mal mehr mal weniger stottern

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Simon

mal mehr mal weniger stottern

Beitrag von Simon » 5. Oktober 2009 07:55

Ich bin 21 Jahre alt und meine Eltern sind seit ich ungefährt 9 Jahre bin geschieden. Damals während das mit der Scheidung anfing, sprich laute Streitereien und werfen von gegenständen auf den partner ist auch mit mir irgendwas passiert, den seitdem Stottere ich!!!Mein Vater bekam das sorgerecht und hat das natürlich sofort gemerkt. Ich war dann fortan in Sprachkursen und Therapien und es wurde dann auch besser und heute hält sich das stottern meistens in grenzen. Denoch stottere ich mal mehr und mal weniger. Es kommt immer einbisschen auf die " Tagesform" an, oder mit wem ich gerade rede, ob ich entspannt oder aufgeregt bin und auch oft ob ich mein gesprächspartner sehe oder nicht. Es gibt auch tage da stottere ich fast überhaubt nicht und z.B beim Lesen oder wenn ich so alleine vor mich hinrede gibts ganz selten probleme! Ich glaube es hat bei mir auch viel mit meiner aktuellen gefühlslage zu tun ob ich glücklich - unglücklich bin!?! wenn ich mich zusammenreise und konzentriere dann grieg ich sätze, die ich sagen will auch meistens problemlos hin!!!aufjedenfall konnte ich lange jahre mit diesem problem leben aber nun denke ich es ist an der zeit mal etwas aus der reserve zu kommen und mir doch helfen zu lassen.
Ich frage mich einfach, auch wenn es denk ich mir schwierig so von der ferne ist, wo ich gerade stehe und wie meine Situation aussieht?

Hängt das stottern wirklich mit der Scheidung meiner Eltern zusammen und wie kommt so etwas?

Wie geh ich in meiner lage am besten vor, sprich Beratung, Therapien, Phsyologen etc.?

Wie sind die erfahrungen bei Therapien?


Ich bitte euch um Rat.

Bettina
Fachberatung der BVSS
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Re: mal mehr mal weniger stottern

Beitrag von Bettina » 28. Oktober 2009 03:35

Lieber Simon,
zuerst möchte ich mich entschuldigen, dass Sie ungewöhnlich lange auf die Antwort warten mussten. Normalerweise kommen die Antworten innerhalb weniger Tage. Das wird auch ab sofort wieder der Standard sein.
Vielen Dank für die sehr aufschlussreiche Schilderung Ihrer momentanen Situation. Sie hilft mir bei der Beantwortung der Fragen.
Sie waren 9 Jahre alt, als sich Ihre Eltern viel stritten und dann schließlich auch trennten. Sie erkennen eine klare Verbindung zwischen der Trennung und Ihrem Stottern. Sie fragen sich, ob das Stottern mit der Trennung Ihrer Eltern zusammen hängt und ich möchte Ihnen dazu gerne antworten. Nach dem momentanen Stand der Wissenschaft können nur Menschen von einem Stottern betroffen sein, die mit einer Anlage dafür geboren werden. Man vermutet also sehr stark, dass Stottern eine körperliche Ursache hat. Die Ursache ist eine Bewegungsablaufstörung in den Muskeln, die beim Sprechen die Stimmbänder (genauer: Stimmlippen) steuern. Muskeln werden von Nerven gesteuert, die Ihre Befehle meist aus dem Gehirn erhalten. Das Gehirn sendet im Moment des Stotterns widersprüchliche Befehle an die Stimmbänder, so dass diese sich verkrampfen. Mit der Anlage dazu, dass das Gehirn irgendwann einmal beginnt, diese falschen Impulse zu senden, wird man geboren – und diese Anlage wird als die Ursache des Stotterns angesehen. Meine Tochter ist 2 Jahre alt, bisher spricht sie flüssig. Vielleicht hat sie aber auch diese Anlage zum Stottern während ihrer Entwicklung im Mutterleib erworben. Wenn das so ist, könnte ich mich als Stottertherapeutin „auf den Kopf stellen“ – ich könnte ein Beginnen des Stotterns nicht verhindern. Das also zu der Ursache des Stotterns. Aber wie ist nun der Zusammenhang mit der Trennung Ihrer Eltern zu erklären? Was Sie beschreiben, ist die Auslösung des Stotterns. Bei manchen Kindern ist der Beginn des Stotterns mit einem besonderen emotionalen Erlebnis verbunden: die Geburt eines Geschwisterkindes, der Beginn des Kindergartens, ein Umzug, ein besonders freudiges Ereignis wie ein schon lange ersehntes großes Geschenk, der Tod einer geliebten Person oder eben auch die Trennung der Eltern. In Zusammenhang mit solchen emotionalen Momenten kann das Stottern, das schon seit der Geburt als Anlage im Körper „schlummert“, seinen Anfang nehmen. Das heißt für Ihre Eltern und Sie: die Trennung hat das Stottern wahrscheinlich ausgelöst, aber nicht verursacht. Hätten sich Ihre Eltern nicht getrennt, hätte Ihr Stottern vermutlich kurze Zeit später auch begonnen. Vielleicht „einfach so“ oder aufgrund eines anderen emotionalen Auslösers, wie ein Stutz vom Fahrrad beispielsweise. Wichtig für Ihre Familie ist: keiner hat Schuld an Ihrem Stottern. Verhält sich eine Bezugsperson eines Kindes auch noch so ungünstig - ohne die Anlage im Gehirn kann sie damit kein Stottern verursachen und / oder auslösen.
Sie berichten weiter von diversen Erfahrungen mit Therapien und dass Sie bisher so einigermaßen mal gut mal weniger gut mit dieser Sprechbehinderung umgehen konnten. Sie vermuten genau richtig, dass die Intensität des Stotterns mit Ihrer Gefühlslage zu tun hat: fühlt man sich sicher, stottert man erfahrungsgemäß weniger. Stottern ist eine Kommunikationsstörung, das heißt, sie geschieht in der Kommunikation mit anderen Personen. Natürlich macht das auch noch mal einen Unterschied, ob Sie telefonieren oder persönlich mit Ihrem Gegenüber sprechen. Da sind die Menschen verschieden: der eine hat mehr Probleme beim Telefonieren und der andere telefoniert lieber und stottert mehr, wenn er persönlich mit den Menschen spricht. Menschen stottern weniger, wenn sie lesen / vorlesen oder mit Tieren sprechen oder alleine vor sich hin erzählen. Beim Singen stottert man übrigens überhaupt nie. Es gibt einige Sänger, die beim Sprechen deutlich stottern.
Dann sprechen Sie ein weiteres interessantes Phänomen an: wenn Sie sich beim Sprechen sehr stark konzentrieren, können Sie das Stottern nahezu vollständig verhindern. Fragen Sie sich nicht auch manchmal, warum Sie das nicht einfach immer so machen können? Das fragen sich viele stotternde Menschen und alle kommen zu dem Ergebnis, dass dieses besonders hohe Maß an Anstrengung auf das „Wie“ des Sprechens schlicht nicht durchzuhalten ist. Man muss sich ja auch noch darauf konzentrieren, was man sagen möchte und was der andere sagt und wie die Körpersprache ist und und und…Da fehlt einfach die Kraft, immer dieses unglaublich hohe Maß an Flüssigkeitsanstrengung durchzuhalten.
Was sicher auch nervt, ist dieses ständige Auf und Ab in den Sprechleistungen: mal geht es gut, mal geht es nicht gut. Auch dieses Phänomen ist typisch und kann aber durch eine gute Therapie abgeschwächt werden, weil Sie Strategien lernen, wie Sie sich flüssiger halten können.
Als Sie klein waren, hat Ihr Vater sich für eine Therapie entschieden. Jetzt werden Sie das selbst tun. In Ihren Zeilen höre ich eine gewisse Motivation raus – die brauchen Sie auch, denn eine Stottertherapie ist kein lockerer Spaziergang. Sie lernen viel, reflektieren sich selbst und müssen auch viel üben. In jedem Alter ist Stottern veränderbar, Sie können Ihr Sprechen durch eine sinnvolle und gute Stottertherapie bestimmt verbessern. In Ihrem Alter ist eine vollständige Heilung zwar nicht mehr möglich, aber wenn Sie lernen, gut mit dem Stottern umzugehen, braucht es nicht mehr besonders stark aufzufallen. Lassen Sie sich Zeit bei der Suche nach einer für sie geeigneten Beratung und Therapie. Arbeiten Sie nur mit Therapeuten (Logopäden oder Sprachheiltherapeuten), die Erfahrung in der Behandlung mit Stotternden haben. Kontakten Sie auch eine Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe. Über die ivs (Interdisziplinäre Vereinigung Stottertherapeuten) oder die BVSS bekommen Sie Adressen von Stottertherapeuten in Ihrer Nähe. Wenn Sie eine Intensiv-Gruppentherapie machen möchten, helfen diese Stellen Ihnen auch weiter. Oder Sie fragen in diesem Forum noch einmal nach, sollte noch etwas unklar sein.
So hoffe ich, Sie können mit diesen Informationen etwas anfangen.
Alles Gute für Ihren weiteren Weg wünscht Ihnen
Bettina

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