Antwort auf mein Topic...

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
Gesperrt
DaVella
neu
neu
Beiträge: 3
Registriert: 20. April 2009 21:01
Ort: NRW

Antwort auf mein Topic...

Beitrag von DaVella » 30. April 2009 21:48

Hallo,

ich will ja nicht drängeln aber ich warte schon einige Tage auf eine Antwort von Ihnen Claudia Tasch

Hier der Link zu meinem Topic.

:arrow: http://forum.bvss.de/viewtopic.php?f=2&t=1535


Vielen Dank und entschuldigung für das Drängeln.

Claudia Tasch
Fachberatung der BVSS
Fachberatung der BVSS
Beiträge: 68
Registriert: 27. Januar 2008 19:24
Ort: Hamburg

Re: Antwort auf mein Topic...

Beitrag von Claudia Tasch » 17. Mai 2009 14:42

Hallo Maik,

Ihr Drängeln ist okay, es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass Sie eine Antwort erhalten. Sorry.
Es war sicher ein schwieriger Schritt für Sie, sich auf diesem Wege Rat zu holen.

Viele Stotternde versuchen, ihr Stottern zu verstecken. Das kann ganz schön anstrengend sein – man muss ja ständig auf der Hut sein und auch neue Strategien entwickeln, um das Stottern nicht zu zeigen. Aber es ist nicht nur anstrengend, sondern auch sehr belastend, da man ja ständig mit der Angst lebt, doch entdeckt zu werden. Außerdem kann unter diesem Vermeiden des Stotterns auch der Ausdruck des Gesagten leiden, wenn man z.B. schon bei der Vorahnung eines Symptoms beginnt, denn Satz umzustellen und nach neuen Wörtern zu suchen.

Bevor ich direkt auf Ihre Anfrage eingehen werde, möchte ich zunächst kurz den Unterschied zwischen Kern- und Begleitsymptomatik erläutern.

Unter Kernsymptomen versteht man
1. Wiederholungen von Lauten, Silbenanteilen, Silben oder kurzen (einsilbigen) Wörtern
L-L-Lampe, La-La-La-Lampe, Lam-Lam-Lampe, da-da-da-da
2. Dehnungen von Lauten (Vokaldehnungen und Dehnung der Konsonanten, die von ihrem Wesen her sowieso länger dauern wie M, N, F, W, L, R, SCH, S)
Schschschschschule, Fffffffahren, aaaaaaaaber
3. Blockierungen vor dem eigentlichen Laut oder auf einem Laut
...Ball, B...Ball

Diese Kernsymptome können in ihrer Reinform, aber auch in Mischformen auftreten. Mischformen sind sogar meist häufiger.


Unter Begleitsymptomen versteht man im Prinzip alles andere rings herum um das Stottern. Diese sind Reaktionen auf das Stottern und können ganz unterschiedlicher Natur sein:
- sämtliche Mitbewegungen beim Sprechen wie Mund verziehen, Augen schließen, andere mimische Mitbewegungen, aber auch die Gestik wie Armbewegungen, Zucken von Körperteilen (selbst im kleinen Zeh wäre möglich) --- auch das Hand vor den Mund halten beim Sprechen wäre eine Mitbewegung
- Angst- und Schamgefühle, also auch vegetative Reaktionen wie kalte Hände, Schweißausbrüche u.ä.
- Vermeidungen von Wörtern durch Wortaustausch oder Satzumstellung, Satzabbrüche oder das Verwenden eines anderen Lautes (statt Ball Pall sagen, man wird ja meist doch verstanden)
- Vermeidung von Situationen, in denen Stottern auftreten könnte (z.B. statt Einkauf an der Wursttheke lieber abgepackte Wurst kaufen, Leute nicht ansprechen, nicht nach dem Weg fragen, Schwarzfahren statt Fahrkarte am Schalter zu kaufen, seine Meinung nicht sagen …)
- Atemvorschub vor einem vermeintlichen Stotterwort
- Kraftanstrengung, Herauspressen, Sprechen auf Restluft oder sich mit Luft vollpumpen vor dem Sprechen oder zwischendrin …
- bis hin zur Isolation (Beruf wählen, in dem man nicht sprechen muss, wenig Kontaktaufbau zu anderen Menschen...)

Diese Begleitsymptome können ganz unterschiedlicher Art sein und sich im Laufe der Zeit auch verändern, z.T. Wieder verschwinden und ersetzt werden aber auch bleiben und wirkungslos werden. Auf diese Art und Weise kann das Stottern eines Betroffenen ziemlich auffallend werden – auffälliger als wenn jemand nur die Kernsymptomatik hätte.

Und das ist das Problem. Diese Strategien entstehen ja (meist unbewusst), um so zu sein wie die anderen und nicht aufzufallen und tendieren dann aber dazu, das Stottern immer auffälliger werden zu lassen.
Und genau das vermute ich bei Ihnen, lieber Maik. Sie wollten Ihr Stottern nie zeigen, um nicht anders zu sein als die anderen und zahlen nun den Preis, dass Sie sich einsam fühlen, weil Sie sich als Reaktion auf Ihr Stottern isolieren. Zu Recht haben Sie jetzt die Schnauze voll und möchten etwas ändern. Das Leben soll und darf ja nicht an Ihnen vorüberziehen, nur weil Sie stottern!

Eine erste, ganz wesentliche Möglichkeit, sich selbst etwas zu entlasten ist, sich einem Menschen anzuvertrauen. Suchen Sie sich einen Vertrauten, dem Sie erzählen, dass Sie stottern und dass es Sie belastet. Dem Sie Ihr Stottern dann auch zeigen können. Einfach mal so sprechen, wie es eben gerade rauskommt. Ohne die Habachtstellung zu haben mit hohem Adrenalinspiegel. Und das kann man dann ausbauen. Den Kreis erweitern, vielleicht mal ein kleines Stottern auch “draußen” zeigen.
Allerdings denke ich, dass das, wenn es schon so viele Jahre lang eingeschliffen ist, ohne einen Therapeuten ganz schön schwierig ist. Auf jeden Fall sollten Sie Ihre Ziele nicht zu hochstecken, sondern sich lieber lauter kleine Zwischenschritte suchen. Mal eine Skala erstellen mit Dingen, die Sie sich leichter vorstellen und sich eher zutrauen und Dingen, die ganz weit hinten stehen, weil es einfach noch nicht denkbar ist.

Wobei ich eigentlich schon bei Ihrer Frage nach Therapien bin. Diese oben beschriebene Art der Identifikation mit dem Stottern und der beginnenen Desensibilisierung gegen das Stottern sind Bausteine aus dem Nicht-Vermeidungsansatz. Die Frage ist, ob Ihnen ein rein verhaltenstherapeutisch angelegtes Konzept mit dem Ziel, sich mit dem Stottern zu arrangieren, es zu zeigen und sich nicht oder möglichst wenig davon im Leben beeinträchtigen zu lassen, oder ob Sie eben dann noch weiter gehen wollen und beispielsweise nach Van Riper auch an Ihrem Stottern arbeiten möchten, es verändern möchten durch das Erlernen von Symptomlösestrategien. Das ist dann die Stottermodifikation.

Eine weitere, völlig anders geartete Möglichkeit ist die Kasseler Stottertherapie (KST), bei der es um das Erlernen einer Sprechtechnik geht. Das komplette Sprechen, also auch die bereits flüssigen Anteile des Sprechens, werden verändert. Man spricht in einer Technik, bei KST mit weichen Stimmeinsätzen. Diese werden am Computer mittels visuell sichtbarer Kurven regelrecht antrainiert. Es gibt eine sehr gut strukturierte Nachsorge. (Mehr Infos hier in bereits beantworteten Anfragen im Forum oder auf der Homepage von KST).

Diese zwei Möglichkeiten wären für Sie sicherlich sher gut. Im Gespräch mit einem Stottertherapeuten müssten Sie schauen, welches Konzept besser zu Ihnen passt.
Auf jeden Fall sollten Sie darauf achten, dass Sie sich für ein Konzept entscheiden, das kein Heilungsversprechen gibt, denn das ist unseriös. Man kann nicht versprechen, Stottern zu heilen, weil nicht jede Therapie jedem gleich hilft, das ist eben doch auch immer Typsache. Außerdem muss auch die Chemie zwischen Ihnen und dem Therapeuten passen. Aber das ist ja immer und überall so. Ohne einen guten Draht zueinander geht's nicht.


Nun zu Ihrer Frage nach der möglichen Ursache für Ihr Stottern:

Stottern kann unterschiedlicher Ursache sein. Wie Sie ganz richtig annehmen, kann Stottern psychogen verursacht sein. Dieses psychogene Stottern ist jedoch eher selten. Sie erzählen, Sie hatten im Alter von 3 Jahren ein schlimmes Erlebnis. Da Sie allerdings erst im 5. Lebensjahr begonnen haben zu stottern, würde ich das psychogene Stottern eher ausschließen. Dafür erscheint mir der zeitliche Abstand zu groß. Aber: Eine Ferndiagnose kann und will ich natürlich nicht stellen.

Die verbreitetere Ursache Stottern ist, dass organische Auffälligkeiten im Gehirn vorliegen zwischen Sprechablaufplanung und mototrischer Ausführung. Diese Anlage ist erblich, aber nicht jeder, der diese Anlage in sich trägt, wird automatisch einmal Stottern. Erst das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Faktoren kann das Stottern dann auslösen. Da könnte evtl. auch das Erlebnis, von dem Sie sprechen, mit reinspielen. Damit das Stottern dann zum persisitierenden, also zum chronischen Stottern wird, vermutet man das Zusammenwirken wieder verschiedener aufrechterhaltender Faktoren. Sie sehen, oft ist es gar nicht möglich zu bestimmen, was nun auslösend oder aufrechterhaltend gewirkt hat.

Nun ist natürlich die Frage, ob Sie dieses schlimme Erlebnis weiterhin verfolgt, ob es noch immer ein Thema für Sie ist und Sie quasi Tag für Tag in Ihrem Leben begleitet. Oder ob Sie vermuten, dass es das Stottern “nur” ausgelöst hat, es jetzt aber eigentlich sonst weit weg ist.
Sollte es Ihrer Vermutung nach das Stottern “nur” ausgelöst haben, könnte sich eine Psychotherapie erübrigen nsofern, als dass das Stottern ja nun da ist und es sicher nicht weggehen wird, wenn Sie das Erlebnis noch einmal thematisieren. Anders läge der Fall, wenn das Erlebnis noch immer aktuell für Sie ist. Dann kann es nämlich auf jeden Fall als aufrechterhaltender Faktor für das Stottern wirken.
Ich denke, es ist auf jeden Fall der richtige Weg, einen Stottertherapeuten aufzusuchen und mit ihm zu besprechen, was machbar ist. Im Zuge dessen können Sie auch gemeinsam besprechen, inwiefern evtl. auch eine Psychotherapie in Frage kommt. Es gäbe ja auch die Möglichkeit, beide Therapieangeote zu nutzen.
Aber so etwas lässt sich so per Internetanfrage schwer beantworten. Vielleicht auch hierzu noch einmal der Tipp, die telefonische Fachberatung zu nutzen, weil Sie da in einem direkten Gespräch mit einem Fachmann / einer Fachfrau besprechen können, was Sie noch auf dem Herzen haben.


Ich hoffe, meine Ausführungen konnten Ihnen etwas Licht ins Dunkel bringen!
Alles Gute für den Weg hin zu einem relaxteren Alltag wünscht Ihnen

Claudia Tasch




Geschäftsstelle der BVSS:
Telefonnummer 0221 - 139 11 06 oder 139 11 07

Telefonische Fachberatung der BVSS
Telefonnummer 0221 – 139 11 08
immer donnerstags von 17 – 20 Uhr und freitags von 12 – 14 Uhr
Claudia Tasch, Logopädin
Fachberatung der BVSS

Gesperrt

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste