besuch einer Selbsthilfegruppe zu versuchen. Dort trifft man Gleichgesinnte, kann sich austauschen, Tipps holen uvm. Unter http://www.stotterer-selbsthilfegruppen.de finden Sie Informationen zu enstprechenden Angeboten in Ihrer Region. In größeren Städten gibt es evtl. auch Jugendgruppen.

Viel Erfolg für Ihren Sohn!
Claudia Tasch, Logopädin
Fachberatung der BVSS

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