Ist eine Therapie sinnvoll?

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
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*Julia*

Ist eine Therapie sinnvoll?

Beitrag von *Julia* » 15. Februar 2009 15:46

Hallo,

ich bin 23 Jahre alt und stottere schon seit ich denken kann. Häufig kommt es beim Telefonieren vor, beim Reden mit mir bekannten Personen und wenn ich sehr laut spreche. Es gibt keine bestimmten Wörter die ich gut oder schlecht aussprechen kann, grundsätzlich kann es bei jedem Wort passieren. Es kommt auch vor, dass ich eben noch ein Wort ohne Stottern aussprechen konnte und im nächsten Satz bei genau dem gleichen Wort das Stottern anfange oder auch umgekehrt, dass ich bei einem Wort eben noch gestottert habe und es im nächsten Moment ganz normal aussprechen kann.

Bin ich allein, stottere ich so gut wie gar nicht. Wenn ich sehr aufgeregt bin oder mit fremden Personen spreche, kommt es viel seltener vor, dass ich stottern muss. Es gibt aber auch Tage, da macht es keinen Unterschied, ob ich die Person kenne oder nicht, da stottere ich einfach ständig. Auch rede ich ab und zu ziemlich undeutlich. Im Allgemeinen habe ich aber alles, was Stottern ausmacht, also Dehnen des Wortes, Wiederholungen von ganzen Wörtern oder des Wortanfangs, Vermeidungsverhalten, Herauspressen, völlige Blockade oder das ich mitten im Satz oder am Anfang eines Satzes abbrechen muss und abgehacktes oder sehr langsames Sprechen.

Es stört mich sehr, auch weil ich jetzt beruflich mehr als früher sprechen muss, deswegen möchte ich es auch nicht zulassen, sondern es abstellen. An einigen Tagen habe ich regelrecht Angst, den Mund überhaupt aufzumachen und zu sprechen. Meine Fragen dazu: ist es in meinem Alter überhaupt noch sinnvoll mit einer Therapie anzufangen, kann man sich auch zu Hause ohne Therapeuten mithilfe von Fachbüchern selber helfen, zu welchen Ärzten muss ich gehen, brauche ich vom Hausarzt eine Überweisung und wie stellt der Arzt fest, ob und wie stark ich stottere und welche Therapie die richtige ist? Bezahlt die Krankenkasse eine Therapie? Manchmal bringe ich ja auch einige Sätze heraus, ohne dass ich irgendwo stecken bleibe und auf Knopfdruck kann ich ja nicht stottern. Bedanke mich schon im Voraus für eine Antwort.

Claudia Tasch
Fachberatung der BVSS
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Re: Ist eine Therapie sinnvoll?

Beitrag von Claudia Tasch » 16. Februar 2009 23:00

Guten Abend!
Wir, das Team der Fachberatung im Forum der BVSS, haben Ihre Anfrage zur Kenntnis genommen und arbeiten derzeit an der Antwort. Innerhalb der nächsten Tage wird diese dann hier im Forum eingestellt werden.
Mit winterlichen Grüßen
Claudia Tasch, Logopädin
Fachberatung der BVSS

Claudia Tasch
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Re: Ist eine Therapie sinnvoll?

Beitrag von Claudia Tasch » 17. Februar 2009 23:26

Hallo Julia,

mein Name ist Claudia Tasch, ich stottere selbst und bin Logopädin.
Die Therapie, die für mich meinen persönlichen Durchbruch bedeutete, begann ich mit 19 Jahren. Ich nahm an einer Gruppentherapie teil, der jüngste Teilnehmer war damals 16, die älteste Teilnehmerin war über 50. Und allen hat die Therapie etwas gebracht, zumindest vorübergehend.

Was ich Ihnen damit sagen will, ist, dass es für eine Therapie des Stotterns nie zu spät ist, man kann nur gewinnen!

Bei der Wahl der geeigneten Therapierichtung gibt es einiges zu beachten. Es gibt seriöse Angebote und weniger seriöse. Therapeuten, die eine Heilung versprechen, sind unseriös, denn eine Heilung ist nicht vorhersagbar. Hinzukommt, dass nicht jede Therapieform jedem Stotternden hilft. Denn Stottern ist sehr vielschichtig:

Zur KERNSYMPTOMATIK zählen
- Wiederholungen von Lauten, Silbenteilen, Silben und kurzen einsilbigen Wörtern
- Dehnungen von Lauten
- Blockierungen.
Diese 3 sind das eigentliche Stottern. Sie können sowohl einzeln als auch in Kombination auftreten.

Alles andere wird zur BEGLEITSYMPTOMATIK gezählt:
- Mitbewegungen vom Gesichts- und Halsbereich über Verspannungen im demgleichen und im Brust- und Bauchbereich bis hin zu den Extremitäten
- Vermeidungen von Wörtern oder Situationen
- Atemvorschübe oder -einschübe, Sprechen auf Einatmung oder andere unnatürliche Atmung beim Sprechen
- vermehrte Kraftanstrengung
- Angst- und Schamgefühl
- Schweißausbrüche
- Tempo-, Stimmhöhen-, Lautstärkevariationen
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-
Die Liste ist lang. Diese Begleitsymptome entstehen aus dem Versuch, nicht zu Stottern bzw. das Stottern zu überwinden.
Es gibt Stotternde, die haben eine ganze Palette an Begleitsymptomen, andere zeigen überhaupt keine.
Innerhalb einer Therapie kann der Stotternde es schaffen, diese abzubauen und durch effektive Strategien ein anstrengungsfreieres, flüssigeres Sprechen zu erlangen.

Die zwei großen Therapierichtungen sind die STOTTERMODIFIKATION (Erlernen einer Symptomlösestrategie, die zum Zeitpunkt des Symptoms greift) und FLUENCY SHAPING (Erlernen einer Sprechtechnik, um Stottern zu vermeiden). Näheres dazu können Sie auch in den bereits vorangegangenen Anfragen hier im Forum der Fachberatung erfahren.

Die Krankenkassen übernehmen eine Vielzahl von logopädischen bzw. sprachtherapeutischen Angeboten. Je nach Ablauf der Therapie kann dazu eine Gehemigung der Krankenkasse notwendig sein. Darüber wird Sie dann Ihr Therapeut informieren. Sie als Patientin müssen 10% der eigentlichen Kosten und je Verordnung eine zusätzliche „Rezeptgebühr“ von 10 € zuzahlen.

Am besten wenden Sie sich noch einmal an die TELEFONISCHE FACHBERATUNG der BVSS. Diese ist donnerstags von 17 bis 20 Uhr und freitags von 12 bis 14 Uhr unter der Rufnummer 0221 – 139 11 08 erreichbar. Dort können Sie noch einmal direkt Fragen zu verschiedenen Therapien stellen und sich individuell beraten lassen. Auf der Basis einer solchen Beratung kann Ihnen die BVSS dann auch Kontaktdaten von Stottertherapeuten zukommen lassen.

Sprechen Sie dann mit Ihrem Hausarzt. Er wird Sie ja schon kennen und gemerkt haben, dass Sie stottern. Wenn nicht, sollte ein guter Arzt Ihr Anliegen dennoch ernst nehmen. Ihr Hausarzt kann Ihnen auch eine Verordnung ausstellen. Manche schicken ihre Patienten dann erst noch zum HNO-Arzt, das ist aber nicht zwingend notwendig.
Es ist ratsam, zunächst mit dem Arzt zu besprechen, ob er Logopädie verordnet. Dann können Sie Kontakt mit dem Therapeuten Ihrer Wahl aufnehmen. Er kann Ihnen genau sagen, welche Art der Verordnung er benötigt und Ihnen ggf. auch Unterlagen für den Arzt geben. Erst mit diesen Informationen sollte der Arzt dann die entsprechende Verordnung ausstellen. Dieser Weg ist der sicherste. So werden Missverständnisse und Änderungen der bereits ausgestellten Verordnung vermieden.
Die eigentliche Diagnostik zur Feststellung der Stärke Ihres Stotterns findet zur Erstellung eines Therapieplans bei der Logopädin statt.

Die BVSS bietet Seminare zu verschiedenen Therapiemethoden an. Die Teilnahme an einem solchen Seminar kann Ihnen einerseits schon einen guten Anstoß geben, etwas zu verändern. Es kann Ihnen aber auch die Entscheidungsfindung über die für Sie geeignete Therapie erleichtern.
Denn Sie entscheiden, welche Therapie Sie machen wollen. Nur, wer motiviert in eine Therapie geht, kann auch Erfolge erzielen.
Ein Hausarzt weiß in der Regel nicht, welche Therapieangebote es gibt. Er wird Ihnen wahrscheinlich auch keine empfehlen bzw. „Sie zu einer bestimmten schicken“.

Bücher zu Therapiemethoden sind eine wichtige Informationsquelle, den meisten Lesern fehlt aber der notwendige Praxisbezug, um die Anregungen wirklich umsetzen zu können. In Kombination mit einem Seminar z.B. bei der BVSS ist es aber durchaus möglich, dass Sie sprecherisch weiterkommen.

Viel Erfolg bei dem, was Sie sich vornehmen! §dup
Claudia Tasch, Logopädin
Fachberatung der BVSS

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