Ich stottere, was kann ich tun...

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Gast

Ich stottere, was kann ich tun...

Beitrag von Gast » 14. Dezember 2009 22:02

Wo soll ich anfangen? Ich bin 27 Jahre alt, bin student und stottere seid ich sprechen kann. Nun, meine Kindheit verlief eigentlich ganz normal. Ausgrenzung oder ähnliches musste ich nie verspüren, ganz im Gegenteil. Aber auch ich hab alle bekannten Veschleierungngstaktiken angewand und tue es noch heute mehr oder weniger erfolgreich. Bis vor einer Stunde dachte ich noch ich hätte ein legendäres System gegen mein stottern entwickelt. (Im Kopf immer schon Wörter zum austauschen bereithalten, so tun als ob man ein Wort vergessen hätte und alle anderen bekannten Mitteln)
Aber nun muss ich feststellen das es jeder stotterer so macht. Dieses "System" ist sehr anstrengend und macht mich oft ziemlich fertig!
Dieses ausweichen hat mich nun in eine viel schlimmerer Lage gebracht. Ich habe in meiner letzten Schule "Berufskolleg", das erste mal versucht mit meinen Lehrern darüber zu reden, mit dem Ergebnis das mich niemand ernst genommen hat. "Das ist doch garnicht so schlimm", hiess es immer wieder. "Ach, jetzt übertreib doch nicht" usw. Ich meine was soll ich machen, für einen "Benhinderten" zeige ich nunmal nicht die typischen Symptome die sie erwarten. Ich bin nicht schütern, zurückgezogen oder labil. Für einen "Nicht-Behinderten" führe ich aber ein zu komisches leben: kann nicht richtig sprechen, lesen oder etwas Votragen. Bei Jobs achte ich darauf, dass es nicht ein Job ist wo "korrekt" sprechen muss.
In der mündlichen Abiturprüfung, hab ich die 5 einfach in Kauf genommen, da ich sowieso schon nach der schriftlichen bestanden hatte.
Meinem "Verschleierungssystem" konnte ich noch eine weitere Komponente hinzufügen: Ich spreche mehere Sprachen von zuhause aus. Also wenn ich zuhause bin kann ich problemlos vor michhin stottern, oder auch bis zu 5 Sprachen gleichzeitig sprechen, so das es nicht ganz so auffällt. Aber wie ich schon sagte ist es für mich äusserst anstrengend. Die Taktik versagt natürlich vollkommen, wenn man etwas vorlesen muss. Danach bin ich immer fix und fertig, total durchgeschwitzt, fertig mit den Neven.... So habe ich mich in der Schulzeit immer irgendwie durchgemogelt.

Nun studiere ich und Präsentationen sind nunmal an der Tagesordnung. Sicherers auftreten klare Sprechweise sind unumgänglich. Noch ist es nicht soweit, aber nächstes Semester geht es schon los. Ich kann leider auch nicht wirklich auf hohem niveau sprechen, denken aber schon! In Diskussionsrunden muss ich mich daher sehr bedeckt halten, oder nur vereinzelt einfache Sätzte sagen. Ich habe etwas eloquentes im Kopf und bringe nur "einfaches" auf die Zunge, wenn überhaupt! Wörter auf die es nun mal ankommt in einem Satz, kann ich nicht einfach austauschen. In meinem speziellen fall jetzt in der Bio-Verfahrenstechnik. Und man schaut zu wie andere einem die Beiträge wegnehmen. Das ist sehr frustrierend! :grrr:

Was soll ich jetzt machen?
Ich habe mich heute zum ersten mal mit der ganzen Thematik beschäftigt. Es gibt so viele Informationen, das es einem ja erschlägt! Therapie hier und dort, unseriös hier seriös dort, die Kosten usw.
Das einzig positive ist, dass ich mich in den Texten anderer Leser wiederentdeckt habe, die diesselben Probleme haben.

Fragen:

1. Wie gehe ich nun vor? Soll ich zum Arzt, wenn ja zu welchem?
2. Warum ist einfach reden so "einfach", eloquentes aber so schwer?

Mit freundlichen Grüßen

Student27

Bettina
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Re: Ich stottere, was kann ich tun...

Beitrag von Bettina » 18. Dezember 2009 18:01

Lieber Student 27,

vielen Dank für die Anfrage und schön, dass Du das Forum gefunden hast! Ich arbeite noch an der Beantwortung und gehe davon aus, dass sie spätestens am Samstag, 19.12. im Forum abzurufen ist.

Mit herzlichen Grüßen,

Bettina, Logopädin und langjähriges Mitglied der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe

Bettina
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Re: Ich stottere, was kann ich tun...

Beitrag von Bettina » 19. Dezember 2009 17:49

Lieber Student27,

da hast Du ja Anfang der Woche einen großen Schritt vollbracht, indem Du Dich auf eine für Dich neue Art und Weise mit dem Stottern beschäftigt hast.
Du sprichst selbst von Behinderung und viele Stotternde sagen von sich: „Ja, ich habe eine Sprechbehinderung“. Stottern behindert (das lässt sich nicht von der Hand weisen) - aber (wenigstens) nur beim Sprechen. Nun bist Du an einen Punkt gekommen, wo Du nicht mehr akzeptieren möchtest, dass das Stottern so sehr Dein Leben und Handeln bestimmt. Sehe ich das so richtig? Du hast die „Faxen dicke“ und würdest Dir wünschen, den Spieß umzudrehen: nicht mehr das Stottern soll Dich im Griff haben, sondern Du möchtest das Stottern in den Griff bekommen.
Wie Du Deinen bisherigen Umgang mit dem Stottern schilderst, so kann ich aus meiner langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Stotternden heraus sagen, dass es vielen stotternden Menschen so geht oder ging wie Dir: man mogelt sich irgendwie durch, baut sich einen großen Pool an Ausweichstrategien auf, findet niemanden, der einen wirklich ernst nimmt (weil leider immer noch die meisten Menschen viel zu wenig über das Stottern wissen), kriegt es von Tag zu Tag irgendwie hin, sprecherisch durchzukommen, läuft bei der Arbeit lieber über den Gang, als am Telefon zu sitzen, lernt Sätze, die immer wieder gesagt werden, auswendig, konzentriert sich beim Sprechen über alle Maßen (dann geht es meist etwas besser), sucht die Sachen im Baumarkt lieber alleine statt zu fragen, usw. Oft ist es auch so, dass man als Betroffener die wirklich guten, wichtigen und für einen selbst wertvollen Informationen zum Stottern erst findet, wenn man sich selbst und eigenhändig auf die Suche macht – so wie Du das vor einigen Tagen gemacht hast. Und dann findet man natürlich in der heutigen Zeit über das www fast unendlich viele Informationen – und ich sehe diese Antwort für Dich auch als eine Art Filter oder Leitfaden, wie Du jetzt weiter vorgehen kannst und was die nächsten Schritte sein könnten.
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, beschäftigst Du Dich mit dem Gedanken, eine Therapie zu machen. Obwohl ich Dich persönlich nicht kenne, denke ich, dass professionelle Hilfe ein guter Ansatz bez. Beginn für Dich wäre – wenn sie gut ist.
Nun zuerst zum Organisatorischen und dann zu den Möglichkeiten, einen guten Therapeuten zu finden.
Wenn Du Student bist, lebst Du wahrscheinlich in einer größeren Stadt – dort gibt es sicherlich einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt (HNO). HNO-Ärzte oder auch sog. Phoniater, das sind Stimm,-Sprach- und Sprechärzte, können Dich untersuchen und Dir eine Heilmittelverordnung (Rezept) für sprachtherapeutische Therapie bzw. Logopädie ausstellen bzw. in Aussicht stellen. Manchmal bekommst Du das Rezept erst ausgehändigt, wenn Du auch wirklich einen Termin beim Therapeuten hast, da die Therapeutentermine manchmal mit Wartezeiten verbunden sind, so eine Verordnung vom Arzt aber binnen 14 Tagen „eingelöst“ werden muss. In den meisten Fällen ist es sinnvoll, sich erst mal nach einer ambulanten Therapiemöglichkeit vor Ort umzusehen. Dort hat man ein- bis zweimal die Woche Therapie, meist Einzeltherapie. Diese Therapie wird bis auf einen kleinen Zuzahlungsbetrag (von dem Du als Student vielleicht sogar befreit bist) voll von der Krankenkasse übernommen.
Auch wenn es vielleicht erst Überwindung kostet, ist eine weitere Sache sehr sinnvoll: der Besuch einer Stotterer-Selbsthilfegruppe vor Ort. In Deutschland gibt es etwa 80 aktive Selbsthilfegruppen (SHG), in der sich stotternde Menschen 2 bis 4 x im Monat treffen, um sich auszutauschen, gemeinsam Dinge zu unternehmen, gemeinsam Sprechen zu üben und sich auch zu helfen. Wenn Du in Deinem Wohnort eine Selbsthilfegruppe ausfindig machen kannst, dann rate ich Dir sehr dazu, diese zu besuchen…und wenn es nur ein paar Mal ist. Oft kennen die Betroffenen dort Ärzte oder Therapeuten, mit denen sie schon gute Erfahrungen gemacht haben. Meist haben sie auch etwas Literatur zur Verfügung, in der man stöbern kann oder die man sich ausleihen kann. Um solch eine SHG ausfindig zu machen, genügt ein Anruf bei der Stadt (wahrscheinlich geht das heutzutage auch per Mail), die dann meist die Nummer/Mailadresse einer Art städtischen Selbsthilfekoordinationsstelle weiter geben und diese Stelle kennt dann Zeit und Ort der Treffen. Eine weitere Möglichkeit ist der Besuch der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe (www.bvss.de) im Netz. Die Seiten dort sind sehr gut und informativ, auch weil sich die BVSS unabhängig arbeitet und somit als eine Art „Non-Profit-Organisation“ wirklich seriös ist. Sendet man per Mail eine Anfrage nach einer SHG in der Nähe seines Wohnortes, dann bekommt man die entsprechende Antwort.
Wenn Du eine Therapie machen möchtest und Du hast die Zusage einer Verordnung, dann ist der nächste Schritt die Therapeutensuche. Wie oben schon erwähnt, kann die SHG dabei behilflich sein. Es gibt aber noch weitere Möglichkeiten, einen passenden Therapeuten zu finden. Warum das so wichtig ist? Sprachheiltherapeuten oder Logopäden behandeln viele Störungsbilder, jeder hat seinen eigenen Schwerpunkt und ich habe es bei meiner Arbeit selbst bemerkt: als Therapeut kann man nicht alle Störungsbilder gleicht gut behandeln – mit der Zeit spezialisiert man sich – auch deshalb, weil jedes einzelne Fachgebiet für uns Therapeuten ein immenses Fachwissen voraussetzt, viel Praxis dabei sein sollte und natürlich auch die entsprechenden Fortbildungen besucht werden sollten. Wenn ich z.B. eine Anfrage habe, einen Patienten mit Schluckbeschwerden zu behandeln, nehme ich diesen nicht an, sondern leite ihn zu einer Kollegin weiter, die auf diese Art Behandlung spezialisiert ist. Hat diese Kollegin wiederum einen Patienten, der stottert, leitet sie diesen an mich weiter. Also: Du brauchst einen Stottertherapeuten, der sein Fach versteht, die entsprechenden Fortbildungen besucht hat und Erfahrung in der Behandlung des Stotterns hat. Die BVSS hat entsprechende Therapeutenlisten vorliegen, die die Suche erleichtern können. Auch da genügt ein Anruf oder eine Mail mit Angabe der Postleitzahl, des Wohnortes und eventuell gut erreichbarer Orte „drumherum“, dann mailt Dir die BVSS die Therapeuten dieser Orte. Dennoch solltest Du Dich beim Therapeuten direkt nochmals versichern, dass die Spezialisierung auf die Therapie des Stotterns wirklich vorhanden ist.
Manchmal bieten auch die logopädischen Abteilungen der Universitätskliniken gute ambulante Stottertherapien an.
Soviel zur ersten Vorgehensweise bezüglich Organisation und Therapeutensuche.
Nun möchte ich einige allgemeine Dinge ansprechen, die Dir helfen können, Dich sinnvoll weiter zu informieren.
Wenn Du Lesestoff suchst, der das Thema Stottern irgendwie behandelt, dann bist Du auch in diesem Fall bei der BVSS richtig: es gibt sehr gute Flyer, die man dort kostenlos bestellen kann. Sie sind als Erstinformation gedacht. Dann hat die BVSS über ihren eigenen Demosthenes-Verlag viele Bücher zum Thema Stottern herausgegeben. Auch da ist sicherlich das eine oder andere für Dich interessante Buch dabei. Des Weiteren hat die BVSS ein Fachberatungstelefon eingerichtet. 2x die Woche kann man eine unabhängige Fachkraft anrufen und alles besprechen, was einem wichtig ist. Die Telefonnummer lautet: 02211391108, die Sprechzeiten sind: Donnerstags von 17 bis 20 Uhr und freitags von 12 bis 14 Uhr.
Es gibt sehr viel zu sagen zum „Wesen“ des Stotterns und Deine zweite Frage signalisiert mir, dass Du Dich auch mit dieser Thematik beschäftigst. Das ist gut, denn je besser Du das Stottern und seine Eigenarten kennst, desto „einfacher“ kannst du es in den Griff bekommen.
Deine Frage lautete: „Warum ist einfach reden so "einfach", eloquentes aber so schwer?“
Eine Antwort dazu hast Du Dir schon selbst gegeben:
“(Ich habe etwas eloquentes im Kopf und bringe nur "einfaches" auf die Zunge, wenn überhaupt!) Wörter auf die es nun mal ankommt in einem Satz, kann ich nicht einfach austauschen.“

Du scheinst jemand zu sein, der sich einen großen Vorrat an Ersatzwörtern zugelegt hat. Kannst Du z.B. das Wort „Bild“ im Moment nicht aussprechen, benutzt Du vielleicht „Gemälde“. Geht das Wort „Auto“ gerade nicht, dann kann man auch beispielsweise „Wagen“ sagen. Das sind die einfachen Dinge – da geht es oft noch ganz gut.
Aber durch welche Worte kannst Du „Nanotechnik“ oder „Rohöl“ oder „Bioenergie“ oder „Stoffumwandlung“ eloquent ersetzen? Das ist schwer und du schreibst selbst, dass man die wichtigen Wörter im Satz nun mal nicht so einfach austauschen kann. Oft gibt es nichts eloquentes, dann schweigt man oder weicht auf einfache Formulierungen aus, was oft unprofessionell klingt – und schon sieht man sich völlig unter seinen Fähigkeiten stehen.
Du könntest ja alle Begriffe sagen, aber eben stotternd und wahrscheinlich wissen die wenigsten aus Deinem studentischen Umfeld, dass Du stotterst, oder? So kann man sagen: wenn die Anforderungen an das Sprechen schwerer werden, steigt die Anspannung und oft steigt dann auch die Stotterfrequenz.
Stottern hat übrigens nichts mit Intelligenz zu tun. Weltweit stottert ca. ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung und es betrifft alle Schichten gleichermaßen.
So, nun hoffe ich, Dir die Informationen gegeben zu haben, die Du Dir erhofft hast und mit denen Du Dich nun weiter zurechtfinden kannst. Wenn Du weitere Fragen an mich hast oder zu einer bestimmten Sache genauere Informationen möchtest, kannst Du mich jederzeit kontakten, indem Du über das Forum eine weitere Anfrage stellst. Die Vorgehensweise ist genauso wie die für Deine erste Anfrage.

Für heute wünsche ich Dir alles Gute und: bleib dran- es lohnt sich!
Stottern ist in jedem Alter veränderbar und verbesserbar – das heißt, Du kannst ganz konkret etwas tun!

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