Fremdsprachen im Studium

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- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
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Student1

Fremdsprachen im Studium

Beitrag von Student1 » 13. November 2008 22:48

Hallo,

ich bin Stotterer und habe diese Behinderung seit meinen frühen Kindheitsjahren. Das Auftreten des Stottern hängt bei mir stark von der Tagesform ab. Im Gegensatz zu anderen Stotteren, habe ich nie die Erfahrung gemacht, dass ich ausgeschlossen wurde, weder in der Schule noch in der Ausbildung. Im Gegenteil, ich war immer ein Meinungsführer obwohl es jedem nach mehreren Wochen aufgefallen ist, dass ich Stotterern bin. Die üblichen Vermeinungsstrategien haben sich auch bei mir eingeschlichen und ich praktiziere diese heute noch fast täglich.

Was mich interessiert ist folgender Punkt:
Ich merke sofort nach dem Aufstehen, ob dieser Tag ein guter Tag in Bezug auf das Stottern wird oder nicht. Ich sitze zur Zeit täglich in der Bibliothek und spreche daher sehr wenig mit Menschen. Ich merke, dass dieses NIcht-Sprechen sich negativ auf die Häufigkeit des Auftretens von guten Tagen auswirkt. Außerdem glaube ich, dass viel lesen meinen Sprachfluss verbessert, genauso wenn ich politische Talksshow ansehen und sozusagen das fließende Sprechen audiovisuell aufnehme.

Meine Blockaden sind besonders dann häufig, wenn ich vor einer Gruppe sprechen muss. Kenne ich die Gruppe gut, habe ich keine Schwierigkeiten, schwelge sogar im Sprachfluss und genieße die Aufmerksamkeit. Im Rahmen meines Studiums muss ich allerdings Spanisch und Englisch sprechen und ich habe so große Hemmungen, dass ich keine der beiden Vorlesungen besuche. Durch das tägliche Lernen der Sprache, versuche ich ein Sicherheitsgefühl für die Sprache zu erreichen, damit ich mich irgendwann soweit fühle, dass ich in die Vorlesung gehen kann. Ich weiß allerdings auch, dass ich niemals diesen Punkt erreichen werde und ich hänge noch immer im Grundstudium, nur weil mir noch diese Sprachklausuren offenstehen. Das geht nun schon 2 Jahre so und ich trete einfach nur auf der Stelle. Das Problem ist, dass ich auch eine Präsentation in der Sprache halten muss und weil ich nicht in die Vorlesung gehe, kommen drei Faktoren zusammen. Meine Sprachbehinderung, also das Stottern, wird um ein vielfaches verstärkt, weil ich die Gruppe nicht kenne und ich natürlich unsicher in der Fremdsprache bin. Eine kürzlich unternommene Sprachreise, hat zwar Verbesserung in der Sprache gebracht, mir jedoch nicht zu diesem Sicherheitsgefühl verhelfen können.

Ich habe nun in 4 Wochen die Präsentation zu halten und kurz vor Weihnachten meine mündliche Prüfung sowie eine schriftliche Klausur zu schreiben. Ich habe bereits alle Krankmeldungen ausgreizt und ich komme um diese Termine nicht mehr herum. Ich möchte mich ja auch nciht weiter vor dieser Prüfung verstecken, sondern möchte endlich weiter kommen, weil ich weiß, dass ich das kann.

Ich bin ziemlich verzweifelt, weil ich meine Pläne immer wieder über den Haufen geworfen habe. Häufig schon stand ich vor der Uni und drehte wieder um, als ich mich gedanklich in die Situation hinein versetzte, dass ich gleich diesen Raum betrete, mcih alle anstarren, weil sie mich nicht kennen und mich die dozentin in der Fremdsprache fragt, wer ich bin usw...

Niemand würde denken, dass ich diese Probleme habe...denn alle denken, dass ich ein selbstbewusster Mensch bin. Diese Annahme ist auch in fast allen Lebenslagen richtig, nur trifft sie in Bezug auf die Fremdsprachen innerhalb meines Studiums nicht zu! ich brauche Hilfe!

Claudia Tasch
Fachberatung der BVSS
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Re: Fremdsprachen im Studium

Beitrag von Claudia Tasch » 19. November 2008 23:20

Lieber Student,
mein Name ist Claudia Tasch. Ich stottere selbst und bin Logopädin mit dem Behandlungsschwerpunkt Stottern. Gern möchte ich versuchen, Ihnen zu antworten.
Was Sie beschreiben, klingt nach einer ziemlich angstbesetzten Beziehung zu Sprachen. Sie sind in einen Teufelskreis hineingeraten. Durch das Vermeiden der Situation, also durch die Nichtteilnahme an den Vorlesungen, konnte sich noch mehr Angst aufbauen. Sie kennen dort niemanden, die Situation in der Vorlesung ist Ihnen nicht vertraut, Sie kämen auf den “Prüfstand” eines “Frage-Antwort-Dialogs”, wenn Sie dort auf einmal auftauchen würden. Doch so, wie es klingt, haben Sie rein studienorganisatorisch keine andere Wahl, als sich soweit Hilfe zu suchen, dass Sie in diese Situation hineingehen können.
Haben Sie jemanden Vertrauten an der Uni, der mitkommen könnte, um Sie moralisch zu unterstützen, mit dem Sie im Vorfeld darüber sprechen könnten? Sie könnten die Situation, die sich aller Wahrscheinlichkeit abspielen wird, auch in einem Rollenspiel durchspielen, sich Antworten zurechtlegen. Solch ein Rollenspiel kann einem die Angst etwas nehmen, da man sich schonmal reindenkt und durch das öftere Durchspielen auch mehrere mögliche Abläufe geprobt hat. So wird man nicht mehr so überrascht und geht selbstsicherer in die Situation.
Ein Rollenspiel lässt sich am Besten mit einem Dialogpartner und möglichst auch noch mehreren Zuaschauern durchführen, die die in der Vorlesung anwesenden Kommilitonen darstellen sollen.
Wissen Sie, wie Sie sich den Druck nehmen können, möglichst nicht stottern zu müssen? - Stottern Sie bereits im ersten Kontakt, im ersten Satz hörbar absichtlich!!! Das klingt absurd, ist es aber nicht. Stottern Sie bereits am Anfang so hörbar, dass es eindeutig als Stottern zu erkennen ist. So weiß jeder Bescheid und Sie müssen sich nicht mehr verbiegen, damit Sie nicht stottern. Interessanterweise hat dies oft einen verflüssigenden Effekt auf das weitere Gesprochene. Der Druck ist weg.
Es erweist sich als besonders günstig, dieses “ANKÜNDIGENDE STOTTERN” absichtlich zu tun, da so Sie die Zügel in der Hand haben und nicht das Stottern. Sie bestimmen, wann es anfängt und wann es aufhört und in welcher Ausprägung es auftritt. Dabei muss das absichtliche Stottern den echten Symptomen nicht besonders ähneln. Denn das Risiko, aus einem dem echten ähnelnden absichtlichen Stottern ins echte reinzurutschen, ist wesentlich größer als wenn Sie eine lockere, vielleicht auch leichtere Form wählen. Es muss nur auf jeden Fall eindeutig als Stottern identifizierbar sein. Das können Sie in die Rollenspiele mit einbeziehen.
Könnte Ihnen ein klärendes Gespräch mit dem Dozenten helfen?
Um den Dingen therapeutisch auf den Grund und an den Kragen zu gehen, ist die Zeit zu knapp. Soll heißen, ein Therapierfolg wird sich in der Regel nicht innerhalb von 4 Wochen einstellen. Vor allem nicht in einer Stresssituation wie es eine Präsentation oder eine mündliche Prüfung sind. Informationen zum Nachteilsausgleich finden Sie auf der Homepage der BVSS.
Rufen Sie zusätzlich noch die telefonische Fachberatung der BVSS unter der Rufnummer 0221 – 139 11 08 an! Sie erreichen sie donnerstags von 17 bis 20 Uhr und freitags von 12 bis 14 Uhr. Dort können Sie u.a. gezielt zur Möglichkeit eventueller Therapien beraten werden. Denn auch wenn eine totale Veränderung Ihrer Gefühlslage in bezug auf die Fremdsprachen in bis zu 4 Wochen eher unwahrscheinlich ist, möchte ich Ihnen zu einer therapeutischen Maßnahme raten, die Ihnen auf Ihrem weiteren Weg zunächst durch das Studium und dann auch ins Berufsleben weiterhelfen kann.
Gibt es in Ihrer Nähe eine aktive Stotterer-Selbsthilfegruppe? Infos dazu erhalten Sie auf der Homepage der BVSS. Dort können Sie Erfahrungen austauschen, Tipps einholen und vielleicht auch die Rollenspiele durchgehen.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein paar neue Ideen mit auf den Weg geben. Versuchen Sie es mit dem “ankündigenden Stottern”! Das kann ich aus eigener Erfahrung wirklich empfehlen!

Alles Gute,
Claudia Tasch
Claudia Tasch, Logopädin
Fachberatung der BVSS

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