Stottern und Schulwechsel

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
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roseklara42

Stottern und Schulwechsel

Beitrag von roseklara42 » 3. November 2008 12:38

Unsere Tochter ist jetzt 10 Jahre alt und stottert seit sie spricht. Mal mehr, mal weniger, leider ist das Stottern inzwischen auch schon körperlich manifest. Wir haben schon alles mögliche versucht, sie war als Kindergartenkind auch beim Logopäden, das hat aber gar nichts gebracht. Nach den Sommerferien war sie bei einer Logopädin in Behandlung, diese haben wir aufgrund persönlicher Probleme mit ihr abgebrochen. Da nun der Schulwechsel ansteht, wahrscheinlich Realschule, ist das Thema Stottern wieder in den Vordergrund gerückt. Welche Schule ist die richtige, wie sollen wir mit dem Stottern umgehen? Aus der Familie kommt der Vorschlag, unsere Tochter müsste mit ihrem Handicap unbedingt auf die Waldorfschule gehen, da nur dort vernünftig mit dem Stottern umgegangen werden kann...(?) Dies bezweifle ich. Nun habe ich zwei Fragen: Sollen wir einen neuen Start bei einem anderen Logopäden versuchen? Unsere Tochter hat natürlich wenig Lust dazu. Wer hat Erfahrungen mit dem Schulwechsel? Ich bin sehr verzweifelt und verunsichert. Kenne auch keine anderen Stotterer und brauche wirklich Hilfe. Danke.

Claudia Tasch
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Re: Stottern und Schulwechsel

Beitrag von Claudia Tasch » 5. November 2008 20:47

Liebe Roseklara,

mein Name ist Claudia Tasch, ich stottere selbst seit meinem 5. Lebensjahr und bin seit nunmehr 3,5 Jahren auch Logopädin.
Ich habe in meiner schulischen Laufbahn viele Schulwechsel hinter mir. Nach der 2. Klasse kam ich aufgrund der Stotterproblematik auf eine Sprachheilschule. Nach einer Intensivkur kam ich mit Beginn der 4. Klasse wieder in eine „normale“ Schule. (Das war allerdings alles zu DDR-Zeiten.) Mit Beginn der 7. Klasse ging ich dann auf ein Gymnasium, auf dem ich dann auch mein Abitur absolvierte.
Ich erzähle das, um Ihnen zu zeigen, dass ich tatsächlich weiß, wie es einem stotternden Kind bei einem Schulwechsel ergeht.

Generell finde ich, dass das Stottern Ihrer Tochter nicht das ausschlaggebende Schulauswahlkriterium sein sollte. Ich denke eher, dass Ihre Tochter bis zum Schulwechsel, der offensichtlich 2009 erfolgen soll, noch ausreichend Zeit hat, um bei einem wirklichen Stottertherapeuten eine Stottertherapie zu machen. Ich denke dabei an eine möglichst intensive Gruppentherapie. Wieso das? Nun, eine Gruppentherapie hat den Vorteil, dass die Kinder mit dem Stottern nicht allein dastehen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die entstehende Gruppendynamik das inhaltliche Vorankommen in der Therapie umso vieles erleichert. Gemeinsam ist man mutiger, probiert mehr aus, profitiert von den anderen, wird man einfach mitgezogen. (Das ist in der Erwachsenentherapie übrigens genauso.) Und wenn eine solche Therapie, die selbstverständlich die Eltern bis zu einem gewissen Grad unbedingt mit einbinden muss, dann auch noch intensiv stattfindet, umso besser. Eine Therapie über einen langen Zeitraum kann sehr ermüden. Das ist dann oft auch eine Frage der Motivation. Außerdem ist das Anwenden des Gelernten im Alltag in einer 1 oder 2x wöchentlich stattfindenden Therapie oft schwieriger, da die Zeit fehlt. Der Schulalltag geht weiter, Hausaufgaben, Hobbies, regelmäßige andere Termine, die Eltern arbeiten...
Da hat es schon Vorteile, die Therapie während der Ferien zu machen. Selbstverständlich muss Ihre Tochter es wollen, sie können sie ja nicht zwingen, das brächte sie nicht weiter. Nehmen Sie Angebote von Therapeuten, die Intensivtherapien in der Gruppe anbieten wahr, zu schnuppern! Die Möglichkeit sollte Ihnen immer gegeben werden. Vielleicht können Sie Ihre Tochter so überzeugen, dass die Teilnahme einen Zweck hat. Und so bekommt sie Infos auch über andere Betroffene und Therapeuten und „nicht nur von Ihnen“. (Eltern können ja oft vieles sagen...) Ihr wird dann auch klarwerden, dass eine solche Therapie zwar anstrengend und nicht immer einfach sein wird, dass sich die Arbeit aber lohnen wird.

Bei der Wahl einer solchen Therapie haben Sie zwei seriöse Therapierichtungen zur Auswahl:
den „NICHTVERMEIDUNGSANSATZ“, bei Kindern also Therapie nach Patricia Sandrieser und Peter Schneider, nach Carl Dell oder auch Charles Van Riper oder „FLUENCY SHAPING“.

Beim „FLUENCY SHAPING“ erlernt man eine Sprechtechnik, die man im Prinzip immer und bei jedem gesprochenen Wort anwenden muss, um nicht ins Stottern zu kommen. Stottern wird durch die konsequente Anwendung dieser erlerneten Sprechtechnik quasi vermieden.

Beim „NICHTVERMEIDUNGSANSATZ“ erlernt man auch eine Sprechtechnik, die man aber nicht immer, wenn man spricht, sondern nur bei auftretendem Stottern anwendet. Das, was man sowieso flüssig sagt, wird auch nicht verändert.

Wem welche Therapie besser liegt, kann man nicht sagen. Beide Therapieansätze zeigen gute Erfolge, vorausgesetzt, es behandelt ein wirklicher Stottertherapeut.

Wo finden Sie seriöse Therapieangebote?
Die Kasseler Stottertherapie bietet 14tägige Kinder-Intensivkurse an. Dort wird nach dem „FLUENCY SHAPING“ - Prinzip computergestützt eine Sprechtechnik erlernt und es gibt eine einjährige Nachsorge. Diese Therapie wird von den Krankenkassen übernommen.
Therapieangebote nach dem „NICHTVERMEIDUNGSANSATZ“ können Sie bei der BVSS erfragen (siehe unten), da diese in mehreren logopädischen Praxen innerhalb Deutschlands angeboten werden. Auch sie werden von den Kassen übernommen.

Sollten Sie eine persönlichere Beratung gerade im Hinblick auf die Wahl des Therapieansatzes im Gespräch wünschen, können Sie sich an die telefonische Fachberatung wenden. Benötigen Sie nur noch Adressen von Stottertherapeuten, wenden Sie sich in einer Email direkt an die BVSS mit der Information, dass Sie bereits die Beratung hier im Forum in Anspruch genommen haben.



Abschließend möchte ich Ihre beiden Fragen noch einmal konkret und in aller Kürze beantworten:

Sollen wir einen neuen Start bei einem anderen Logopäden versuchen? -- JA!

Wer hat Erfahrungen mit dem Schulwechsel? -- Mit einer geeigneten Therapie stellt sich die Frage nach der „stotterfreundlichen“ Schulauswahl meist nicht mehr, da das Stottern dann in den Augen von Eltern und Kind gar nicht mehr ausschlaggebend ist. Sicher gibt es Schulen mit einem guten Rufe und solche mit einem schlechtem. Es gibt Schulen in sozialen Brennpunkten, wo es oft generell schwieriger ist, für Schüler und für Lehrer. Aber ob nun Gymnasium oder ein anderer Schultyp, spielt denke ich keine Rolle. Und ob sich Ihre Tochter nach den ersten Schuljahren in einer „regulären“ Schule mit dem Wechsel in die Waldorfschule anfreunden kann, ist schlecht vorherzusagen. Auf jeden Fall kann das Thema auch während der Therapie thematisiert werden. Und mit Hilfe einer guten Information der Lehrer über Stottern (durchaus auch durch den Therapeuten) kann man eine ganze Menge erreichen. Viele Stottertherapeuten bieten auch an, dass Sie in Absprache mit der Schule in der Klasse im Rahmen eines Stotterprojektes die Kinder über Stottern aufklären und das Problem verständlich machen können. Informieren Sie sich bei dem Therapeuten Ihrer Wahl!

Mit herzlichen Grüßen

Claudia Tasch
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Re: Stottern und Schulwechsel

Beitrag von Claudia Tasch » 6. November 2008 11:02

Noch eine gute und wichtige Ergänzung, die alle Eltern gern nutzen können:

Über die Homepage

pro-voce.de

können Sie Kontakt aufnehmen mit 12 anderen Elternpaaren, gerade zum Thema Schulwechsel u.ä.. Dort ist der Erfahrungsaustausch über Telefon oder Email möglich. Diese Chance sollten Sie wirklich nutzen!
Pro Voce ist eine "Gesellschaft für Sprache und Kommunikation e.V." und hat u.a. eine Initiative Stottern gegründet. Im Saarland zu Hause und besonders aktiv, ist sie aber auf jeden Fall auch Ansprechpartner für auswärtige Interessierte!

Herbstliche Grüße

Claudia Tasch
Claudia Tasch, Logopädin
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