Wiederverschlimmerung bei jungen Erwachsenen

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- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
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leichtfrustriert

Wiederverschlimmerung bei jungen Erwachsenen

Beitrag von leichtfrustriert » 11. Februar 2009 23:16

Hallo,

ich habe - wie erzählt wird - im Kindergartenalter gestottert. Später war es weitgehend verschwunden und kam erst mit der Pubertät wieder auf - z.B. beim Vorlesen im Unterricht. Auch an der Hochschule war dies ein Grund für mich, meine mündliche Mitarbeit eher einzuschränken, wenngleich der Umgang mit anderen Studenten weitgehend normal war. Zum großen Teil hatte ich es also unter Kontrolle. Im dritten Jahr im Beruf (27) kommt es nun recht regelmäßig zu wiederkehrenden Schwierigkeiten, wahrscheinlich ursprünglich ausgelöst durch Stress (hohe Nervosität bzw. fast schon Angst beim Gespräch mit dem Chef der Abteilung). Ich habe den Eindruck, dass es sich langsam wieder festigt, es kommt nun vermehrt - auch z.B. am Telefon und ganz besonders bei fremdsprachlicher Kommunikation vor. Da ich im Kundenkontakt arbeite und auch vor Publikum präsentiere, ist dies extrem ärgerlich und frustrierend. Ich suche daher eine effektive Therapie, das fließende Sprechen zu automatisieren und mittels der entsprechenden Technik (ich denke da insbesondere an das Zwerchfell) die Sache wieder in den Griff zu bekommen.

Könnt ihr mir Tipps geben, wie ich möglichst schnell - vor allem aber nachhaltig und stabil zu Ergebnissen komme? Ich habe momentan den Eindruck, dass viele Therapien nicht wirksam sind - aber mein Ziel ist nicht, als Stotterer zu leben, sondern es weitgehend aus meiner alltäglichen Lebenserfahrung zu verbannen, um es mal so zu formulieren. Ich weiß, dass ich fließend sprechen kann - das möchte ich in allen Situationen, also auch den stressigen, souverän können. Übung und Routine alleine reichen nach meinem bisherigen Eindruck nicht, es braucht möglicherweise das neue Erlernen der richtigen Sprechtechnik, wie sie Nicht-Stotterer intuitiv anwenden. Kann doch eigentlich nicht so schwer sein, oder?

Claudia Tasch
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Re: Wiederverschlimmerung bei jungen Erwachsenen

Beitrag von Claudia Tasch » 16. Februar 2009 22:58

Guten Abend!
Wir, das Team der Fachberatung im Forum der BVSS, haben Ihre Anfrage zur Kenntnis genommen und arbeiten derzeit an der Antwort. Innerhalb der nächsten Tage wird diese dann hier im Forum eingestellt werden.
Mit winterlichen Grüßen
Claudia Tasch, Logopädin
Fachberatung der BVSS

Bettina
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Re: Wiederverschlimmerung bei jungen Erwachsenen

Beitrag von Bettina » 19. Februar 2009 07:17

Guten Tag,

Ihr Frust ist nur allzu gut verständlich. Sie möchten einfach Ihre Arbeit gut und gerne machen – doch da schaukelt sich dieses Sprechproblem im Hintergrund immer mehr auf – angefeuert durch immer wieder neue unangenehme Sprecherfahrungen in der jüngeren Zeit. Sie schreiben selbst, Sie hatten das Stottern unter Kontrolle – nun erleben Sie ausgerechnet in wichtigen Bereichen Ihrer Arbeit einen gewissen Kontrollverlust.
Was Ihr Sprechen angeht, so formulieren Sie Ihr Ziel hierzu klar und deutlich. Ihrem Sinne und Ihrer klaren Frage entsprechend möchte ich Ihnen aus diesem Grund im ersten Teil meiner Antwort klare, Ihrem Ziel entsprechende Fakten liefern. Jedoch: wo es einen ersten Teil gibt, da gibt es auch einen zweiten Teil. Im zweiten Teil meiner Antwort werde ich mir erlauben, größere Gedankenkreise zu ziehen mit der Idee, dass Sie auch daraus Nützliches für sich ziehen können.
Beginnen wir nun mit dem ersten Teil der Antwort.
Sie können fließend sprechen und suchen eine effektive Therapie, dieses für stressige Situationen zu automatisieren und Sie sprechen in Ihrer Frage insbesondere eine Technik für das Zwerchfell an. Da fällt uns allen Beratern gleich die Stottertherapie nach „Del Ferro“ ein. Haben Sie davon schon gehört? Ingrid Del Ferro – die Tochter das Opernsängers Del Ferro, welcher diese Methode entwickelte, sagt, Stottern ist nichts anderes als die Verkrampfung des Zwerchfells und man müsse das Zwerchfell trainieren mittels spezieller Sprechtechniken, damit man vom Stottern befreit wird. Die BVSS, wir Fachberater und viele seriöse Stottertherapeuten betrachten diese Methode aus vielen Gründen (die ich gerne bei entsprechender Nachfrage und Interesse Ihrerseits an anderer Stelle näher ausführe) sehr sehr skeptisch. Nach neuesten Erkenntnissen liegt das Wesen des Stotterns im Gehirn (Stottern ist eine neuromuskuläre Koordinationsstörung – vom Gehirn wird die Muskulatur im Hals manchmal falsch befehligt, es kommt zu Verkrampfungen in der Kehlkopfmuskulatur, Stottern ist die Folge) und nicht im Zwerchfell. Dennoch kann Del Ferro für einzelne wenige Personen einen positiven Effekt auf das Sprechen haben. Dennoch: bevor man auf Del Ferro setzt, sollte man andere (seriösere) Angebote wahrnehmen.
Viele seriösere Therapien bieten ebenso spezielle Sprechtechniken oder sinnvollen Umgang mit dem Stottern an: Da sind die Naturmethode oder Therapie nach und mit Dr. Alexander Wolff von Gudenberg. Manche Praxen und Kliniken haben sehr gute Konzepte angelehnt an Charles van Riper (non avoidance – Ansatz). Es gibt auch gute Wochenendtherapien (z.B. 8 Wochenenden auf ein ¾ Jahr verteilt) oder Intervalltherapien (4x eine Woche auf ein ¾ Jahr verteilt), die auch nach Charles van Riper arbeiten. Bei entsprechender Motivation und einem hohen Engagement Ihrerseits kann sich bei diesen Therapieformen auch Nachhaltigkeit und Stabilität einstellen.
Adressenlisten mit Telefonnummern zu Stottertherapeuten in Deutschland bekommen Sie über die BVSS (Bundesvereinigung Stottererselbsthilfe, www.bvss.de ).

So weit zum ersten Antwortteil. Auch wichtig erscheinen mir die folgenden, locker zusammengestellten, Gedankengänge zum Wesen des echten Stotterns– ob Sie mir wohl zustimmen?

Jeder stotternde Mensch kann (sogar in den meisten Phasen seines Sprechens) flüssig sprechen. Das Stottern tritt bei jedem Menschen unterschiedlich ab einem gewissen Anspannungs-/ Aufregungsniveau auf. Dieses Niveau ändert sich manchmal – je nach Lebenslage und Selbstvertrauenslage.

Das Arbeitsleben hat erfahrungsgemäß für viele Stotternde tatsächlich immer mal wieder größere Herausforderungen parat. In Schule und Studium kann man z.B. mit weniger mündlicher Mitarbeit die Sprechschwierigkeiten recht unauffällig umschiffen und ganz gut managen. Im Berufsleben ist so etwas viel schwerer möglich. Wie will man einem Gespräch mit dem Chef oder dem zu haltenden Vortrag unauffällig ausweichen? Da muss man einfach auf den Punkt „funktionieren“ – das Anspannungsniveau steigt und somit leider auch die „Anfälligkeit“ für das neuromuskuläre Störfeuer aus dem Gehirn.

Stress als Auslöser verstärkter Probleme, flüssig zu sprechen: richtig erkannt, der Stress ist nicht die Ursache des Stotterns, kann aber tatsächlich solch eine Krise, vielleicht kann man auch von Rückfall sprechen, auslösen.

Fremdsprache: da ist man weniger geübt, findet nicht so leicht Ersatzwörter für ein schwieriges (stottergefährliches) Wort, wie Sie es vielleicht manchmal im Deutschen tun. Das heißt, manch ein Stotternder tut sich aus diesen Gründen schwerer mit einer Fremdsprache. Manch einer tut sich aber auch leichter, weil er von dem höheren Konzentrationsniveau beim Planen und Sprechen für die fremde Sprache profitiert.

Sie schreiben, dass Ihrem Eindruck nach viele Therapien nicht wirksam sind. Wie ist dieser Eindruck entstanden? Sie schreiben nicht, ob Sie schon eine oder mehrere Therapien hatten und dort vielleicht diverse Erfahrungen machten. Wenn es Ihr Wunsch ist, kann ich gerne auf diesen Aspekt noch näher eingehen, bräuchte dazu aber nähere Informationen von Ihnen.

Sie schreiben vom Erlernen der richtigen Sprechtechnik, wie sie Nicht-Stotternde intuitiv anwenden. Nichtstotternde verwenden keine Sprechtechnik im eigentlichen Sinne des Wortes. Sie sprechen „einfach“ das, was sie möchten und was vom Gehirn vorbereitet wird. Sie tun das so wie Sie – nur dass es keine bzw. viel weniger im Gehirn liegende Sprechvorbereitungsprobleme gibt, die sich dann durch Verkrampfung der Sprechmuskulatur im Hals und somit durch Stottern äußern. Bei Nichtstotternden ist die Technik der Sprechvorbereitung im Gehirn ähnlich wie bei Stotternden – die „Erfolgsquote“ gemessen am Ergebnis, das aus dem Hals kommt, ist allerdings bei Stotternden geringer.

Nun kommen wir langsam zum Ende der Beantwortung und ich hoffe, Ihnen weiter geholfen zu haben. Sollten noch Fragen offen sein oder sollten Sie ein persönliches Gespräch wünschen, gibt es drei Möglichkeiten:

- Sie schreiben im Rahmen des Forums zurück
- Sie wenden sich telefonisch oder per Mail an die BVSS direkt
- Sie nutzen die telefonische Fachberatung. Zeiten und Telefonnummern werden Ihnen gemeinsam mit Infomaterial der BVSS zugeschickt.

Alles Gute für Sie wünscht

Bettina

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